Eduard Engel

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Eduard Engel

Eduard Engel (* 12. November 1851 in Stolp; † 23. November 1938 in Bornim bei Potsdam) war ein deutscher Sprach- und Literaturwissenschaftler, der vor allem durch seine Kampagnen zur „Reinigung der deutschen Sprache“ bekannt wurde.

Leben[Bearbeiten]

Eduard Engel studierte von 1870 bis 1873 Indogermanistik und Philologie an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin, 1873/74 in Rostock, wo er 1874 promovierte (Dissertation: De pristinae linguae Francicae syntaxi). Schon als Student hatte er als Schreiber im Stenographenamt des Preußischen Abgeordnetenhauses gearbeitet, war von 1871 bis 1919 amtlicher Stenograph im Deutschen Reichstag und von 1882 bis 1904 Leiter des Stenographenbüros im Reichstag. 1875 heiratete er eine Spanierin (Paula Dolores de Blavieres y Mendoza, gestorben 1910). Die Ehe blieb kinderlos. 1912 wiederverheiratete er sich mit Anna Gänger (gest. 1947).

1879 wurde Engel Herausgeber des Magazins für die Literatur des Auslandes (bis 1884). Engel gab Bücher zur französischen, englischen und nordamerikanischen Literatur heraus und setzte sich als Kritiker für Autoren wie Émile Zola, Edgar Allan Poe, Wilhelm Raabe und Theodor Fontane ein. 1903 erhielt er den Professortitel, war auch Mitglied des Prüfungsamtes des orientalischen Seminars der Universität Berlin. Seine 1906 erschienene Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart erlebte achtunddreißig Auflagen. Darin verzichtet er weitestgehend auf die „Darstellung und Erörterung geistes- oder formgeschichtlicher Zusammenhänge, gar noch im Reflex auf historische und gesellschaftliche Verhältnisse“[1] und beschränkt sich auf "Kurzcharakteristiken der einzelnen Autoren und ihrer Werke"[2]. Engel vertritt darin einen konservativen Standpunkt und polemisiert vor allem gegen moderne Literaturströmungen: „Er lehnte den Naturalismus aufs schärfste ab, [...] insbesondere eiferte er gegen Hauptmann, so wie später auch gegen Rilke und George, und obendrein verbohrte er sich immer stärker in sprachpuristische Anschauungen.“[3]

Engel schrieb in früheren Jahren Novellen und befasste sich später nicht allein mit Sprache, sondern auch mit geschichtlichen und politischen Fragestellungen („Die Heimat des Odysseus: Lewkas oder Ithaka“, „Frankreichs Geistesführer“, „1914/1919. Ein Tagebuch“, „Kaspar Hauser – Schwindler oder Prinz?“). Sehr prägend für ihn war seine Liebe zur griechischen Kultur. Seinen Plan, in Griechenland ein Haus zu kaufen oder sogar das Besitzrecht über ein Landstück bzw. eine Insel zu erwerben, konnte er allerdings nie verwirklichen. Nach dem Machtantritt der NSDAP 1933 wurde Engel, ungeachtet seiner deutschnationalen Gesinnung, seine Zugehörigkeit zum Judentum zum Verhängnis. Er erhielt Publikationsverbot, seine Pension wurde gestrichen, seine erfolgreichen Werke diffamiert und nicht mehr gedruckt. Aller regulären Einkommensquellen beraubt, war er auf die Unterstützung von Freunden angewiesen. Engel starb, verarmt, 1938.

Der Sprachkritiker[Bearbeiten]

Sein strenges Sprachbewusstsein, mit dem vor allem eine Ablehnung verzichtbarer Fremdwörter einherging, entwickelte sich erst um die Jahrhundertwende. Engel veröffentlichte 1911 sein berühmtestes Werk, die Deutsche Stilkunst, in der er sich für ein fremdwortfreies Deutsch einsetzte. Die Stilkunst fand enormen Anklang als Lehrbuch des Ausdrucks und wurde bis 1932 31mal neu aufgelegt. 1943 erschien von Ludwig Reiners ein Plagiat des Engelschen Werkes mit dem Titel Stilkunst: Ein Lehrbuch deutscher Prosa, das bis in die 1990er Jahre zahlreiche Neuauflagen erlebte. Die Tatsache, dass Reiners bei Eduard Engel in weitesten Teilen abschrieb und einen äußerst geringen eigenen Beitrag leistete, war 1943 und kurz nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs bekannt, geriet aber, ebenso wie Eduard Engel selbst, in den nachfolgenden Jahren in Vergessenheit.[4] Auch nach dem Krieg wurden Engels Veröffentlichungen nicht erneut aufgelegt. In seinen Büchern führt er zahllose Fälle an, in denen Sprachwissenschaftler deutsche Ersatzbegriffe für verzichtbare (und mittlerweile zum Teil ausgestorbene) Fremdwörter verwerfen, andererseits jedoch grammatisch fehlerhafte Wendungen als richtig betrachten.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Italienische Liebeslieder, Aschersleben 1875
  • Lord Byron, 1876 („Autobiographie nach Tagebüchern und Briefen“)
  • Geschichte der französischen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart, Leipzig 1882 (9. Aufl. 1920)
  • Hat Francis Bacon die Dramen Shakespeares geschrieben? 2. Aufl. Leipzig 1883
  • Geschichte der englischen Literatur und der Literatur Nordamerikas, Leipzig 1883 (9. Aufl. 1923)
  • Psychologie der französischen Literatur, 1884 (3. Aufl. Berlin 1903)
  • Die Uebersetzungsseuche in Deutschland, 1884
  • Heines Memoiren (Hrsg.), 1884
  • Die Aussprache des Griechischen, Jena 1887
  • Griechische Frühlingstage, Jena 1887
  • Wand an Wand (Novelle), 1890
  • Ausgewiesen (Novelle), 1890
  • William Shakespeare, 1897
  • Des Lebens Würfelspiel (Novelle), 1903
  • Shakespeare-Rätsel, Leipzig 1904
  • Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart, 1906, 2-bändig (38. Aufl. 1929)
  • Goethe. Der Mann und das Werk, 1909 (14. Aufl. 1921)
  • Deutsche Stilkunst, 1911 (31. Aufl. 1931) (Digitalisat)
  • Der Wohnsitz des Odysseus, 1912
  • Deutsche Meisterprosa, 6 Auflagen im Jahr 1913
  • Volksausgabe von Goethes Werken (Hrsg.), 1913
  • Ein Tagebuch, 1914-1919 (4. Aufl. Braunschweig 1922)
  • Sprich Deutsch! Zum Hilfsdienst am Vaterland, 1916 (erschienen im vierten Jahr des Weltkrieges ums deutsche Dasein, vorangestellt das Schiller-Zitat: Die deutsche Sprache wird die Welt beherrschen; 40. Aufl. 1923)
  • Entwelschung, Verdeutschungswörterbuch für Amt, Schule, Haus und Leben, 1917 (5. Aufl. 1929; neu bearbeitet 1955 von Lutz Mackensen)
  • Gutes Deutsch, 1918 (25. Aufl. 1922)
  • Kurzgefasste deutsche Literaturgeschichte, 20 Auflagen im Jahr 1922
  • Fremdwörterbuch, 34. Aufl. 1922
  • Was bleibt? Die Weltliteratur, 1928
  • Menschen und Dinge – Aus einem Leben, Koehler & Ameling Verlag Leipzig, 1929
  • Kaspar Hauser. Schwindler oder Prinz?, Verlag Georg Westermann, Braunschweig, 6 (erweiterte) Auflagen im Jahr 1931

Literatur[Bearbeiten]

  • Gerhard Baumann: Jüdische und völkische Literaturwissenschaft. Ein Vergleich zwischen Eduard Engel und Adolf Bartels. Eher, München 1936 (antisemitische Schmähschrift)[5][6]
  • Ruth Schmidt-Wiegand: Engel, Eduard. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 4, Duncker & Humblot, Berlin 1959, ISBN 3-428-00185-0, S. 499 f. (Digitalisat).
  • Charlotte Jolles: „Dutzende von Briefen hat Theodor Fontane mir geschrieben ...“. Neuentdeckte Briefe Fontanes an Eduard Engel. In: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft. Bd. 28. Stuttgart, 1984, S. 1–59
  • Helmuth Mojem: Der gefallene Engel. Leben und Werk des Literaturhistorikers Eduard Engel. In: Neue Zürcher Zeitung. Nr. 23, 28./29. Januar 1995
  • Helmuth Mojem: Literaturbetrieb und literarisches Selbstverständnis. Der Briefwechsel Wilhelm Raabes mit Eduard Engel. In: Jahrbuch der Raabe-Gesellschaft. Tübingen, 1995, S. 27–87
  • Anke Sauter: Eduard Engel. Literaturhistoriker, Stillehrer, Sprachreiniger. Ein Beitrag zur Geschichte des Purismus in Deutschland. (= Dr. Rabes Doktorhüte; 4). Collibri, Bamberg 2000, ISBN 3-926946-43-1 (zugl. Dissertation, Universität Bamberg, 1999).
  • Gottfried Fischer: Dem Sprachpfleger Eduard Engel zum 150. Geburtstag. In: Wiener Sprachblätter. 1/2002, S. 3-5. Muttersprache, Wien 2002.
  • Judith Hansen: Engel, Eduard. In: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950. Bd. 1: A–G. de Gruyter, Berlin, New York, 2003, S. 437–438

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Eduard Engel – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Helmuth Mojem: Der gefallene Engel. In: Neue Zürcher Zeitung. Nr. 31, 28./29. Januar 1995
  2. Helmuth Mojem: Der gefallene Engel. In: Neue Zürcher Zeitung. Nr. 31, 28./29. Januar 1995
  3. Helmuth Mojem: Der gefallene Engel. In: Neue Zürcher Zeitung. Nr. 31, 28./29. Januar 1995
  4. Stefan Stirnemann:Ein Betrüger als Klassiker. Eduard Engels „Deutsche Stilkunst“ und Ludwig Reiners In: Kritische Ausgabe 2/2004, S. 48–50 (PDF; 77 kB)
  5. http://www.m-daniel.ch/docs/W/nzzamsonntag_ludwigreiners.pdf
  6. Yahya A. Elsaghe: Die imaginäre Nation. Fink, 2000, S. 364 und 392 (Snippets bei Google Books)