St. Johannis (Mainz)

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Die Johanniskirche in Mainz. Blick von Südosten.

Die Johanniskirche gilt als älteste Kirche in Mainz,[1] zweitälteste Kathedrale auf deutschem Boden und als einziger erhaltener Kathedralbau aus merowingischer, spätkarolingischer und frühottonischer Zeit in Deutschland.[2][3] Seit ihrer Weihe 910 bis zur Weihe des etwas weiter östlich gelegenen Mainzer Doms 1036 war sie die Kathedralkirche des Erzbistums Mainz und deshalb später auch als Aldeduom (Alter Dom) bezeichnet.[4] Sie wurde 1828 von der evangelischen Gemeinde übernommen. Patron ist der Heilige Johannes der Täufer.

Christentum in Mainz und erste Bischofskirche[Bearbeiten]

Wann das Christentum in Mogontiacum erstmals Fuß fasste, lässt sich nicht eindeutig feststellen. Als derzeitiger Stand der Forschung gilt, dass es für die Zeit vor der Konstantinischen Wende weder definitive Hinweise auf ein wie auch immer organisiertes Christentum noch auf christliche Märtyrer in Mogontiacum, dem römischen Mainz, gibt.[5] Erst mit Sidonius († nach 580) gab es Mitte des 6. Jahrhunderts einen auch historisch fassbaren Bischof von Mainz.

Allerdings kann eine organisierte und unter Leitung eines Bischofs stehende Kirchengemeinde bereits um die Mitte des 4. Jahrhunderts angenommen werden. Der erste gesicherte Hinweis auf eine in Mogontiacum bestehende größere christliche Gemeinde datiert in das Jahr 368. Ammianus Marcellinus berichtete im Zusammenhang mit dem Einfall der Alamannen unter Rando von einer großen Anzahl von Christen, die sich zu einem Kirchenfest[6] versammelten und teilweise von den Alamannen verschleppt wurden.[7]

Zur gleichen Zeit darf auch schon die Existenz einer Bischofskirche angenommen werden, die sich vermutlich im Bereich der heutigen Johanniskirche befand. Der Standort einer offiziellen römischen Bischofskirche sowie deren Entstehungszeit sind jedoch nach wie vor unklar und werden in Fachkreisen kontrovers diskutiert. Relativ sicher ist, dass diese Kirche nicht unter dem heutigen Domgelände gelegen haben kann. Unter der nahe gelegenen evangelischen Kirche St. Johannis brachten Ausgrabungen in den Jahren 1905 und 1950/51 u.a. Fundamente eines spätrömischen Baus zum Vorschein. Diese konnten aber bei der damaligen, nicht publizierten Grabung nicht eindeutig einem kirchlich genutzten Gebäude zugewiesen werden. Trotzdem wurden diese Fundamente seitdem des Öfteren als Überreste der ersten Bischofskirche, die man sich als Kirchenfamilie mit einer Kathedrale vorzustellen hat, interpretiert.[8][9] Als mögliche Entstehungszeit der Bischofs- oder zumindest größeren Kirche wird mittlerweile der Zeitraum nach 350 und vor 368 (Erwähnung einer größeren christlichen Gemeinde durch Ammianus Marcellinus) angesehen.[10] Alternativ wird nach älterem Forschungsstand immer noch eine frühchristlich-fränkische Bischofskirche St. Martin mit der Marienkirche (heute St. Johannis) als Katechumenkirche postuliert[11], die aber archäologisch nicht fassbar ist.

Das christliche Gemeindeleben kam jedoch zur Zeit der Völkerwanderung zum Erliegen. Erst unter Bischof Sidonius wurde wieder kirchliches Leben in Mainz möglich. Der Dichter Venantius Fortunatus schildert, wie Sidonius Kirchenbauten erneuert. Dies ist der älteste Bericht über Kirchenbaumaßnahmen in Mainz.

Ende des 8. Jahrhunderts gab es möglicherweise einen Patrozinientausch bei der heutigen Kirche St. Johannis. Ursprünglich als oder in der Nähe einer archäologisch nicht nachweisbaren Marienkirche entstanden, ging nach der Beisetzung einiger Reliquien des Hl. Bonifatius durch Bischof Lul im Jahr 754 das Patrozinium auf Bonifatius über. Bereits 823 wird eine Bonifatiuskapelle bei der Marienkirche genannt. Da das Reliquiengrab des Hl. Bonifatius noch Ende des 18. Jahrhunderts ausdrücklich als in St. Johannis befindlich genannt wird, könnte die Bonifatiuskapelle bereits 754, spätestens aber 910, ein baulich nicht selbständiger Teil der späteren Johanniskirche gewesen sein. Literarisch bezeugt ist der Bau einer Taufkirche in Mainz unter Bischof Sidonius im 6. Jahrhundert, deren Patrozinium bei der Weihe der neuen Kathedrale auf die alte übertragen wurde. Da kein Wechsel des Bistumpatrons St. Martin in der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends anzunehmen ist, kommt auch der Hl. Martin als Patron in Betracht, zumal das Mainzer Domkapitel noch im 18. Jahrhundert am Martinstag in St. Johannis einen Gottesdienst feierte. Schließlich ist auch ein Doppelpatrozinium in Erwägung zu ziehen: der Hatto-Bau von 910 hatte zwei Chöre mit je einem Altar, die – wie im heutigen Dom auch – zwei verschiedenen Heiligen geweiht sein mussten.

Die Johanniskirche vom Mittelalter bis heute[Bearbeiten]

Bei den Baumaßnahmen ab Mitte des Jahres 2013 wurden Reste der Bausubstanz von Vorgängerbauten bis hin zur frührömischen Zeit von Mogontiacum gefunden. Auf ein nicht weiter identifizierbares römisches Bauwerk aus dem 1. Jahrhundert folgte ein in spätrömischer Zeit errichteter größerer Bau mit einer Nord-Süd-Ausdehnung von 20 m. Dieses Bauwerk, dem auch drei in der Nähe gefundene Pfeilersockel zugesprochen werden, stürzte gegen Ende der römischen Zeit ein wobei sich das eingestürzte Ziegeldach bei den Ausgrabungen 2015 noch in situ befand. Aus der gleiche Epoche stammen wahrscheinlich auch Fragmente eines künstlerisch hochwertig gearbeiteten Grabsteins mit frühchristlichem Motivschmuck und Inschriftresten.[12] Weiteres, bis zu 10 m aufgehendes Mauerwerk eines nachfolgenden Bauwerks wurde von Archäologen und Bauforschern in die folgenden Epochen der Merowinger- und Karolingerzeit datiert.

Erzbischof Hatto I. errichtet ab etwa 900 die damalige Domkirche neu und weiht diese 910 ein. Damit zählt sie nach dem Trierer Dom zu den ältesten Kathedralbauten Deutschlands. Hattos Bau ist mit im Laufe der Zeit angefügten Veränderungen die bis heute überkommene Johanniskirche. Diese Kirche war als Kathedralkirche des Bistums Mainz zunächst dem Heiligen Martin von Tours geweiht. Nach 975 beginnt Erzbischof Willigis östlich der bestehenden Kathedrale einen Kathedralneubau, den neuen Mainzer Dom. Der Neubau wird 1036 ebenfalls dem Heiligen Martin geweiht; sämtliche Ausstattung und Pfründe des Domkapitels werden von der alten Kathedrale, die in den nächsten Jahrhunderten als „Aldedu(o)m“, also als Alter Dom bekannt ist, in die neue Kirche übertragen. Nach der Weihe des Neubaus wird im Alten Dom ein Kanonikerstift eingerichtet. Erst für 1128 ist für den Alten Dom das Johannespatrozinium schriftlich überliefert, doch dürfte es bereits 1036 eingerichtet worden sein.[13]

König Heinrich wurde 1002 im Alten Dom zum König gekrönt. Und Erzbischof Erkanbald fand hier 1021 seine letzte Ruhestätte.

Wohl wegen der schlechten Fundamentierung wurde zu romanischer Zeit das Querhaus abgebrochen und die Vierung zu einem Langhausjoch umgestaltet. Mitte des 13. Jahrhunderts war die Johanniskirche in einem so schlechten Zustand, dass von Papst Gregor IX. ein Ablass zugunsten der Kirche gewährt wurde. Doch erst im 14. Jahrhundert wurde mit größeren Baumaßnahmen begonnen. Der Westchor wurde durch einen hohen gotischen Anbau ersetzt.

Zu größeren Veränderungen kam es erst wieder im Barock: 1685 wurde der Fußboden um mehr als 2 m aufgeschüttet, und ein hölzernes Kreuzgratgewölbe wurde eingezogen; 1737 wurde die Ostapsis abgebrochen und stattdessen ein Portal eingefügt; 1747 wurde der Westchor mit einer Welschen Haube überdacht; 1767 brannte das Paradies nieder, ein gedeckter Verbindungsgang zwischen Johanniskirche und Dom.

Mit der französischen Besetzung 1792 endete die Nutzung als Stiftskirche. Das Gebäude wurde als Lager und für militärische Zwecke gebraucht. Schließlich wurde das Stift auch formal mit dem Reichsdeputationshauptschluss aufgelöst. 1828 wurde die kirchliche Nutzung wiederhergestellt, die Johanniskirche wurde der evangelischen Gemeinde zur Verfügung gestellt. Aufwendige Wiederherstellungsarbeiten waren die Folge. Der Kreuzgang im Norden der Kirche ging verloren, das Ostportal und die Seitenschiffarkaden wurden zugemauert. Die abgetrennten Seitenschiffe wurden umgenutzt und zum Teil vermietet.

Ab 1906 wurde die Kirche im Jugendstil umgestaltet, nachmittelalterliche Einbauten wurden entfernt, Bauuntersuchungen fanden statt. Die Gestaltung der Kirche wurde in die Hände des Darmstädter Architekten Friedrich Pützer gelegt. Er erbaut eine neue Portalanlage im Osten und gestaltet die Seitenschiffe neu. Auch die komplette Inneneinrichtung wurde von Pützer als Gesamtkunstwerk gestaltet.

Im August 1942 brannte die Kirche nach einem Luftangriff auf Mainz völlig aus. Die Kirche wurde so stark getroffen, dass ihr Abriss erwogen wurde. Den Wiederaufbau leitete der Darmstädter Architekt Karl Gruber. Er ließ sämtliche Einbauten Pützers entfernen. Er orientierte sich in seinem Entwurf am Idealbild des ursprünglichen spätkarolingischen Kirchenbaus Hattos. Wohl aus Geldmangel wurde das schon im Mittelalter verlorengegangene Querhaus nicht rekonstruiert, auch die zerstörte Welsche Haube des Westchores konnte nicht wiederhergestellt werden. Die Tieferlegung des Fußbodens auf ihr ursprüngliches Niveau scheiterte nicht zuletzt aus statischen Gründen, da die alten Fundamente mangelhaft sind. Die barocken Holzgewölbe wurden nicht rekonstruiert, stattdessen ließ Gruber eine hölzerne Spitztonne einziehen, die der ursprünglichen Raumwirkung eines offenen Dachstuhl nahekommt und zum hohen gotischen Westchor vermittelt.

Im September 1956 wurde die Johanniskirche nach der Renovierung wieder eingeweiht. Seit Herbst 2009 werden umfangreiche Renovierungsarbeiten an Dachstuhl und Mauerwerk des Gebäudes durchgeführt. Zur Aufbringung der notwendigen Mittel wurden zahlreiche Veranstaltungen, u.a. unter anderem ein Benefizkonzert im benachbarten katholischen Dom geplant. Bedeutende Funde wurden im Sommer 2013 gemacht, als man eine Fußbodenheizung einbauen wollte.[14]

Architektur[Bearbeiten]

Hattos Kirche ist einer der wenigen erhaltenen spätkarolinigschen Kirchenbauten. Sie wurde als Basilika errichtet, ihr breites Mittelschiff ist höher als die schmalen Seitenschiffe. Das Gebäude wurde als Doppelchoranlage in Ost-West-Richtung angelegt.

Im Osten liegt ein Chorraum von der Breite des Mittelschiffs. Die Seitenwände des Ostchors werden durch je zwei Rundbogenfenster und darüberliegenden Rundfenstern (sog. Okuli) geöffnet. Westlich an den Chor schließt ein rechteckiges Langhaus an, das von schmalen Seitenschiffen flankiert wird. Die Mittelschiffswände werden im oberen Bereich (dem Obergaden) durch je vier Rundbogenfenster durchbrochen, darunter öffnen sich jeweils vier Arkaden (heute geschlossen) in die ehemaligen Seitenschiffe (jetzt Gemeinderäume). An dieses Langhaus schließt ein quadratisches Joch an, das heute dem östlichen ähnelt, allerdings zur Erbauungszeit die Vierung von Langhaus und Querhauses gewesen ist. Darauf folgte zu spätkarolingischer und romanischer Zeit wahrscheinlich eine halbrunde Apsis, die im 14. Jahrhundert durch einen hohen gotischen Chor über quadratischem Grundriss ersetzt wurde.[15]

Orgel[Bearbeiten]

Die Orgel wurde 1961-1962 von der Orgelbaufirma Förster & Nicolaus (Lich) erbaut. Das Schleifladen-Instrument hat 40 Register auf drei Manualen und Pedal. Die Spieltrakturen sind mechanisch, die Registertrakturen elektrisch. Die Orgel wurde später mit einer elektronischen Setzeranlage und Sequenzer ausgestattet.[16]

I Hauptwerk C–
Pommer 16’
Prinzipal 8’
Spillflöte 8’
Oktave 4’
Prinzipal 2’
Mixtur VI
Fagott 16’
Trompete 8’
Schalmei 4’
II Rückpositiv C–
Holzgedackt 8’
Quintadena 8’
Praestant 4’
Rohrflöte 4’
Spitzflöte 2’
Quinte 11/3
Sesquialtera II 22/3'
Scharf V
Krummhornregal 16’
Vox humana 8’
Tremulant
III Schwellwerk C–
Rohrflöte 8’
Spitzgedackt 8’
Koppelflöte 4’
Weidenpfeife 4’
Nasard 22/3
Blockflöte 2’
Oktave 1’
Schreipfeife I-III
Zimbel IV
Musette 8’
Tremulant
Pedalwerk C–
Prinzipal 16’
Subbass 16’
Oktavbass 8’
Gemshorn 8’
Octave 4’
Nachthorn 2’
Basszink IV
Rauschbaß V
Posaune 16’
Bombarde 8’
Clairon 4’
  • Koppeln: II/I, III/I, I/P, II/P, III/P

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. „Die Kirche ist die älteste der Stadt sowohl nach den Nachrichten als auch nach der erhaltenen Bausubstanz.“  Fritz Arens: Mainz, St. Johannis. In: Kleine Kunstführer. Nr. 1109, 1977, S. 2, DNB 790203286.
  2. Großes Interesse an „Sensationsfund“. Abgerufen am 13. Juli 2015: „Die Bausubstanz reicht über die Zeit Bischof Hattos (um 900) hinaus bis in merowingische, spätantike und römische Zeit...„Der Sensationsfund“, so Glatz, „sind die bis zu zehn Meter in die Höhe reichenden Mauerreste, die auf die Merowingerzeit zurückzuführen sind.“
  3. Historisches Mainz: Johanniskirche. Abgerufen am 11. Januar 2013: „St. Johannis ist nicht nur die älteste Kirche in Mainz sondern auch die einzige noch erhaltene Kathedrale aus spätkarolingischer/frühottonischer Zeit in Deutschland.“
  4. Eugen Ewig: Die ältesten Mainzer Patrozinien. Frühgeschichte des Bistums Mainz. In: Eugen Ewig: Spätantikes und Fränkisches Gallien. Gesammelte Schriften (1952-1973). München 1979, S. 156
  5. Walburg Boppert: Zur Ausbreitung des Christentums in Obergermanien unter besonderer Berücksichtigung der Situation in der Provinzhauptstadt Mogontiacum. In: Wolfgang Spickermann, Hubert Cancik, Jörg Rüpke (Hrsg.): Religion in den germanischen Provinzen Roms. S. 383.
  6. Leonhard Schumacher nimmt an, dass es sich hierbei um das Osterfest am 20. April 368 gehandelt hat.
  7. Ammianus Marcellinus 27,8,1 und 27,10,1.
  8. Jürgen Oldenstein: Mogontiacum. In: Heinrich Beck, Dieter Geuenich und Heiko Steuer (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 20: Metuonis – Naturwissenschaftliche Methoden in der Archäologie. S. 152.
  9. Karl-Viktor Decker, Wolfgang Selzer: Mainz von der Zeit des Augustus bis zum Ende der römischen Herrschaft. In: Hildegard Temporini, Wolfgang Haase (Hrsg.): Aufstieg und Niedergang der römischen Welt: Geschichte und Kultur Roms im Spiegel der neueren Forschung. Band II.5.1, Walter de Gruyter, Berlin 1976, ISBN 3-11006-690-4, S. 530.
  10. Hans Werner Nopper: Die vorbonifatianischen Mainzer Bischöfe. Eine kritische Untersuchung der Quellen zu den Anfängen des Bistums Mainz und zur Zuverlässigkeit der Bischofslisten. Books on Demand Gmbh 2002, ISBN 3-83112-429-9, S. 41 ff.
  11. Ludwig Falk: Von der fränkischen Zeit bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. In: Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz (Hrsg.): Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz. Band 2.2.: Stadt Mainz – Altstadt. In: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. 3. Auflage. Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms 1997, ISBN 3-88462-139-4, S. 15 ff.
  12. Fragment von frühchristlichem Grabstein in Mainz gefunden. Abgerufen am 13. Juli 2015.
  13. Ludwig Falk, S. 100
  14. Markus Schug: Alter Dom viel älter als gedacht. faz.net, 27. Februar 2014, abgerufen am 27. Februar 2014
  15. Ausgrabungen in der Mainzer Johanniskirche: "Am spannendsten ist es, wenn etwas geöffnet wird" aus der SWR Landesschau Rheinland-Pfalz aufgerufen am 17. März 2014.
  16. Informationen zur Orgel

Weblinks[Bearbeiten]

49.9983333333338.2722222222222Koordinaten: 49° 59′ 54″ N, 8° 16′ 20″ O