Stefan Jerzy Zweig

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Stefan Jerzy Zweig (2007)

Stefan Jerzy Zweig (* 28. Januar 1941 in Krakau) wurde als „das Buchenwald-Kind“ aus Bruno Apitz’ Roman „Nackt unter Wölfen“ bekannt.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stefan Jerzy Zweig verbrachte seine ersten Lebensjahre mit seinen Eltern, Zacharias Zweig und Helena Zweig, und seiner Schwester Sylwia Zweig im Ghetto Krakau. Die Familie wurde im August 1944 getrennt. Seine Mutter und seine Schwester wurden im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

Zusammen mit seinem Vater wurde Stefan Jerzy Zweig Anfang August 1944, im Alter von drei Jahren, in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht, wo er am 5. August 1944 eintraf und mit dem Vermerk Polit Pole Jude und der Häftlingsnummer 67509 erfasst wurde.[1]

Die Häftlinge Willi Bleicher und Robert Siewert nahmen sich seiner an. Als er wenige Wochen nach seiner Ankunft in das Konzentrationslager Auschwitz gebracht werden sollte, wurde er zunächst unter an Typhus erkrankten Häftlingen versteckt. Später wurde sein Name und der von elf weiteren Kindern von der Liste von 200 Kindern und Jugendlichen gestrichen, die am 26. September 1944 nach Auschwitz gebracht werden sollten. Die zwölf gestrichenen Namen wurden durch zwölf andere ersetzt, darunter als letzter auf der Liste Willy Blum, ein 16-jähriger Sinto-Junge. Stefan Jerzy Zweig wurde danach ins „Kleine Lager“ geschmuggelt und dort von seinem Vater bis zur Befreiung Buchenwalds im April 1945 versteckt. Die Anwesenheit des Vaters und sein Einsatz für den Sohn werden im Roman „Nackt unter Wölfen“ von Bruno Apitz und in den beiden nach dem Roman gedrehten gleichnamigen Filmen von 1963 bzw. 2015 nicht erwähnt.

Wegen einer Tuberkulose wurde Zweig bis 1949 in Polen, der Schweiz und Frankreich behandelt und ging anschließend mit seinem Vater nach Israel. Dieser bekam dort eine Stelle als Sachbearbeiter im Finanzministerium, die er bis zu seiner Pensionierung innehatte. Stefan Jerzy Zweig schloss das Abitur ab und absolvierte seinen Wehrdienst in der israelischen Armee. Daraufhin begann er ein Studium der Mathematik in Tel Aviv, brach dieses aber ab.

Die Veröffentlichung des Romans „Nackt unter Wölfen“ 1958 wurde von beiden nicht wahrgenommen. Erst Frank Beyers Verfilmung 1963 mit Armin Mueller-Stahl in einer Hauptrolle veranlasste Journalisten aus der DDR, nach Zweig zu suchen. Er hatte gerade das Mathematikstudium in Lyon wieder aufgenommen, als die Medien Interesse an ihm fanden. Während eines Aufenthaltes in der DDR traf Zweig auch mit Bruno Apitz zusammen.

Nachdem Zweig sein Studium erneut abgebrochen hatte, bekam er 1964 – auch auf Grund seiner Popularität – einen Ausbildungsplatz zum Kameramann im Filmstudio Babelsberg. Er heiratete eine DDR-Bürgerin und zog 1972 mit ihr und dem gemeinsamen Sohn nach Wien. Dort bekam er eine Stelle als Kameramann beim ORF. Sein Vater starb im selben Jahr.

Die Anfang der 1950er Jahre in der Gedenkstätte KZ Buchenwald angebrachte Gedenktafel

„In diesem Gebäude befanden sich die Effektenkammer, die Häftlingsbekleidungskammer und die Gerätekammer. In der Effektenkammer versorgten Häftlinge den zwischen Säcken versteckten 3-jährigen Stefan Zweig. Unter Einsatz ihres Lebens retteten sie das Kind vor der Vernichtung“

wurde Anfang des Jahres 2000 von der Leitung der Gedenkstätte durch eine ausführlichere Informationstafel zur Funktion des Gebäudes ersetzt, die, ohne Zweig zu nennen, hervorhebt, dass tausende Jugendliche und Kinder es seinerzeit auf ihrem Weg in das kleine Lager und zu den verschiedenen Rüstungskommandos passierten.[2] Zweig protestierte dagegen mit dem Buch von 2005 Tränen allein genügen nicht. In der Schrift verwahrte er sich auch gegen eine Diffamierung seiner Retter als „Stalinisten“.[1] Später verklagte er den Leiter der Gedenkstätte, Volkhard Knigge, unter anderem darauf, bei Äußerungen über seine Rettung die Verwendung des Begriffes des „Opfertausch“ zu unterlassen, und auf Schadensersatz. Nachdem das Landgericht Berlin die Klage insofern in erster Instanz abgewiesen hatte, verpflichtete Knigge sich am 23. Februar 2012 im Berufungsverfahren vor dem Kammergericht im Rahmen eines Vergleichs, den beanstandeten Ausdruck in Interviews nicht mehr zu verwenden.[3]

Der Bezug zu „Nackt unter Wölfen“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bruno Apitz kannte den Jungen Stefan Jerzy Zweig nicht. Der Roman basiert auf eigenen Erlebnissen Apitz’ und auf Hörensagen über den Jungen. Einige Aussagen und Teile des Romans stimmen deshalb nicht mit der Original-Geschichte Zweigs überein. Beispielsweise schreibt Apitz, dass ein kriegsgefangener polnischer Offizier, der nicht der Vater ist, das Kind zunächst in einem Koffer in das Lager schmuggelt und kurz darauf mit einem Transport in ein Vernichtungslager abgeht, wo er vermutlich getötet wird.

In seinem Roman Anders (Rowohlt Verlag, Reinbek 2003) thematisiert Hans Joachim Schädlich auch Bruno Apitz’ Roman.[4] Dem „Buchenwald-Kind“ Zweig wird attestiert, dass er seinerseits immer noch an der Legende festhalte, die Insassen hätten das Lager selbst befreit. Zugleich deutet Schädlich eine gewisse Tragik in der Lebensgeschichte Zweigs an, wenn er eine seiner – fiktiven – Figuren sagen lässt: „Wahrscheinlich kann Jerzy Zweig seine wahre Geschichte nicht gelten lassen: daß er lebt, weil statt seiner der Zigeunerjunge Willy Blum ins Gas geschickt wurde“.[5] In einem Vergleich vor dem Kammergericht erklärten Schädlich und der Verlag, diese Aussage nicht aufrechtzuerhalten und den Roman in der bisherigen Fassung nur noch bis 30. September 2010 zu vertreiben.

Die Geschichte Stefan Jerzy Zweigs schrieb sein Vater für die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in einem Bericht nieder. Er wurde 1987 unter dem Titel Mein Vater, was machst du hier …? Zwischen Buchenwald und Auschwitz[6] veröffentlicht und von seinem Sohn 2005 mit persönlichen Anmerkungen und einem Nachwort von Elfriede Jelinek wieder veröffentlicht.[7]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Sonia Combe: Ein Leben gegen ein anderes. Der "Opfertausch" im KZ Buchenwald und seine Nachgeschichte. Übers. Marcel Streng. Neofelis Verlag, 2017 ISBN 9783958081482

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Ulrich Weinzierl: Das Kind von Buchenwald, Artikel in der Welt vom 9. April 2005, abgerufen am 4. August 2009
  2. Bill Niven: Das Buchenwaldkind. Aus dem Englischen von Florian Bergmeier. Halle 2008, Bonn 2009. Seite 247
  3. Constanze von Bullion: KZ-Überlebender wehrt sich gegen Begriff des „Opfertauschs“. Süddeutsche Zeitung, 27. Februar 2012
  4. Schädlich: Anders, S. 81.
  5. Schädlich: Anders, S. 92.
  6. Dipa-Verlag, Frankfurt a.M. ISBN 3763804714
  7. Zacharias Zweig, Stefan Jerzy Zweig: Tränen allein genügen nicht. Mit Epilog, zeitgenössischen Illustrationen, Bildern, Texten und Satiren. Eigenverlag, Wien 2005 ISBN 978-3-200-00264-7.- 2. Aufl. 2007