Strategie der Spannung (Italien)

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Die Strategie der Spannung (italienisch strategia della tensione) ist ein 1990 in Italien bekannt gewordener Begriff für eine Reihe unter „falscher Flagge“ inszenierter terroristischer Aktivitäten von italienischen Geheimdiensten, Rechtsextremisten, der NATO/CIA-Geheimorganisation Gladio und der Geheimloge Propaganda Due (P2). Diese hatten das Ziel, die öffentliche Meinung zu Ungunsten der politischen Linken zu manipulieren, insbesondere der Kommunistischen Partei Italiens. Weil sich ähnliche Vorgänge auch in anderen Ländern nachweisen ließen, wird der Begriff mittlerweile generell für bestimmte staatsterroristische Aktivitäten verwendet, siehe Strategie der Spannung.

Die Aufdeckung von Terror als politischem Instrument[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gebäude der Landwirtschaftsbank an der Piazza Fontana in Mailand. Für das Bombenattentat auf die Bank 1968 mit 17 Toten wurde lange Zeit die extreme Linke verantwortlich gemacht. Später stellte sich heraus, dass die eigentlichen Täter Rechtsextremisten waren.
Zerstörter Hauptbahnhof von Bologna nach dem Bombenanschlag 1980, bei dem 85 Menschen starben.

1984 untersuchte der venezianische Untersuchungsrichter Felice Casson ein bis dahin ungeklärtes Bombenattentat im Jahr 1972. Fünf Carabinieri hatten damals einen nahe der Ortschaft Peteano an einer Landstraße abgestellten Fiat 500 untersucht. Als sie den Kofferraum öffneten, wurden drei der Beamten durch eine dadurch ausgelöste Bombe getötet. Für den Anschlag wurde die linksextreme Terrororganisation Rote Brigaden verantwortlich gemacht, die Täter wurden jedoch nie ermittelt. Casson fand zahlreiche auffällige Unstimmigkeiten in den früheren polizeilichen Ermittlungen, die auf gezielte Manipulation und Beweisfälschung deuteten. Schließlich führten ihn seine Ermittlungen auf die Spur des eigentlichen Täters, des Rechtsextremisten Vincenzo Vinciguerra, der ein umfangreiches und folgenreiches Geständnis ablegte.[1]

Vinciguerra sagte aus, dass er von Personen aus dem Staatsapparat gedeckt worden sei und dass das Attentat Teil einer umfassenden Strategie gewesen sei, die Casson später als Strategie der Spannung bezeichnete. Casson ermittelte daraufhin weiter und deckte nach Recherchen in den Archiven des Militärgeheimdienstes SISMI die Existenz einer hochgeheimen komplexen Struktur innerhalb des italienischen Staates auf.[1] Er bewies, dass Mitglieder des SISMI, Neofaschisten und Teile des von NATO und CIA betriebenen Gladio-Netzwerks von den 1960ern bis in die 1980er Jahre zahlreiche politisch motivierte Terroranschläge und Morde in Italien begangen hatten. Dabei hatte ein Netzwerk geheimdienstlicher Stellen durch Verbreitung von Falschinformationen und Fälschung von Beweisen dafür gesorgt, dass die Verbrechen linksextremen Terroristen zugeordnet wurden, vor allem den Roten Brigaden.[1][2][3] Diese Vorgehensweise zielte auf die Diskreditierung der in Italien traditionell starken Kommunistischen Partei (KPI), um deren Regierungsbeteiligung zu verhindern.[1] Eine zentrale Rolle spielte dabei auch die Propaganda Due (P2) unter Licio Gelli.

Zur Logik des Terrors meinte Vinciguerra:[3]

„Man musste Zivilisten angreifen, Männer, Frauen, Kinder, unschuldige Menschen, unbekannte Menschen, die weit weg vom politischen Spiel waren. Der Grund dafür war einfach. Die Anschläge sollten das italienische Volk dazu bringen, den Staat um größere Sicherheit zu bitten. […] Diese politische Logik liegt all den Massakern und Terroranschlägen zu Grunde, welche ohne richterliches Urteil bleiben, weil der Staat sich ja nicht selber verurteilen kann.“

Cassons Enthüllungen führten zu einer Staatskrise in Italien. Der italienische Ministerpräsident Giulio Andreotti gab im Rahmen einer nachfolgenden parlamentarischen Untersuchung an, dass Gladio auch in zahlreichen anderen europäischen Ländern existiere, was einen europaweiten politischen Skandal auslöste. Dies führte zu parlamentarischen Anfragen in mehreren Ländern. In Italien, Belgien und der Schweiz kam es zu Untersuchungskommissionen.

Die Untersuchungskommission Terrorismus und Massaker (1994–2000) des italienischen Senats stellte zusammenfassend fest:[1]

„Diese Massaker wurden organisiert oder unterstützt von Personen in Institutionen des italienischen Staates und von Männern, die mit dem amerikanischen Geheimdienst in Verbindung standen.“

Das Europaparlament drückte nach einer Debatte am 22. November 1990 seinen scharfen Protest gegenüber der NATO und den beteiligten Geheimdiensten aus.

Ablauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Terroranschläge wurden überwiegend von Mitgliedern der rechtsextremen Organisationen Ordine Nuovo und der davon abgespaltenen Nuclei Armati Rivoluzionari begangen. Teilweise waren diese auch Mitglieder der von NATO, CIA und dem MI6 betriebenen Organisation Gladio.

  • Am 12. Dezember 1969 verübte der Ordine Nuovo ein Bombenattentat auf der Piazza Fontana in Mailand, bei dem 17 Menschen getötet und 88 verwundet wurden.
  • Am 22. Juli 1970 folgte ein Attentat auf den Zug von Rom nach Messina mit 6 Todesopfern und 100 Verwundeten (Blutbad von Gioia Tauro).
  • Am 31. Mai 1972 starben drei Carabinieri bei der Explosion einer Autobombe nahe der Ortschaft Peteano, die von Vincenzo Vinciguerra deponiert worden war.
  • Im Mai 1974 wurden acht Teilnehmer einer antifaschistischen Demonstration in Brescia durch einen Anschlag mit Handgranaten umgebracht.
  • Valerio Fioravanti und Francesca Mambro verübten angeblich 1980 den Terroranschlag auf den Hauptbahnhof von Bologna mit 85 Toten und über 200 Verletzten. Organisator des Massakers war angeblich Stefano Delle Chiaie. Ob der Anschlag allerdings tatsächlich von Fioravanti und Mambro ausgeführt wurde, ist umstritten. Die Verurteilten hatten eine Beteiligung stets bestritten. Wie ermittelt wurde, hielten sich am Tag des Anschlags Christa Margot Fröhlich, Mitglied einer Gruppe um den Terroristen „Carlos“ und Thomas Kram, Mitglied der Revolutionären Zellen für einen Tag in Bologna auf. Hinweise auf eine Beteiligung der beiden an dem Anschlag gibt es jedoch nicht.
  • Am 23. Dezember 1984 explodierte eine Bombe im italienischen Eilzug 904 während der Fahrt durch einen Tunnel. Sie tötete 27 Menschen und verletzte 180.

Die Anschläge und ihre Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf der Basis von Cassons Enthüllungen wurden durch gerichtliche Untersuchungen und eine staatliche Untersuchungskommission zahlreiche Terroranschläge neu untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass durch die inszenierten Anschläge im Rahmen der Strategie der Spannung mehr als 200 Menschen getötet und etwa 600 verletzt worden waren; der bekannteste war der Terroranschlag auf den Hauptbahnhof von Bologna 1980 mit 85 Toten und über 200 Verletzten. In der Folge wurden für eine Reihe von bis dahin meist den Roten Brigaden zugeschriebenen Terroranschlägen einige Rechtsextremisten und Geheimdienstler zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Motivation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Historiker Daniele Ganser schrieb über die Hintergründe der Strategie:[3][4]

„Die Stay-behind-Armeen [Anm.: das Gladio-Netzwerk] waren dem Volk, dem Parlament und den meisten Regierungsmitgliedern unbekannt und bildeten in ganz Westeuropa ein unsichtbares, koordiniertes, geheimes Sicherheitsnetz. In einigen Ländern, aber nicht in allen, mutierten die Sicherheitsnetze jedoch auch zu Terrorzellen. […] Washington, London und der italienische militärische Geheimdienst befürchteten, dass der Einzug der Kommunisten in die [italienische] Regierung die NATO von innen heraus schwächen könnte. Um dies zu verhindern, wurde das Volk manipuliert: Rechtsextreme Terroristen führten Anschläge aus, diese wurden durch gefälschte Spuren dem politischen Gegner angelastet, worauf das Volk selber nach mehr Polizei, weniger Freiheitsrechten und mehr Überwachung durch die Nachrichtendienste verlangte.“

„Terror eignet sich mehr als irgendeine andere militärische Strategie dazu, die Bevölkerung zu manipulieren.“

In Bezug auf die Verwicklung der NATO bemerkte der Terrorist Vinciguerra gegenüber dem Guardian:[5]

„Der Weg des Terrors wurde von verdeckt agierenden Personen verfolgt, die zum Sicherheitsapparat gehörten, oder die durch Weisung oder Zusammenarbeit mit dem Staatsapparat verbunden waren. Jede einzelne der Gewalttaten nach 1969 passte genau in ein einheitliches, organisiertes Schema... Die Avanguardia Nazionale wurde ebenso wie der Ordine Nuovo für einen Kampf mobilisiert, der Teil einer antikommunistischen Strategie war. Diese entstammte nicht etwa staatsfernen Institutionen, sondern dem Staatsapparat selbst, spezifischer dem Bereich der Verbindungen des Staats zur NATO.“

Nachdem der italienische Ministerpräsident Giulio Andreotti öffentlich die Existenz von Gladio bestätigt hatte, sagte hingegen der ehemalige Chef des italienischen Militärgeheimdienstes SID und NATO-Funktionär General Vito Miceli:[6]

„Ich bin ins Gefängnis gegangen, weil ich die Existenz dieser supergeheimen Organisation nicht enthüllen wollte. Und jetzt kommt Andreotti und erzählt es dem Parlament!“

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dario Azzellini: Bomben für das System – Die »Strategie der Spannung«. In: Italien. Genua. Geschichte, Perspektiven. Assoziation A, Berlin 2002, ISBN 3-935936-06-0.
  • Paola Bernasconi: Zwischen Aktivismus und Gewalt: Die Wurzeln des italienischen Neofaschismus. In: Massimiliano Livi, Daniel Schmidt, Michael Sturm (Hrsg.): Die 1970er Jahre als schwarzes Jahrzehnt. Politisierung und Mobilisierung zwischen christlicher Demokratie und extremer Rechter. Campus, Frankfurt a. M./New York 2010, ISBN 978-3-593-39296-7, S. 171-189.
  • Gerhard Feldbauer: Agenten, Terror, Staatskomplott. Der Mord an Aldo Moro, Rote Brigaden und CIA. Papy Rossa, Köln 2000, ISBN 3-89438-207-4.
  • Daniele Ganser: Nato's Secret Armies: Operation Gladio and Terrorism in Western Europe. Frank Cass, London 2005, ISBN 0-7146-8500-3.
  • Regine Igel: Andreotti. Politik zwischen Geheimdienst und Mafia. Herbig, München 1997, ISBN 3-7766-1951-1.
  • Regine Igel: Terrorjahre. Die dunkle Seite der CIA in Italien. Herbig, München 2006, ISBN 3-7766-2465-5.
  • Luciano Lanza: Bomben und Geheimnisse. Geschichte des Massakers von der Piazza Fontana. Edition Nautilus, Hamburg 1999, ISBN 3-89401-332-X.
  • Corrado Stajano: Der Staatsfeind. Leben und Tod des Anarchisten Franco Serantini. Wagenbach, Berlin 1976.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e Gunther Latsch: Die dunkle Seite des Westens. In: Der Spiegel. Nr. 15, 11. April 2005, S. 48–50 (PDF [abgerufen am 15. Juli 2016]).
  2. Karl Hoffmann: Vor 25 Jahren: Bomben-Anschlag im Bahnhof von Bologna. In: Deutschlandfunk. 2. August 2005, abgerufen am 20. Juli 2008.
  3. a b c Daniele Ganser: Nato-Geheimarmeen und ihr Terror. In: Der Bund. Bern 20. Dezember 2004, S. 2 ff. (online [PDF; abgerufen am 20. Juli 2008]).
  4. Daniele Ganser: Gladio. In: Der Europäer. Band 9, Nr. 6, April 2005.
  5. Ed Vulliamy: Secret agents, freemasons, fascists... and a top-level campaign of political 'destabilisation'. In: The Guardian. 5. Dezember 1990, abgerufen am 27. Juli 2008 (engl.).
  6. Daniele Ganser: The Secret Side of International Relations: An approach to NATO’s stay-behind armies in Western Europe. April 2005, S. 9 ([PDF (Memento vom 5. Februar 2012 im Internet Archive) ] [abgerufen am 27. Juli 2008] Konferenzbeitrag, 55th Political Studies Association Annual Conference, University of Leeds, 4.-7. April).