St. Marien (Göttingen)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
St. Marien
Die St. Marienkirche mit der Kommende im Vordergrund

Die St. Marienkirche mit der Kommende im Vordergrund

Daten
Ort Göttingen
Baustil Gotik
Baujahr 1319–1510
Besonderheiten
Altar von 1524
Blick von der Johanniskirche auf die Marienkirche

Die ev.-luth. Pfarrkirche St. Marien in Göttingen ist eine von sieben Kirchen in der Göttinger Innenstadt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Geschichte der Marienkirche ist eng mit der Niederlassung des Deutschen Ordens in Göttingen verbunden. Sie wurde als Pfarrkirche der, seit etwa 1280 bestehenden Göttinger Neustadt, einer längeren Häuserzeile westlich der Stadtmauern, errichtet, und war zunächst nur ein bescheidenes einschiffiges Gotteshaus in der Größe des heutigen Mittelschiffs. 1290 durch Herzog Albrecht II. von Braunschweig gegründet, wurde die Kirche im Jahre 1295 erstmals als „kleines Jerusalem vor Göttingen“ erwähnt. Zudem wurden, angeblich durch den Bischof von Lyon, Ablassbriefe für den Besuch der Kirche ausgegeben.

Im Jahre 1318 wurde die Kirche mitsamt den angrenzenden Höfen dem Deutschen Orden übertragen. Fortan diente die Kirche zugleich als Ordens- und Pfarrkirche. Das Gebäude der Ordensniederlassung, die Kommende, entstand noch im Jahr der Übertragung, westlich der Kirche. Von der Kommende aus wurde der umfangreiche Grundbesitz des Ordens in der Gegend um Göttingen verwaltet.

Im Zuge des späteren Wachstums der Neustadt, die 1319 von Göttingen angekauft wurde, begann man die heutige gotische Kirche zu in Form einer dreischiffigen und dreijochigen Hallenkirche in Bruchstein zu errichten. So baute man in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts die Seitenschiffe und den Chor an das Hauptschiff. 1440 wurde der seit 1319 als Glockenturm genutzte ehemalige Torturm zur Neustadt nochmals aufgestockt. Er befindet sich zwischen Kirche und Kommende. Um 1468 wurde die Kirche neu eingewölbt und dabei zu einer Staffelhalle umgebaut. 1510 errichtete man den zweijöchigen Chor mit seinem 5/8-Abschluss neu.

Im Jahr 1524 kam das Altarretabel der Göttinger Künstler Bartold Kastrop und Heinrich Heisen in die Kirche.

Im Zuge der Reformation wurde 1531 der erste evangelische Prediger vom Rat der Stadt an der Kirche angestellt. Der katholische Deutsche Orden verweigerte jedoch seine Leistungen zur Besoldung und Nutzung der Pfarrwohnung. Nach verschiedenen Zwischenlösungen konnten die Kastenherren von St. Marien erst 1558 ein Haus auf dem Anger (heutige Angerstraße) erwerben und als Pfarrwohnung einrichten.

1784 riss man das, durch die Nähe des Leinekanals baufällig gewordene, Chorhaupt ab und gab dem Chor einen geraden Abschluss. Davor errichtet man einen, aus Teilen des Flügelaltars gefertigten, Kanzelaltar. Im Zuge dessen kamen auch neue Bänke und Emporen in die Kirche, die strahlenförmig auf den Altar und damit auf den Prediger ausgerichtet waren.

Das Gebäude der Deutschordenskommende ging 1810 in Privatbesitz und befindet sich heute im Eigentum der ev.-luth. Kirche.

Ab 1883 wurde der Innenraum nochmals, nun der Stilrichtung der Neugotik folgend, saniert. Unter der Leitung von Conrad Wilhelm Hase kamen dabei die Emporen und die Kanzel in das Gotteshaus. Auch der Altar wurde nochmals umgestaltet und erhielt seine heutige Gestalt. 1887 wurde das Chorpolygon rekonstruiert und der mittelalterliche Putz am Kirchenschiff abgenommen.

1926 kam die bedeutende Mahrenholz-Furtwängler-Orgel in die Kirche.

In den 1960ern fanden umfassende Sanierungs- und Sicherungsarbeiten statt, die letzte Innensanierung war 2003. 2016 wurde mit einer Sanierung des Daches begonnen.

Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Chorraum mit Kastrop-Altar
Madonna

Wertvollstes Ausstattungsstück ist der von Bartold Kastrop und Heinrich Heisen geschaffene ehemalige Doppelflügelaltar, also ein Altarretabel mit zwei beweglichen Flügelpaaren. In seiner ursprünglichen Form zeigte er im geschlossenen Zustand vier Szenen aus dem Marienleben. Öffnete man die äußeren Flügel, so wurde die zweite Wandlung, die sog. Sonntagsseite, sichtbar. Diese zeigte 16 Szenen aus der Passion Christi. All diese Szenen wurden von Heisen nach Holzschnitten von Albrecht Dürer gemalt. Öffnete man auch die Innenflügel, konnte man die sog. Festtagsseite mit Schnitzereien von Kastrop sehen. Die Flügel zierten jeweils acht Darstellungen von Heiligen, im Schrein umrahmten vier weitere Szenen aus dem Marienleben eine große Figur der Gottesmutter als apokalyptisches Weib. Im Zuge der Umgestaltung der Kirche 1784 wurde die Festtagsseite des Flügelaltars in einen barocken Kanzelaltar umgestaltet. Dabei rückte ein Kanzelkorb an die Stelle der Madonna. Die Flügel wurden zusammengesetzt und darüber montiert. Die Madonna wurde in einen Strahlenkranz im Altargiebel gesetzt. Bei der Innensanierung 1883 wurde der Altar nochmals dem Zeitgeschmack entsprechend umgestaltet. So ergab sich das heutige Bild. Die vier Szenen aus dem Marienleben umgeben nun ein neugotisches Kruzifix: Links die Szenen der Verkündigung an Maria und die Anbetung der Könige, rechts die Szenen der Geburt Christi und des Marientodes. Die Flügel wurden an den Seiten angebracht. Der linke zeigt (von links nach rechts) in der oberen Reihe die hll. Petrus, Andreas, Jakobus der Ältere und Johannes der Evangelist, unten die hll. Matthäus, Simon, Rupertus und Elisabeth von Thüringen. Den rechten Flügel zieren (von links nach rechts) oben die Figuren der hll. Thomas, Jakobus d.J., Phillipus, Bartholomäus und unten die der hll. Hieronymus, Ursula, Judas Thaddäus und Matthias.

Die Madonna aus der ehemaligen Festtagsseite fand ihren Platz im nördlichen Seitenschiff, die Bilder der ehemaligen Sonntagsseite wurden voneinander getrennt im Chorraum aufgehängt.

Bei der Innensanierung wurde auch die Kanzel mit Schalldeckel neu geschaffen. Sie wird von Bildern geziert, die Christus und einige Apostel zeigen.

Der neugotische Taufstein stammt aus dem Jahr 1881.

Die meisten Kirchenfenster wurden 1970 von Johannes Schreiter in den Farben grau und weiß in dickem Betonglas gestaltet. Im Nordschiff wurden die Reste historistischer Apostelfenster zusammengesetzt.

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Orgel der Pfarrkirche St. Marien (Göttingen)

Die Orgel ist ein bedeutendes Werk der Romantik. Sie wurde in den Jahren 1925/1926 neu gebaut, 1928 erfolgte eine Erweiterung, 1950 eine Änderung der Disposition, 1970/71 eine Generalüberholung/Neuintonation und 2003 eine Generalrenovierung. Außerdem war die Orgel Ausgangspunkt der Göttinger Orgelbewegung.

Glocken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

St. Marien beherbergt die älteste Kirchenglocke Göttingens von 1359, deren Geläut durch eine Glocke von 1464 ergänzt wird. Die Gießer sind unbekannt.[1]

Glocke Gussjahr

(cm)

Gewicht

(kg)

Nominal

(16tel)

1 1464 152 ca. 2000 es1
2 1359 115 ca. 950 g1

Kirchengemeinde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus der St.-Marien-Kirchengemeinde wurden zum 1. Oktober 1951 die Bewohner des dritten Seelsorgebezirks ausgepfarrt und für sie eine eigene Kirchengemeinde unter dem Namen Friedenskirchengemeinde gebildet.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dietrich Denecke und Helga-Maria Kühn: Göttingen, Geschichte einer Universitätsstadt, Band 1, hrsg. von Dietrich Denecke und Helga-Maria Kühn, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1987, S. 469 f., 515, 537 f.
  • Wulf Schadendorf: Göttinger Kirchen (Kleine Kunstführer für Niedersachsen, Heft 2), Göttingen 1953
  • Dieter Unckenbold und Karl-Heinz Bielefeld: Die Gotischen Pfarrkirchen in Göttingen, Heinz Reise-Verlag, Göttingen 1953
  • Jens Reiche, Christian Scholl (Hg.): Göttinger Kirchen des Mittelalters. Universitätsverlag Göttingen, Göttingen 2015 [1]
  • Wilhelm Blau: Kirchenführer St. Marien Göttingen. Kirchenvorstand der St. Marienkirche, Göttingen 2008

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: St. Marien-Kirche (Göttingen) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Michael Schäfer: "Verjage den Feind, Schmücke die Feste". In: Göttinger Tageblatt. Göttingen 2011, S. 9.

Koordinaten: 51° 31′ 57″ N, 9° 55′ 47″ O