Rustizierung (Architektur)

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Oberes Stockwerk: Rustizierung; unteres Stockwerk: Rustika. Florenz, Palazzo Medici Riccardi

Die Oberfläche eines Bauglieds heißt rustiziert, wenn die einzelnen Steinlagen durch starke Fugen getrennt sind. Die Rustizierung ist eine Variante der Bänderung, die Rustika speziell des Bossenwerks (Sichtsteinmauerwerk). Der Sprachgebrauch ist aber nicht einheitlich. Der Begriff der Rustika wird auch als Oberbegriff für Rustika im engeren Sinne und Rustizierung oder als Synonym für Rustizierung verwendet.

Wortherkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Wort rustizieren bzw. rustifizieren leitet sich ab von rustikal (lateinisch opera rustica ‚ländliches Werk‘), und bedeutet so viel wie ‚mit einer Rustika-Oberfläche versehen‘.[1]

Übersetzungen:

Sprache Wortformen
Deutsch Rustika rustizieren (rustifizieren) Bandrustika (Bänderrustika)
Englisch rustication to rusticate banded rustication
Französisch le bugnato
Italienisch il bugnato rustico il bugnato liscio
Spanisch el almohadillado almohadillar

Rustizierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wenn bei Sichtmauerwerk oder Putzmauerwerk die Fugen zwischen den Schichten eine markante Stärke erreichen, wird das Mauerwerk als rustiziert (rustifiziert) bezeichnet.

Die tatsächlichen oder (bei Putzmauerwerk) vorgetäuschten Steinlagen bilden waagerechte Bänder. Auch entsprechend starke Fugen wirken bandbildend, insbesondere dann, wenn sie den Raum einer ganzen Steinlage einnehmen, so dass der Eindruck entsteht, als wäre jede zweite Steinlage ausgelassen worden.[2]

Auf Grund der Bänderstruktur werden rustizierte Bauglieder auch als gebändert bezeichnet, obwohl der Begriff der Bänderung auch andere Erscheinungsformen beinhaltet.

Rustika (Bossenwerk) und rustiziertes Sichtmauerwerk unterscheiden sich in den Stirnflächen der Steine, aus denen das Mauerwerk besteht. Bei Rustika sind die Stirnflächen sehr grob behauen und täuschen einen fast unbearbeiteten Zustand vor. Bei rustiziertem Mauerwerk sind die Stirnflächen mehr oder minder flach und weisen eine deutlich erkennbare Bearbeitung auf. Typischerweise sind die Übergänge fließend, werden aber auch gerne als Stilelement explizit gegeneinander abgesetzt, so der charakteristische Stil der italienischen Renaissance-Palazzi mit im Unterbereich groben, im Oberbereich glattem Mauerwerk. Das bezieht sich auf echtes Natursteinmauerwerk ebenso wie Putz-Imitation.

Bandrustika[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bandrustika: Nideggen, Ehem. Gasthaus Zur Post

Eine Sonderform der Rustizierung stellt die Bandrustika oder Bänderrustika dar. Als Bandrustika werden Putzflächen bezeichnet, die durch Fugen in durchlaufende Putzstreifen unterteilt sind.[3] Der Sprachgebrauch ist jedoch nicht einheitlich, beide Begriffe werden auch synonym für rustizierte Oberflächen verwendet, bei denen die Putzstreifen nicht durchlaufend sind.

Rustizierung und Bandrustika unterscheiden sich durch die senkrechten Fugen, die bei der Bandrustika fehlen. Abgesehen vom ohnehin uneinheitlichen Sprachgebrauch kann man in Grenzfällen, z. B. bei schmalen Pfeilern, beide Begriffe nebeneinander verwenden.

Plattenrustika[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Plattenrustika: Siena, Palazzo Spannocchi

Die flache Spielart der Rustika wird als Plattenrustika oder Steinschnittquaderung bezeichnet. Die Quader sind an ihrer Stirnseite flach und glatt bearbeitet (Spiegelquader) und nur durch Fugen voneinander getrennt, oder das Mauerwerk wird außen mit Platten verkleidet.

Diese Variante ist weniger verwandt mit der Bossenrustika als mit Wandverkleidungen durch Marmorplatten (Inkrustation), wie sie aus Antike und Protorenaissance überliefert sind. Auch moderne Natursteinfassaden können als Plattenrustika ausgeführt werden.[4]

Eckrustizierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Eckrustizierung beschränkt sich die Rustizierung auf die Ecken eines Gebäudes. Sie besteht in selten Fällen aus Werksteinen. Häufiger werden die Ecken mit Putzprofilen in die gewünschte Form gebracht oder Mal- bzw. Sgraffito-Techniken verwendet.[5]

Verwendung und Bauglieder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Rustizierung war in Renaissance, Manierismus, Neurenaissance und Historismus ein beliebtes Stilmittel in der Architektur.

Sie wurde hauptsächlich für Fassaden verwendet und konnte sich auf die ganze Fassade, auf einzelne Stockwerke oder auf einzelne Bauglieder einer Fassade (Lisenen, Ecklisenen, Pilaster, Blendsäulen, Fenster- und Türrahmungen) erstrecken.

Außer Fassaden und Fassadenelementen wurden auch freie Bauglieder wie z. B. Pfeiler und Säulen rustiziert.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolf Stadler (Gesamtleitung): Lexikon der Kunst: Malerei, Architektur, Bildhauerkunst. Band 6, Leipzig 2004.
  • Glossar. In: Ulrich Fürst: Schule des Sehens – Neue Medien der Kunstgeschichte: Einführung in die Architektur der Renaissance und des Barock. Online ohne Ort und Jahr [1].
  • Zur Plattenrustika. In: Ulrich Fürst: Schule des Sehens – Neue Medien der Kunstgeschichte: Einführung in die Architektur der Renaissance und des Barock. Online ohne Ort und Jahr [2].

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. In allgemeinen Wörterbüchern, Lexika und Enzyklopädien und in Kunstnachschlagewerken wird das Stichwort Rustika von Fall zu Fall erklärt, die Begriffe Rustizierung und rustiziert (im architektonischen Sinn) werden jedoch nicht berücksichtigt. Das gleiche trifft für Bandrustika und Bänderrustika zu. Die hier gegebene Darstellung bezieht sich auf den üblichen Gebrauch der Begriffe in der kunsthistorischen Literatur. Im Lit. Lexikon der Kunst wird unter dem Stichwort Rustika das Wort rustiziert im Zusammenhang verwendet, aber nicht definiert.
  2. Siehe Glossar, Stichwort Rustika.
  3. Siehe Lit. Glossar, Stichwort Rustika.
  4. Teils wörtlich übernommen aus dem Abschnitt Plattenrustika in Lit. Online-Kurs von Ulrich Fürst.
  5. Helmut Gebhard: Bauernhäuser in Bayern. Hugendubel, München 1999, ISBN 978-3-89631-369-0, S. 380.