St. Blasii und Marien (Fredelsloh)

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Kirche St. Blasii und Marien

Koordinaten: 51° 44′ 10″ N, 9° 47′ 28″ O Die evangelisch-lutherische Kirche St. Blasii und Marien in Fredelsloh, einem Ortsteil von Moringen im Landkreis Northeim, ist ein bedeutendes Baudenkmal der Romanik in Niedersachsen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

St. Blasii und Marien, Stich von Conrad Wilhelm Hase, 1882

Die Kirche ist das einzige erhaltene Gebäude einer umfangreichen Klosteranlage aus dem 12. Jahrhundert. Der Mainzer Erzbischof Adalbert I. hatte 1132 das Augustiner-Chorherren-Stift mit dem Patrozinium des heiligen Blasius gegründet. Stiftskirche und Konventsgebäude entstanden in den folgenden Jahrzehnten. Die Stiftung durch den Mainzer Erzbischof war auch dadurch motiviert, dass Fredelsloh damals an der Grenze des Erzbistums Mainz lag, während fast der gesamte Solling dem Hochstift Paderborn unterstand. Mainz versuchte damit, einem eventuellen Vordringen Paderborns zuvorzukommen, und stattete das neue Stift mit enormem Grundbesitz und Einkünften aus. So bestätigte 1138 Erzbischof Adalbert II. die Gründung seines Vorgängers und übertrug ihr mehrere Zehnte.[1]

Noch in der Bauphase, zwischen 1144 und 1146, wurde die Anlage um einen weiblichen Konvent zum Doppelkloster erweitert. Die Kirche erhielt eine Nonnenempore mit separatem Zugang.[2] Damals dürfte das Zweitpatrozinium der Gottesmutter hinzugekommen sein. Mit einer Urkunde von 1146 nahm Papst Eugen III. das Chorherren- und Frauenstift unter Propst Bertram in Fredelsloh in seinen Schutz und bestätigte dessen Besitzungen, vor allem die beiden 1142 übertragenen Kirchen in Stöckheim und Markoldendorf. Darüber hinaus gewährte er die freie Propstwahl.[3] Weitere aus dem 12. Jahrhundert überlieferte Urkunden bezeugen Schutzmaßnahmen, erteilt 1153 von König Friedrich I. und 1155 von Erzbischof Arnold von Mainz. Letzterer übertrug dem Konvent zudem die Seelsorge in zwei neuangelegten Dörfern und überließ ihm den dortigen Zehnt.

Für das 13. Jahrhundert sind die Grafen von Dassel als Vögte bezeugt. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts verließen die Stiftsherren das Kloster. Ein Brand im Jahr 1290 verursachte schwere Schäden an Teilen der Klosteranlage. Die folgenden Jahrhunderte waren von wirtschaftlichem und kulturellem Niedergang geprägt.

1542 wurde im Fürstentum Calenberg von Herzogin Elisabeth die Reformation durchgeführt. Das Kloster St. Blasii und Marien wurde dem welfischen Klosterfonds (heute Klosterkammer Hannover) zugeführt und bestand als evangelisches Damenstift bis zum Dreißigjährigen Krieg. Die letzte urkundliche Bezeugung einer Stiftsdame stammt aus dem Jahr 1660.

Nach dem Ende des Stifts wurden die Konventsgebäude als Steinbruch verwendet und schließlich vollständig abgetragen. Da die kleine Dorfgemeinde kirchlich zu Moringen gehörte, nutzte man die Stiftskirche als Kornspeicher. In dieser Zeit war der Westbau durch eine Wand vom übrigen Kirchenraum getrennt.

Im 20. Jahrhundert wurde St. Blasii und Marien von der zum Kirchenkreis Leine-Solling gehörenden Gemeinde wieder in gottesdienstlichen Gebrauch genommen. Ihre heutige Gestalt erhielt die Kirche bei einer tiefgreifenden Restaurierung durch die Klosterkammer um 1970.

Turmfront mit Westapsis

Architektur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die äußere Gestalt der aus Wesersandstein erbauten Kirche ist weitgehend die originale. Der dreischiffigen geosteten Basilika mit Querhaus sind im Westen zwei quadratische Türme mit Satteldach vorgesetzt. Den rechteckigen Chor schließt eine halbhohe Apsis. Zwei kleinere Apsiden befinden sich an den Ostseiten der Querhausarme in Verlängerung der Seitenschiffe. Der Bauschmuck beschränkt sich auf Bogenfriese unter den Dachtraufen und wandgliedernde Gesimse. Das Hauptportal befindet sich am nördlichen Querhausarm.[4]

Als einmalig gilt der halbe Treppenturm, der wie eine Westapsis zwischen den Türmen eingefügt ist und über eine Wendeltreppe Zugang zur Nonnenempore gab. Bei einem späteren Umbau wurde der Nonnenchor durch eine Galerie ersetzt, die die Wendeltreppe mit den Türmen verbindet. Der Einbau dieser teilweise verdeckten doppelläufigen Wendeltreppe wird in das 13. Jahrhundert datiert, in einen Zeitraum also, in dem regionale Landesherren wie Ludolf II. von Dassel von Kreuzzügen zurückgekommen waren. Derartige Treppen waren sonst nur im Orient verbreitet.[5][6]

Engelsempore
Doppelbogenfries der Westapsis

Diese Westapsis ist außen mit einem Doppelbogenornament verziert. Ein in dieser Weise verschlungener Bogenfries ist im norddeutschen Raum selten; weitere Vorkommen sind die Kirche des Klosters Jerichow und die Kirche in Mandelsloh.[7]

Das Mittelschiff wird westlich von der Emporenwand abgeschlossen. Sie besteht aus 3 durch Arkaden gebildete Geschosse mit, von unten nach oben, 2, 3 und 4 Bögen, die die Neun Chöre der Engel symbolisieren. Vergleichsbauten in Altsachsen weisen nur 2 Arkadengeschosse auf mit Ausnahme der Michaeliskirche Hildesheim.

Im 17. Jahrhundert wurde der Kirchenraum auf Vierung, Chor und Querhaus verkleinert, indem auf den mittelalterlichen Kanzellettner, der die Westseite der Vierung markierte, eine Fachwerkwand gesetzt wurde. Als sich wegen des sandigen Erdbodens eine leichte Südneigung des Gebäudes abzeichnete, wurden um 1730 zusätzliche Stützpfeiler eingebaut. Um 1850 wurde der Lettner mit der aufgesetzten Wand entfernt und eine Stützmauer vor die Emporenwand gesetzt. Die Wirkung des Innenraums ist dadurch beeinträchtigt und der Westbau ist dadurch nur über die Westapsis zugänglich.

Der regelmäßige Stützenwechsel von Säulen und Pfeilern wurde bei Reparaturarbeiten nach dem Brand von 1290 verwischt, als einige Säulen durch Pfeiler ersetzt wurden. 2005 wurden Schäden an den Fugen der Türme festgestellt. Die aus diesem Grund 2013 begonnene Restaurierung wurde 2015 abgeschlossen.

Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Glocken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Pommersche Glocke In der Fredelsloher Klosterkirche befindet sich im Südturm eine Glocke, die aus dem Jahr 1736 stammt und durch die Wirren des Zweiten Weltkriegs in den kleinen südniedersächsischen Ort gekommen ist. Sie wiegt etwa 300 Kilogramm und wird als Tauf- und Stundenglocke benutzt. Laut Inschrift wurde das Stück von der Glockengießerei Scheel in Stettin für den Ort Parlin in Hinterpommern hergestellt, der heute Parlino heißt und zur polnischen Landgemeinde Stara Dąbrowa gehört. Die Glocke sollte wegen ihres Bronzegehalts im Zweiten Weltkrieg für Rüstungszwecke eingeschmolzen werden. Deswegen wurde sie nach Hamburg gebracht, wo sie aber – vermutlich wegen ihres hohen Alters – nicht dem Einschmelzen zum Opfer fiel. Nach dem Kriegsende lagerte sie mit vielen anderen noch nicht eingeschmolzenen Glocken in Hamburg auf dem Glockenfriedhof. Wie die meisten anderen Exemplare aus den ehemaligen deutschen und nun polnischen Gebieten wurde sie nicht an den Ursprungsort zurückgebracht. Auch die Gemeinde in Fredelsloh musste eine Glocke aus der Klosterkirche zum Einschmelzen abliefern. Erst 1952 sorgte der damalige Landessuperintendent Franz Wiebe (Northeim) mit der Glocke aus Parlin für Ersatz.[8]

Weitere Glocken Neben der pommerschen Glocke, die den Ton h' aufweist, hängen im Turm eine 1924 von der am Galgenberg (Hildesheim) ansässigen Firma Radler gegossene Glocke mit Ton a' und eine 1958 angeschaffte große Glocke mit Ton fis' der Glockengießer-Familie Schilling.[9]

Weitere Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Chor befinden sich zwölf Apostelreliefs aus dem 14. Jahrhundert. Zudem befindet sich dort ein steinernes romanisches Taufbecken.[9] Die Buntglasfenster stammen aus den 1970er Jahren und enthalten Darstellungen der beiden Schutzpatrone der Kirche, des Christusmonogramms sowie mit Kelch und Brotkorb Symbole für das Abendmahl Jesu.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Fritz Both: Die Klosterkirche St. Blasii und Marien in Fredelsloh (= Kleine Kunstführer für Niedersachsen. Heft 22). 2. Auflage, Göttingen 1987.
  • Horst Gramatzki: Das Stift Fredelsloh von der Gründung bis zum Erlöschen seines Konvents. Historische und baugeschichtliche Untersuchungen. 2001, ISBN 3-8311-1974-0.
  • Hans-Jürgen Kutzner, Arno Schelle, Barbara Schweikle, Gerhard Steffen: Stiftskirche Fredelsloh – Kunstgeschichtlicher Rundgang und historischer Abriss. 2012.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: St. Blasii und Marien – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Peter Acht: Mainzer Urkundenbuch. Bd. 2: Die Urkunden seit dem Tode Erzbischof Adalberts I. (1137) bis zum Tode Erzbischof Konrads (1200). Nr. 5. Selbstverlag der Hessischen Historischen Kommission, Darmstadt 1968.
  2. siehe Geschichte und Architektur sowie: Beatrix Freifrau von Wolff Metternich: Fredelsloher Stiftskirche aus der Romanik. In: Kunstführer Hildesheim Weserbergland. Hamburg 1992, S. 66.
  3. Erhard Kühlhorn: Historisch-Landeskundliche Exkursionskarte. Blatt Moringen am Solling. Hrsg.: Erhard Kühlhorn. Lax, Hildesheim 1976, ISBN 3-7848-3624-0, S. 176.
  4. Horst Gramatzki: Das Stift Fredelsloh von der Gründung bis zum Erlöschen seines Konvents. Historische und baugeschichtliche Untersuchungen. 2001, S, 162 f, books.google.de.
  5. Bericht in HNA
  6. Das Bauaufmaß dieser Treppe erfolgte unter Friedrich Mielke (Arno Schelle: Fredelsloher Fundstücke und Fragmente: Texte und Töpfe, Kloster und Keramik, Fotos und Forschung. Folge 1, 2010, S. 165–170).
  7. Horst Gramatzki: Das Stift Fredelsloh von der Gründung bis zum Erlöschen seines Konvents. Historische und baugeschichtliche Untersuchungen. 2001, S. 184.
  8. Artikel aus HNA.de vom 14. Mai 2014: Glocke aus Pommern strandete nach Zweitem Weltkrieg in Fredelsloh
  9. a b Arno Schelle (Hrsg.): Fredelsloher Fundstücke und Fragmente. Folge 2 – Texte von Fritz Both, 2014, S. 19.