Stiftskirche (Bad Gandersheim)

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Die Stiftskirche Bad Gandersheim

Die evangelisch-lutherische Stiftskirche Bad Gandersheim ist ein denkmalgeschütztes Kirchengebäude in Bad Gandersheim im Landkreis Northeim (Niedersachsen). Das Münster war die Stiftskirche des ehemaligen Kanonissenstiftes, das 1802 aufgehoben wurde, um der drohenden Säkularisation zu entgehen. Sie war seit 881 der Lebensmittelpunkt der Kanonissen.[1] Die Kirche wird heute von der evangelisch-lutherischen Stiftskirchengemeinde St. Anastasius und St. Innocentius genutzt, sie gehört zur Propstei Bad Gandersheim in der Landeskirche Braunschweig.[2]

Geschichte und Architektur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Baugeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Stift wurde 852 von Liudolf gegründet. Mit dem Bau des 881 durch Wigbert von Hildesheim geweihten Gebäudes[3] aus Stein wurde 856 begonnen. Das einstige Westwerk wurde 927 geweiht. Der Westturm und der Westquerbau fluchteten mit den Seitenschiffen. Teile des karolingischen Mauerwerkes sind möglicherweise noch im Ost- und Westteil erhalten. Die Kirche sollte im Jahr 1000 geweiht werden, wegen eines Brandes, nach dem das Gebäude weitgehend benutzbar blieb, wurde sie erst 1007 geweiht. Die ist durch etliche Besuche des Kaisers und durch Synoden belegt, die in dieser Zeit in Gandersheim stattfanden. Es wird vermutet, dass in dieser Zeit auch die vortretenden Arme des Westwerks gebaut wurden. Der übliche Aufenthaltsort der Geistlichkeit war der Chor, die Mitglieder der weltlichen Macht, insbesondere der Kaiser, hielten sich im Westwerk auf.[4] Nach Schädigungen durch einen zweiten Brand wurde der Umbau des westlichen Querhauses erforderlich; gleichzeitig wurde der sogenannte Fräuleinchor eingerichtet. Die Äbtissin Adelheid II. (1063–1094) war eine Schwester von Kaiser Heinrich IV., in ihrer Amtszeit wurde das Mittelschiff neu errichtet und eine Krypta angelegt. Nach einem dritten Brand erfolgte in der Zeit von 1162 bis 1168 eine Weihe. In dieser Zeit wurden die östlichen Gebäudeteile und die Seitenschiffe eingewölbt, das Mittelschiff wurde erhöht. Im 14. und 15. Jahrhundert wurden Kapellen an die südliche und nördliche Wand angebaut. Die Ostapsis wurde 1703 erneuert. Die Renovierungen seit 1938 führten zu Abbrüchen des Paradieses[5] an der Westseite, die Kapitelle wurden verfälscht und es wurden am westlichen Querhaus Giebel dazu erfunden.[6]

Baubeschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Frontgebäude mit zwei achteckigen Westtürmen wirkt schildmauerähnlich. Daran schließt sich die Basilika zu drei Schiffen mit einem westlichen und östlichen Querhaus an. Die Apsis an der Ostseite wurde laut einer Bezeichnung im Jahr 1703 neu angelegt. Die ursprünglich elliptischen Fenster wurden im 19. Jahrhundert durch solche im Stil der Romanik ersetzt.[7] Das Mauerwerk der Stephanskapelle und das der südlichen Chorkapelle bilden mit der südlichen Wand des östlichen Querhauses eine Einheit, die wohl noch aus dem ursprünglichen vorottonischen Mauerwerk des Münsters besteht. Die Johannes der Täuferkapelle und die Bartholomäuskapelle wurden um 1350 vor dem südlichen Seitenschiff angefügt. Über dem spätgotischen Portal der Peter- und Paul-Kapelle von 1439 wurde ein Thympanon mit der Darstellung von Jesus zwischen den Aposteln Petrus und Paulus eingemauert. Es stammt von dem ehemaligen romanischen Portal des Seitenschiffes. Das Quadermauerwerk wurde in den Jahren nach 1100 den Mauern des westlichen Querhauses aus vermutlich ottonischer Zeit vorgeblendet. Es hat keinen Bezug zur inneren Geschosshöhe, aber zu den Mauern des Seitenschiffes und dem Turmunterbau. Die nördliche Seitenschiffwand wurde ebenso verblendet; davor stehen die Antoniuskapelle von 1462 und die Andreaskapelle von 1432. Der Westbau mit den beiden achteckigen Türmen ist vermutlich bei der Verblendung anstelle des Westwerkes mit drei Türmen entstanden.

Arkaden mit zwei sächsischen und einem rheinischen Stützenwechsel trennen die Seitenschiffe vom Mittelschiff ab. Die Kapitelle sind mit verschiedenartigen Blattornamenten geschmückt. Die das Mittelschiff abschließende Wand wird von drei Pfeilerarkaden unterstützt. Die Wand ist in der oberen Etage durch drei Rundbogenfenster gegliedert, deren beide äußere als Biforienfenster angelegt sind.[8] Die Kuppel der Apsis ist mit einem gemalten Sternenhimmel geschmückt. Der Kanonissenchor befindet sich an der Nordseite; im Süden ist die Grablege von Herzog Liudolf zu finden.[9] Das gewölbte Untergeschoss des Westwerks ist durch eine schwere Bronzetür erschlossen. Die Tür mit Engelsmotiven wurde 1969 von Ursula Wallner-Querner gefertigt. Der hochgezogene Mittelteil des Westwerks ist so breit wie das Mittelschiff, das an der Nord- und Südseite von je einer fast quadratischen Halle begleitet wird. In jeder der beiden Hallen steht eine Vierpass-Mittelsäule. Dieser breiteste Teil des Kirchengebäudes war ursprünglich auch der höchste, unter einem mächtigen Turm im Obergeschoss war eine Kapelle mit einem Thron untergebracht. Der Turm mit der Thronkapelle verlor nach dem Investiturstreit seine Bedeutung und wurde im 12. Jahrhundert abgetragen.[10] In der Antoniuskapelle ist das bekannte Roswitha-Fenster zu sehen, in der Andreaskapelle steht der Sarkophag der Äbtissin Elisabeth Ernestine Antonie. Beide Kapellen wurde im 14. und 15. Jahrhundert im Stil der Gotik erbaut.

Sonstige Nutzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Westbau wird seit 1959 als Kulisse für die Gandersheimer Domfestspiele genutzt.[11][12] Das Orchester Concerto Gandersheim führt in Anlehnung an die Tradition der Gandersheimer Dommusiker regelmäßig Konzerte auf.[13][14] Die Auftritte der Domkantorei erfolgen in Verbindung mit Concerto Gandersheim.[15]

Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von der ursprünglichen Ausstattung sind am Ort nur Reste erhalten, viele Teile der Ausstattung werden in Museen, hauptsächlich im Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig gezeigt.

  • Der Dreikönigsaltar steht im Mittelschiff am Lettner, es handelt sich hierbei um einen geschnitzten Altar mit einklappbaren Flügeln. Aufgeklappt zeigt er im Mittelteil die Anbetung der Heiligen Drei Könige, auf den Flügeln werden die Figuren der zwölf Apostel gezeigt. Die Flügel sind auf der Rückseite bemalt, die Malerei stammt aus dem Umkreis des Hans Mark Treue und wurde in der Zeit um 1480 angefertigt.[16]
  • Der spätgotische Bartholomäusaltar wurde zu Anfang des 16. Jahrhunderts gebaut. Der in der Vierung stehende Altar zeigt Figuren des Bartholomäus und der Heiligen Margarete, Dorothea und Katharina.
  • Der Marienaltar von 1521 steht in der Antoniuskapelle, er stammt aus dem ehemaligen Marienkloster. Im Schrein steht eine Figur der Maria zwischen den Heiligen Johannes, Mauritius, Petrus und Georg.
  • Ein großer fünfarmiger Leuchter steht im Hochchor.[17] Die Bronzearbeit wurde um 1430 gegossen, er ist mit Heiligenfiguren und Maßwerk verziert.
  • Der Marmorsarkophag der Äbtissin Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen ist sehr prunkvoll ausgeführt.
  • Das Triumphkreuz ist eine Arbeit aus der Zeit um 1500, es hängt vom Vierungsbogen herab und gilt als eindrucksvolles Beispiel dieser Art von Kreuzen. Zum Kreuz gehörten die Figuren der Muttergottes und des Johannes, beide werden derzeit in der Sammlung im Westwerk ausgestellt.
  • Der an der Südseite des Chores stehende Zweisitz von der Mitte des 15. Jahrhunderts. Er ist mit Maßwerk und Relieffiguren verziert.
  • Bemerkenswert ist die überlebensgroße Stifterfigur des Liudolf vom Ende des 13. Jahrhunderts. Sie zeigt des Herzog mit einem Modell der Kirche in der rechten und einem Schwert in der linken Hand. Die Figur in einem sargähnlichen Schrein ist ein Denkmal, kein Grabmal.
  • Im Seitenschiff stehen sechs Stuckfiguren aus der Zeit um 1150.
  • Das Relief mit der Hand Gottes wurde vermutlich zu Anfang des 11. Jahrhunderts geschaffen.
  • Das bedeutende Grabmal für Fürstäbtissin Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen wurde 1748 von Johann Kaspar Käse geschaffen. Für Angehörige des Hofstaates der Fürstäbtissin befinden sich vier Wanddenkmäler in der Kirche.
  • In der Marienkapelle steht ein Wandgrabmal aus Holz für die Äbtissinnen Christine († 1683) und Marie Elisabeth († 1713) Ähnliche Holzdenkmäler sind in der Klosterkirche in Doberan ausgestellt.[18]
  • Die Taufe wurde 1967 von Ursula Wallner gefertigt, sie zeigt den Durchzug durch das Rote Meer.
  • Etliche Bleiglasfenster sind Arbeiten von Claus Wallner aus der Zeit von 1959 bis 1979

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Orgel aus dem Jahre 2000

Die Orgel der Stiftskirche wurde von 1998 bis 2000 durch die Orgelbaufirma Manufacture d’Orgues Muhleisen (Eschau, Frankreich) erbaut. Das Schleifladen-Instrument hat 43 klingende Register auf drei Manualwerken und Pedal und 7 Transmissionen und eine Extension im Pedal. Die Spieltrakturen sind mechanisch, die Registertrakturen und Koppeln sind wahlweise mechanisch und elektrisch zu betätigen (Doppelregistratur).[19]

I Positif C–g3
1. Principal 8′
2. Bourdon 8′
3. Octave 4′
4. Rohrflöte 4′
5. Nazard 223
6. Doublette 2′
7. Tierce 135
8. Quinte 113
9. Cymbale IV 1′
10. Cromorne 8′
Tremblant
II Grand Orgue C–g3
11. Montre 16′
12. Principal 8′
13. Flute en bois 8′
14. Gambe conique 8′
15. Octave 4′
16. Flute 4′
17. Quinte 223
18. Octave 2′
19. Fourniture IV 2′
20. Cymbale IV 113
21. Cornet V 8′
22. Bombarde 16′
23. Trompette 8′
24. Clairon 4′
III Recit C–g3
25. Bourdon 16′
26. Cor de nuit 8′
27. Flute harmonique 8′
28. Gambe 8′
29. Voix Celeste 8′
30. Principal 4′
31. Traverse 4′
32. Nazard 223
33. Octavin 2′
34. Tierce 135
35. Piccolo 1′
36. Plein Jeu IV 2′
37. Basson 16′
38. Hautbois 8′
39. Trompette 8′
40. Voix Humaine 8′
41. Clairon 4′
Tremblant
Pédale C–g1
42. Bourdon (Ext. Nr. 43) 32′
43. Soubasse 16′
Flute (= Nr. 11) 16′
Flute (= Nr. 13) 8′
Cello (= Nr. 14) 8′
Octave (= Nr. 15) 4′
Bombarde (= Nr. 22) 16′
Trompette (= Nr. 23) 8′
Clairon (= Nr. 24) 4′
Normalkoppeln: I/II, III/I, III/II
Superkoppeln: I/P, II/P, III/P
Suboktavkoppeln: I/P, II/P, III/P

Glocken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Geläut der Stiftskirche umfasst acht Glocken. Die älteste Glocke mit dem Namen „Nikolaus“ stammt aus dem Jahr 1513, die zweitälteste aus dem Barock. Die weiteren Glocken wurden nach dem Zweiten Weltkrieg angeschafft.[20]

Kirchenschatz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei Renovierungsarbeiten im Jahr 1997 wurden Gegenstände aus einem alten Kirchenschatz, wie seltene Reliquien, Reliquienbehältnisse, Altargerät und Textilien aufgefunden. Unter dem Namen Portal zur Geschichte werden der Kirchenschatz, diverse Kunstwerke und Belege zur Geschichte des Stiftes als Dauerausstellung in der Kirche präsentiert. Im Mittelalter waren für die Gläubigen Reliquien der größte Schatz, die außergewöhnlichste ist wohl ein etwa tausend Jahre altes Fläschchen aus Bergkristall mit dem angeblichen Blut Christi.[21][22] In diesem Themenkomplex wird die Verbindung historischer Orte mit kostbaren Exponaten deutlich gemacht. Es werden die Bedeutung der Frauen- und Kunstgeschichte des Mittelalters deutlich gemacht.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • H. R. Rosemann Hrsg. Reclams Kunstführer Deutschland Band V Philipp Reclam jun. Stuttgart, vierte Auflage, 1971 ISBN 3-15-008473-3
  • Walter Baumann Die Stiftskirche Gandersheim und die anderen Gandersheimer Kirchen Heft 353 aus der Serie Grosse Baudenkmäler Deutscher Kunstverlag München, zweite Auflage 1987
  • Miriam Gepp, Thomas Labusiak Die Stiftskirche in Bad Gandersheim: Gedächtnisort der Ottonen Deutscher Kunstverlag 2008, ISBN 3-422-02119-1

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Stift Gandersheim – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Lebensmittelpunkt der Kanonissen
  2. Seiten der Landeskirche Braunschweig
  3. Weihe durch Wigbert von Hildesheim
  4. Aufenthaltsorte von Klerus und Kaiser
  5. Abbruch des Paradieses
  6. H. R. Rosemann Hrsg. Reclams Kunstführer Deutschland Band V Philipp Reclam jun. Stuttgart, vierte Auflage, 1971 ISBN 3-15-008473-3 Seite 181
  7. H. R. Rosemann (Hrsg.): Reclams Kunstführer Deutschland Band V Philipp Reclam jun., Stuttgart, vierte Auflage 1971, Seite 181, ISBN 3-15-008473-3.
  8. Anordnung der Säulen und Beschreibung der Kapitelle
  9. Sternenhimmel in der Apsis und Grablege von Liudolf
  10. Walter Baumann Die Stiftskirche Gandersheim und die anderen Gandersheimer Kirchen Heft 353 aus der Serie Grosse Baudenkmäler Deutscher Kunstverlag München, zweite Auflage 1987 Seite 8
  11. Hinweis auf die Gandersheimer Domfestspiele
  12. Größtes Freilichttheater in Niedersachsen
  13. musikland-niedersachsen.de: Concerto Gandersheim, abgerufen am 14. April 2016.
  14. Verschiedene Konzerte
  15. Seiten der Gandersheimer Domkantorei
  16. Walter Baumann Die Stiftskirche Gandersheim und die anderen Gandersheimer Kirchen Heft 353 aus der Serie Grosse Baudenkmäler Deutscher Kunstverlag München, zweite Auflage 1987 Seite 10
  17. Fünfarmiger Leuchter
  18. Walter Baumann Die Stiftskirche Gandersheim und die anderen Gandersheimer Kirchen Heft 353 aus der Serie Grosse Baudenkmäler Deutscher Kunstverlag München, zweite Auflage 1987 Seite 11
  19. Informationen zur Orgel auf der Website der Orgelbaufirma (französisch)
  20. Informationen zu den Glocken
  21. kurzer Bericht des NDR zur Dauerausstellung
  22. Informationen zur Dauerausstellung

Koordinaten: 51° 52′ 13″ N, 10° 1′ 34″ O