St. Johannis (Göttingen)

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St. Johannis
St. Johannis

St. Johannis

Daten
Ort Göttingen
Baustil Gotik
Baujahr 1300–1348
Höhe 62 m

Die St.-Johannis-Kirche in der Göttinger Altstadt ist eine dreischiffige gotische Hallenkirche aus dem 14. Jahrhundert. Mit ihren weithin sichtbaren Türmen ist sie eines der Wahrzeichen der Stadt. Ihr Patron ist Johannes der Täufer.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Innenansicht nach Osten
Altarbereich

An der Stelle der Kirche stand einst eine romanische Basilika, deren Fundamente 1927 teilweise freigelegt wurden. Sie wird erstmals 1272 urkundlich erwähnt. Von ihr hat sich als Einziges das Nordportal, ein Rundbogenportal mit Zisterzienser-Zackenbogen, erhalten. Es wurde in den gotischen Neubau integriert. Vermutet wird, dass auch der untere Teil des heutigen Westportals noch aus der Zeit der Romanik stammt.

Der älteste Teil der heutigen Kirche ist der in Kalkbruchsteinen gemauerte Turmunterbau.

Gegen 1300 wurde der gotischen Chor mit Fünfachtelschluss begonnen, der ursprünglich höher war als heute. In der Folge wurden auch das Langhaus und die beiden Türme errichtet. Vorbild des Innenraums, der als Staffelhalle mit acht oktogonalen Pfeilern gestaltet wurde, war wohl die nahe Paulinerkirche.

Die Balken des Dachstuhls stammen aus dem Jahr 1348, sodass davon ausgegangen werden kann, dass das Langhaus zu diesem Zeitpunkt fertiggestellt war. Aus dem gleichen Jahr stammte auch eine alte Kirchenglocke, die im 1828 jedoch umgegossen wurde. Daher musste zu diesem Zeitpunkt auch der Bau der achteckigen Türme auf dem monumentalen Westbau bereits bis zur Glockenstube, die sich zwischen den Türmen befindet, vorangeschritten sein.

Vollendet wurden die Türme erst in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Sie wurden lange von der Stadt genutzt. So diente der 62 Meter hohe Nordturm als Wohnung für den Türmer, der 56,5 Meter hohe Südturm beherbergte die Stadtuhr mit Schlagglocke. Erst seit dem Ende des 20. Jahrhunderts werden die Türme von der Kirchengemeinde verwaltet. Zwischen den Türmen soll sich einst eine Brücke befunden haben, die jedoch bei einem Sturm zerstört wurde.

Der Kirchfriedhof befand sich ursprünglich direkt um die Kirche herum. Nach Einrichtung des Bartholomäusfriedhofs nördlich außerhalb der Altstadt im Jahre 1747 wurde dieser aufgegeben.

Im Jahr 1529 wurde St. Johannis evangelisch-lutherisch.

Nach 1544 wurden sämtliche mittelalterliche Ausstattungsstücke entfernt.

1636 kam ein Flügelaltar vom Mündener Maler Ludolph Büsinck in die Kirche, von dem die Mitteltafel erhalten blieb. Sie zeigt eine Kalvarienbergszene.

Ab 1791 gestaltete man die Kirche im Sinne des frühen Klassizismus komplett um. Alle Fenster wurden ihres Maßwerks beraubt, der Chor wurde zum Kirchenschiff hin zugemauert und auf seine heutige Höhe reduziert. Er diente von nun an als Sakristei. Die ursprüngliche, zweigeschossige Sakristei auf der Nordseite des Chores wurde abgetragen. Vor der Trennwand des Chores wurde ein hoher Kanzelaltar errichtet. Auch wurden zwei Emporen eingezogen. Die Bänke wurden, nach Westen hin ansteigend, neu angeordnet, denn Ziel war es, dass alle Gottesdienstbesucher den Prediger sehen konnten.

1895 beauftragte man Conrad Wilhelm Hase, die Kirche im Sinne der Neugotik zu restaurieren und somit den ursprünglichen Raumeindruck wiederherzustellen. Dabei wurden alle Umbauten des Klassizismus entfernt. Die Fenster erhielten neues Maßwerk. Von nun an gab es nur noch eine Empore, deren Brüstung hinter den Säulen lag, sodass diese wieder besser zur Geltung kamen. Die Bänke wurden wieder ebenerdig angeordnet. Ferner wurde eine Kanzel mit den Bildnissen der vier Evangelisten und hohem Schalldeckel an dem südwestlichen Chorpfeiler angebracht. Auch wurde der Chor wieder in den Kirchenraum integriert und neu eingewölbt. Da er auch weiterhin als Sakristei dienen sollte, wurden die zwei am Ostabschluss stehenden Säulen eingefügt. Hinter ihnen trennte eine mit Blendmaßwerk verzierte hölzerne Wand die Sakristei vom Chorraum ab. Diese Einbauten waren so hoch, dass die Apsisfenster nicht verdeckt wurden. Zwischen den Säulen fand der neue Altar seinen Platz. Den Aufsatz zierten ein heute noch erhaltenes Kruzifix und vier Reliefs von Protagonisten des Alten Testaments. Zudem erhielt der Raum eine reiche Ausmalung.

Bei einer Renovierung in den 1930er-Jahren wurde die hölzerne Sakristeiwand durch einen Vorhang ersetzt und der Kirchenraum erhielt eine schlichtere Ausmalung.

Bei einem Luftangriff auf Göttingen wurde die Kirche am 24. November 1944 durch die Druckwelle einer in der Paulinerkirche eingeschlagenen Luftmine beschädigt. So wurde unter anderem das gesamte Dach abgedeckt.

Bei einer weiteren Renovierung in den 1960ern wurden die Reste der qualitätvollen neugotischen Ausstattung entfernt und durch eine moderne ersetzt. Die neue Empore orientierte sich an der Höhe ihrer Vorgängerin.

2014 wurde mit einer Sanierung und Neugestaltung des Kirchenraumes begonnen. Dabei soll der Kirchenraum heller und freundlicher erscheinen und der Parkettfußboden durch Sandsteinplatten ersetzt werden. Die Bänke im Hauptschiff sollen einer Bestuhlung weichen. Im Zuge dieser Renovierung erhielt die Kirche 2017 ein Fenster des Glaskünstlers Günter Grohs, welches sich über dem romanischen Nordportal befindet. Auch die weiteren Fenster des Kirchenschiffs sollen von Grohs neu gestaltet werden. Darüber hinaus möchte die Kirchengemeinde ihr Gotteshaus auch für profane Veranstaltungen, wie Theateraufführungen, Jahresempfänge und Buffets öffnen. Daher sollten die neuen Ausstattungsstücke möglichst mobil gestaltet werden, um sie für solche Veranstaltungen wegräumen zu können. Im Februar 2018 wurden die neuen vom Leipziger Künstlerduo Zink & Gensichen entworfenen Ausstattungsstücke Altar mit Taufgelegenheit, Kanzel und Ambo eingeweiht. Hinzu soll eine Installation aus Metallrohren kommen, die auf das zentrale Chorfenster, das eine historistische Kreuzigungsgruppe zeigt, deuten soll. Ein ursprünglich geplanter Glaskubus, mit dem das Südportal überbaut werden sollte, wurde im Verlauf der Sanierung aus finanziellen Gründen und wegen Einwänden der Denkmalpflege aus den Planungen gestrichen.

Eine Besonderheit in der Kirche sind die vielen Pastorenporträts, die alle in St. Johannis diensttuenden Pastoren von 1736 bis 1977 zeigen, unter anderem Theodor Berckelmann. In neuerer Zeit wurde diese Tradition aufgegeben.

An der Johanniskirche spielt die Kirchenmusik eine wichtige Rolle, durch die seit 1930 bestehende Stadtkantorei und die Ott-Orgel von 1954/60. Außerdem spielt jeden Samstag ab 11:00 Uhr ein ehrenamtlicher Kirchenmusiker bis zum Glockenschlag 11:15 Uhr auf einem Flügelhorn Choräle und andere Kirchenlieder.

Türmerwohnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ehemalige Türmerwohnung im Nordturm der Kirche war bis 2001 eine überregionale Attraktion. Sie gehörte neben Bismarckhäuschen, Karzer, alten Studentenkneipen u. a. zu den Sehenswürdigkeiten der Universitätsstadt Göttingen. Sie war die höchste Studentenbude Deutschlands. Im nördlichen höheren Turm wohnten über 500 Jahre lang die Stadtwächter (Türmer) in einer 238 Stufen hoch liegenden kleinen Wohnung. Diese hatten vom Turm Sichtkontakt mit einem Teil der 20 Außenwarten in der Umgebung und konnten so die Stadtbevölkerung vor anrückenden Feinden frühzeitig warnen. Der Hornruf ertönte auch, wenn sie irgendwo in der Stadt ein Feuer gesichtet hatten (Türmerfernrohr und -trompete kann man heute im Städtischen Museum besichtigen). Als der letzte Türmer Franz Kerl 1921 starb, wurden Angehörige der Deutsch-Akademischen Gilde die ersten studentischen Bewohner der alten Türmerwohnung. Bis zu den Sanierungsarbeiten 2001 wohnten dort, unterbrochen von 1937 bis 1946, bis zu fünf Studenten. Einer von ihnen war der Schriftsteller und spätere Märchenforscher Walter Scherf, der nach dem Krieg in der Türmerwohnung lebte.[1] Die Wohnung war mietfrei unter der Bedingung, jeden Samstag für zwei Stunden Besucher auf dem Turm zu empfangen. Als sich abzeichnete, dass die Sanierung des Turmes ein fast vollständiges Austauschen der Tragbalken der Türmerwohnung erforderte, mussten die Bewohner ausziehen. Eine erneute Vermietung nach Ende der Sanierung war wegen der fehlenden Rettungswege, die von der Bauordnung vorgeschrieben wurden, nicht mehr möglich. Nach Auskunft der letzten Bewohner traten während der Sanierungsarbeiten zahlreiche Schnitzereien des letzten Türmers Franz Kerl zutage, die er bei einer Sanierung des Turms 1906 an versteckten Stellen in die Eichenbalken geritzt hatte.

Brand 2005[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Brennender Nordturm der Johanniskirche (ca. 20 Minuten nach Meldung des Feuers)

Der historische Helm des Nordturms wurde am 23. Januar 2005 durch einen Brand zerstört, dadurch entstand ein Schaden von mehreren Millionen Euro.[2] Durch Löschwasser wurde auch das Kirchenschiff beschädigt. Zunächst drohte die Turmspitze einzustürzen; die etwa 500 Kilogramm schwere Kupferkugel, auch Dokumentenkapsel genannt, die an der Spitze des Turms angebracht war, musste deshalb entfernt werden. Mit Spezialkränen wurden die gefährlichen Teile und die verkohlten Balken noch am Brandtag bis spät in den Abend abgehoben und am Boden demontiert.

Bereits einen Tag nach dem Brand nahm die Polizei zwei mutmaßliche Brandstifter fest, Jugendliche im Alter von 19 und 15 Jahren, die ein Geständnis ablegten. Ein Motiv konnte allerdings nicht ermittelt werden. Die Jugendlichen waren über ein Baugerüst in den Turm gelangt: Die Kirche war seit Längerem aufwendig renoviert worden, die Renovierungsarbeiten standen bei Ausbruch des Brandes kurz vor der Fertigstellung.

Die Wiederaufbauarbeiten wurden im Februar 2006 abgeschlossen. Die ehemalige Türmerwohnung wird seither als Kapelle genutzt.

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ott-Orgel (1960)

Die Hauptorgel der St. Johanniskirche wurde in den Jahren 1954 bis 1960 durch Paul Ott (Göttingen) erbaut. Sie wurde in den Jahren 1999 bis 2000 durch Rudolf Janke renoviert und erweitert. Das vier Manuale und Pedal umfassende Instrument hat vollmechanische Spiel- und Registertrakturen und verfügt über keine Spielhilfen.[3]

I Rückpositiv C–f3
1. Gedackt 8′
2. Quintadena 8′
3. Prinzipal 4′
4. Gemshorn 4′
5. Octave 2′
6. Sesquialtera II 223
7. Nasat 113
8. Scharf IV–VI
9. Dulzian 16′
10. Krummhorn 8′
Tremulant
II Hauptwerk C–f3
11. Quintade 16′
12. Principal 8′
13. Hohlflöte 8′
14. Octave 4′
15. Gemshorn 4′
16. Quinte 223
17. Sesquialtera III J
18. Octave 2′
19. Gemshorn 2′
20. Mixtur VI–VIII
21. Terzzimbel III
22. Trompete 16′
23. Trompete 8′
III Oberwerk C–f3
24. Holzflöte 8′
25. Salicional 8′ J
26. Principal 4′
27. Rohrflöte 4′
28. Nasat 223
29. Spillflöte 2′
30. Octave 1′
31. Terzian II
32. Scharf III–IV
33. Vox humana 8′
34. Trompete 4′
Tremulant
IV Unterwerk C–f3
35. Bordun 16′ J
36. Holzprincipal 8′ J
37. Musizierged. 8′
38. Gambe 8′ J
39. Unda maris 8′ J
40. Octave 4′ J
41. Blockflöte 4′
42. Quinte 223
43. Octave 2′
44. Terz 135
45. Zimbel III
46. Oboe 8′ J
47. Trichterregal 8′
Tremulant
Zimbelstern
Pedal C–f1
48. Untersatz 32′ J
49. Principal 16′
50. Subbass 16′
51. Octave 8′
52. Gedackt 8′
53. Octave 4′
54. Nachthorn 2′
55. Rauschpfeife II
56. Mixtur VI–VIII
57. Zimbelbass III
58. Posaune 16′
59. Trompete 8′
60. Trompete 4′
61. Zink 2′
  • Koppeln: I/II, III/II, IV/II, IV/III, I/P, II/P
J = nachträgliches Register von Janke (2000)

Glocken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Glocke Gussjahr Gießer
(cm)
Gewicht
(kg)
Nominal
(16tel)
Anmerkung/
Besondere Verwendung
1 1828 Andreas Lange, Hildesheim ca. 180 ca. 3500 b0 Größte Kirchenglocke Göttingens, * /
Beerdigung
2 1616 Thomas Simon, Francoy Breutel 143 ca. 1600 d1 * / Taufe
3 1958 Rincker, Sinn 118 981 f1

* 1942 auf den Glockenfriedhof in Hamburg abgeliefert, 1947 zurückgekehrt.[4]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: St.-Johannis-Kirche (Göttingen) – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Klaus Wettig: Spurensuche und Fundstücke: Göttinger Geschichten, Wallstein-Verlag, Göttingen 2007, Seite 83–85
  2. Brandschaden: Göttinger Johannis-Kirchturm droht einzustürzen. In: Spiegel Online. 23. Januar 2005, abgerufen am 9. Juni 2018.
  3. Näheres zur großen Ott-Orgel, gesehen 20. November 2016.
  4. Michael Schäfer: "Durch Gottes Gnad durchs Fewer geflossen". In: Göttinger Tageblatt. Göttingen 3. August 2010.

Koordinaten: 51° 31′ 59″ N, 9° 56′ 1,7″ O