St.-Marien-Kirche (Greifswald)

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St. Marien im Ensemble des Marktplatzes

Die evangelische St.-Marien-Kirche, im Volksmund auch Dicke Marie genannt, ist die älteste der drei großen Stadtkirchen von Greifswald. Die Evangelische Kirchengemeinde ist mit 3.100 Mitgliedern die größte in der Stadt.[1]

Baubeschreibung und Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grundriss (1900)
Innenansicht von St. Marien
Die Turmuhr
Fresken aus dem 15. Jahrhundert

Das genaue Jahr des Baubeginns der Marienkirche ist nicht feststellbar, es wird angenommen, dass nach 1260 mit der Errichtung einer Basilika begonnen wurde. 1275 wurden die Baupläne geändert und das Bauwerk als dreischiffige Hallenkirche ohne Chor weitergeführt. 1280 war der Bau im Wesentlichen abgeschlossen, doch kann man vermuten, dass am Langhaus noch bis in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts gearbeitet wurde.[2]

Die St.-Marien-Kirche ist ein 67 Meter langer Backsteinbau mit einem dreistöckigen Turm, der von einem mächtigen Satteldach überdeckt wird. Der Ostgiebel ist als gerade Wand errichtet worden. Er besticht durch seine Schmuckelemente aus schlanken Pfeilern und Spitzbogenblenden, ein gelungenes Beispiel norddeutscher Giebelornamentik. Das Turmuntergeschoss mit seinen bis zu viereinhalb Meter starken Mauern war bereits Anfang des 14. Jahrhunderts fertiggestellt. Es ist heute durch eine Vorhalle verdeckt. Das Mittelgeschoss ist mit Spitzbogenblenden versehen, und der eingerückte Oberteil besitzt Schalllöcher. Den Abschluss bildet ein Zeltdach, das erst 1780 anstelle des vom Krieg 1678 beschädigten Spitzhelm aufgesetzt wurde. Im Untergeschoss befindet sich eine mittelalterliche Gerichtshalle, sie ist in Europa einmalig.[3] Ein großes Tretrad zum Anheben von Lasten steht ebenfalls im Turm.[4] Neben der Turmvorhalle besitzt die Marienkirche nur noch die Annenkapelle aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts als Anbau. Sie besitzt ein sechsteiliges Gewölbe mit polygonalen Rippen. Im Innern gliedern vier Pfeilerpaare, die die flachen Kreuzrippengewölbe tragen, den 21 Meter hohen Raum. An ihnen sind die einzelnen Bauphasen von Ost nach West ablesbar. Während der französischen Besetzung verlor die Kirche den größten Teil ihrer Ausstattung. Die mittelalterliche Bemalung wurde zwischen 1977 und 1984 wiederhergestellt. Die Gedächtniskapelle, auch Passionskapelle genannt ist die östliche der Kapellen neben dem Turm. Die Wandmalereien in Seccotechnik zeigen vier Szenen aus der Passion Christi: Jesus betet in Gethsemane, Jesus wird gefoltert, der Kreuzweg und die Kreuzigung. Die mit 1411 datierten Wandmalereien wurden in der Zeit von 1983 bis 1984 renoviert.[5]

Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wertvollstes Inventarstück ist die Kanzel von 1587, die von dem Rostocker Kunsttischler Mekelenborg angefertigt wurde. Sie ist reich mit hölzernen Intarsien geschmückt, die Landschaften und Personen darstellen, unter anderem eine Abbildung Luthers.
  • Der spätgotische Schnitzaltar wurde vermutlich Anfang des 16. Jahrhunderts von einem schwäbischen Künstler hergestellt und gibt die Grablegung Christi wieder. Ein weiterer Altar zeigt die Geburt Christi nach Correggio, kopiert 1806 von Friedrich August von Klinkowström.[6]
  • Im Innenraum befinden sich auch zahlreiche Grabsteine, darunter der Gedenkstein des Bürgermeisters und Universitätsgründers Heinrich Rubenow von 1462. Neben seiner figürlichen Darstellung erinnert eine Inschrift an seinen gewaltsamen Tod.[7]
  • An der Nordwand der Kirche steht die barocke Schauwand einer ehemaligen Grabkapelle für den Hofrat Franz Edler von Essen (* 1650; † 1714) und dessen Ehefrau. Die Bemalung stammt laut Inschrift aus dem Jahre 1723, die Anlage selbst kann etwas älter sein. Die zur Schauwand gehörende Skulptur der Verschwiegenheit wurde 2013 restauriert, die übrige Anlage ist noch restaurierungsbedürftig.[8]
  • 1985 gestaltete der Maler Helmut Maletzke die Heldengedenktafel für die im Zweiten Weltkrieg Gefallenen zu einem Mahnmal gegen den Krieg um. Sie befindet sich in der Turmhalle. Die Tafel wurde 1943 während des Krieges angefertigt und gemäß den damaligen Gepflogenheiten mit dem Namen, dem Dienstgrad und dem Todestag des Gefallenen versehen. Die Tafel war 340 × 190 cm groß und enthielt in der oberen Zeile einen Text, der die Worte Tod für Führer und Vaterland enthielt. In dieser Form hing die Tafel bis 1945 neben dem Altar in der Kirche. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden die dann kritisierten Worte gestrichen, sie wurden als Verherrlichung des Krieges empfunden. Einige Zeit später wurde die Tafel aus der Kirche entfernt, was den Unmut der Angehörigen hervorrief. 1984 sollte die Tafel durch eine künstlerische Bemalung so verändert werden, dass sie statt den Krieg zu verherrlichen, diesen mit seinen grausamen Seiten zu schildern.[9] Den Entwurf fertigte Helmut Maletzke an, Mittelpunkt des Bildes ist der gekreuzigte Christus, dessen Kreuz die gesamte Bildfläche überspannt. Die Tafel wurde so übermalt, dass Fragmente der ursprünglichen Schrift erhalten blieben. Die Arbeit wurde nach Prüfung durch die staatlichen Behörden des Bezirkes Rostock als ideologisch nicht bedenklich eingestuft und dann 1987 bei der X. Kunstausstellung der DDR in Dresden vorgeschlagen, allerdings wurde nur in einem abgelegenen Bereich ein Foto gezeigt.
  • In zwei Büchern sind die Namen der Gefallenen beider Weltkriege verzeichnet, die Bücher liegen in der Passionskapelle aus.[10]

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Marienorgel

Die Marienkirche muss bereits Anfang des 15. Jahrhunderts eine Orgel besessen haben, es existieren Rechnungen, nach denen es zu der Zeit eine große und eine kleine Orgel gab. Das Instrument, das vor der Mehmelorgel in der Kirche stand, baute Christian Welt aus Grimmen im Jahre 1757. Diese Orgel besaß 24 klingende Register, zwei Manualen und ein Pedal. Es stand über dem Südportal auf einer Empore, welche heutzutage zugemauert ist, da sich dahinter die Annenkapelle befindet. Etliche Male wurde diese Orgel repariert und wurde so schadhaft, dass die Anschaffung einer neuen Orgel erforderlich wurde.[11] Die heutige Orgel stammt aus dem Jahr 1866 und wurde von dem Stralsunder Orgelbauer Friedrich Albert Mehmel erbaut. Sie ist das größte noch erhaltene Instrument Mehmels. Die Orgel ist genau auf den Raum abgestimmt und hat auch bei voller Kirche ihren typisch satten Raumklang. Das Instrument hat mechanische Schleifladen und insgesamt 37 Register, darunter 5 Extensionen (Pedal).[12] Eine aus Bad Liebenwerda stammende Firma führte ab 1988 eine in mehrere Abschnitte angelegte Generalreparatur durch, welche 1991 mit dem Einbau der neuen Prospektpfeifen abgeschlossen wurde. Eine umfängliche Instandsetzung durch Verschleiß vieler Originalbauteile der Orgel fand von 2017 bis 2018 statt.

I Hauptwerk C–
1. Bordun 16′
2. Principal 8′
3. Concertflöte 8′
4. Gemshorn 8′
5. Viola di Gamba 8′
6. Gedackt 8′
7. Hohlflöte 8′
8. Octave 4′
9. Gemshorn 4′
10. Quarte II
11. Mixtur IV-V
12. Cornett IV
13. Trompete 8′
II Oberwerk C–
14. Bordun 16′
15. Principal 8′
16. Rohrflöte 8′
17. Octave 4′
18. Rohrflöte 4′
19. Quinte 223
20. Waldflöte 2′
21. Progr. Harm. II-III
22. Oboe 8′
III Fernwerk C–
23. Geigenprincipal 8′
24. Salicional 8′
25. Flauto traverso 8′
26. Geigenprincipal 4′
Pedal C–
27. Principal 16′
28. Subbaß 16′
29. Violon 16′
30. Quinte 1023
31. Octavbaß 8′
32. Gedackt (aus Nr.28) 8′
33. Violon (aus Nr.29) 8′
34. Quinte (aus Nr.30) 513
35. Octavbaß (aus Nr.31) 4′
36. Posaune 16′
37. Trompete (aus Nr.36) 8′

Glocken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Turm der Marienkirche hängen drei Glocken. Die Wächterglocke, 1569 von Johannes de Borch gegossen, ist gesprungen und wurde 1981 durch ein Replikat mit einer inhaltlichen wie typographischen Kopie der alten Inschrift ersetzt. Die große Betglocke wurde restauriert und wieder läutbar aufgehängt. Die kleine Glocke dient dem Uhrschlag.

Nr.
 
Name
 
Gussjahr
 
Gießer
 
Durchmesser
(mm)
Masse
(kg)
Schlagton
 
Inschrift
(Übersetzung)
1 Betglocke 1418 Johannes Karl 1610 3000 es1[13] ave regina celorvm mater / regis angelorum / o maria flos virginvm velvt rosa vel lilivm / fvnde preces ad filivm pro salvte fidelivm / o rex glorie veni cvm pace / anno dni mccccxviii (Sei gegrüßt, Königin der Himmel, Mutter des Königs der Engel, o Maria, Blüte der Jungfrauen, wie eine Rose oder Lilie, schütte aus die Gebete vor dem Sohn für das Heil der Gläubigen. O König der Ehren, komm mit Frieden. Im Jahre des Herrn 1418.)
2 Wächterglocke
(Saufglocke)
1981 ges1[14] De Wachter Klocke bin ick genannt, Allen fuchten Broders wohl bekannt, Kroger, wen du horest minen luth, So jach de Geste tom huse uth. 1569. (Die Wächterglocke werde ich genannt, allen feuchten Brüdern wohlbekannt. Krüger, wenn du hörst meinen Laut, so jag' die Gäste zum Hause raus!)
I Kleine Glocke 1614 es2 Sit nomen domini benedictum Dinnies Droyse an. Dni 1614. (Der Name des Herrn sei gelobt. Dinnies Droyse, im Jahre des Herrn 1614.)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Größe der Gemeinde
  2. Baugeschichte
  3. Gerichtshalle
  4. Tretrad (Memento des Originals vom 7. Mai 2014 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.marien-greifswald.de
  5. Gedächtniskapelle
  6. Michael Lissok: Neuzeitliche Gemäldekopien von Werken Alter Meister in den Kirchen Vorpommerns, in: Wirklichkeit und Wunschbild VIII, Greifswalder Romantikkonferenz, Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums 1998.
  7. Gedenkstein Rubenow
  8. Felix Schönrock, Detlef Witt: Die Verschwiegenheit – eine Tugend in Pommern. Zur Rückkehr der restaurierten Skulptur des Grabmals von Essen in der Greifswalder Marienkirche. In: Pommern. Zeitschrift für Kultur und Geschichte. Heft 4/2013, ISSN 0032-4167, S. 13–17.
  9. Helmut Maletzke, Werke: 1985
  10. Gedächtniskapelle (Memento des Originals vom 7. Mai 2014 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.marien-greifswald.de
  11. Mehmel-Orgel: Zur Geschichte - Vorgängerinstrumente
  12. Zur Orgel
  13. Videoaufnahme der Betglocke (Stand: 29. November 2010)
  14. Videoaufnahme der Wächterglocke (Stand: 29. November 2010)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Marienkirche, Greifswald – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 54° 5′ 49″ N, 13° 23′ 2″ O