Andreas Kemper

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Andreas Kemper (2016)

Andreas Kemper (* 11. April 1963 in Nordhorn) ist ein deutscher Publizist und Soziologe, seine Themenschwerpunkte sind Bildungsbenachteiligung, Klassismus, antifeministische Männerrechtsbewegung und die kritische Auseinandersetzung mit antidemokratischen Tendenzen zum Beispiel bei der Alternative für Deutschland.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kemper wuchs in seiner Geburtsstadt, der niedersächsischen Kreisstadt Nordhorn, auf,[1] seine Eltern arbeiteten beide in der Textilindustrie.[2] Kemper studierte nach dem 1982 an einem Fachgymnasium Technik abgelegten Abitur[3] Philosophie, Soziologie und Pädagogik an der Universität Münster. Mitte der 1980er Jahre wechselte er an die FU Berlin, brach sein Studium aber aus finanziellen Gründen ab.[2] Nachdem er sich 2000 wieder in Münster immatrikuliert hatte, beendete er das Studium 2005 mit einer (unveröffentlichten) Magisterarbeit in Soziologie unter dem Titel Möglichkeiten der Bildungspolitik für Arbeiterkinder.[4] Gegenwärtig (Stand 2016) promoviert Kemper am Institut für Soziologie in Münster.[5]

2003 initiierte Kemper an der Universität Münster die erste Vollversammlung studierender Arbeiterkinder.[6] Er gründete dort das bundesweit erste AStA-Referat für finanziell und kulturell benachteiligte Studierende (kurz: FikuS), das sich mit der Selbstorganisation von Arbeiterkindern im Bildungsbereich beschäftigt.[7][8] Für Veränderungen im Bereich der Bildungschancen vertritt Kemper laut eigener Aussage seinen eigenen anarchistischen Ansatz der politischen Selbstorganisation gemäß Otto Rühle.[9]

Kemper engagiert sich in der profeministischen Männerbewegung und befasst sich mit sozialen Themen.[6] Zu den Themen seiner Publikationen hält er auch Vorträge im deutschsprachigen Raum.[10]

Er betätigte sich politisch bei der Alternativen Liste in deren Anfangszeit.[11] Von April 2013 bis März 2014 war er ordentliches Mitglied der Gleichstellungskommission der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.[12]

Kemper ist Mitglied des Arbeitskreis Rechts des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung.

Veröffentlichungen, Aktivitäten und Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Thema Klassismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der 2009 zusammen mit Heike Weinbach herausgegebenen Einführung zum Klassismus[13][14][7] vertritt Kemper die These, dass Diskriminierung sozialer Herkunft im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz und damit auch in Forschungsfragen der Antidiskriminierungsstellen nicht mitberücksichtigt werde.[15] Laut Gudrun Perko führe das Buch erstmals im deutschsprachigen Raum in die Thematik Klassismus ein.[16]

In einem Blog-Eintrag von 2010 bei der Freitag ordnete Kemper Guido Westerwelles Äußerungen zum Arbeitslosengeld II – bekannt geworden ist seine Wortwahl „spätrömische Dekadenz“ – in eine zeitgenössische „Enttabuisierung und Wiederherstellung der sozialeugenischen Ideologie“ ein.[17] In einem Artikel über die Debatte um die Äußerung Westerwelles zitierte und kritisierte Michael Fleischhacker, damals Chefredakteur der österreichischen Tageszeitung Die Presse, diesen Blog-Eintrag als Denunziation. Wenn man die Umverteilungspolitik als ein problematisches, weil missbrauchsanfälliges Anreizsystem sehen würde, könne man sich aussuchen, ob man lieber als Nazi oder als Stalinist denunziert werden wolle.[18]

Thema Männerrechtsbewegung und Maskulismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2011 veröffentlichte Kemper die Monografie (R)echte Kerle. Zur Kumpanei der MännerRECHTSbewegung.

In seinem 2012 herausgegebenen Band Die Maskulisten widmet sich Kemper den Aktivitäten von Männern, die sich selbst Maskulisten nennen und sich innerhalb des deutschsprachigen Internets formieren, um Feminismus zu bekämpfen. Kemper präsentiere in dem Buch Arbeiten, die wissenschaftliche Reflexionen und internetpraktische Erfahrungsberichte vereinen, so Ines Weber in ihrer Rezension des Bandes.[19]

Kemper ist einer von drei ehrenamtlichen Initiatoren des Ende Juli 2017 mit Unterstützung des Gunda-Werner-Instituts der Heinrich-Böll-Stiftung online gestellten, umstrittenen Wiki Agent*In, das über die Vernetzung von antifeministischen Personen und Institutionen informieren sollte.[20]

Vorwürfe gegenüber Thilo Sarrazin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einem Aufsatz im 2012 von Michael Haller herausgegebenen Buch Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz – Die Denkmuster und Denkfehler der Eugenik vertritt Kemper die These, Thilo Sarrazins Thesen und Formulierungen im Buch Deutschland schafft sich ab seien rassenbiologisch und teilweise direkt von dem umstrittenen Genetiker Volkmar Weiss übernommen.[21]

Publikationen über die Alternative für Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Monografie über die AfD[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kemper verfasste über die Partei Alternative für Deutschland eine Monografie. Darin vertrat er die Meinung, die AfD sei nicht nur von einem technokratisch-wirtschaftspolitischen Flügel um Bernd Lucke bestimmt, sondern es gebe eine zweite Fraktion mit homophoben und antidemokratischen Tendenzen.[22][23][24] Nach dem Politikwissenschaftler Kai Arzheimer, der das Buch in eine Sammelrezension der Politischen Vierteljahresschrift integrierte, sei Kemper durch ein „erhebliche[s] Sendungsbewusstsein getrieben“. Und weiter: „Kempers persönliche Betroffenheit und der manchmal atemlose Ton, in welchem er über die Vorgeschichte, die Gründung und die ersten Monate der AfD berichtet, machen den schmalen Band zu einer anstrengenden Lektüre.“ Beeindruckt zeigte sich Arzheimer hingegen von der „Fülle des zusammengetragenen Materials“, insbesondere zu den „Vorläufer- und Vorfeldorganisationen“. Unterm Strich erfülle das Buch nicht die „Erwartungen an eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der neuen Partei“.[25]

„Landolf Ladig“ - Verbindung von NPD-Texten mit dem AfD-Politiker Björn Höcke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kemper brachte seit Ende 2014 in verschiedenen Veröffentlichungen den AfD-Politiker Björn Höcke mit einer unter Pseudonym schreibenden Person in Verbindung, die in NPD-nahen Medien publiziert hatte. Bei sprachlichen Analysen von Texte und Reden Höckes hatte Kemper vielfach „fast identische Formulierungen“ mit den unter Pseudonym veröffentlichten Texten festgestellt. Er kam 2016 zu dem Ergebnis, die „faschistische Ideologie, die in Höckes Aussagen deutlich wird, wird in den ‚Ladig‘-Texten zugespitzt und ist unverblümt NS-verherrlichend.“ Darüber hinaus lebe der Herausgeber der neonazistischen Zeitschrift, in dem die unter Pseudonym veröffentlichten Texte erschienen sind, Thorsten Heise in einer Nachbargemeinde Höckes. Ein im Februar 2017 eingeleitetes Parteiausschlussverfahren gegen Höcke begründet der AfD-Bundesvorstand unter anderem mit der mutmaßlichen Identität Höckes mit jenem Pseudonym und verweist dabei auch auf die entsprechenden Veröffentlichungen Kempers.[26]

Aktivitäten als Autor in der Wikipedia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2005 ist Andreas Kemper unter dem Benutzernamen Schwarze Feder in der Wikipedia aktiv.[27] Weil er die Männerrechtsbewegung erforscht und auf seinem Blog unter anderem Vorfälle beschreibt, aufgrund derer Autorinnen die Wikipedia verlassen haben, sehen einige Wikipedia-Benutzer Kemper als „man on a mission“, der gemäß seiner politischen Agenda in die Wikipedia eingreifen wolle. Kemper selbst bezeichnete solche Vorwürfe als „absurd“: Diese Sichtweise beruhe darauf, dass die Wikipedia-Gemeinschaft sich selbst als „unpolitisch“ und „post-gender“ definiere, was Kemper für einen Fehler hält.[28]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Monografien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herausgeberschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Maskulisten. Organisierter Antifeminismus im deutschsprachigen Raum. Unrast, Münster 2012, ISBN 978-3-89771-523-3. (Darin als Autor: Männerbewegung versus Männerrechtsbewegung. S. 28–45 und Maskulinismus als Virtualität – Breiviks Antifeminismus. S. 101–121.)[27]

Buchbeiträge und Aufsätze (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Kampf um Anerkennungsordnungen. In: Christoph Halbig, Michael Quante (Hrsg.): Axel Honneth: Sozialphilosophie zwischen Kritik und Anerkennung. Lit Verlag, Münster 2004, ISBN 3-8258-5769-7, S. 87–92.
  • Utopien eines nicht-ausgrenzenden Bildungssystems. In: Ingolf Erler (Hrsg.): Keine Chance für Lisa Simpson? Soziale Ungleichheit im Bildungssystem. Mandelbaum, Wien 2007, ISBN 978-3-85476-220-1, S. 291 ff.
  • Sarrazins deutschsprachige Quellen. In: Michael Haller, Martin Niggeschmidt (Hrsg.): Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz: Von Galton zu Sarrazin: Die Denkmuster und Denkfehler der Eugenik. Springer VS, Wiesbaden 2012, ISBN 978-3-531-18447-0, S. 49–67.
  • mit Heike Weinbach: Unter den Schichten, da liegt die Klasse: Präsenz und Absenz von Klassismus in der Psychologie. In: Verhaltenstherapie & Psychosoziale Praxis. Nr. 3/2008, ISSN 0721-7234.
  • Die grauen Herren der Ungleichzeitigkeit. (Auch) eine bildungspolitische Interpretation der Sarrazin-Thesen. In: Forum Wissenschaft. Nr. 1/2011. ZDB-ID 2017835-9.
  • Zusammen mit Charlott Schönwetter: Reproduktion männlicher Machtverhältnisse in der Online- Enzyklopädie Wikipedia. In: Heilmann, A., Jähnert, G., Schnicke, F., Schönwetter, C., Vollhardt, M. (Hrsg.): Männlichkeit und Reproduktion. Zum gesellschaftlichen Ort historischer und aktueller Männlichkeitsproduktionen. Springer VS, Luxemburg/Berlin 2014, ISBN 978-3-658-03984-4, S. 271–290.

Expertisen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Keimzelle der Nation? Familien- und geschlechterpolitische Positionen der AfD – eine Expertise. Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 2014, ISBN 978-3-86498-827-1. (pdf; 412 kb)
  • Keimzelle der Nation – Teil 2. Wie sich in Europa Parteien und Bewegungen gegen Toleranz, Vielfalt und eine progressive Geschlechter- und Familienpolitik radikalisieren. Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin 2014, ISBN 978-3-95861-013-2. (pdf)
  • „… die neurotische Phase überwinden, in der wir uns seit siebzig Jahren befinden“. Die Differenz von Konservativismus und Faschismus am Beispiel der „historischen Mission“ Björn Höckes (AfD). Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen, Jena, Mai 2015 (PDF).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Andreas Kemper – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. „Was machst Du hier? Du gehörst hier nicht hin!“: Andreas Kemper engagiert sich für Arbeiterkinder. (Memento vom 6. Oktober 2014 im Internet Archive) In: wissen|leben. Die Zeitung der Universität Münster. 7. Juli 2010, im Internetarchiv.
  2. a b Ingrid Strobl: Wer glaubt Ihr, dass Ihr seid? oder von der Bildungsferne an die Uni, SWR2, 12. Dezember 2013.
  3. Andreas Kemper: Anzüge und Krawatten?, Rosa-Luxemburg-Stiftung
  4. Zitiert in: Gisa Margarete Zigan: FRAUEN ANTE PORTAS. Dissertation 2013, S. 10.
  5. Siehe Autorinnen und Autoren: Alexander Häusler (Hrsg.): Die Alternative für Deutschland. Programmatik, Entwicklung und politische Verortung. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2016, ISBN 978-3-658-10638-6, S. 249.
  6. a b Kontakt. Auf: andreaskemper.wordpress.com am 27. August 2013.
  7. a b Yvonne Globert: Diskriminierung. Arbeiterkind muss draußen bleiben. In: Frankfurter Rundschau. 23. Januar 2010.
  8. Bernd Kramer: Uni Münster erkennt keine Arbeiterkinder. Auf: taz.de, 4. Oktober 2012.
  9. „Sarrazin ist kein Intelligenzforscher“. Bernd Drücke, Matthias Schmidt und Volkan im Gespräch mit dem Soziologen Andreas Kemper, in: Graswurzelrevolution 389 vom 9. Mai 2014. Siehe auch linksnet.de
  10. Bspw.:
  11. Redezeit mit Andreas Kemper: Eine Alternative für Deutschland? (Memento vom 3. Februar 2015 im Internet Archive) auf wdr5.de, 24. Januar 2014
  12. Andreas Kemper, Gremieninformationssystem der WWU Münster, abgerufen am 31. Januar 2015.
  13. Andreas Kemper, Heike Weinbach: Klassismus. Eine Einführung. Unrast, Münster 2009, ISBN 978-3-89771-467-0.
  14. Torsten Bewernitz: Klassismus oder Klassenkampf? In: Grundrisse, Zeitschrift für linke Theorie & Debatte.
  15. Vom Rassismus und Sexismus zum Klassismus. Der Soziologe Andreas Kemper über Klassismus und die Alltäglichkeit von Diskriminierung und Exklusion. Interview von Jens Wernicke mit Andreas Kemper. In: Telepolis. 11. Oktober 2010.
  16. Gudrun Perko: „Klassismus. Eine Einführung“. Auf: dieStandard.at, 29. Januar 2010.
  17. Andreas Kemper: „Dekadenz“ erweitert die aktuelle Sozialeugenik-Debatte. Zur Dekadenz der Einheitsschule. der Freitag, 15. Februar 2010, abgerufen am 5. Februar 2014.
  18. Michael Fleischhacker: Dekadent sind Westerwelles Gegner. In: Die Presse. 27. Februar 2010, S. 33.
  19. Ines Weber, Rezension zu: Andreas Kemper: Die Maskulisten. In: Portal für Politikwissenschaft, veröffentlicht am 6. Dezember 2012. Ines Weber ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialwissenschaften im Bereich Politikwissenschaft der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und Mitherausgeberin der politikwissenschaftlichen Zeitschrift diskurs.
  20. Christian Meier: Antifeminismus-Pranger vom Netz genommen – vorübergehend. In: WELT.de. 7. August 2017, abgerufen am 7. August 2017.
  21. Andreas Kemper: Sarrazins deutschsprachige Quellen. In: Michael Haller, Martin Niggeschmidt (Hrsg.): Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz. Von Galton zu Sarrazin: Die Denkmuster und Denkfehler der Eugenik. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2012, ISBN 978-3-531-18447-0, S. 49–67. doi:10.1007/978-3-531-94341-1_4.
  22. Buchautor Andreas Kemper wirft Vertretern der Alternative für Deutschland Demokratiefeindlichkeit vor. Interview mit Spiegel Online, 21. Juli 2013.
  23. Alternative für Deutschland: Eine Alternative zur Demokratie? Der Soziologe und Autor Andreas Kemper zu den antidemokratischen Zielen der AfD, der ersten „Facebook-Partei“ Deutschlands. In: Telepolis. 9. Juni 2013.
  24. Soziologe Andreas Kemper: „AfD hat demokratiefeindliche und homophobe Tendenzen“. In: Focus. 21. Juli 2013. Abgerufen am 22. August 2013.
  25. Kai Arzheimer: Politisches System Deutschland [Rezension]. In: Politische Vierteljahresschrift 56 (2015) 4, S. 702–707, hier: S. 705. doi:10.5771/0032-3470-2015-4-702
  26. Maria Fiedler: AfD: Ist Björn Höcke Landolf Ladig? In: zeit.de. 13. April 2017, abgerufen am 7. August 2017.
  27. a b Ralf Homann: Maskuline Muskelspiele. (PDF; 628 kB) Auf: ard.de. Bayern 2, Sendemanuskript, S. 8.
  28. Wikiwoman Unite: Und in Deutschland? In: Emma, Nr. 1, Januar/Februar 2013, S. 40.