Thalestris

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Die Amazonenkönigin Thalestris im Lager Alexander des Großen (Gemälde von Johann Georg Platzer, Südtirol um 1750)

Thalestris (altgriechisch Θάληστρις) ist die letzte Amazonenkönigin, die namentlich genannt wird.[1] Sie soll im Jahr 330 v. Chr. den Makedonenkönig Alexander den Großen während dessen Asienfeldzug getroffen haben. Moderne Forscher halten sie durchwegs nicht für eine geschichtliche, sondern eine erfundene Person.

Geschichtliche Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die wichtigsten erhaltenen antiken Quellen für die angebliche Begegnung von Alexander dem Großen und Thalestris stellen die Berichte der Geschichtsschreiber Diodor und Curtius Rufus sowie der Auszug von Iustinus aus dem Geschichtswerk des Pompeius Trogus dar.

Der griechische Historiker Diodor schreibt im 1. vorchristlichen Jahrhundert, dass sich zur Zeit des Alexanderzugs die Macht der Königin Thalestris über das Gebiet zwischen den Flüssen Phasis (heute Rioni am Südwestabhang des Kaukasus-Gebirges) und Thermodon erstreckt habe. 330 v. Chr. lagerte Alexander auf seinem Feldzug gegen die Perser mit seinen Truppen am südlichen kaspischen Meer in Hyrkanien. Da sei Thalestris mit einem Teil ihres Heeres, 300 in voller Rüstung steckenden Amazonen, zu seinem Lager geritten. Sie habe dem König erklärt, dass sie ein Kind von ihm zu bekommen begehre. Da er sich als der größte aller Männer erwiesen habe und sie selbst mutiger und stärker sei als alle anderen Frauen, werde ein von ihnen zusammen gezeugtes Kind alle Sterblichen übertreffen. Alexander wäre der Bitte nicht abgeneigt gewesen und habe beschlossen, mit seinem Heer noch einige Tage Halt zu machen. Nach 13 Tagen gemeinsamen Verkehrs habe er Thalestris reich beschenkt entlassen.[2]

Der wohl im 1. Jahrhundert n. Chr. lebende römische Geschichtsschreiber Quintus Curtius Rufus erwähnt in seiner Erzählung dieser Episode weitere Einzelheiten.[3] So habe Thalestris beispielsweise Alexander gegenüber geäußert, dass sie ein Kind weiblichen Geschlechts behalten werde, ein männliches aber zu ihm schicken würde. Der römische Historiker Iustinus, der im 2. oder 3. Jahrhundert lebte, liefert eine ähnliche Darstellung der Geschichte.[4] Alle drei Schreiber geben keine Auskunft über das weitere Leben der Amazonenkönigin. Im Alexanderroman des Pseudo-Kallisthenes im 3. Jahrhundert kommt die Gestalt der Thalestris nicht vor.

Beurteilung der Geschichtlichkeit von Thalestris[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Thalestris, die Königin der Amazonen, besucht Alexander (unbekannt, 1696)

Die Historizität von Thalestris war schon unter antiken Geschichtsschreibern umstritten. Um 100 n. Chr. führt der Biograph Plutarch 14 Autoren auf, welche die Thalestris-Geschichte erwähnten. Einige wie Kleitarchos oder Onesikritos schenkten ihr Glauben, neun Schreiber hielten die Affäre zwischen Alexander dem Großen und Thalestris für komplette Fiktion (darunter Aristobulos, Ptolemaios, Chares von Mytilene und Duris von Samos).[5] Viele Jahre nach der angeblichen Begegnung zwischen dem Makedonenkönig und Thalestris weilte der griechische Geschichtsschreiber Onesikritos bei Lysimachos, einem Teilnehmer des Alexanderzuges, der sich zum Zeitpunkt dieser vermeintlichen Episode in der Nähe Alexanders aufgehalten hatte. Als Onesikritos das Auftreten der Amazone aus dem vierten Buch seines Geschichtswerks vorlas, lächelte Lysimachos und fragte, wo denn er damals gewesen sei; also wusste er offenbar nichts von der Amazone.[6]

Um 150 n. Chr. berichtet der als sehr zuverlässig geltende römische Geschichtsschreiber Arrian zwar nichts über Thalestris, gibt aber an, dass der Makedonenkönig laut einigen Berichten erst sechs Jahre später 100 bewaffnete Reiterinnen, angeblich Amazonen, getroffen habe (also 324 v. Chr.). Diese seien ihm vom medischen Satrapen Atropates gesandt worden. Alexander habe sie jedoch wieder fortgeschickt, um zu verhindern, dass die Soldaten ihnen Gewalt zufügten. Arrian betont, dass die für ihn glaubwürdigen Alexanderhistoriker wie Aristobulos und Ptolemaios diese Geschichte nicht erwähnten, und er bezweifelt, dass es überhaupt jemals eine solche Rasse kriegerischer Frauen gab.[7]

Die moderne Wissenschaft hält die Thalestris-Episode einhellig für unhistorisch. Vielleicht lieferte die Tochter eines Skythenkönigs, die Alexander – laut dessen eigenem Brief an Antipater – zur Gattin angeboten worden war,[8] den Anstoß zu dieser Amazonenlegende.

Kunst[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Girolamo Fagivoli: Alexander und Thalestris, nach Francesco Primaticcio (Gemälde, 16. Jahrhundert)
  • Christian Heinrich Postel: Die Groß-Mächtige Thalestris, oder Letzte Königin der Amazonen (Singspiel, 1690)
  • Johann Georg Plazer: The Amazon Queen Thalestris in the Camp of Alexander (Gemälde, um 1750)

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Belletristik:

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Thalestris – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Laut Iustinus (Epitoma historiarum Philippicarum Pompei Trogi 2, 4, 33 und 12, 3, 5) wurde Thalestris auch Minythyia genannt.
  2. Diodorus Siculus: Bibliotheca historica 17, 77, 1–3.
  3. Quintus Curtius Rufus: Historia Alexandri Magni 6, 5, 24–32.
  4. Marcus Iunianus Iustinus: Epitoma historiarum Philippicarum Pompei Trogi 12, 3, 5–7.
  5. Plutarch: Alexander 46, 1–2; vgl. Strabon, Geographie 11, 5, 4 p. 505.
  6. Plutarch: Alexander 46, 4.
  7. Arrian: Anabasis 7, 13, 2–6. Siehe auch Siegfried Lauffer: Alexander der Große. 3. Auflage. dtv, München 1993, ISBN 3-423-04298-2, S. 176–177 (Erstauflage 1978).
  8. Plutarch: Alexander 46, 3.