Seasteading

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Seasteading, ein Kofferwort aus engl. sea (Meer) und homesteading (Besiedlung, Inbesitznahme), ist das Konzept der Schaffung von Stätten dauerhaften Wohn- und Lebensraums auf dem Meer, genannt Seasteads, außerhalb der von den Regierungen jedweder Nation beanspruchten Gebiete.

Begriffsherkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mindestens zwei Menschen haben unabhängig voneinander den Begriff geprägt, Ken Neumeyer in seinem Buch „Sailing the Farm“ (1981) und Wayne Gramlich in seinem Artikel „Seasteading – Homesteading auf hoher See“ (1998). Auf Deutsch taucht gelegentlich der synonyme Begriff Seenahme auf, der in Anlehnung an Landnahme geschaffen wurde.

Rechtliches[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Außerhalb der ausschließlichen Wirtschaftszone von 200 Seemeilen (370 km), welche die Länder nach Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen beanspruchen können, unterliegt die hohe See keinen Gesetzen außer denen des Staates, unter dessen Flagge ein Schiff fährt. Beispiele von Organisationen, die von dieser Möglichkeit Gebrauch machen, sind Women on Waves, die Frauen eine Abtreibung ermöglichen, in deren Ländern Abtreibungen strengeren Regeln als in den Niederlanden unterworfen sind, sowie Radio Veronica, ein Piratensender in der Nordsee, der in den Sechziger Jahren auf die Niederlande gerichtet war. Wie diese Organisationen könnte ein Seastead Vorteile aus den losen Rechts- und Verwaltungsvorschriften schöpfen, die außerhalb der Souveränität der Nationen bestehen, und unter weitgehender Selbstverwaltung stehen.

Das Seasteading-Institut[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

András Gyõrfis „schwimmende Stadt“ (Computergrafik)

Das Seasteading-Institut wurde am 15. April 2008 von Wayne Gramlich und Patri Friedman in Sunnyvale (Kalifornien) mit dem Ziel gegründet, die Errichtung autonomer, mobiler Gemeinschaften auf schwimmenden Plattformen in internationalen Gewässern zu erleichtern.[1] Gramlichs Artikel „SeaSteading – Homesteading auf hoher See“ aus dem Jahre 1998 erläuterte eine erschwingliche Besiedlung und zog mit seinem Vorschlag für ein kleines Projekt die Aufmerksamkeit Friedmans auf sich. Die beiden begannen zusammenzuarbeiten und veröffentlichten im Jahre 2001 ihren ersten gemeinsamen Plan[2] im Internet. Er behandelt alle erdenklichen Aspekte des Seasteadings, von der Abfallbeseitigung bis zur Ausflaggung.

Das Projekt wurde im Jahr 2008 einer breiten Öffentlichkeit bekannt, nachdem Paypal-Gründer Peter Thiel darauf aufmerksam geworden war, 500.000 US-Dollar in das Projekt investierte und sich für dessen Realisierung einsetzte, dies zuletzt in seinem Aufsatz The Education of a Libertarian, veröffentlicht von Cato Unbound.

„Anders als im Bereich der Politik, haben in dem der Technologie die Entscheidungen von einzelnen Menschen möglicherweise immer noch den absoluten Vorrang. Das Schicksal unserer Welt liegt vielleicht in den Händen eines einzelnen Menschen, der jene Freiheits-Maschine erschafft oder verbreitet, die wir brauchen, um die Welt sicher für den Kapitalismus zu machen. Das ist der Grund, weshalb wir alle Friedman das Allerbeste wünschen in Bezug auf seinen außergewöhnlichen Versuch.* Unlike the world of politics, in the world of technology the choices of individuals may still be paramount. The fate of our world may depend on the effort of a single person who builds or propagates the machinery of freedom that makes the world safe for capitalism. For this reason, all of us must wish Patri Friedman the very best in his extraordinary experiment.“

Thiel, 2009: [3]

Dem Seasteading-Institut ist daher eine weite Aufmerksamkeit der Medien zuteilgeworden, von Quellen wie CNN und Wired Magazine.

„Wenn Seasteading eine realisierbare Alternative wird, braucht man für den Wechsel von einer Regierung zur anderen nur zu der anderen hinzusegeln und muss dafür nicht einmal das Haus verlassen.“

Friedman, Seasteading-Jahreskonferenz 2012: [4]

Seit 2011 hat das Seasteading-Institut ein Botschafterprogramm,[5] mit dem durch lokale, geprüfte Botschafter die Idee weltweit weiter verbreitet werden soll. Das Seasteading-Institut hielt am 10. Oktober 2008 seine erste Jahreskonferenz in Burlingame (Kalifornien) ab. 45 Personen aus 9 Ländern nahmen daran teil. Eine 2. Seasteading-Konferenz fand in San Francisco vom 28.–30. September 2009 statt.[6] Eine weitere Konferenz, in der hauptsächlich die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Seasteading erörtert wurden, gab es vom 31. Mai – 2. Juli 2012 in San Francisco.[7]

Designs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Design „ClubStead“ des Seasteading-Instituts

Bei den meisten der vorgeschlagenen Seasteads handelt es sich um modifizierte Kreuzfahrtschiffe. Bei anderen vorgeschlagenen Strukturen handelt es sich um umgerüstete Bohrinseln, stillgelegte Flak-Plattformen, bewegliche schwimmende Inseln und maßgeschneiderte künstliche Inseln. Das Seasteading-Institut arbeitet an einem neuen Ansatz, der Gemeinschaften vorsieht, die über dem Meer auf Spar-Bojen schwimmen, ähnlich wie bei Ölplattformen. Das Projekt würde zunächst klein anfangen, mit bewährter Technologie so weit wie möglich, und dann versuchen, tragfähige und nachhaltige Wege zu finden, eine Seastead zu führen. Innovationen, die ermöglichen, ständig auf See zu leben, müssten entwickelt werden. Die Entwicklung der Kreuzfahrtschiff-Industrie deutet an, dass dies möglich ist.

Ein vorgeschlagener Entwurf für eine maßgeschneiderte Seastead ist eine schwimmende Hantel, in denen der Wohnbereich hoch über dem Meeresspiegel liegt, was den Einfluss der Wellen minimiert. In den letzten paar Jahren wurde die Forschung in einem Online-Buch über das Leben auf den Ozeanen dokumentiert.

Das Seasteading-Institut konzentriert sich auf drei Bereiche: erstens Aufbau einer Gemeinschaft, zweitens Forschung und drittens Unterstützung für den Bau der ersten Seasteads. Das Seasteading-Institut selbst plant nicht den Bau eines eigenen Seasteads, da es sich selbst als Non-Profit-Organisation sieht, die für einen geschäftlichen Bau und Betrieb von Seasteads ungeeignet ist. Diese Aufgabe soll Unternehmern und Firmen zufallen.

Im Januar 2009 ließ sich das Seasteading-Institut einen Entwurf für ein Seastead patentieren, ClubStead genannt. Dieses hätte die Größe eines Wohnviertels und böte Wohnraum für 200 Personen. Der Entwurf wurde vom Beratungsunternehmen Marine Innovation & Technologie hergestellt. ClubStead ist die erste größere Entwicklung der Seasteading-Bewegung in der Konstruktion, von umfangreicher Analyse bis zur Simulation.

Ephemerisle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ephemerisle[8] ist ein Kunst- und Kultur-Festival auf dem Wasser. Es findet seit Oktober 2009 im Mandeville Tip County Park im San Joaquin River Delta statt. Die erste Veranstaltung zählte etwa 150 Besucher. Mitorganisator war unter anderem einer der Gründer des Burning Man-Festivals. Ziel des Ephemerisle-Festivals ist es, eine Gemeinschaft temporär auf dem Wasser lebender Individuen zu schaffen, die sich Jahr für Jahr für zunehmend längere Zeiträume treffen und einen Kondensationskern für eine Seasteading-Kultur und -Gemeinschaft bilden.

2010 gab es kein offizielles Epehemerisle-Festival, da der vorjährige Veranstalter nicht nochmals ohne Versicherung agieren wollte, jedoch die sehr hohen Versicherungsbeiträge scheute. Daher führten die angereisten Teilnehmer das Festival in Eigenregie unter dem Namen Non-Ephemerisle statt. Ab 2011 durfte die weiterhin in Selbstverantwortung ablaufende Veranstaltung wieder ihre ursprünglichen Namen tragen.[9]

Sink or Swim Business Plan Contest[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Sink or Swim Contest,[10] war ein im Jahr 2011 ausgelobter Wettbewerb, für das beste Seasteading-basierte Geschäftskonzept.

  • 1. Preis: Delishus Fishes.[11] Ein Konzept für Hochseefischfarmen.
  • 2. Preis: Boundless Talent Consulting Services - Ein Konzept für ein Visa-freies Büro- und Wohnseastead für nicht-amerikanische Fachkräfte, die Kontakt zum amerikanischen Markt suchen.

Der Poseidon Award[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Poseidon Award[12] ist ein Preis für die Etablierung des ersten unabhängigen Seasteads und der Samen für die weltweit erste Ozean-Stadt. Es ist ein Meilenstein für die Seasteading-Bewegung.

Teil des Poseidon Awards ist die Verleihung des Poseidon Monumentes, einer Statue, als Ehrung für die ersten Seasteading-Pioniere. Diese wird die Namen der Seasteading-Argonauten eingemeißelt haben, großen Spendern, die mit ihrer Spende dabei mitgeholfen haben, Seasteading Realität werden zu lassen.

Der Poseidon Award wird an das erste Seastead verliehen, das:

  • Mindestens 50 dauerhafte Bewohner hat.
  • Finanziell selbstständig ist.
  • Auf dem freien Markt Grundbesitz anbietet.
  • De facto politische Unabhängigkeit genießt.

Ziel war, den Poseidon Award bis zum Jahre 2015 zu vergeben.

Projekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das bisher am weitesten fortgeschrittene Projekt ist das Blueseed-Venture.[13] Die Gründer wollten ursprünglich noch im Laufe des Jahres 2012 ein umgebautes Schiff als Seastead vor der Küste Kaliforniens betreiben, das als Wohn-, Büro- und Geschäftszentrum für Nicht-Amerikanische Unternehmer bzw. Fachkräfte konzipiert ist, die noch auf die Visa-Freigaben der amerikanischen Behörden warten und sich solange außerhalb amerikanischer Gewässer aufhalten müssen. Das Projekt wartet allerdings noch auf vollständige Finanzierung. Als Starttermin haben die Blueseed-Manager Herbst bis Winter 2014[14] ins Auge gefasst.

Aktuelle Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fürstentum Sealand

Niemandem ist bisher die Gründung eines Staates auf hoher See gelungen, der als souveräne Nation anerkannt wurde. Am ehesten kommt diesem Ziel das Fürstentum Sealand nahe, eine umstrittene Mikronation auf einer ausrangierten Flak-Plattform vor der Themsemündung in der Nähe von Suffolk, England. Ein vergleichbares Projekt war die Mikronation New Atlantis auf einer Hälfte eines 30 m² großen Floßes rund 15 Kilometer vor Jamaika. Gegründet am 4. Juli 1964 durch Leicester Hemingway erlitt es einige Jahre später dasselbe Schicksal wie sein mythisches Vorbild; es versank in einem Sturm.

Seasteading in der Fiktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jules Vernes Propellerinsel Standard Island
  • Jules Verne beschreibt in seinem Roman Die Propellerinsel eine künstliche schwimmende Insel Standard Island und die darauf befindliche Stadt Milliard City. Sie ist ovalförmig, 5×7 Kilometer groß und in einen nord- und einen südstaatlichen Bezirk geteilt.
  • Ebenfalls geteilt, allerdings in einen amerikanischen und einen sowjetischen Bezirk, ist die International Republic of Artists and Scientists (IRAS) im Roman Die Gelehrtenrepublik von Arno Schmidt. Dabei handelt es sich um eine künstliche schwimmende Insel in den Rossbreiten des Pazifiks. Auf ihr sollen wissenschaftliche und künstlerische Errungenschaften vor künftigen Weltkriegen sicher sein. Das Design der IRAS wurde von Jule Vernes Propellerinsel übernommen, was im Roman auch explizit genannt wird.
  • Sealand wird in den Romanen Polyplay von Marcus Hammerschmitt und Der Aurora-Effekt von Rainer Wolf thematisiert

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Tomasz M. Froelich: Festland adé! In: Henning Lindhoff (Hrsg.): Freiheitskeime 2013. Ein libertäres Lesebuch. Norderstedt 2012 ISBN 978-3-8482-5247-3, S. 45–56

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Seasteading – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Seasteading-Institut About Us. Aufgerufen am 1. Oktober 2011
  2. Seasteading Book
  3. Friedman, 2009. Eig. Übers. ins Deutsche
  4. Friedman dort im Video, 26 min
  5. Ambassador Programm
  6. Seasteading Conference 2009
  7. Seasteading Newsletter, October 2011
  8. Ephemerisle
  9. History of Ephemerisle. Internetpräsenz der Veranstaltung (englisch), abgerufen am 6. April 2016.
  10. Sink or Swim Business Plan Contest
  11. Delishus Fishes
  12. Our Strategy
  13. Blueseed - Home
  14. Seenahme