Thomas Schöpf

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Der Stadtarzt Thomas Schöpf bei einem Pestkranken, Gemälde von Rudolf Münger (1917)

Thomas Schöpf (* 1520 vermutlich in Breisach; † 1577 in Bern) war ein Schweizer Arzt, Stadtphysicus von Bern und angeblicher Kartograf.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Thomas Schöpf studierte von 1541 bis 1547 an der Universität Basel die Freien Künste. 1547 heiratete er in Basel Anna Suracherin. Bis 1552 war er Magister zu St. Peter und gab dem jungen Felix Platter Unterricht auf dem Clavichord. Er begleitete diesen 1552 zum Medizinstudium nach Montpellier, promovierte 1553 in Valence zum Doktor der Medizin und kehrte am 5. Mai 1553 zurück. 1564 war er Stadtarzt in Colmar, 1565 wurde er Stadtarzt von Bern. Schöpf war Angehöriger der Gesellschaft zu Mittellöwen in Bern.[1]

Exemplar der Karte von 1578: Ausschnitt um Bern

Schöpf galt lange als Urheber einer handschriftlichen Beschreibung[2] sowie einer Wandkarte des bernischen Staatsgebiets, die 1577 als Manuskript vorlag und erst nach seinem Tod 1578 im Kupferstichdruck erschien. Ein zweiter Druck wurde 1672 von Albrecht Meyer in Bern herausgegeben. Der mittlere Massstab liegt bei 1:115'000.[3] Die Karte wurde von der bernischen Obrigkeit gefördert, sie entstand jedoch nicht in deren Auftrag. Neben derjenigen von Jos Murer handelt es sich um die bedeutendste Gebietskarte des 16. Jahrhunderts in der Schweiz. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts blieb sie die beste Karte des Berner Gebiets. Sie diente auch dem bernischen Stadtbaumeister Joseph Plepp als Grundlage für seine Karte des bernischen Staatsgebietes von 1638.

Schöpf starb am 16. Juni 1577 in Bern an der Pest. Sein Testament wurde am 16. September 1577 bestätigt.

Landesbeschreibung und Karte des Staates Bern, 1577–1578[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Karte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Digitalisierte Karte des 1. Drucks Strassburg, Bernhard Jobin, 1578; koloriertes Exemplar AA 1759 des Staatsarchivs des Kantons Bern, in Tafel 7 mit dem in Kupfer gestochenen und aufgeklebten lateinischen Widmungstext des Verfassers an den Berner Rat mit Datierung «pridie Calend. Septemb. anni M.D.LXXVII» (31. August 1577).[4]

Digitalisierte Karte des 2. Drucks des Albrecht Meyer, Bern 1672, Exemplar der Universitätsbibliothek Basel online.[5]

Liste der bekannten Exemplare: 6 Exemplare des Erstdrucks von 1578 und 15 Exemplare des 2. Drucks von 1672.[6]

  • Die Karte ist südorientiert und beruht auf einer längentreuen normalachsigen Zylinderprojektion. „Insgesamt ist die planimetrische Genauigkeit der Schöpfkarte von hoher Qualität“.[7]
  • Karte und Beschreibung sind eng verknüpft: Distanzangaben in Wegstunden und Minuten zwischen den einzelnen Orten; sie wurden auf der Karte gemessen und in den Text der Chorographie eingetragen.[8]
Blätter 1-3 (von 18), 2. Druck, Bern 1672, Exemplar der UB Basel, stark koloriert.

Die Landesbeschreibung (Chorographie)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Digitalisat der Originalhandschrift im Staatsarchiv des Kantons Bern: Band 1.[9] Band 2.[10]

Deutsche Übersetzung von Theresa Rothfuß, digital abrufbar auf der Seite des Ludwig Boltzmann-Institutes für neulateinische Studien in Innsbruck.[11]

  • Die Originalhandschrift von 1577 blieb im bernischen Archiv und diente der Staatsverwaltung. Erst vom Jahr 1600 an wird sie in Auszügen abgeschrieben, häufiger erst nach 1640.[12]
  • Die Chorographie kann in ihrer Fülle von Namen als namenkundliches Werk bezeichnet werden.[13]

Schöpfs zweifelhafte Autorschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Thomas Schöpf wird in der handschriftlichen Landesbeschreibung, der Chorographia von 1577 und in der großformatigen gedruckten Wandkarte der Stadtrepublik Bern aus dem Jahr 1578 als Autor genannt. Gründliche archivalische Forschungen zeigen aber, dass Schöpf zwar seinen Namen für dieses Unternehmen hergegeben hat, dass er aber Strohmann war für ein Projekt, dessen Urheber verborgen bleiben sollten.

Die Historikerin Anne-Marie Dubler hat die familiären und beruflichen Lebensumstände von Thomas Schöpf als Stadtarzt von Bern von 1565 bis zu seinem Tod 1577 erforscht, ebenso mit Archivstudien seinen familiären und beruflichen Werdegang von Breisach über Basel und Colmar bis nach Bern.[14] Sie stellt fest, dass Schöpf als Breisacher in Bern weder die Ortskenntnisse hatte noch, als vielbeschäftigter Arzt, die Zeit, neben seinem anstrengenden Beruf in Zeiten von Pestepidemien eine zweibändige Landesbeschreibung des bernischen Staates zu schreiben und die Herstellung einer großformatigen Landkarte zu organisieren, die das bernische Staatsgebiet, das damals von Genf bis Brugg und vom Jurasüdfuß bis zu den Hochalpen reichte, abbilden sollte.

Als Autor, der sich hinter dem Akademiker Schöpf versteckt, nennt Anne-Marie Dubler Generalkommissär Niklaus Zurkinden (1506–1588). Er muss den Text der Landesbeschreibung (Chorographie genannt) in Latein verfasst und die Herstellung der Karte organisiert haben. Als Ratsherr und ehemaliger Generalkommissär des 1536 eingenommenen Waadtlandes hatte er Zugang zum Gewölbe, dem bernischen Archiv und zu allen Dokumenten. Er sorgte für Geheimhaltung des Unternehmens, bis zum Moment, da es vorzeigbar war. Für diese älteste bernische Landesbeschreibung hat er die detaillierten Listen der Verwaltungsämter, der Herrschaften und Vogteien mit ihren Siedlungen und Dörfern, immer mit den militärisch wichtigen Marschzeiten zu den lokalen Zentren, beschafft. Diese Informationen beruhen auf seinen historischen und topographischen Landeskenntnissen und auf seinem freien Zugang zum bernischen Archiv. Dem ersten Textband stellt er, ebenfalls unter dem Namen Schöpfs, ein staatsphilosophisches Vorwort in Latein voran, worin er als Erasmianer seine friedenstiftende Denkungsart zu erkennen gibt. Als Schreiber der Chorographie diente Schöpfs Schwiegersohn Jakob Bucher (1543–1616), damals Ratsschreiber von Bern und seit 1569 mit Schöpfs Tochter aus erster Ehe, Anna (1548 bis nach 1600), verheiratet. Dieses Einbinden von Verwandten in das Unternehmen erleichterte die Geheimhaltung.

Von Anfang an beteiligt war der Schwager von Thomas Schöpf, der Kartenverleger Adelbert Sauracker (geb. vor 1528–1592) in Basel. Er war interessiert am Druck im Kupferstichverfahren einer Karte des Staates Bern, die er in den Handel bringen wollte. Sauracker und Zurkinden kamen vielleicht durch Thomas Schöpf bei dessen Amtsantritt in Bern miteinander ins Einvernehmen.

Ausführender war der Maler, Zeichner und Visierer Martin Krumm (1540–1577), Bernburger, verheiratet mit Zurkindens Tochter Eva. Er wurde mit den Vorarbeiten und der Herstellung von Skizzen betraut, sowie mit der Illustrierung der beiden Textbände, starb aber vor Abschluss der Arbeit und wurde durch Mathys Walther ersetzt.

Im Sommer 1576 wurde die Sache in den Rat getragen. Dieser bewilligte am 3. August die Publikation der Karte, ihre Finanzierung am 26. September 1576 und die Aufenthaltsbewilligung für den Kupferstecher Johannes Martin aus Deventer am 17. Dezember 1576 sowie die Wahl des Druckers Bernhard Jobin in Strassburg. Schöpf erlebte die Vollendung der Arbeiten nicht, sondern starb am 16. Juni 1577. Der erste Druck ist datiert vom 31. August 1577. Nach Abschluss des Drucks in Strassburg wurde im Februar 1578 das offizielle Exemplar der Wandkarte in Bern einem Ratsausschuss vorgestellt, überreicht, und in das Archiv versorgt. Gleichzeitig wurde der weitere Druck und Verkauf unterbunden. Der Berner Rat entschädigte die Beteiligten, ließ die Kupferplatten abholen und in Bern ins Archiv legen, wo sie 100 Jahre später für den zweiten Druck gebraucht worden sind.

Dieser These der zweifelhaften Autorschaft von Thomas Schöpf widerspricht Kaspar Gubler vom Historischen Institut der Universität Bern, weil diese überwiegend auf Vermutungen basiert und nicht belegt werden kann; er veröffentlichte hierzu einen Aufsatz von dem eine erweiterte Fassung in Vorbereitung für den Druck ist.[15]

Ausstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Universitätsbibliothek Bern zeigt vom 3. August bis 25. Oktober 2020 in einer Ausstellung mit Rahmenprogramm die Schöpfkarte. Auf der dazugehörigen Webseite[16] finden sich unter anderem eine Materialienseite sowie eine virtuelle Ausstellung.

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Inclitae Bernatum urbis, cum omni ditionis suae agro et provinciis delineatio chorographica. 9 Blätter à je 2 Druckplatten. Gezeichnet und in Kupfer gestochen von den Malern Martin Krumm aus Bern und Johann Martin aus Deventer , herausgegeben unter Mitwirkung von Adelbert Saueracher in Basel und gedruckt von Bernhard Jobin in Strassburg, 1578; 2. Druck von Albrecht Meyer, Bern 1672 DOI:10.3931/e-rara-14060.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Anne-Marie Dubler: Leben und Sterben in Bern zur Zeit des Stadtarztes Thomas Schöpf (1520-1577), ein Zeit- und Sittenbild aus dem reformierten Bern der Frühen Neuzeit; (Berner Zeitschrift für Geschichte, Jg. 82 Nr. 2, 2020), 199 S., ill.; ISSN 0005-9420
  • Kaspar von Greyerz: The late city reformation in Germany: the case of Colmar 1522–1628. Wiesbaden 1980, ISBN 3-515-02997-4.
  • Georges Grosjean: Karte des Bernischen Staatsgebietes von 1577/78 von Thomas Schoepf. Dietikon 1970–1972.
  • Kaspar Gubler: Thomas Schöpf (1520-1577) als Wissensträger im Kreise der Gelehrten seiner Zeit. In: HistData, 07/08/2020, https://histdata.hypotheses.org/1563.
  • Heinz E. Herzig: Thomas Schoepfs «tabula arctographica» als Beitrag zum bernischen Selbstverständnis. In: Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde. ISSN 0005-9420, Bd. 54 (1992), H. 4, S. 164–172 (Digitalisat).
  • Martin Korenjak: Inclitae Bernatum urbis delineatio chorographica – der Text zu Thomas Schoepfs Karte des Bernischen Staatsgebiets (1578). In: Cartographica Helvetica. Bd. 47 (2013), S. 27–36 (Digitalisat).
  • Peter H. Meurer: Fontes cartographici Orteliani: das «Theatrum orbis terrarum» von Abraham Ortelius und seine Kartenquellen. Weinheim 1991, ISBN 3-527-17727-2.
  • Theresa Rothfuss: Thomas Schöpf: «Inclytae Bernatum Vrbis cum omni ditionis suae agro et provinciis delineatio choro-graphica» (Übersetzung von Thomas Schöpfs zweibändigem Chorographischen Abriss der berühmten Stadt Bern samt allem unter ihrer Herrschaft stehendem Gebiet und ihren Amtsbezirken aus dem Jahr 1577 vom Lateinischen in die deutsche Sprache; online).
  • Thomas Schöpf: Die Schöpfkarte des bernischen Staatsgebiets von 1578, Hrsg.: Michael Schläfli und Hans-Uli Feldmann; (Cartographica Helvetica Nr. 60, 2020; ISSN 1015-8480); 71 S., ill. mit vielen Abbildungen: als Umschlag die Kartenblätter 8–9 im Originalmaßstab; Mittelseiten 36–37 mit Abb. der ganzen Schöpfkarte der 2. Auflage von 1672, verkleinert auf ca. 1:5.
  • Alfred Zesiger: Die Stube zum roten/guldinen Mittlen-Löüwen. Ein Rückblick auf die Geschichte der ersten fünf Jahrhunderte. Zur Einweihung der neuen Zunftstube im Falken am 10. März 1908, Bern 1908.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zesiger 1908, S. 178.
  2. Inclitae Bernatum Urbis delineatio chorographica (Kommentar zur Karte des Staates Bern) Band 1: Deutsche Vogteien Band 2: Welsche Vogteien
  3. Markus Oehrli: Planimetrische Genauigkeit der Schöpfkarte. – In: Thomas Schöpf: Die Schöpfkarte des bernischen Staatsgebiets von 1578, Hrsg.: Michael Schläfli und Hans-Uli Feldmann; Cartographica Helvetica Nr. 60, 2020, S. 57–60, bes. Tabelle 1 S. 58
  4. AA 1759 Bern im Katalog des Staatsarchivs Bern.
  5. Inclitae Bernatum urbis, cum omni ditionis suae agro et provinciis delineatio chorographica : secundum cuiusque loci justiorem longitudinem et latitudinem coeli : gratia privilegioque caesareo / authore Thoma Schepfio Bris doctore medico ; Bernae Nuitonum pingebant, et exaesis tÿpis aeneis exsculpebant, Martinus Krumm Bernensis et Johannes Martin Dauentriensis, ambo pictores ; adiuvate Adelbergo Sauracker cive Basiliensi verò cura Bernhardi Jobini 2. Druck von Albrecht Meyer, 1672. 1672, doi:10.3931/e-rara-14060 (e-rara.ch [abgerufen am 28. Juli 2020]).
  6. Michael Schläfli und Martin Koller: Variationen einer Wandkarte. – In: Thomas Schöpf: Die Schöpfkarte des bernischen Staatsgebiets von 1578, Hrsg.: Michael Schläfli und Hans-Uli Feldmann; (Cartographica Helvetica Nr. 60, 2020), S. 4–8, und Tabellen S. 5 und 6.
  7. Markus Oehrli: Planimetrische Genauigkeit der Schöpfkarte. – In: Thomas Schöpf: Die Schöpfkarte des bernischen Staatsgebiets von 1578, Hrsg.: Michael Schläfli und Hans-Uli Feldmann; Cartographica Helvetica Nr. 60, 2020, S. 57–60, bes. S. 59.
  8. Hans-Rudolf Egli: Zum Verhältnis von Chorographie und Erstdruck der Schöpfkarte. – In: Thomas Schöpf: Die Schöpfkarte des bernischen Staatsgebiets von 1578, Hrsg.: Michael Schläfli und Hans-Uli Feldmann; Cartographica Helvetica Nr. 60, 2020, S. 28–33.
  9. Schöpf Thomas: Inclitae Bernatum Urbis delineatio chorographica (handschriftliche Beschreibung zur Karte des Staates Bern) Band 1: Deutsche Vogteien. 1577, abgerufen am 28. Juli 2020.
  10. Schöpf Thomas: Inclitae Bernatum Urbis delineatio chorographica (handschriftliche Beschreibung zur Karte des Staates Bern) Band 2: Welsche Vogteien. 1577, abgerufen am 28. Juli 2020.
  11. „Chorographischer Abriss der berühmten Stadt Bern samt allem unter ihrer Herrschaft stehendem Gebiet und ihren Amtsbezirken“: Übersichtsseite in Internet Archive, Stand 30. November 2017
  12. Florian Mittenhuber: Handschriftliche Grundlagen der Textzeugen der Chorographie und ihrer Abschriften 1580-1790. – In: Thomas Schöpf: Die Schöpfkarte des bernischen Staatsgebiets von 1578, Hrsg.: Michael Schläfli und Hans-Uli Feldmann; Cartographica Helvetica Nr. 60, 2020; S. 9–16, bes. S. 5–6 Listen mit den Provenienzen.
  13. Thomas Franz Schneider und Luzius Thöny: Deutungen von Ortsnamen in der Chorographie. – In: Thomas Schöpf: Die Schöpfkarte des bernischen Staatsgebiets von 1578, Hrsg.: Michael Schläfli und Hans-Uli Feldmann; Cartographica Helvetica Nr. 60, 2020, S. 61–65.
  14. Anne-Marie Dubler: Leben und Sterben in Bern zur Zeit des Stadtarztes Thomas Schöpf (1520-1577), ein Zeit- und Sittenbild aus dem reformierten Bern der Frühen Neuzeit; (Berner Zeitschrift für Geschichte, Jg. 82 Nr. 2, 2020), 199 S., ill., bes. S. 108–116, 128, 131–142 und 175–177; ISSN 0005-9420
  15. Kaspar Gubler: Thomas Schöpf (1520-1577) als Wissensträger im Kreise der Gelehrten seiner Zeit. Abgerufen am 10. Juli 2020.
  16. Universitätsbibliothek Bern: Schöpfkarte. Abgerufen am 10. Juli 2020.