Scheuern (Gernsbach)

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Scheuern
Stadt Gernsbach
Koordinaten: 48° 45′ 20″ N, 8° 20′ 51″ O
Höhe: 215 m
Einwohner: 1817 (31. Dez. 2011)
Eingemeindung: 1. April 1936
Postleitzahl: 76593
Vorwahl: 07224

Scheuern ist der älteste und nach Bevölkerungszahl größte Stadtteil von Gernsbach im Landkreis Rastatt, Land Baden-Württemberg.

Geographische Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Scheuern erstreckt sich am südlichen Ortsausgang von Gernsbach entlang des rechten Talhangs der Murg, im Volksmund auch Scheuerner Buckel genannt. Die Gemarkungen von Scheuern und Gernsbach werden durch den Igelbach getrennt, wobei kleine Flächen links des Bachlaufs noch zu Gernsbach gehören.[1] Der Untergrund besteht aus ackergünstigem Lehmboden auf Forbachgranit.[2] Aufgrund der seit den späten 1950er Jahren einsetzenden Bebauung der ehemals überwiegend zum Schloss Eberstein gehörenden Wiesenflächen[3] ist Scheuern inzwischen auch mit dem Stadtteil Obertsrot zusammengewachsen. Ein weiterer Nachbarort ist der östlich gelegene Stadtteil Lautenbach.

Wappen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Blasonierung lautet: In Silber ein grüner Weinstock mit zwei blauen Trauben, darunter ein linkshin liegendes Rebmesser in natürlicher Farbe.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ort Scheuern geht wohl auf einen Hof zurück, der 1267 als „zu der Schuren“ erstmals urkundlich erwähnt wird. Er befand sich damals im Besitz des Gernsbacher Vogts Heinrich Schurbrand oder Scheuerbrand (die Schreibweise wechselt). Ein Dorf Scheuern wird erstmals 1327 genannt.[4] Orts- und Familienname hängen offenbar zusammen, doch bleibt unklar, welcher Name älter ist.[5] Scheuern gehörte von Anfang an zur Grafschaft Eberstein und teilt mit dem Hauptort Gernsbach die Herrschaftsgeschichte.[6] 1387 gelangte mit dem Verkauf der halben Grafschaft Eberstein an den Markgrafen von Baden auch Scheuern zur Hälfte an Baden, so dass es seither badische und ebersteinische Leibeigene in Scheuern gab. Mit der Errichtung einer gemeinschaftlichen Verwaltung der Grafschaft Eberstein durch den Einwurfvertrag von 1505 wurden die Einwohner von Scheuern Gemeinuntertanen beider Herrschaften, so dass sie nun wieder ohne Einschränkung untereinander heiraten und Geschäfte abschließen konnten. 1556 führten die damaligen Landesherren Wilhelm IV. von Eberstein und Philibert von Baden die Reformation ein. Beim Erbstreit zwischen den Grafen von Eberstein und den mit ihnen verschwägerten Häusern Gronsfeld und Wolkenstein blieb Scheuern aufgrund des Rufacher Vertrags von 1624 ebersteinisch. Als das Haus Eberstein 1660 im Mannesstamm ausstarb, fiel der Ebersteiner Anteil an Scheuern an das Hochstift Speyer. Die badisch-speyerische Gemeinherrschaft endete 1803 mit dem Reichsdeputationshauptschluss, als Baden den speyerischen Anteil an der Grafschaft Eberstein zugesprochen erhielt. Gerichtsort war Gernsbach, doch bildete Scheuern stets eine eigene Gemeinde mit Schultheiß oder Bürgermeister.[7] Kirchlich gehörte Scheuern dagegen immer zu Gernsbach. Es verfügte weder über eine eigene Kirche noch über einen Friedhof. Da Scheuern aufgrund des Rufacher Vertrags im Einflussbereich der Grafen von Eberstein blieb, konnte sich hier der evangelische Glaube behaupten. 1683 waren von 29 Familien 24 protestantisch und nur fünf katholisch.[8]

Scheuern galt in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts als „traditionell armes Dorf“.[9] Haupterwerbszweige in der vorindustriellen Zeit waren Acker- und Weinbau. Auf letzteren weist auch das Wappen hin. Ein 1754 unternommener Versuch, Eisenerz zu gewinnen, schlug fehl.[10] Zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert unterhielt die Murgschifferschaft bis zu fünf Sägemühlen auf Scheuerner Gemarkung, womit man sich die Wasserkräfte von Igelbach und Lautenbach sowie der Murg im Gewann Fröschau zunutze machte. 1792 werden die Sägewerke alle als „niedergefallen“ bezeichnet.[11] Im 19. Jahrhundert waren als Nebengewerbe holzverarbeitende Tätigkeiten wie Besenbinden, Rechenmachen, Schnefeln und Schindelmachen bedeutend.[12] Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts vollzog sich mit der Industrialisierung des Murgtals der Übergang zur Fabrikarbeit bei gleichzeitiger Beibehaltung einer Nebenerwerbslandwirtschaft,[13] wobei besonders der Obstanbau einen Aufschwung erlebte.[14] Seit 1904 verfügte Scheuern über eine zentrale Wasserversorgung.[15] Der Anschluss an die Versorgung mit Elektrizität erfolgte 1910 von Gernsbach aus.[16] Seit 1908 bestand in Scheuern ein Kinderschwester-Erholungsheim des Diakonissenmutterhauses Karlsruhe sowie seit 1912 ein Genesungsheim der Allgemeinen Ortskrankenkasse Karlsruhe.[17]

1931 stellte die Stadt Gernsbach beim badischen Innenministerium den Antrag, die Gemeinde Scheuern aufgrund ihrer räumlichen Nähe mit der Stadt zu vereinen. Scheuern wehrte sich vier Jahre lang gegen den Verlust der Selbständigkeit, bis der badische Innenminister Karl Pflaumer und der Reichsstatthalter Robert Wagner den Zusammenschluss zum 1. April 1936 per Erlass verfügten.[18]

Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch Scheuern führt die Straße von Gernsbach nach Lautenbach (heute Kreisstraße 3703). Die bereits im Mittelalter existierende Alte Weinstraße, erstmals 1087 im Reichenbacher Schenkungsbuch als via communis quae ducit per silvam erwähnt, führt von Gernsbach am Ortsrand von Scheuern vorbei über den Hohloh nach Besenfeld, wo es Anschlüsse nach Osten, Süden und Westen gibt.[19]

Öffentlicher Personennahverkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Buslinie 247 des Karlsruher Verkehrsverbundes führt von Gernsbach über Scheuern nach Lautenbach; in verkehrsschwachen Zeiten wird der Bus durch ein Anruf-Linientaxi ersetzt. Von 1894 bis zum 1. Februar 1924 besaß Scheuern eine eigene Haltestelle der Murgtalbahn.[20] Nächstgelegener Haltepunkt der S-Bahnlinien des Karlsruher Verkehrsverbundes ist heute die Station Gernsbach-Mitte.

Bildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kindergarten Scheuern

Scheuern verfügt über eine einzügige Grundschule und einen evangelischen Kindergarten. Beide Einrichtungen werden auch von den Kindern aus Lautenbach besucht.[21]

Wirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Scheuern ist Sitz der Firma Burster Präzisionsmesstechnik, eigenen Angaben zufolge einer der international führenden Anbieter von Präzisionsmesstechniken,[22] sowie der Firma Casimir Kast, die Verpackungen und Displays herstellt.[23]

Vereine[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es bestehen an Vereinen die Sängervereinigung Freundschaft Scheuern und der Scheuerner Fasnachtsclub.[24] Anlässlich des 750-jährigen Ortsjubiläums im Jahr 2017 hat sich im Oktober 2016 die Dorfgemeinschaft 750 Jahre Scheuern gegründet. Der Sportplatz des FC Gernsbach liegt auf Scheuerner Gemarkung (Gewann Fröschau).

Personen mit Bezug zu Scheuern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Scheuern – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Rainer Hennl: Gernsbach im Murgtal. Strukturen und Entwicklungen bis zum Ende des badisch-ebersteinischen Kondominats im Jahre 1660, Stuttgart 2006, S. 51 f.
  2. Rudolf Metz: Mineralogisch-landeskundliche Wanderungen im Nordschwarzwald, 2. Aufl., Lahr 1977, S. 406 und Karte im Anhang.
  3. Uwe A. Oster: Fürstlicher Wohnsitz, Museum, Gutshof. Schloss Eberstein im 19. und 20. Jahrhundert, in: Schloss Eberstein. Menschen, Geschichte, Architektur, hrsg. von Wolfgang Froese und Martin Walter, Gernsbach 2009, S. 118.
  4. Hennl, S. 32.
  5. Vgl. Der Landkreis Rastatt, hrsg. von der Landesarchivdirektion Baden-Württemberg in Verb. mit dem Landkreis Rastatt und dem Landesmedienzentrum Baden-Württemberg (= Kreisbeschreibungen des Landes Baden-Württemberg), Stuttgart 2002, Bd. 2, S. 111, gegen die ältere Auffassung, dass die Familie Schurbrand/Scheuerbrand ihren Namen von Scheuern abgeleitet habe.
  6. Vgl. Hennl, S. 85 ff.; Kreisbeschreibung Rastatt, Bd. 2, S. 95 ff., S. 111 f.
  7. Kreisbeschreibung Rastatt, Bd. 2, S. 111.
  8. Kreisbeschreibung Rastatt, Bd. 2, S. 112.
  9. Kreisbeschreibung Rastatt, Bd. 2, S. 112.
  10. Wolfgang Froese: Badisch-speyerischer Streit: Eisenerzsuche am Schwannkopf, in: Phönix. Kindergartenzeitung des evangelischen Kindergartens Scheuern, Nr. 1/2012, S. 15.
  11. Max Scheifele: Die Murgschifferschaft. Geschichte des Floßhandels, des Waldes und der Holzindustrie im Murgtal, Gernsbach 1988, S. 317; vgl. Hennl, S. 68 Anm. 101
  12. Kreisbeschreibung Rastatt, Bd. 2, S. 128.
  13. Wolfgang Froese: Wie Scheuern zu einer Wasserleitung kam. Rückblick ins Jahr 1904, in: Gernsbacher Bote, Nr. 4/2008, S. 5.
  14. Kreisbeschreibung Rastatt, Bd. 2, S. 131 f.
  15. Froese, Wasserleitung.
  16. Kreisbeschreibung Rastatt, Bd. 2, S. 144.
  17. Wolfgang Froese: Schwestern, Patienten und Agenten. Das „Genesungsheim“ in Scheuern, in: Gernsbacher Bote, Nr. 4/2014, S. 9 f.
  18. Veronika Gareus-Kugel: Alles andere als eine freiwillige Fusion. Scheuern seit 75 Jahren Stadtteil von Gernsbach, in: Badisches Tagblatt, Ausgabe Murgtal vom 1. April 2011.
  19. Markus Bittmann/Meinrad Bittmann: Das Murgtal. Geschichte einer Landschaft im Nordschwarzwald, Gernsbach 2009, S. 145 f.; Metz, Nordschwarzwald, S. 114.
  20. Wolfgang Froese: Bahnhof Scheuern – Haltepunkt der Murgtalbahn. In: Phönix. Kindergartenzeitung des evangelischen Kindergartens Scheuern 2/2011, S. 14 f; Reichsbahndirektion in Mainz (Hg.): Amtsblatt der Reichsbahndirektion in Mainz vom 9. Februar 1924, Nr. 6. Bekanntmachung Nr. 148, S. 89.
  21. Grundschule Scheuern (Memento des Originals vom 13. Oktober 2016 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.gernsbach.de
  22. Burster Präzisionsmesstechnik
  23. Casimir Kast Verpackung und Display
  24. Scheuerner Fasnachtsclub