Theophile von Bodisco

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Theophile Magda Eugenie von Bodisco, geborene von Wistinghausen, Pseudonyme J. von Playe und Magda Kaarsen (* 15. März 1873 in Reval, Russisches Kaiserreich; † 17. Juni 1944 in Bad Schachen bei Lindau am Bodensee), war eine deutschbaltische Schriftstellerin und Journalistin.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bodisco wurde als Tochter des evangelisch-lutherischen, deutschbaltisch-russischen Arztes und Verwaltungsbeamten Karl Alexander von Wistinghausen (1826–1883) und seiner Frau Nikolette Adelheid (Adele) Anna Theophile (1849–1922), geborene Gräfin Stenbock und Enkelin von Henriette Kant (1783–1850), einer Nichte Immanuel Kants, in Reval geboren. Ihre Kindheit brachte sie in Reval, auf dem Herrensitz ihres Großvaters Karl Magnus Graf Stenbock in Kolk sowie in Dorpat zu. In dem klassizistischen Herrenhaus an der Küste Estlands wohnte zeitweise auch ihr Cousin, der Schriftsteller Eric Graf Stenbock (1860–1895). Nach ersten mütterlichen Unterweisungen und einem Hausunterricht bei einer Hauslehrerin, der den Beginn ihrer schulischen Ausbildung markierte, besuchte sie eine private Töchterschule II. Ordnung, die ihre Schülerinnen für das Hauslehrerexamen qualifizierte. Dort geschlossene erste Freundschaften, unter anderem zur Malerin Susa Walter, hielt sie bis ins Alter aufrecht. Von ihrem persönlichen Plan, sich nicht konfirmieren zu lassen, sah sie auf inständiges Bitten ihrer Mutter ab. An der Seite ihrer Mutter reiste sie in die Schweiz und nach Italien. Weitere Reisen unternahm sie nach Finnland, Sankt Petersburg und Moskau. Alsbald entdeckte sie ihr Interesse an der Schriftstellerei, der sie sich professionell widmen wollte. Unter dem Pseudonym J. von Playe erschien 1890 ihre erste Erzählung in der Revalschen Zeitung. Am 5. Juli 1896 heiratete sie den Juristen und Landesbeamten Eduard Michael von Bodisco (1863–1940), Urenkel des russischen Admirals Nikolaus (Nikolai) von Bodisco (1756–1815). Ihm gebar sie die Söhne Boris (1897–1973) und Modest (1899–1961) sowie die Tochter Beatrice Theophile Anna (verheiratete von Cossel, 1903–1999).[1] Der Institution Ehe als „andere Lebensebene“ reserviert gegenüberstehend konnte sie eine innere Freiheit bewahren.[2] Vor dem Ersten Weltkrieg gelang es ihr, eine bekannte Autorin zu werden, deren Romane im S. Fischer Verlag und im Gebrüder Paetel Verlag erschienen und zwischen 1912 und 1924 das deutschbaltische Milieu literarisch beschrieben. Im Dezember 1918 floh sie vor der Roten Armee aus Reval nach Berlin, wo sie sich in den Jahren 1891 bis 1914 bereits in längeren Intervallen aufgehalten hatte. Nach dem Weltkrieg ging sie 1920 wieder nach Reval, damals die in Tallinn umbenannte Hauptstadt des unabhängigen Estland, doch 1927 kehrte sie mit ihrem Gatten endgültig in die deutsche Reichshauptstadt zurück, wo sie auch in den Jahren 1922/1923 gelebt hatte. Dort arbeitete sie als Journalistin für die Deutsche Rundschau, die Deutsche Allgemeine Zeitung und die Vossische Zeitung. In den 1920er Jahren schrieb sie Zeitungsromane und Artikel. 1931 bis 1939 lebte sie in Blankenburg, ab 1939 wieder in Berlin. Nachdem sie während des Zweiten Weltkriegs in einer Berliner Bombennacht 1943 ihre Wohnung verloren und sich zu ihrer Tochter an den Bodensee begeben hatte, schied sie am 17. Juni 1944 durch Suizid aus dem Leben.[3] Ihre Memoiren erschienen 1997 unter dem Titel Versunkene Welten.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bodiscos Romane schildern aus konservativer deutschbaltischer Perspektive die abgeschlossene, patriarchalisch und literarisch geprägte geistige Welt des baltischen Adels und des Bildungsbürgertums, in der die Existenz einer estnischen Bevölkerung im erzählerischen Hintergrund eines idyllischen Heimatbildes verbleibt. Die estnische Landschaft wurde von ihr als Teil einer synästhetisch dargestellten Naturwelt beschrieben, oft dadurch, dass sie die über viel Muße verfügenden Figuren ihrer Erzählungen und Romane lang anhaltende Blicke aus Fenstern werfen oder ausgedehnte Spaziergänge unternehmen ließ. Ihr literarischer Stil ist von dem ebenfalls baltischen Impressionisten Eduard von Keyserling geprägt.[4][5][6]

  • Im Hause des alten Freiherrn, 1913, Roman
  • Das Kirchspiel von St. Lucas, 1915, Roman
  • Aus einer verklingenden Welt, 1921, Roman
  • Dostojewski als religiöse Erscheinung, 1921. In: Theologische Literaturzeitung, 47. Jahrgang (1922), Nr. 4
  • Dorothee und ihr Dichter. Ein kleiner Roman. Gebrüder Paetel Verlag, Berlin 1924, 198 S.
  • Der eingebildete Kranke, Spiel nach Molière, als Schattenspiel inszeniert, 1925
  • Olga und die Geistringer. In: Rigaer Rundschau, 1925
  • Der Schweinehirt, nach dem gleichnamigen Märchen von Hans Christian Andersen, als Schattenspiel inszeniert, 1927
  • Versunkene Welten. Erinnerungen einer estländischen Dame. Henning von Wistinghausen (Hrsg.), Anton H. Konrad Verlag, Weißenhorn 1997

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bodisco, Theophile Magda Eugenie, von. In: Carola L. Gottzmann, Petra Hörner: Lexikon der deutschsprachigen Literatur des Baltikums und St. Petersburgs. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Walter de Gruyter, Berlin 2007, ISBN 978-3-11-019338-1, Band 1 (A–G), S. 249 (Google Books)
  • Bodisco, Theophile, von. In: Wilhelm Kosch, Konrad Feilchenfeldt (Hrsg.) u. a.: Deutsches Literaturlexikon. Das 20. Jahrhundert. Band 3: Blaas – Braunfels, K. G. Saur Verlag, München 2001, ISBN 3-908255-03-1, Sp. 209 (Google Books)
  • Henning von Wistinghausen: Die Kotzebue-Zeit in Reval. Im Spiegel des Romans „Dorothee und ihr Dichter“ von Theophile von Bodisco. Anton H. Konrad Verlag, Weißenhorn 1995, ISBN 978-3-87437-372-2, 63 S.
  • Bodisco, Theophile Magda Eugenie, v. In: Wilhelm Lenz (Hrsg.): Deutschbaltisches Biographisches Lexikon, Böhlau Verlag, Köln 1970, ISBN 3-412-42670-9, S. 82

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Beatrice Theophile Anna von Bodisco, Webseite im Portal gw.geneanet.org, abgerufen am 19. Dezember 2015
  2. Anja Wilhelmi: Lebenswelten von Frauen der deutschen Oberschicht im Baltikum (1800–1939). Eine Untersuchung anhand von Autobiografien. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-447-05830-8, S. 123, 156, 176, 236 (Google Books)
  3. Maike Schult: Im Banne des Poeten. Die theologische Dostoevskij-Rezeption und ihr Literaturverständnis. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2012, ISBN 978-3-525-56349-6, S. 254 (Google Books)
  4. Mari Tarvas: Theophile von Bodisco als Vertreterin der deutschbaltischen Literatur. In: Jean-Marie Valentin (Hrsg.): Akten des XI. Internationalen Germanistenkongresses Paris 2005. Band 8: Universal-, Global- und Nationalkulturen – Nationalliteratur und Weltliteratur. (= Jahrbuch für Internationale Germanistik, Reihe A, Band 84), Peter Lang, Bern 2007, ISBN 978-3-03910-797-1, S. 77 ff. (Google Books)
  5. Antonie Alm-Lequeux: Eduard von Keyserling. Sein Werk und der Krieg. Dissertation 1995, Igel Verlag, Paderborn 1996, ISBN 3-89621-020-3, S. 48 (Google Books)
  6. Gero von Wilpert: Deutschbaltische Literaturgeschichte. Verlag C. H. Beck, München 2005, ISBN 3-406-53525-9, S. 259 (Google Books)