St. Hildegard in der Au

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Außenansicht mit Turm

St. Hildegard in der Au war eine römisch-katholische Pfarrkirche im Kölner Stadtteil Nippes, die in den Jahren 1960/1961 nach Plänen des Architekten Stefan Leuer erbaut und zum ersten Adventsonntag 1961 geweiht wurde. Die Kirche stand unter dem Patrozinium der Heiligen Hildegard von Bingen. Sie wurde am 20. September 2020 mit einer feierlichen Messe außer Dienst gestellt und soll voraussichtlich abgerissen werden.[1]

Vorgeschichte und Bau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gründung der Kirchengemeinde St. Hildegard 1960 ging mit den Planungen zu einem Kirchenbau einher. War die Planung bis zur Baugenehmigung Ende 1959 noch von der Muttergemeinde St. Bonifatius in Nippes ausgegangen, übernahm die junge Gemeinde im März 1960 die Verantwortung für die Bauarbeiten selbst. Der Grundstein wurde am 29. Mai 1960 gelegt und Ende des Jahres, am 20. Dezember, das Richtfest gefeiert und kurz darauf das Pfarrhaus bezogen.

Schon wenige Wochen später nahm man die Seitenkapelle der Kirche für Werktagsgottesdienste in Gebrauch. Jugendheim und Kirchturm – den die Gemeinde zu einem Drittel selbst finanzierte – sowie der weitere Ausbau der Kirche selbst nahmen fast das ganze Jahr 1961 in Anspruch, bis am 3. Dezember 1961 die Einweihung vorgenommen werden konnte.[2]

Baubeschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fenster
Die Späth-Orgel

Der Kirchenbau liegt auf einem beinahe quadratischen Grundriss mit zwei parabelförmig abgerundeten Ecken an einer ruhigen Straßenkreuzung. Das quadratische Eingangsportal liegt am Scheitelpunkt einer der beiden Parabeln. Ein schmaler Turm auf kreisrunder Grundfläche steht völlig separat als Campanile.

Skulptur Hildegard von Bingen über dem Eingangsportal

Die Fassade ist mit kleinen quadratischen Fenstern „perforiert“ – jeweils am Scheitelpunkt mit einem farbig verglasten Fenster beginnend, dann zwei, drei, und vier übereinander, bis die insgesamt knapp 150 Öffnungen an den seitlichen Ecken bis fast zur Gemeinde herunterreichen. Die sich hierdurch ergebende Kurve korrespondiert mit den Parabelkurven der Wände. Sie lädt die Gemeinde „in einer Bewegung von unten nach oben ein[…], sich Gott zu öffnen und [erinnert] zugleich in der Bewegung von oben nach unten daran […], dass Gott zu uns herabkommt“.[3] Auch der Glockenturm ist am oberen Ende mit entsprechenden Maueröffnungen strukturiert.

Außen oberhalb des Eingangsportals öffnet sich eine kleine Nische, in der eine Skulptur der Kirchenpatronin Hildegard von Bingen sitzt.

Im Inneren teilt sich der Eingangsbereich unter einer ellipsoid auskragenden Empore in Vorhalle und Taufkapelle auf, wobei das Taufbecken zentral vor dem Eingang „im Weg“ steht, jedoch von Glasscheiben so abgetrennt wird, dass zwei Eingänge rechts und links davon in den Kirchenraum führen.

Dominierend ist jedoch die Altarseite gegenüber, auf die der Blick zu läuft – die Bankreihen fächern sich um die erhöhte Altarinsel auf, die in ihrer konkaven Rundung die der Orgelempore spiegelbildlich aufgreift.

Seitlich vom Altar auf der linken Seite führt ein Durchgang durch eine Kapelle zu weiteren Pfarrgebäuden, dieser Durchgang dient als Nebenkapelle.

Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kirche ist sehr sparsam ausgestattet und enthält keine wertvollen Kunstgegenstände,[4] was zu Beginn durchaus auch finanzielle Gründe hatte. Die Mittelstütze des zentralen Altartischs von Klaus Balke zeigt ein steinernes Dorngestrüpp mit einem Widderlamm, was mit dem Bezug zur alttestamentarischen Opferung Isaaks (1.Mo 22,13 EU) die Funktion des Altars als Opfertisch betont.[2][3] Der Künstler gestaltete auch das Tabernakel, das Altarkreuz und den Leuchter, alle Stücke sind von 1962.[5] Das Tabernakel ist einem jüdischen Thoraschrank nachgebildet und zeigt mit dem Brennenden Dornbusch ebenfalls eine alttestamentarische Szene.[3]

1964 kamen von Balke noch die Kreuzwegstationen, die sich an der linken Wandseite bis in die Kapelle ziehen, hinzu. Hinter dem Altar schmücken Gobelins die Wand, die ein Motto der Hildegard von Bingen, Scivias („Wisse die Wege“), illustrieren.[6]

Die Fenster der Altarwand in den Farben weiß, gold und rot sowie die der Rückwand in weiß, blau und grün stammen von Hubert Schaffmeister.[5][3]

Jochem Pechau schuf die Hildegard-Figur in der Portalnische und das Taufbecken.

Die zweimanualige Orgel von Gebr. Späth wurde 1968 angeschafft und hat 14 Register.[5]

Das dreistimmige Geläut der Glockengießerei Petit & Gebr. Edelbrock wurde in zwei Abschnitten gegossen. 1962 begnügte man sich mit der einzelnen Helmut-Herbert-Glocke, die 1972 durch die Marien- und die Hildegardglocke ergänzt wurde. Die Schlagtöne sind a1–h1–d2.[7]

Kirchenschließung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das zunehmend baufällige Gotteshaus wurde am 20. September 2020 mit einer feierlichen Messe außer Dienst gestellt und später profaniert (entweiht). An seiner Stelle soll ein sozialer Wohnungsbau geplant sein.[1]

Der Taufstein wurde nach der Entweihung der Kirche als „sichtbares Zeichen ökumenischer Verbundenheit“ in der evangelischen Stephanuskirche in Köln-Riehl aufgestellt[8], die auch die Orgel erhalten hat.[9] Die Orgel wurde dort nach Überarbeitung durch die Orgelbaufirma Merten aufgestellt und am dritten Advent 2022 eingeweiht.[10] Der Altartisch und das Tabernakel wurden einer polnischen Pfarrei überlassen.

Vor Ausbau der Orgel wurde von der Kölner Musikergruppe Sono Kollektiv[11] der stillgelegte und entleerte Kirchenraum in 3 Videos mit Ambiente-Livemusik dokumentiert, auf denen u. a. letztmals die Orgel erklingt.[12][13][14] Die Videos wurden im Rahmen einer Kunstveranstaltung am 2. April 2022 in der Kirche uraufgeführt.[15]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Kerstin Meier: St. Hildegard in der Au Nippesser Kirche muss schließen – Sozialer Wohnungsbau geplant. In: ksta.de. 15. Juni 2020, abgerufen am 25. April 2022.
  2. a b Katholisches Pfarramt St. Hildegard in Köln Nippes (Hrsg.): St. Hildegard Köln-Nippes [St. Hildegard in der Au zu Köln-Nippes]. Köln 1962, S. 4–18.
  3. a b c d Wilfried Koch: St. Hildegard. In: sankt-engelbert-und-sankt-bonifatius.de. Abgerufen am 10. April 2020.
  4. St. Engelbert und St. Bonifatius | St. Hildegard. Abgerufen am 10. April 2020.
  5. a b c Helmut Fußbroich, Dierk Holthausen: Architekturführer Köln: Sakralbauten nach 1900. 1. Auflage. Bachem, Köln 2005, ISBN 3-7616-1683-X, S. 174–175.
  6. Monika Schmelzer: Sankt Hildegard in der Au. In: Manfred Becker-Huberti, Günter A. Menne (Hrsg.): Kirchen in Köln. Die Kirchen der katholischen und evangelischen Gemeinden in Köln. Bachem, Köln 2004, ISBN 3-7616-1731-3, S. 76.
  7. Gerhard Hoffs: Glocken katholischer Kirchen Kölns. Köln 1985, S. 598 (archive.org [PDF]).
  8. Engelbert Broich: Stephanuskirche in Köln-Riehl nach ihrer Grundsanierung mit drei Gottesdiensten wiedereröffnet. In: www.kirche-koeln.de. Abgerufen am 31. Mai 2021.
  9. Mueller: Von Nippes nach Riehl – eine Orgel zieht um. In: ev-kirche-niehl-riehl.de. 14. Dezember 2021, abgerufen am 6. April 2022.
  10. Einweihung der neuen Orgel in der Stephanuskirche. In: kirche-koeln.de. 5. Januar 2023, abgerufen am 8. Januar 2023.
  11. Sono Kollektiv. In: Luis Weiß. 22. August 2021, abgerufen am 4. April 2022.
  12. TABERNACULA - Luis Reich & Schäfer (Sono Kollektiv/hildegard Videoserie). Abgerufen am 9. Mai 2022 (deutsch).
  13. ZENTRIFUGE - Annie Bloch (SONO KOLLEKTIV/hildegard Videoserie). Abgerufen am 9. Mai 2022 (deutsch).
  14. ENTROPIC SPACE - Joel Jaffe (Sono Kollektiv/hildegard Videoserie). Abgerufen am 9. Mai 2022 (deutsch).
  15. Kölner Stadtanzeiger vom 31.3.2022 S. 33: "Zum Abschied gibt es Klangkunst".

Koordinaten: 50° 57′ 38,9″ N, 6° 57′ 53,3″ O