Schaulustiger

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Deutschlandlastige Artikel Dieser Artikel oder Absatz stellt die Situation in Deutschland dar. Hilf mit, die Situation in anderen Staaten zu schildern.
Schaulustige finden sich oft bei Verkehrsunfällen ein (hier ein frühes Beispiel von 1918)
Vor allem bei der Brandbekämpfung muss auch aus sicherer Entfernung eine Gesundheitsgefahr, etwa durch giftige Gase, ausgeschlossen sein
Čumil, der Gaffer von Bratislava

Schaulustige sind Zuschauer, die ein spektakuläres Ereignis beobachten. Bei Unglücken wie Unfällen, Naturkatastrophen oder Gewalttaten werden sie auch abwertend als Gaffer bezeichnet, insbesondere wenn sie Rettungsarbeiten oder den Verkehr behindern. Ebenfalls abwertend verwendet wird der Begriff Voyeurismus, der das Verhalten in Verbindung zu sexuellen Trieben bringt. Bei geplanten Ereignissen wie Gebäudesprengungen, Schwertransporten oder an Flughäfen und Seehäfen gibt es ebenfalls Schaulustige. Hier ist der Begriff nicht negativ besetzt.

Das Phänomen des Reiseverkehrs von Schaulustigen zum Ereignisort wird als Katastrophentourismus bezeichnet.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Psychologen sehen in der Schaulust eine Mischung aus Neugier und Informationsinteresse. Hintergrund ist möglicherweise auch das Bedürfnis, „sich der eigenen Unversehrtheit zu versichern, indem man das Leid anderer miterlebt“.[1] Ähnlich bereits Lukrez (94 v. Chr. bis 53 v. Chr.):

»Wonnevoll ist's bei wogender See, wenn der Sturm die Gewässer
Aufwühlt, ruhig vom Lande zu sehn, wie ein andrer sich abmüht,
nicht als ob es uns freute, wenn jemand Leiden erduldet,
Sondern aus Wonnegefühl, dass man selber vom Leiden befreit ist.«[2]

Soziologische Untersuchungen sprechen von „natürlicher“ Schaulust, von der rund 90 % aller Menschen betroffen sind.[3] Die Funktion der Schaulust wird von Soziologen auch als „Erlernen des Umgangs mit dem Unerträglichen“[4] beschrieben. Psychologen erkennen in der Mimik des Gaffers körperliche Merkmale von Angst oder Stress.[5]

Probleme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schaulustige sind häufig dem Vorwurf ausgesetzt, Hilfeleistungen zu verweigern. Eine Passivität von Schaulustigen kann durch die Verantwortungsdiffusion des sogenannten Zuschauereffekts unterstützt werden. Untersuchungen zeigen, dass die Hilfsbereitschaft von Schaulustigen zunimmt, je klarer sie eine Notlage erkennen.[6][7] Beklagt wird außerdem, dass Schaulustige Rettungsarbeiten (etwa durch Blockierung von Anfahrtswegen, siehe Rettungsgasse) behindern und sich selbst gefährden, oder auch ein allgemein demotivierender Einfluss auf die Einsatzkräfte.[8] Andere sehen weniger das Problem der Behinderung der Einsatzkräfte als dasjenige, dass von Schaulustigen Film- und Fotoaufnahmen gemacht werden, um diese anschließend in das Internet zu stellen oder zu verkaufen.[7] An Tatorten kann das Problem entstehen, dass durch Schaulustige Spuren verwischt werden.[9] Das Phänomen der Schaulust ist oft Ursache für Staus auf Autobahnen nach einem Unfall oder für Folgeunfälle auch auf der Gegenfahrbahn.

Nach deutschen Polizeiangaben ist das Anfeuern durch Zurufe von Schaulustigen bei Suizidhandlungen nicht strafbar.[10]

Rolle der Medien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Grund für eine zunehmende Anzahl von Schaulustigen wird auch in der Berichterstattung der Medien über spektakuläre Ereignisse gesehen.[11] Durch die Aktion der Bild-Zeitung, mit der Leser aufgerufen werden, Fotos gegen Honorar zur Veröffentlichung einzusenden, aber auch mit der zunehmend bedeutender gewordenen Nachrichtenfunktion der Sozialen Medien, verschwimmt die Abgrenzungsmöglichkeit zwischen Schaulustigen und Journalisten/Berichterstattern.[12] Die Medien bedienen die Schaulust ihrer Leser bzw. Zuschauer und sind damit selbst Beteiligte an den durch Schaulustige entstehenden Problemen. Kritisch gesehen werden daher auch Medienberichte, in denen Schaulustige als „Gaffer“ abgewertet werden.[13]

Wissenschaftliche Untersuchungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Untersuchung der Bundesanstalt für Straßenwesen aus dem Jahr 1989 ergab, dass damals bei einem Verkehrsunfall im Durchschnitt zwischen 16 und 26 Schaulustige anwesend waren.[14]

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Österreichische Kriminalisten empfehlen für das Aufklären von Straftaten das Fotografieren bzw. die Personalienfeststellung von Schaulustigen, da sich regelmäßig Täter (z. B. Brandstifter) unter die Schaulustigen mischen.[15] Im Mai 2018 wurde vom Innenministerium eine Gesetzesvorlage zur Begutachtung geschickt, nach denen Unfallvoyeure mit bis zu 500 Euro bestraft werden können.[16]

Rechtsrahmen in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schaulustige stellen oft eine Störquelle für Rettungs- und Hilfsdienste dar. In besonders schweren Fällen gibt es auch die Möglichkeit, Platzverweise auszusprechen. So sieht etwa § 25 Bayerische Feuerwehrgesetz vor:

Soweit Polizei nicht zur Verfügung steht, können Führungsdienstgrade der Feuerwehr oder von ihnen im Einzelfall beauftragte Mannschaftsdienstgrade das Betreten der Schadensstelle und ihrer Umgebung verbieten oder Personen von dort verweisen und die Schadensstelle und den Einsatzraum der Feuerwehr sperren, wenn sonst der Einsatz behindert würde. Unmittelbarer Zwang durch körperliche Gewalt und deren Hilfsmittel darf entsprechend den Art. 58, 61 Abs. 1, 2 und 3, Art. 64 Abs. 1 Sätze 1 und 2 sowie Abs. 3 Sätze 1 und 3 des Polizeiaufgabengesetzes angewendet werden.[17]

Im Gegensatz hierzu darf in NRW laut § 27 Abs. 2 Gesetz über den Feuerschutz und die Hilfeleistung (FSHG), jede Einsatzkraft Personen verweisen:

Personen, die den Einsatz stören oder sich oder andere gefährden, haben auf Weisung von Einsatzkräften den Einsatzort umgehend zu verlassen. [18]

Im Mai 2017 verabschiedete nach dem Bundestag auch der Bundesrat einen Gesetzentwurf, der Gaffen von Schaulustigen zur Straftat gemacht hat, sofern sie Einsatzkräfte behindern oder eine zusätzliche Unfallgefahr hervorrufen.[19] „Behindern“ und „zusätzliche Unfallgefahr“ können sehr weit ausgelegt werden - z. B. kann ein Reduzieren des Tempos auf der Autobahn-Gegenfahrbahn einen Stau verursachen, der weitere Einsatzkräfte daran hindert, zur Unfallstelle zu gelangen, sowie zu zusätzlichen Auffahrunfällen führen könnte. Es drohen eine Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder eine Geldstrafe.[20] Das Gesetz ist in §323c (2) StGB zu finden.[21] Das Veröffentlichen (Youtube, Facebook etc.) von Video- oder Bildaufnahmen kann die Persönlichkeitsrechte der gefilmten Personen verletzen, z. B. jene der Einsatzkräfte. Von schutzbedürftigen Personen - beispielsweise von Verletzten - dürfen selbst für die eigene Erinnerung keine Film- oder Fotoaufnahmen erstellt werden, da sie als besonders schutzbefohlen gelten. Zulässig bleibt somit das Filmen/Fotografieren von Bereichen ohne Verletzte oder nach deren Abtransport - sofern die Aufnahmen nicht veröffentlicht werden und die Einsatzkräfte nicht behindert werden oder irgendwer gefährdet wird. Aufnahmen ohne Verletzte können veröffentlicht werden, wenn die erkennbaren Personen (sowie Nummernschilder u. ä.) entweder zugestimmt haben oder verpixelt werden.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ulrich von Hintzenstern (Hrsg.): Notarzt–Leitfaden. 5. Aufl., Elsevier, Urban & Fischer, München 2007, ISBN 978-3-437-22462-1, S. 93, 807.
  • Dieter Kugelmann: Polizei- und Ordnungsrecht. Springer, Berlin 2006 (= Springer-Lehrbuch), ISBN 3-540-29897-5, S. 22.
  • Arnd T. May/Reinhold Mann: Soziale Kompetenz im Notfall. Praxisanleitung nicht nur für den Rettungsdienst – ein Unterrichtskonzept. 2., überarb. und erw. Aufl., Lit Verlag, Münster 2005, ISBN 3-8258-6034-5, S. 108ff.
  • Manfred Tücke: Grundlagen der Psychologie für (zukünftige) Lehrer. Lit Verlag, Münster 2003 (= Osnabrücker Schriften zur Psychologie; Bd. 8), ISBN 3-8258-7190-8, S. 413ff.
  • Jürgen Bengel (Hrsg.): "Psychologie in Notfallmedizin und Rettungsdienst", Springer-Verlag, 2013, ISBN 978-3-540-61909-3, Kapitel 15: "Umgang mit Zuschauern"
  • Uwe Scheffler: Zur Strafbarkeit von „Gaffern“. In: NJW, 1995 Heft 4, S. 232 ff. PDF, 35 kB

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Schaulustiger – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Schaulustiger – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wiktionary: Gaffer – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. "Lexikon der Psychologie" (abgerufen am 16. Juni 2016)
  2. Lukrez, De rerum natura / Von der Natur der Dinge, 2. Buch Vers 1-4. Übersetzt von H. Diels in Christoph König: Die Lebensfahrt auf dem Meer der Welt: der Topos, Texte und Interpretation, Königshausen & Neumann 2000, ISBN 978-3-826-019-012, Seite 27
  3. „Lust beim Stieren“ (abgerufen am 17. Juni 2016)
  4. "Alexander Grau: Schrecken, Sensation und Schaulust" Seite 16 (abgerufen am 13. Juli 2016)
  5. Michael Argyle: Körpersprache & Kommunikation: Nonverbaler Ausdruck und soziale Interaktion, 2013, Seite 55ff
  6. Not macht Gaffer zu Rettern - Bericht über eine Studie von Peter Fischer, LMU München, in Bild der Wissenschaft vom 7. Dezember 2005
  7. a b Schaulust am Leid der anderen Gelnhäuser Tageblatt, Interview mit dem Sprecher des Polizeipräsidiums Südosthessen (abgerufen am 29. Juni 2016)
  8. "Umgang mit Schaulustigen bei Einsätzen (abgerufen am 19. Juni 2016)"
  9. "Kriminalistik/Kriminaltechnik: Kriminalistische Tatortarbeit, Seite 4 (abgerufen am 20 Juni 2016)"
  10. Schaulustige feuern Suizidgefährdeten an, Spiegel Online vom 1. Juli 2017, abgerufen am 2. Juli 2017
  11. "Lust beim Stieren" (abgerufen am 17. Juni 2016)
  12. Werden auch SIE zum Leser-Reporter! Bild.de, abgerufen am 2. Juli 2016 (Anwerbung von Leserreportern).
  13. „Gaffer“ sind die besseren Menschen - Betrachtungen zur Begrifflichkeit von „Gaffen“ vs. Schaulust und deren Verwendung in den Medien, abgerufen am 15. Juni 2016
  14. "Alexander Grau: Schrecken, Sensation und Schaulust" Seite 14 (abgerufen am 13. Juli 2016)
  15. "Zeitschrift für Polizeiwissenschaft und polizeiliche Praxis: Serienbrandstiftungen, Seite 86 (abgerufen am 20. Juni 2016)
  16. „Unfallvoyeure“: Gesetz sieht Strafe von bis zu 500 Euro vor auf ORF vom 10. Mai 2018 abgerufen am 10. Mai 2018
  17. Bayerisches Feuerwehrgesetz (BayFwG) – Gesetzestext (abgerufen am 10. Februar 2009).
  18. Gesetz über den Feuerschutz und die Hilfeleistung (PDF; 123 kB) – Gesetzestext (abgerufen am 18. Juni 2013).
  19. Merkur.de: Gaffen wird zur Straftat
  20. Wochenblatt.de:Gaffern drohen jetzt empfindliche Strafen
  21. Unterlassene Hilfeleistung bzw. Behinderung
Rechtshinweis Bitte den Hinweis zu Rechtsthemen beachten!