Rolf Schwendter

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Rolf Schwendter (lesend) und Gerhard Jaschke, Wien 2013

Rolf Schwendter (* 13. August 1939 in Wien als Rudolf Scheßwendter; † 21. Juli 2013 in Kassel) war ein österreichischer Schriftsteller und Sozialwissenschaftler.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rolf Schwendter entstammte einer zweisprachigen Familie und wuchs mit Ungarisch und Deutsch als Muttersprachen in Wien auf. Dort studierte er Rechtswissenschaften, Staatswissenschaften und Philosophie und wurde in diesen drei Fächern jeweils auch promoviert: 1962 zum Dr. jur., 1965 zum Dr. rer. pol., 1968 zum Dr. phil. – daher in 68er-Kreisen sein Spitzname „Genosse Genosse Genosse“[1]; vor der Namensänderung und während der Studienzeit war der stets auffällig unangepasst Gekleidete bloß als „der Schess“ bekannt.

Rolf Schwendter, Wien 2007

Schwendter war in den Jahren 1959 bis 67 Koordinator einer „Informellen Gruppe zu Wissenschaft und Kunst“,[2] 1968–70 Mitarbeiter der Zeitschrift „song“, 1968–71 freischaffender Liedermacher und trat 1967 und 1968 auf den Waldeck-Festivals und 1968 bei den Internationalen Essener Songtagen auf. 1970 veröffentlichte er die Lieder zur Kindertrommel. Dabei setzte er auf eine „Antiästhetik, die sich den vertrauten Hörgewohnheiten entziehen sollte, um die notwendige Aufmerksamkeit zu erzielen“.[3]

1971 erschien die erste Auflage seiner Theorie der Subkultur. Von 1971 bis 1974 war er Assistent am Institut für Politische Wissenschaft der Universität Heidelberg. Von 1975 bis zur Emeritierung 2003 war er Professor für Devianz-Forschung an der Universität Kassel.

Rolf Schwendter, Wien 2011

Schwendter war eine Zentralfigur verschiedener Bewegungen wie der Gesundheitsläden, der deutschen Antipsychiatrie und des Mannheimer Kreises „Kritische Psychiatrie“, des Theoriearbeitskreises Alternative Ökonomie in der Arbeitsgemeinschaft Sozialpolitischer Arbeitskreise (AG SPAK). Er baute die „Sozialpolitische Gesellschaft“ auf, betreute das jährliche Mainzer Festival „Open Ohr“ und sang gelegentlich auf Tagungen in Evangelischen Akademien. Und bis zuletzt organisierte er am 1. September in Wien Lesungen zum Antikriegs-Tag. Am 13. August 2013, seinem 74. Geburtstag, veranstaltete das Erste Wiener Lesetheater in memoriam eine Lesung und Würdigung seiner Arbeiten im Weinhaus Sittlin Wien.

Er war Mitbegründer des Ersten Wiener Lesetheaters und Zweiten Stegreiftheaters und des Vereins zur Förderung alternativer Kultur e. V. in Kassel, den Kasselänern meistens als „Offenes Wohnzimmer“ bekannt. Von 1992 bis 2002 war er Vorstandsmitglied der „IG Freie Theaterarbeit“ in Wien und von 2001 bis 2005 Präsident der Internationalen Erich Fried Gesellschaft.[4]

Im Jahr 1980 erschienen die Lieder zum freien Gebrauch unter dem aus dem bekannten I can’t get no satisfaction bewusst politisch eingedeutschten Titel Ich bin noch immer unbefriedigt im Rotbuch Verlag. Im Deuticke Verlag erschien 1996 der Lyrikband Drizzling Fifties.

Rolf Schwendter lebte in Wien und Kassel und war Vorstandsmitglied und seit Juni 2006 Präsident, der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.[5][4]

2008 erhielt Schwendter das „Marburger Leuchtfeuer für Soziale Bürgerrechte“ der Humanistischen Union.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Theorie der Subkultur, 1971
  • Entwurf einer ‚Gruppe 2000‘, München/Heidelberg/Wien, Selbstverlag Hausgemeinschaft Wiesbaden, Januar-April 1974.
  • Zur Geschichte der Zukunft. Zukunftsforschung und Sozialismus Band 1, Syndikat Verlag, Frankfurt am Main 1978/1982
  • Zur Zeitgeschichte der Zukunft. Band 2. Zur Geschichte der Zukunft: Zukunftsforschung und Sozialismus, Syndikat Verlag, Frankfurt am Main 1984
  • Grundlegungen zur [alternativen Ökonomie] Mehrere Bände: Die Mühen der Berge, Die Mühen der Ebenen AG SPAK Verlag Steinheim 1986
  • Gesellschaftsbilder des 20. Jahrhunderts, Rotbuch Verlag
  • Psalter, Gedichte 1970–1980, Fama Wien 1991
  • Ich bin noch immer unbefriedigt: Lieder zum freien Gebrauch, Rotbuch 227 1980
  • Katertotenlieder, mit Illustrationen von Mascha Grüne, Freibord Wien 1987
  • Schwendters Kochbuch Orig.-Ausg. Athenäum, Frankfurt am Main 1988, 212 S, ISBN 3-610-04719-4
  • Die Unmöglichkeit zu Telefonieren, Essays, Freibord, Wien 1990
  • Haiku, mit Illustrationen von Mascha Grüne, Kriftel am Taunus: EygenArt Verlag 1990
  • Gemeinsam mehr erreichen, Beiträge zur Demokratieentwicklung von unten, Hrsg. AG SPAK, Steinheim 1995
  • Arme essen – Reiche speisen: Neuere Sozialgeschichte der zentraleuropäischen Gastronomie, Promedia, Wien 1995, 248 Seiten, ISBN 3-900478-89-9
  • Tag für Tag. Eine Kultur- und Sittengeschichte des Alltags, Hamburg 1996
  • Einführung in die Soziale Therapie Dgvt-Verl., Tübingen 2000. 303 S. ISBN 3-87159-021-5
  • Lesetheater. Ed. die Donau hinunter, Wien 2002, 155 Seiten, ISBN 3-901233-20-2
  • Subkulturelles Wien. Die informelle Gruppe (1959–1971) Promedia, Wien 2003, ISBN 3-85371-215-0
  • Vergessene Wiener Küche: Kochen gegen den Zeitgeist. Promedia, Wien 2004, 206 Seiten, ISBN 3-85371-226-6
  • Blues auf dem Weg zum Wahnsinn: Gedichte 1963/64, Klagenfurt Wieser Verlag 2004, ISBN 978-3-85129-487-3
  • Rosa Luxemburg im botanischen Garten und weitere Lieder zum freien Gebrauch, Grüner Zweig 183 Liederbuch, auch als Transmitter CD Grüne Kraft
  • Die ungarische Arme-Leute Küche, Klagenfurt Wieser Verlag 2008, ISBN 978-3-85129-774-4
  • Erstveröffentlichungen von Gedichten in Trompete, 4 (2010) – 6/7 (2012), Theo Köppen, Peer Schröder und Katja Töpfer (Hrsg.). Edition Michael Kellner, ISBN 978-3-933444-26-4

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Christine E. Winter-Heider (Hrsg.): Festschrift für Rolf Schwendter. Fragmente einer Begegnung – Elemente einer Entgegnung. Kassel 2005.[6]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Philipp Schmidt-Rhaesa Universität Osnabrück: Entwicklung der Liedermacherei, Kap. 1 „Vom Kriegsende bis zur Burg Waldeck“. Zitiert in Detlev Mahnert: „Essener Songtage 1968 – Burg Waldeck“
  2. Informelle Gruppe ist ein Synonym für Rolf Schwendters Freundeskreis der zunächst aus Klassenkameraden seiner Maturaklasse bestand, bald aber zu einer weit größeren losen Clique annähernd Gleichaltriger wurde. Durch Schwendters Begabung für Vernetzung wuchs der Kreis von einem anfänglich guten Dutzend Mitglieder auf rund 3000 Sympathisanten zum Zeitpunkt seiner Auflösung, 1971. Da Schwendter erst mit der Zeit als zentrale Person hervortrat und später nach Deutschland ging, mag 1959 bis 67 annähernd stimmen. Erst 1967 formulierte Schwendter 19 Punkte, die als „Richtlinien“ zu verstehen waren, aber ausdrücklich nicht als Statuten eines Vereins. Noch im selben Jahr übersiedelte er nach München. Siehe dazu: Andreas Felber, Die Wiener Free-Jazz-Avantgarde, S. 223ff.
  3. Gerald Jatzek: Ein großer Unorthodoxer hat uns verlassen. In: Wiener Zeitung Online. Montag, 22. Juli 2013. Abgerufen am 22. Juli 2013.
  4. a b News. Erich Fried Gesellschaft. 2008. Abgerufen am 28. Juni 2008.
  5. Verein [Vorstand]. Grazer Autorenversammlung. 23. Juni 2008. Abgerufen am 28. Juni 2008.
  6. Festschrift zum 65. Geburtstag als Elektronische Ressource der Univ. Kassel

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Rolf Schwendter – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien