Schlosskirche Friedrichshafen

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Schlosskirche

Die evangelisch-lutherische Schlosskirche befindet sich am Ende der Klosterstraße in Friedrichshafen und am Bodensee-Rundweg und ist ein bedeutendes Bauwerk im Verlauf der Oberschwäbischen Barockstraße. Ihre beiden 55 m hohen Türme sind ein markantes Wahrzeichen der Stadt Friedrichshafen.[1] Zur Zeit der Erbauung im Jahr 1702 war sie der größte barocke Kirchenbau am Bodensee.[2]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Historische Darstellung (Kupferstich von 1801) mit erhaltenem Dachreiter
Innenansicht

Die Kirche, deren Geschichte untrennbar mit der des Klosters Hofen verbunden ist, wurde in den Jahren 1695 bis 1702 nach Plänen von Christian Thumb als Gebäudeteil des Klosters errichtet. Die Kirche wurde am 8. Oktober 1702 konsekriert. 1803 wurde das Reichskloster Kloster Weingarten, dem das Kloster Hofen zugehörig war, säkularisiert und kam an Oranien-Nassau. 1804 wurde es durch Österreich eingezogen und im Frieden von Pressburg durch Napoleon 1806 an Württemberg überschrieben. Das Dorf Hofen wurde 1810/11 mit der Stadt Buchhorn zur neugegründeten Stadt Friedrichshafen vereinigt. Die Klosteranlage mit der Kirche wurde der württembergischen Hofdomänenkammer zugeteilt, welche das Kirchengebäude 1812 der neu gegründeten evangelischen Kirchengemeinde Friedrichshafen zur Verfügung stellte.[1] In dieser Zeit wurde bis auf die Beichtstühle und den Abbruch eines Dachreiters über der Ostwand die Kirche nicht nennenswert verändert.

Bei einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg am 28. April 1944 wurde die Kirche schwer beschädigt.[1] Der Südturm brannte aus, der Dachstuhl wurde vollständig zerstört. Erst 1947/48 konnte unter Schweizer Hilfe ein Notdach errichtet werden. Durch die bereits eingedrungene Feuchtigkeit wurden der Stuck und die Deckenbilder des Hauptschiffes, die Kirchenbänke und die Orgel zerstört. Beim Wiederaufbau von 1949 bis 1954 wurde der fehlende Stuck durch Josef Schnitzer in einfacherer Form nach alten Fotos ergänzt. Die Kirchenerneuerung wurde 1959 mit dem Fertigstellung des Kirchendachs abgeschlossen.[1] Die Kirche wurde zu gottesdienstlichen Zwecken bereits am 1. Juli 1951 wieder eingeweiht.[3]

Kirchenbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die geostete Kirche mit der markanten Doppelturmfassade folgt der Tradition des Vorarlberger Münsterschemas. Sie stellt eine Weiterentwicklung der Raumidee des Klosters Obermarchtal dar.[2] Sie zeigt zudem die Kunst der Wessobrunner Bau- und Stuckateurschule. Der Baustil des Frühbarock fußt mit seiner strengen Linienführung noch auf der Zeit der Renaissance.[4] Der Raum wird durch Pfeiler und Emporen an den Längsseiten gegliedert. Der Lichteinfall wird durch übereinanderliegende Fensterreihen ermöglicht.[3]

Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hochaltar und Chorgestühl

Die Kirche wurde mit Stuckarbeiten von Vater und Sohn Schmuzer ausgestattet.[1] Die Deckengemälde von dem Rottweiler Künstler Joseph Hildebrandt sind auf Leinwand ausgeführt.[3] Beachtenswert sind die Kanzel von Martin Höfele aus dem Jahr 1702 mit den Kanzelfiguren von Ursus Byß[5] und die Altäre mit Aufbauten von Christoph Gschanig und Altarblätter von Johann Michael Feuchtmayer. In der Südwestecke befindet sich die Hofloge der Kirche, die über das Schlossgebäude zu betreten ist. Das Chorgestühl stammt von Martin Höfele und wurde auch mit Aufsätzen von Feuchtmayer ausgestattet. Der Hochaltaraufbau aus dem Jahr 1711/12 stammt von Franz Schmuzer und erhielt ein Altarblatt mit der Darstellung der Kreuzigung Christi vermutlich von Franz Carl Stauder. Die Beichtstühle wurden nach der Säkularisation zu Sakristeischränken umgebaut.[3]

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mobiler Spieltisch und Blick zur Hauptorgel

Ursprünglich war die Kirche mit einer Hauptorgel (1698–1702) und einer Chororgel (1706) des Augsburger Orgelbauers Christoph Löw ausgestattet. Diese wurden nach der Säkularisation nach Tuttlingen bzw. Kehlen abgegeben. Als Orgel diente fortan die Orgel der ehemaligen Pfarrkirche in Altdorf, die aus rechtlichen Gründen abgebrochen werden musste, bis Carl Gottlieb Weigle 1867 ein neues Instrument erbaute.[3]

Die ursprünglich dreimanualige Orgel stammt in ihren Grundstrukturen von der Orgelbaufirma Friedrich Weigle aus dem Jahr 1970. 2021/22 wurde sie durch die Orgelbaufirma Thomas Gaida überholt und erweitert. Dabei wurde ein neuer Zentralspieltisch für das Kirchenschiff gebaut, der bestehende elektrische Spieltisch auf der Empore erneuert, und das Werk klanglich in Disposition und Intonation verändert, wobei zusätzliche Auxiliarwerke geschaffen wurden, welche die Verwendung von Extensionsregistern in unterschiedlichen Oktavlagen ermöglichen.[6] Die Orgel hat heute 51 Register zuzüglich zahlreicher Transmissionen und Extensionen.[7] Die Werke (welche die früheren Manualwerke und das Pedalwerk umfassen, ergänzt durch die Auxiliarwerke) können nun den Manualen frei zugeordnet werden. Als Besonderheit verfügt das I. Manual des Zentralspieltisches über 88 Tasten (Tonumfang A2 - c5).

Hauptwerk C–c4
Principal (=Nr. 50) 16′
Subbass (=Nr. 51) 16′
1. Lieblich Gedackt 16′
2. Principal cantans 8′
Principal magnus (=Nr. 50) 8′
Subbass (=Nr. 51) 8′
3. Koppelflöte 8′
4. Gemshorn 8′
5. Octave 4′
6. Spitzgambe 4′
7. Flauto dolce 4′
8. Quinte 223
9. Superoktave 2′
10. Cornettino IV
11. Rauschpfeife II 223
12. Mixtur IV 113
Tremulant
Schwellwerk C–c4
13. Holzflöte 8′
14. Salicional 8′
15. Schwebung 8′
16. Prinzipal 4′
17. Fugara 4′
18. Rohrtravers 4′
19. Oktavflöte 2′
20. Harmonia aetheria III–IV 2′
21. Fagott 16′
22. Oboe 8′
Tremulant
Chorpositiv Nord C–c4
23. Schöngedeckt 8′
24. Rohrflöte 4′
25. Nasard 223
26. Ital. Prinzipal 2′
27. Terz 135
28. None 89
29. Zimbel III 1′
30. Musette 8′
Schwellwerk Süd Chor C–c4
31. Geigenprinzipal 8′
32. Flute triangulaire 8′
33. Viola 8′
34. Nachthorn 4′
35. Hohlflöte 2′
36. Mixtur IV 2′
37. Schalmey 8′
Tremulant
Auxiliarregister
Hauptwerk
38. Tuba fascinosa 32′ + 16′ + 8′ + 4′
39. Trompeta brillosa 8′ + Clarin brilloso 4′
Kronwerk
40. Flauto mirabilis 8′ + 4′ + 2′ + 1′
41. Quintbass 1023′ + Quinte 513′ + 223′ + 113
42. Großterz 625′ + Kleinterz 315′ + Terz 135
43. Septime 447′ + 227′ + 117
Anglikanisches Schwellwerk Chor Nord
44. Stopped Diapason 32′ + 16′ + 8′
45. Vox mystica 8′ + 4′
46. Tromba 16′ + 8′ + 4′
Schwellwerk Süd
47. Flötenschwebung 8′ + 4′
Pedal C–g1
48. Gemshornbass 16′
49. Oktavbass 8′
Auxiliarregister
50. Principal 32′ + 16′ + 8′ + 4′ + 2′
51. Subbass 32′ + 16′ + 8′ + 4′ + 2′

Vor dem Umbau durch Gaida hatte das Instrument 42 Register.[8]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Schlosskirche Friedrichshafen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e Stadtarchiv Friedrichshafen (Hrsg.): Geschichtspfad Friedrichshafen. Stadt Friedrichshafen, Friedrichshafen 2001, ISBN 3-89549-301-5.
  2. a b Lutz Titel in: Kirchen in Friedrichshafen, Geschichte und Kunst. Robert Gessler, Friedrichshafen 1989, ISBN 3-922137-55-5, S. 180 ff.
  3. a b c d e Georg Wieland in: Kirchen in Friedrichshafen, Geschichte und Kunst. Robert Gessler, Friedrichshafen 1989, ISBN 3-922137-55-5, S. 239–241.
  4. Informationen zur Schlosskirche auf der Website der Kirchengemeinde, abgerufen am 27. September 2017
  5. Leopold Neff in: Kirchen in Friedrichshafen, Geschichte und Kunst. Robert Gessler, Friedrichshafen 1989, ISBN 3-922137-55-5, S. 126.
  6. Informationen zur Orgelrenovierung auf der Website der Kirchengemeinde, abgerufen am 23. Juni 2022
  7. Beschreibung auf Organ index, abgerufen am 17. Januar 2023.
  8. Informationen zur Orgel auf www.evkirchenmusik-fn.de, abgerufen am 27. September 2017

Koordinaten: 47° 39′ 0,8″ N, 9° 27′ 51,7″ O