Soll und Haben (Roman)

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Soll und Haben ist ein 1855 erschienener Roman in sechs Büchern von Gustav Freytag (1816–1895). Er gehörte bis in die frühen Jahre des 20. Jahrhunderts zu den Bestsellern[1] und ist ein Beispiel des deutschsprachigen Bürgerlichen Realismus und zugleich des Literarischen Antisemitismus. Franz Mehring bezeichnet den Roman als den meistgelesenen des 19. Jahrhunderts.[2]

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Roman war anfangs kürzer und nur auf die ersten 3 Bücher hin konzipiert. Ursprünglich war die politische Stoßrichtung gegen den Adel gerichtet, die jüdischen Figuren waren Bestandteil der Geschichte des verdienten Ruins der Adelswelt, später setzte Freytag die Akzente eher auf die Kritik des Spekulantentums. Der Roman war insgesamt ein Vehikel zur Verbreitung politischer Vorstellungen[3] und eine Auftragsarbeit.[4]

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die unheimlichste Stätte in Freytag’s „Soll und Haben“ – Illustration in der Zeitschrift Die Gartenlaube (1872)

Anton Wohlfart, Sohn eines Buchhalters, wird auf die Bitte seines verstorbenen Vaters hin in das Kontor von Herrn T. O. Schröter in Breslau aufgenommen. Auf dem Weg zur Stadt lernt er durch Zufall Lenore, die Tochter des Freiherrn Rothsattel kennen, in die er sich verliebt. Am selben Tag begegnet er auch Veitel Itzig, einem jüdischen ehemaligen Schulkameraden, welcher ihn in die Stadt begleitet.

Der junge Anton arbeitet sehr gewissenhaft in diesem Kontor, was ihm eine verkürzte Lehrzeit verschafft. Sein neuer Freund, Fritz Fink, erreicht bald, dass Anton zu Tanzstunden des Adels eingeladen wird, wo er Lenore wieder trifft. Als er aber von Gerüchten über seine Herkunft erfährt, bricht er mit der adeligen Gesellschaft, was ihm wegen der Bekanntschaft mit Lenore sehr leid tut. Später lernt er Bernhard kennen, den Sohn des jüdischen Kaufmanns Hirsch Ehrenthal, welchen er sofort in sein Herz schließt.

Für Herrn Ehrenthal arbeitet nun Veitel Itzig, welcher von dem ehemals sehr erfolgreichen Rechtsanwalt, Herrn Hippus, unterrichtet wird. Herr Hippus verlor seinen Ruhm aufgrund unehrlicher Geschäfte mit Kunden. Als Familie Rothsattel ihrer verschwenderischen Lebensweise wegen in Geldsorgen gerät, macht Herr Rothsattel einige Geschäfte mit Herrn Ehrenthal, welcher von Veitel Itzig mittlerweile stark beeinflusst wird. Als die Geldsorgen den Baron nun schwerer drücken, beschließt er eine Zuckerfabrik auf seinem Gut zu errichten. Obwohl Herr Ehrenthal weiß, dass der Baron seine Schulden nicht begleichen und somit sein Gut durch den Bau der Fabrik verlieren werde, rät er ihm zu diesem, da er auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, das Gut dann zu übernehmen. Als Bernhard von diesem Vorhaben erfährt, will er den Vater davon abbringen. Dieser Versuch scheitert, da Veitel Itzig dies zu verhindern weiß, weil er selbst auf den Erhalt des Gutes hofft. Bernhard stirbt kurze Zeit später an einer Krankheit. Als der Gutsherr seine missliche Lage erkennt, versucht er sich zu erschießen, überlebt diesen Selbstmordversuch aber und verliert sein Augenlicht.

Auf den Wunsch der Baronin unterstützt Anton die Familie beim Erhalt ihres neu erworbenen polnischen Gutes, indem er das Kontor verlässt und dort arbeitet. Während dieser Zeit verteidigt er gemeinsam mit dem aus Amerika zurückgekehrten Fritz Fink das Gut gegen polnische Aufständische. Bei den Kämpfen kommt Eugen, der Sohn der Familie von Rothsattel, ums Leben. Anton bricht schließlich die Tätigkeit auf dem Gut wegen schwerwiegender Vorwürfe des verzweifelten Herrn Rothsattel ab. Fritz Fink übernimmt das Gut und bekommt Lenore zur Frau. Veitel Itzig hat inzwischen ein erkleckliches Vermögen angehäuft, wird aber immer öfter vom trinksüchtigen Hippus heimgesucht, der Geld von ihm verlangt. Da Hippus ihm als Mitwisser der unehrlichen Geschäfte immer lästiger wird, tötet ihn Veitel schließlich im Affekt. Moralisch gebrochen und polizeilich verfolgt ertrinkt Itzig bei einem Fluchtversuch. Als Anton als Besucher in sein altes Kontor kommt, wird er von Herrn Schröter in die Geschäftsführung aufgenommen und verlobt sich mit Sabine, der Schwester des Inhabers.

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Figuren des Romans werden von Gustav Freytag in drei Bezugsgruppen unterteilt. Dies sind auf der einen Seite die bürgerliche Welt, auf der anderen Seite die adelige Welt und die Juden.

  • Die bürgerliche Kaufmannsfamilie Schröter repräsentiert Freytags Ansicht nach den idealen Typen der bürgerlichen Schicht. Sie zeichnet sich durch Ordnung, Ehrlichkeit und bürgerliche Tugenden aus. Für diese Familie gab es ein reales Vorbild: Gustav Freytag war ein enger Freund der Breslauer Kaufmannsfamilie Molinari, deren Großhandelshaus unter Theodor und Leo Molinari eines der bedeutendsten Unternehmen im Breslau des 18. und 19. Jahrhunderts war.[5][6]
  • Die jüdische Kaufmannsfamilie Ehrenthal stellt die unangepasste, nach materiellem Reichtum strebende und unehrliche Gruppe dar.
  • Den Adel präsentiert die Familie Rothsattel. Sie lebt abgeschottet vom Bürgertum und fordert für sich Privilegien. Beispielhaft für das Leben über ihren Verhältnissen ist der finanzielle Ruin, der droht.

Der Held des Romans ist Anton Wohlfart. Sein Lebensweg verläuft über mehrere Stationen hin zu einem Ziel. In diesem, den ganzen Roman andauernden Prozess, entwickelt sich Anton von seinen träumerischen Illusionen zu der bürgerlichen Welt, die Freytag vertritt. Dieser vertritt die Überzeugung „dass die freie Arbeit allein das Leben der Völker groß und sicher und dauerhaft macht.“

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der NS-Geschichte wurde Freytag in den 1970er Jahren öfters vorgeworfen, in Soll und Haben antisemitische Stereotype verwendet zu haben. So sollen die Juden für ihn die Gruppe darstellen, die von Natur aus einzig auf den eigenen Vorteil bedacht ist. Er gibt ihnen als „typisch“ empfundene Namen (z.B. Veitel Itzig, Hirsch Ehrenthal). Zudem zeigt Freytag eine stark antislawische Haltung. Er beschuldige die Polen der Kulturlosigkeit und spreche ihnen deshalb ihre Tüchtigkeit bei der Arbeit ab. Als Lösung sieht er eine Anpassung an das deutsche Bürgertum, dem er generell eine höhere Tüchtigkeit bei der Arbeit zuspricht.

Daneben lässt Freytag allerdings auch jüdische und polnische Charaktere auftreten, die sich entgegen seinem klischeehaften Bild verhalten, wie etwa Bernhard, den intellektuellen Sohn Hirsch Ehrenthals und Freund Antons, der die Geldgier und die skrupellosen Geschäfte seines Vaters aufs schärfste verurteilt, sowie einen polnischen Offizier, der Anton und dessen Kontor mehrmals vor dem polnischen Pöbel schützt. Einerseits befinden sich diese Figuren in der Minderheit, andererseits bekräftigen die „Ausnahmen“ das jeweilige Stereotyp. Andere Interpreten relativieren Bernhards Rolle und sehen in seinem Tod die Bestätigung für seine geringe Bedeutung für Handlung und Autor.[7] Mark Gelber sieht in ihm einen Vertreter der Welt des Geistes in einer ganz und gar vom wirtschaftlichen Denken bestimmten Welt.[8]

Verfilmungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Soll und Haben (D, 1924), unter der Regie von Carl Wilhelm, mit Hans Brausewetter, Mady Christians, Ernst Deutsch, Hugo Döblin, Karl Etlinger, Heinrich George, Olga Tschechowa.

Im Jahr 1977 hätte Soll und Haben durch Rainer Werner Fassbinder verfilmt werden sollen, doch wurde dieses Projekt nach einer langen Debatte bezüglich des Antisemitismus des Stoffes aufgegeben.[9][10]

Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Soll und Haben. Roman in sechs Bänden, Leipzig: Fikentscher, [1855].
  • Soll und Haben. Roman in sechs Bänden, Leipzig: Hesse & Becker, [1855].
  • Soll und Haben. 3. Aufl, Leipzig, 1855.
  • Soll und Haben. Roman in 6 Büchern, Leipzig : S. Hirzel, 1887.
  • Soll und Haben. Roman in sechs Büchern. Mit einer Einleitung von Emil Ermatinger, Braunschweig / Hamburg : Georg Westermann, 1926 [Nachdruck 2009].
  • Soll und Haben. Roman in sechs Büchern, München [u.a.] : Hanser, 1977.
  • Soll und Haben. Roman in sechs Büchern. Durchges. von Meinhard Hasenbein. Mit einem Nachw. von Hans Mayer, Anmerkungen von Anne Anz. Vollst. Text nach der Erstausgabe Leipzig 1855, München : Dt. Taschenbuch-Verl., 1978 (dtv-Dünndr.-Ausg. 2044).
  • Soll und Haben. Roman in sechs Büchern, Waltrop [u.a.]: Manuscriptum, 2002.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Peter Heinz Hubrich: Gustav Freytags „Deutsche Ideologie“ in „Soll und Haben“. Scriptor-Verlag, Kronberg (Taunus) 1974. (= Scriptor-Hochschulschriften; Literaturwiss., Band 3) ISBN 3-589-20042-1.
  • Martin Gubser: Literarischer Antisemitismus, Untersuchungen zu Gustav Freytag und anderen bürgerlichen Schriftstellern des 19. Jahrhunderts. Wallstein, Göttingen 1998, ISBN 3-89244-259-2 (Zugleich Dissertation an der Universität Fribourg 1997).
  • Herbert Kaiser: Studien zum deutschen Roman nach 1848. Karl Gutzkow: Die Ritter vom Geiste; Gustav Freytag: Soll und Haben; Adalbert Stifter: Der Nachsommer. Braun, Duisburg 1977. (= Duisburger Hochschulbeiträge, Band 8) ISBN 3-87096-137-6.
  • Michael Schneider: Geschichte als Gestalt. Formen der Wirklichkeit und Wirklichkeit der Form in Gustav Freytags Roman „Soll und Haben“. Heinz, Stuttgart 1980. (= Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik, Band 83) ISBN 3-88099-087-5.
  • Karin Wirschem: Die Suche des bürgerlichen Individuums nach seiner Bestimmung. Analyse und Begriff des Bildungsromans, erarbeitet am Beispiel von Wilhelm Raabes „Hungerpastor“ und Gustav Freytags „Soll und Haben“. Lang, Frankfurt am Main u.a. 1986. (= Marburger germanistische Studien, Band 5) ISBN 3-8204-8962-2.
  • 150 Jahre Soll und Haben. Studien zu Gustav Freytags kontroversem Roman. Hrsg. v. Florian Krobb. Königshausen und Neumann, Würzburg 2005, ISBN 3-8260-2714-0.
  • Christine Achinger: Gespaltene Moderne. Gustav Freytags Soll und Haben - Nation, Geschlecht und Judenbild, Würzburg: Königshausen & Neumann, 2007.
  • Irmtraud Hnilica: Im Zauberkreis der großen Waage. Die Romantisierung des bürgerlichen Kaufmanns in Gustav Freytags Soll und Haben. Synchron Wissenschaftsverlag der Autoren, Heidelberg 2012. ISBN 978-3-939381-44-0

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gerd Krumeich, Hartmut Lehmann: "Gott mit uns": Nation, Religion und Gewalt im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Vandenhoeck & Ruprecht, 2000, ISBN 978-3-525-35478-0, S. 74 f. (google.de [abgerufen am 14. Mai 2017]).
  2. Till van Rahden: Juden und andere Breslauer: die Beziehungen zwischen Juden, Protestanten und Katholiken in einer deutschen Grossstadt von 1860 bis 1925. Vandenhoeck & Ruprecht, 2000, ISBN 978-3-525-35732-3 (google.de [abgerufen am 14. Mai 2017]).
  3. Hans Otto Horch, Horst Denkler: Judentum, Antisemitismus und deutschsprachige Literatur vom 18. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg. Walter de Gruyter, 1989, ISBN 978-3-11-027622-0, S. 130 ff. (google.de [abgerufen am 14. Mai 2017]).
  4. Gerd Krumeich, Hartmut Lehmann: "Gott mit uns": Nation, Religion und Gewalt im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Vandenhoeck & Ruprecht, 2000, ISBN 978-3-525-35478-0, S. 74 (google.de [abgerufen am 14. Mai 2017]).
  5. Max Baselt: Freytag-Haus, vormals Molinari
  6. Kamienice przy Albrecht Strasse 55 - 58. Pod numerem 56 mieściła się palarnia kawy i sklep Maxa Schönfeldera.
  7. Gubser: Literarischer Antisemitismus, S. 222–225.
  8. Mark H. Gelber: An Alternate Reading of the Role of the Jewish Scholar in Gustav Freytag’s Soll und Haben. In: The Germanic Review, Bd. LVIII, Nr. 2, 1983, S. 83–88
  9. Tragischer Itzig. In: Der Spiegel. Nr. 11, 1977 (online).
  10. Ich habe keine Zwerge im Garten. SPIEGEL-Interview mit WDR-Intendant von Sell. In: Der Spiegel. Nr. 19, 1977 (online).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]