Russells Teekanne

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Bertrand Russell, 1938
Russells Teekanne als Ichthys-Symbol

Russells Teekanne (engl. Russell’s teapot) ist eine Analogie, die von Bertrand Russell (1872–1970) geprägt wurde, um anschaulich zu machen, dass die Beweislast einer Behauptung bei dem liegt, der sie aufstellt, und keinesfalls eine Widerlegungspflicht bei anderen besteht. Russell wandte seine Analogie direkt auf Religionen an.[1] Er schrieb, wenn er behaupten würde, dass eine Teekanne irgendwo im Raum die Sonne umkreise, könne er nicht erwarten, dass jemand ihm glaubte, nur weil seine Behauptung unwiderlegbar sei. Russells Teekanne wird auch heute noch in Diskussionen über einen Gottesbeweis angeführt.

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Artikel Is There a God?, in Auftrag gegeben vom Magazin Illustrated im Jahre 1952 (aber letztendlich nicht gedruckt), schrieb Russell:

„Many orthodox people speak as though it were the business of sceptics to disprove received dogmas rather than of dogmatists to prove them. This is, of course, a mistake. If I were to suggest that between the Earth and Mars there is a china teapot revolving about the sun in an elliptical orbit, nobody would be able to disprove my assertion provided I were careful to add that the teapot is too small to be revealed even by our most powerful telescopes. But if I were to go on to say that, since my assertion cannot be disproved, it is intolerable presumption on the part of human reason to doubt it, I should rightly be thought to be talking nonsense. If, however, the existence of such a teapot were affirmed in ancient books, taught as the sacred truth every Sunday, and instilled into the minds of children at school, hesitation to believe in its existence would become a mark of eccentricity and entitle the doubter to the attentions of the psychiatrist in an enlightened age or of the Inquisitor in an earlier time.[2]

„Viele Orthodoxe tun so, als ob es Aufgabe der Skeptiker wäre, die vorgegebenen Dogmen zu widerlegen, anstatt die der Dogmatiker sie zu beweisen. Das ist natürlich ein Fehler. Wenn ich behaupten würde, dass es zwischen Erde und Mars eine Teekanne aus Porzellan gäbe, die auf einer elliptischen Bahn um die Sonne kreise, so könnte niemand meine Behauptung widerlegen, vorausgesetzt, ich würde vorsichtshalber hinzufügen, dass diese Kanne zu klein sei, um selbst von unseren leistungsfähigsten Teleskopen entdeckt werden zu können. Aber wenn ich nun daherginge und sagte, da meine Behauptung nicht zu widerlegen sei, sei es eine unerträgliche Anmaßung menschlicher Vernunft, diese anzuzweifeln, dann könnte man zu Recht annehmen, ich würde Unsinn erzählen. Wenn jedoch in antiken Büchern die Existenz einer solchen Teekanne bekräftigt würde, dies jeden Sonntag als heilige Wahrheit gelehrt und in die Köpfe der Kinder in der Schule eingeimpft würde, dann würde das Anzweifeln ihrer Existenz zu einem Zeichen von Normverletzung werden. Es würde dem Zweifler in einem aufgeklärten Zeitalter die Aufmerksamkeit eines Psychiaters oder, in einem früheren Zeitalter, die Aufmerksamkeit eines Inquisitors einbringen.[2]

1958 erarbeitete Russell die Analogie:

„I ought to call myself an agnostic; but, for all practical purposes, I am an atheist. I do not think the existence of the Christian God any more probable than the existence of the Gods of Olympus or Valhalla. To take another illustration: nobody can prove that there is not between the Earth and Mars a china teapot revolving in an elliptical orbit, but nobody thinks this sufficiently likely to be taken into account in practice. I think the Christian God just as unlikely.[3]

„Ich sollte mich als Agnostiker bezeichnen. Aber für alle praktischen Zwecke bin ich Atheist. Ich glaube nicht, dass die Existenz des christlichen Gottes wahrscheinlicher ist, als die Existenz der Götter des Olymp oder von Walhall. Um ein anderes Bild zu bemühen: Niemand kann beweisen, dass es zwischen der Erde und dem Mars keine Porzellan-Teekanne gibt, die sich auf einer elliptischen Umlaufbahn bewegt, aber niemand hält dies für wahrscheinlich genug, als dass es realistischerweise erwogen werden müsste. Ich halte den christlichen Gott für ebenso unwahrscheinlich.[3]

Analyse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Peter Atkins[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Chemiker Peter Atkins sagte, dass es Kernpunkt von Russells Teekanne ist, dass es keine Verpflichtung gibt, Behauptungen zu widerlegen. Ockhams Rasiermesser deutet darauf hin, dass die einfachere Theorie mit weniger Behauptungen (z.B. ein Universum ohne übernatürliche Wesen) eher der Ausgangspunkt in der Diskussion als die komplexere Theorie sein sollte.[4]

Paul Chamberlain[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Philosoph Paul Chamberlain zitierte Richard Dawkins,

„dass es logisch fehlerhaft ist, zu behaupten, dass positive Aussagen eine Beweislast tragen und negative Aussagen nicht.[5]

„dass alle Behauptungen eine Beweislast tragen, auch Mutter Gans, die Zahnfee, das Fliegende Spaghettimonster des Cyberspace und sogar Bertrand Russells, berühmte himmlische Teekanne. Es wäre absurd, jemanden der nicht an die fiktiven Charaktere glaubt, aufzufordern ihre Nicht-Existenz zu beweisen. Die Beweislast liegt bei denen die daran glauben.[5]

„Wenn wir normale, ernste Charaktere einsetzen wie Platon, Nero, Winston Churchill oder George Washington an Stelle dieser fiktiven Charaktere, wird deutlich, dass jeder, der die Existenz dieser Figuren verleugnet, eine Beweislast hat, die in gewisser Weise größer ist, als die Person, die behauptet, dass sie existieren.[5]

Richard Dawkins[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In seinen Büchern A Devil’s Chaplain (2003) und Der Gotteswahn (2006), benutzte der Ethologe Richard Dawkins die Teekanne als Analogie zu einem Argument gegen das, was er als "agnostische Vermittlungsposition" bezeichnet, eine Vorgehensweise der intellektuellen Beschwichtigung, die es Bereichen der Philosophie zugesteht, sich ausschließlich mit religiösen Angelegenheiten zu beschäftigen.[6] Die Wissenschaft hat keine Möglichkeit, die Existenz oder Nicht-Existenz eines Gottes nachzuweisen. Gemäß dem "agnostischen Vermittler" würden deshalb Glaube und Unglaube in ein höchstes Wesen denselben Respekt und und dieselbe Aufmerksamkeit verdienen, denn dies sei eine Frage des individuellen Geschmacks. Dawkins verwendet die Teekanne als reductio ad absurdum dieser Position: Wenn der Agnostizismus verlangt, den Glauben und Unglauben an ein höchstes Wesen gleichermaßen zu respektieren, dann muss er auch den Glauben an eine Teekanne im Orbit ebenso respektieren, da deren Existenz wissenschaftlich genauso plausibel ist wie die Existenz eines höchsten Wesens.[7]

Brian Garvey[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Philosoph Brian Garvey argumentiert, dass die Teekannen-Analogie in Bezug auf die Religion versagt, weil Gläubige und Nichtgläubige über einen Gegenstand im Universum einfach unterschiedlicher Meinung sein, alle anderen Überzeugungen über das Universum hingegen teilen können, was aber nicht für Atheisten und Theisten gilt.[3] Garvey argumentiert, dass es nicht darum geht, dass der Theist die Existenz einer Sache behauptet und der Atheist sie leugnet – jeder hat eine alternative Erklärung, warum der Kosmos existiert und wie er entstanden ist: „Der Atheist bezweifelt nicht nur eine Existenz, die der Theist bekräftigt – der Atheist ist darüber hinaus der Ansicht, dass Gott nicht der Grund für den Zustand des Universums ist. Entweder gibt es dafür einen anderen oder eben gar keinen Grund.“[3]

Peter van Inwagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Philosoph Peter van Inwagen bezeichnete Russells Teekanne als ein schönes Stück Rhetorik, seine logische Argumentationsweise sei hingegen unklar und wenn man sie präzisieren wollte, dann würde sie sich als wenig stichhaltig erweisen.[8]

Alvin Carl Plantinga[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Interview mit Gary Gutting für The Stone, der New York Times Philosophie Blog (2014) sagte Palvin Plantinga:

„Es gibt viele Beweise gegen den Teapotismus, zum Beispiel, so weit wir wissen, der einzige Weg, eine Teekanne in die Umlaufbahn um die Sonne zu bekommen, wäre wenn ein Land mit ausreichend entwickelten Raketentechnik, diese Teekanne in die Umlaufbahn geschossen hätte. Kein Land mit solchen Fähigkeiten verschwenden derart seine Ressourcen, nur um eine Teekanne in die Umlaufbahn zu schicken. Darüber hinaus, wenn ein Land das getan hätte, wäre es in den Nachrichten gewesen und wir hätten sicherlich davon gehört, aber das haben wir nicht.[9]

Eric Reitan [Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Gegenargument, das von dem Philosophen Eric Reitan betont wurde, ist, dass der Glaube an Gott anders ist als der Glaube an eine Teekanne, weil die Teekannen ein physisches Objekt und daher prinzipiell verifizierbar ist. Was wir über die physische Welt wissen, gibt uns keinen guten Grund anzunehmen, dass der Glaube an Russells Teekanne berechtigt ist.[10]

Ähnliche Analogien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Andere Denker haben ähnliche unwiderlegbare Analogien aufgestellt, wie John Bagnell Bury in seinem 1913 Buch, History of Freedom of Thought':

„Manche Leute sprechen, als wären wir nicht berechtigt, eine theologische Lehre abzulehnen, es sei denn, wir können beweisen, dass sie falsch ist. Aber die Beweislast liegt nicht bei dem der ablehnt... Wenn Ihnen gesagt würde, dass auf einem bestimmten Planeten, der sich um Sirius dreht, ein Esel-Rennen stattfindet und dort in englischer Sprache über Eugenik diskutiert würde, könnte man diese Aussage nicht widerlegen, aber gäbe es einen Grund, dies zu glauben? Manche Menschen wären bereit, dies anzunehmen, wenn es ihnen nur oft genug suggeriert wurde.[11]

Der Astronom Carl Sagan bot in seinem Buch The Demon-Haunted World eine ähnliche nicht widerlegbare Analogie an. Wenn Sagan behauptete, dass es einen Drachen in seiner Garage gäbe, würde man das überprüfen wollen, aber Sagans Drache war unsichtbar:

„Nun, was ist der Unterschied zwischen einem unsichtbaren, unkörperlichen, schwebenden Drachen, der hitzeloses Feuer spuckt und verschwindet? Wenn es keine Möglichkeit gibt, meine Behauptung zu widerlegen, kein vorstellbares Experiment, das meine Behauptung beweist, was bedeutet es zu sagen, dass mein Drache existiert? [12]

Einfluss auf religiöse Parodien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Abbildung des unsichtbaren rosafarbenen Einhorns im Stil eines Wappentiers

Das Konzept der Russell-Teekanne hat mehrere Religionsparodien explizit beeinflusst, wie das unsichtbare rosa Einhorn,[7] das fliegende Spaghettimonster,[13] und die vom Rockmusiker Daevid Allen gegründete Band Gong[14] mit ihren Album Flying Teapot (1973).[15]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Teja Bernardy: Projekt Null. Mit null Religion zum Weltfrieden - von Religionsethik zu säkularer autonomer Ethik. Engelsdorfer Verlag, ISBN 978-3-96008-483-9.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Fritz Allhoff, Scott C. Lowe: Christmas - Philosophy for Everyone: Better Than a Lump of Coal. John Wiley and Sons, 2010, ISBN 978-1-4443-3090-8, Kap. 5, S. 65–66 (englisch, 256 S.).
  2. a b Bertrand Russell: Is There a God? [1952]. In: The Collected Papers of Bertrand Russell, Vol. 11: Last Philosophical Testament, 1943–68. Routledge, 1. Dezember 2013, S. 547–548 (englisch, mcmaster.ca [PDF]).
  3. a b c d Brian Garvey: Absence of evidence, evidence of absence, and the atheist's teapot. Hrsg.: Ars Disputandi. 10. Auflage. 2010, S. 9–22, doi:10.1080/15665399.2010.10820011 (englisch, tandfonline.com [PDF]).
  4. Peter Atkins: The Oxford Handbook of Religion and Science. Hrsg.: Philip Clayton, Zachary Simpson. OUP Oxford, 3. März 2016, S. 129–130 (englisch, 1023 S., google.com – Atheism and science).
  5. a b c Paul Chamberlain: Why People Don't Believe: Confronting Six Challenges to Christian Faith. Baker Books, 2011, ISBN 978-1-4412-3209-0, S. 82–82 (google.com).
  6. Richard Dawkins: A Devil's Chaplain. Houghton Mifflin, 2003, ISBN 0-618-33540-4.
  7. a b Richard Dawkins: The God Delusion. Houghton Mifflin, 2006, ISBN 0-618-68000-4.
  8. Dariusz Lukasiewicz,Roger Pouivet: The Right to Believe: Perspectives in Religious Epistemology. Ontos, 2012, ISBN 978-3-86838-132-0 (englisch).
  9. Gary Gutting: The Stone-Is Atheism Irrational? The New York Times, Feb 09, 2014, 2014 (nytimes.com).
  10. Eric Reitan: Is God a Delusion? Wiley-Blackwell, 2008, ISBN 1-4051-8361-6, S. 78–80 (englisch).
  11. John Bagnell Bury: History of Freedom of Thought. Williams & Norgate, London 1913, ISBN 978-1-59102-519-1, S. 11 (englisch, google.ie).
  12. Carl Sagan: The demon-haunted world : science as a candle in the dark. Random House, New York 1995, ISBN 978-0-394-53512-8 (englisch, google.com).
  13. Gary Wolf: The Church of the Non-Believers. Wired News, 14. November 2006 (wired.com).
  14. http://www.gongband.com/the-band/
  15. https://genius.com/Gong-flying-teapot-lyrics