Robert Kahn (Komponist)

Robert August Kahn (* 21. Juli 1865 in Mannheim; † 29. Mai 1951 in Biddenden, Kent, England) war ein deutscher Komponist und Musikpädagoge.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Robert Kahn war eines der neun Kinder einer reichen und angesehenen jüdischen Kaufmanns- und Bankiersfamilie in Mannheim. Sein Vater war Bernhard Kahn, seine Mutter Emma Eberstadt, Tochter des von Worms nach Mannheim gezogenen Ferdinand Eberstadt. Zu seinen Geschwistern zählten der Bankier und Mäzen Otto Hermann Kahn, der Jurist Franz Kahn und Lili Deutsch, verheiratet mit dem AEG-Mitbegründer Felix Deutsch, die im Berlin der Weimarer Zeit einen musikalischen Salon führte.
Bereits in der Schulzeit bekam Robert Kahn Musikunterricht von Emil Paur, Ernst Frank und Vincenz Lachner.[1] Er studierte von 1882 bis 1885 Musik an der Königlichen Hochschule für Musik in Berlin bei Ernst Rudorff, Woldemar Bargiel und Friedrich Kiel sowie 1885/86 bei Josef Rheinberger in München.[2] Die persönliche Begegnung mit Johannes Brahms im Jahre 1886 war prägend für ihn.
Nach dem Militärdienst lebte Kahn bis 1890 als freischaffender Komponist und Kammermusiker in Berlin. Von 1890 bis 1893 war er Korrepetitor am Stadttheater in Leipzig.

1894 wurde Kahn Dozent an der Königlichen Hochschule für Musik in Berlin, ab 1903 war er dort Professor. Zu seinen bekanntesten Schülern gehören der Pianist Wilhelm Kempff, den er ab 1904 in Komposition unterrichtete, der Dirigent, Pianist und Musikpädagoge Eduard Zuckmayer, der Dirigent Ferdinand Leitner, die Komponisten Günter Raphael (ab 1922), Nikos Skalkottas und Hans Brehme sowie der Geiger Karl Klingler. Auch Arthur Rubinstein besuchte seine Musiktheoriekurse. Zudem war er während seiner Berliner Zeit der Kammermusikpartner und Liedbegleiter vieler bekannter Musiker und Musikerinnen, darunter Joseph Joachim, Richard Mühlfeld, Adolf Busch, Johannes Messchaert, Ilona Durigo und Emmy Destinn.
Kahn erwarb 1910 ein Grundstück in Feldberg in Mecklenburg. Dort ließ er sich eine geräumige Villa bauen, die er „Haus Obdach“ nannte.[3]
Kahn wurde 1916 zum Mitglied der Preußischen Akademie der Künste ernannt, der er bis 1934 angehörte.
Nach seiner Emeritierung lebte Kahn mit seiner Familie in seinem Landhaus in Feldberg, bis er als Jude von den Nationalsozialisten in die Emigration gezwungen wurde. Er verbrachte seinen Lebensabend in England.
Familie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Robert Kahn heiratete im Jahr 1900 Katharina Hertel, die Tochter des Malers Albert Hertel und Enkelin des Komponisten Peter Hertel. Sie hatten drei Töchter. Die Geigerin Rahel Rilling und die Bratschistin Sara Maria Rilling sind Urenkelinnen.
Nachleben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geriet Robert Kahn in der breiteren musikalischen Öffentlichkeit nahezu völlig in Vergessenheit. Im Jahr 1985 veranstalteten die Badische Kommunale Landesbank und der Deutschlandfunk in Mannheim ein Konzert „Einst gefeiert, dann vergessen“,[4] bei dem Donald Runnicles frühe Klavierstücke Kahns (unter anderem op. 11) aufführte und für Schallplatte einspielte. Etwa ab der Jahrtausendwende zog Kahns Musik vermehrt die Aufmerksamkeit verschiedener Interpreten auf sich. So wurde eine Aufnahme des ersten Klavierquartetts mit Triendl, Shaham et al. veröffentlicht. In der Interpretation des Tenors Martin Dillon (1957–2005) wurde auf 2 CDs auch eine umfangreiche Sammlung von Kahns Liedern – darunter auch der komplette Jungbrunnen-Zyklus op. 46 für Gesang und Klaviertrio – aufgenommen; zu einer dritten geplanten CD kam es durch Dillons Tod nicht mehr.[5] Kahns erste Cellosonate op. 37 und 3 Stücke op. 25 für Cello und Klavier nahmen Rebecca Rust und Fritz Schwinghammer auf (Cavalli Records),[6] sein Klarinettentrio op. 45 spielten das Trio Paideia und zuletzt auch das Trio Bornalie (2005) auf CD ein, und die Serenade op. 73 liegt inzwischen in einer Aufnahme des Trio de Vries, Janssen, Guittart vor (2002). Vier der sechs Werke von Kahn für Klaviertrio wurden 2012 durch das Hyperion-Trio aufgenommen.
Robert Kahns Landhaus in Feldberg gelangte durch einen Zwangsverkauf an den Reichsverband für deutsche Jugendherbergen. Das „Haus Obdach“ wurde bis 2018 als Jugendherberge genutzt. An der Westseite des Hauses befand sich eine Gedenktafel, die an Kahn erinnerte. Im Juni 2023 fiel das leer stehende Haus einer Brandstiftung zum Opfer.[3] 2025 wurde es abgerissen.[7]
Werke
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Kahn komponierte Kammermusik, unter anderem 2 Klavierquintette, 2 Streichquartette, 3 Klavierquartette, 6 Klaviertrios, 3 Violinsonaten und 2 Violoncellosonaten, über 200 Lieder und zahlreiche Chöre. Seine einzigen Orchesterwerke sind ein Konzertstück für Klavier und Orchester es-moll op. 74 und seine Orchesterserenade Aus der Jugendzeit.
Stilistisch ist sein Werk der Romantik zuzuordnen. In der Zeit seiner inneren Emigration in Feldberg/Mecklenburg (1933–1938) und während seiner Zeit im englischen Exil entstand der Klavierzyklus Tagebuch in Tönen mit 1160 (mit Zweitversionen 1168) Klavierstücken, der wohl den mit Abstand größten je komponierten Klavierzyklus überhaupt darstellt. Reprisen, attacca-Anweisungen, harmonische oder motivische Bezüge zwischen Stücken sowie Äußerungen über die beabsichtigte Reihenfolge der bzw. eine zusammenhängende Aufführung dieser Stücke belegen den Charakter eines zusammenhängenden Zyklus.[8]
Seine erste Violinsonate widmete Kahn dem Geiger Joseph Joachim. Sein erstes Streichquartett wurde vom Joachim-Quartett uraufgeführt. Die Uraufführung seiner Orchesterserenade durch das Philharmonische Orchester Berlin fand unter der Leitung von Hans von Bülow am 27. Oktober 1890 statt.
Die meisten Noten liegen gedruckt vor und befinden sich im neugegründeten Robert-Kahn-Archiv in der Akademie der Künste in Berlin. Auch in der Online-Bibliothek IMSLP/Petrucci finden sich einige Werke. Das Werk Robert Kahns ist nicht durch die GEMA vertreten und somit allen Ausführenden frei zugänglich. Die Erben Kahns haben das Werk explizit freigegeben. Bei den Rechtsnachfolgern der Verlage, bei denen Kahn zu Lebzeiten Werke veröffentlichte, bestehen allerdings noch GEMA-Rechte.
- op. 1 – Thema mit 6 Variationen in E-Dur für Klavier (1881)
- op. 5, 26, 50 – Sonaten für Violine & Klavier
- op. 10 – Zwei Gesänge für Soli, Frauenchor und Orchester (1890); Uraufführung am 13. Juni 1890 in einem „Vortragsabend“ der Berliner Musikhochschule unter der Leitung von Joseph Joachim
- op. 13 – Am See. Sechs kleine Stücke für Klavierduett (1891)
- op. 14 – Klavierquartett Nr. 1 h-Moll (1891)
- op. 20 – Lieder und Gesänge für eine Singstimme mit Pianoforte (1895). Fräulein Adrienne Osborne gewidmet. In zwei Heften. I: Nr. 1 Der träumende See (J. Mosen), Nr. 2 Novemberfeier (H. Allmers), Nr. 3 Rothe Rose (Robert Prutz), Nr. 4 Die Liebende (Goethe), Nr. 5 Auf dem See (Goethe). II: Schön Hedwig (Fr. Hebbel)
- op. 21 – Duette für hohe und tiefe Stimme mit Pianoforte (1895). Nr. 1 Waldeinsamkeit (Eichendorff), Nr. 2 Im Maien zu Zweien (W. Osterwald), Nr. 3 Zwiegespräch der Elfen (Rob. Reinick), Nr. 4 März (Goethe)
- op. 22 – Acht Lieder für eine Singstimme mit Pianoforte (1895). Fräulein Thekla Friedländer gewidmet. In zwei Heften. I für mittlere Stimme: Nr. 1 Mädchenlied (Paul Heyse), Nr. 2 Ein Lied (A. Mahlmann), Nr. 3 Die Morgensonne funkelt (Robert Prutz), Nr. 4 Nachtgesang (Goethe). II für eine tiefe Stimme: Nr. 1 Gebet (Fr. Hebbel), Nr. 2 Seliges Vergessen (Eichendorff), Nr. 3 Auf ein schlummerndes Kind (Fr. Hebbel), Nr. 4 Blätterfall (H. Leuthold)[9]
- op. 27 – Sieben Gesänge für tiefe Stimme nach Gedichten von Gerhart Hauptmann
- op. 74 – Konzertstück für Klavier und Orchester es-moll (1923)
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]in der Reihenfolge des Erscheinens
- Salomon Wininger: Große jüdische National-Biographie, Band 3: Harischon – Lazarus. Orient, Czernowitz 1928, S. 369 (Nachdruck: Kraus Reprint, Nendeln 1979, ISBN 3-262-01204-1).
- Thomas-M. Langner: Kahn, Robert. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 11. Duncker & Humblot, Berlin 1977, ISBN 3-428-00192-3, S. 27–28 (deutsche-biographie.de).
- Kahn, Robert. In: Werner Röder; Herbert A. Strauss (Hrsg.): International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933–1945. Band 2,1. Saur, München 1983, S. 584.
- Burkhard Laugwitz: Robert Kahn, Ein vergessener Mannheimer Komponist. Mit unveröffentlichten Erinnerungen von Kahn an Johannes Brahms. In: Mannheimer Hefte, Jg. 1986, Heft 1, S. 15–27.
- Steffen Fahl: Tradition der Natürlichkeit. Zu Biographie, Lyrikvertonung und Kammermusik des spätromantischen Klassizisten Robert Kahn. studiopunkt-verlag, Sinzig 1998, ISBN 978-3-89564-044-5.
- Richard Schaal: Kahn, Robert. In: Ludwig Finscher (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Zweite Ausgabe, Personenteil, Band 9 (Himmel – Kelz). Bärenreiter/Metzler, Kassel u. a. 2003, ISBN 3-7618-1119-5, Sp. 1374–1376 (Online-Ausgabe, für Vollzugriff Abonnement erforderlich)
- Reinhard Wulfhorst: Idylle und Vertreibung. Der Komponist Robert Kahn in Feldberg (Mecklenburg) 1910 bis 1939. Edition Massonneau, Schwerin 2026, ISBN 978-3-00-084764-6.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Werke von und über Robert Kahn im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Literatur über Robert Kahn in der Landesbibliographie MV
- Steffen Fahl: Robert Kahn im Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit (LexM), Stand: 4. November 2017
- Drei Klangbeispiele aus Kompositionen von Robert Kahn (Reiter "Musik" anwählen) als Mp3 im LexM der Universität Hamburg
- Präsentation zum Tagebuch in Tönen und über 100 Erstaufnahmen von Stücken daraus auf der Webseite klassik-resampled von Steffen Fahl
- Robert-Kahn-Archiv im Archiv der Akademie der Künste, Berlin
- Nachlass Robert Kahn an der Staatsbibliothek zu Berlin
- Website zu Leben und Werk des Komponisten
- Klarinettenquintett op. 54 ( vom 9. Dezember 2022 im Internet Archive) beim SWR
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Richard Schaal: Kahn, Robert. In: Ludwig Finscher (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Zweite Ausgabe, Personenteil, Band 9 (Himmel – Kelz). Bärenreiter/Metzler, Kassel u. a. 2003, ISBN 3-7618-1119-5, Sp. 1374–1376 (Online-Ausgabe, für Vollzugriff Abonnement erforderlich)
- ↑ Kahn, Robert. In: Werner Röder, Herbert A. Strauss (Hrsg.): International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933–1945. The Arts, Sciences, and Literature. Band 2. Saur, München 1999, ISBN 3-598-11420-6, S. 584.
- 1 2 Jan Brachmann: Von Brahms gefördert, von den Nazis vertrieben. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. Juli 2026, S. 10.
- ↑ MARCHIVUM: Chronikstar. 20. September 1985, abgerufen am 30. September 2018.
- ↑ Cathy Karmilowicz: Rutgers-Camden prof revives music lost to Holocaust ( vom 8. April 2016 im Internet Archive), 2. Dezember 2003; Music Lost to Holocaust Finds New Life in Recording by Rutgers-Camden Prof ( vom 8. April 2016 im Internet Archive), 25. Januar 2005
- ↑ Werke für Cello und Klavier auf robert-kahn.de
- ↑ Dana Skierke: Fast nichts mehr übrig von der ehemaligen Jugendherberge in Feldberg. In: Nordkurier, Ausgabe Neustrelitz, 29. Januar 2025, abgerufen am 17. August 2026.
- ↑ Näheres dazu in Tradition der Natürlichkeit, unter anderem S. 39–44, sowie auf der Webseite von Steffen Fahl.
- ↑ Neue Zeitschrift für Musik, Nr. 24/25, 12. Juni 1895, S. 291.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Kahn, Robert |
| ALTERNATIVNAMEN | Kahn, Robert August (vollständiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Komponist und Musikpädagoge |
| GEBURTSDATUM | 21. Juli 1865 |
| GEBURTSORT | Mannheim |
| STERBEDATUM | 29. Mai 1951 |
| STERBEORT | Biddenden, Kent |
- Komponist (Romantik)
- Komponist (Deutschland)
- Komponist klassischer Musik (20. Jahrhundert)
- Liedbegleiter
- Person um Johannes Brahms
- Mitglied der Preußischen Akademie der Künste
- Emigrant aus dem Deutschen Reich zur Zeit des Nationalsozialismus
- Deutscher Emigrant im Vereinigten Königreich
- Deutscher
- Geboren 1865
- Gestorben 1951
- Mann