Thorsberger Moor

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Blick aus nördlicher Richtung („achter de Torsmoor“) nach Südwesten
Blick auf die Stelle der Grabungen durch C. Engelhardt
Maskenteil eines germanischen Reiterhelmes aus römischer Produktion (3. Jh.)

Das Thorsberger Moor (dänisch: Torsbjerg Mose) ist ein Moor im nördlichen Gemeindegebiet von Süderbrarup in der Landschaft Angeln in Schleswig-Holstein. Es handelt sich bei diesem unscheinbaren Gewässer, das von zahlreichen bronzezeitlichen Grabhügeln umgeben ist, um einen bedeutenden archäologischen Fundplatz und germanisches Opfermoor aus der römischen Kaiserzeit. Im Moor wurden im 19. Jahrhundert zahlreiche bedeutende kulturgeschichtliche Funde gemacht. Das Kesselmoor (ca. 140 × 300 m) ist heute durch den Torfabbau archäologisch überwiegend gestört, sodass der einstige Zustand zur Zeit der Opfertätigkeiten ungewiss bleibt, beziehungsweise nicht nachvollziehbar ist.

Name[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hölzerne Rundschilde mit bronzenen Schildbuckeln und Randbeschlägen 3. Jahrhundert
Thorsberg-Hose aus dem 4. Jh.

Der Name erlaubt nicht unbedingt die Annahme, dass das Heiligtum zur Zeit der Angeln exklusiv dem Gott Donar/Thor geweiht war. Vielmehr wird der Name von einigen Forschern erst auf dänischen Einfluss der Nachvölkerwanderungszeit, insbesondere der Wikingerzeit, zurückgeführt in der das Moor nicht mehr mit Opfergaben belegt wurde. Dass diese späteren Siedler am Ort Thor verehrt haben, darf angenommen werden; dies gilt jedoch für die Angeln als nicht nachgewiesen. Direkt abgeleitet ist der Name des Moors von einer südlich liegenden Anhöhe mit wikingerzeitlichen Funden des Thorsberg im 17. Jahrhundert belegt im „Süderbrarupschen Erdbuch“ als Taßberg, Toßberg mit süderjütschen dialektalen Schwund des r dass auf die dänische Form T(h)orsbjerg zurückführt.

Historischer Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Germanische Tunika aus dem 4. Jh.

Im Zeitraum vom 1. Jahrhundert v. Chr. bis zum frühen 5. Jahrhundert n. Chr. wurden im Thorsberger Moor von Angehörigen des westgermanischen Stammes der Angeln in mehreren Phasen Gegenstände geopfert. Die Opfergaben bestanden aus Waffen, Schilden, Zaumzeug, Kleidung, Holzgegenständen, Werkzeug und Trachtschmuck. Viele Gegenstände, besonders Waffen, wurden vor der Niederlegung unbrauchbar gemacht.

Auswertungen der einzelnen Niederlegungsphasen ergaben, dass über 90 % der Funde im 3. und 4. Jahrhundert niedergelegt wurden. Ebenso treten mit Beginn des 3. Jahrhunderts die Waffenopfer zunehmend in den Vordergrund. Die Waffen stammen wahrscheinlich aus Konflikten zwischen verschiedenen nordgermanischen Stämmen aus Skandinavien und kontinentalen Germanen aus den Gebieten des „freien“ Germaniens (Germania magna) in direkter Nachbarschaft zum Römischen Reich – sehr viele Stücke sind römischer Herkunft und könnten teilweise auch im Imperium erbeutet worden sein.

Man nimmt ansonsten zumeist an, dass die große Zahl von schartigen Waffen aus dem 3. und 4. Jahrhundert auf Konflikte hinweist, die in Zusammenhang mit dem Beginn der großen spätantiken Völkerwanderung stehen – vielleicht handelte es sich um Verteilungskämpfe. Unklar ist dabei, ob die geopferten Waffen abgewehrten Invasoren abgenommen wurden, wie es die ältere Forschung meist annahm, oder ob es sich vielmehr um Stücke handelt, die von den Siegern nach Beutezügen nach Südskandinavien, in die Gebiete am Oberlauf der Elbe sowie in die Randzone des Imperium Romanum in ihre Heimat überführt und dann bei Thorsberg (teilweise?) geopfert wurden.

Archäologische Erschließung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Kesselmoor wurde in den Jahren 1858 bis 1861 durch den Flensburger Lehrer Helvig Conrad Engelhardt während seiner Schulferien ausgegraben und in Ansätzen wissenschaftlich dokumentiert. Diese Dokumentation war für die damalige Zeit durchaus richtungsweisend. Ein Teil der bedeutendsten Funde, darunter eine Thorsberg-Hose, wird in dem Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum auf Schloss Gottorf in Schleswig ausgestellt. Weitere etwa 500 Funde werden im Dänischen Nationalmuseum in Kopenhagen gezeigt. Der größte Teil der Gegenstände befindet sich dagegen in deutschen und dänischen Magazinen und ist der Öffentlichkeit derzeit nicht zugänglich.

Funde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu den herausragenden Funden gehören eine germanische Gesichtsmaske aus Silber (ehemals Teil eines zweiteiligen Helmes römischen Ursprungs), textile Kleidungsstücke wie Prachtmäntel, Kittel und Hosen, Wadenwickel, römische Helme und Münzen nebst einem Kettenhemd sowie runenbeschriftete Gegenstände. Die Erhaltungsbedingungen für organisches Material waren in diesem Moor optimal, wohingegen die meisten Eisengeräte, zumal die zahlreichen (zumeist römischen) Schwerter, chemisch weitgehend stark zerstört waren. Aufgrund der außerordentlich guten Erhaltungsbedingungen, der relativ guten Dokumentation der Grabungen und der großen Menge an gefundenen Gegenständen gehört das Thorsberger Moor neben Nydam, Illerup Ådal und Vimose (alle drei in Dänemark) zu den bedeutendsten Fundplätzen dieser Zeit in Nordeuropa. Die Funde belegen, wie weit damals römischer Einfluss auch über die Grenzen des Imperiums hinaus reichte.

Runeninschriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die mit Runen bestrifteten Objekte wurden bei den Grabungen von 1858 bis 1861 gefunden.

Schwertbeschlag[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Manchettenförmige Hilze eines Schwertgriffs aus der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts, das mit zwei Randstücken gefertigt ist, davon trägt eins eine Runenbeschriftung. Das spitzovale Beschlagteil (Höhe: 2,3 cm) zeigt vier quadratische obere und vier schmalere untere Felder, die durch Tremolierstiche voneinander getrennt sind. Im oberen Teil (Höhe: 1,3 cm) finden sich zwei aneinanderstoßende Felder mit runenähnlichen Zeichen bzw. stilisierten Swastiken. Der Beschlag gehört zu einem Prachtschwert das einem Gefolgschaftsführer zugewiesen wird. Das Stück befindet sich im Depot des Nationalmuseet in Kopenhagen (Inv.-Nr. 24 963).

Die Qualität der Zeichen als Runen wird in der Forschung unterschiedlich bewertet. Wolfgang Krause[1] deutet die Zeichen als Runen; Klaus Düwel als allenfalls runenähnlichen dekorative Zeichen.[2]

  • Zwei Zeichen: ᛟᛟ
  • Transliteration: ō ō
  • Übertragung: „Erbbesitz, Erbebesitz“

Ortband[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ortband Inschriften B (links), A (rechts)
Binderune (Ligatur) aus e + m
Schildbuckel

Das bronzene Ortband mit Durchbrucharbeit auf pelteähnlicher Grundform aus römischer Fertigung, 2./3. Jahrhundert, am oberen Ende einer nicht erhaltenen Schwertscheide aus Holz/Leder (5,12 × 4,7 cm). Das Stück wird im Archäologischen Landesmuseum Schleswig aufbewahrt (Inv.-Nr. FS 5767).

Die Inschriften (KJ 20; DR 7) sind rechtsläufig auf beiden Deckplatten klar lesbar angebracht. Die e und m-Runen (Rune Nr. 6 [6, 7]) der Inschrift B sind als Binderunen (em) ausgeführt.[3]

  • A: ᛟᚹᛚᚦᚢᚦᛖᚹᚨᛉ
  • B: ᚾᛁᚹᚨᛃᛖᛗᚱᛁᛉ
  • Transliteration: ō W[u]lþuþewaʀ ni Wajemāriʀ
  • Übertragung: „Erbbesitz - Wulþuþewaʀ (=Ull-Diener), der nicht Schlechtberühmte“

Schildbuckel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein bronzener Schildbuckel (äußerer Durchmesser: ca. 16,5 cm; Randbreite: 2,1 cm) aus der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts, der für die Opferhandlung rituell stark beschädigt wurde. Am nichtsichtbaren Buckelrand im Zwischenraum von zwei Befestigungsnägeln findet sich die linksläufige Runeninschrift (KJ21; DR8). Das Stück wird im Archäologischen Landesmuseum Schleswig aufbewahrt (Inv.-Nr. FS 3262).

Die Runen sind mit einer Höhe von 2,1 cm geritzt. Unklar ist ob die Runen vor der Opferung geritzt wurden oder nach der kultischen Zerstörung, beziehungsweise zur Opferzeremonie.

  • ᚺᛉᚷᛊᛇᚨ
  • Transliteration: aisgz h
  • Übertragung: „Aisigaʀ (=der Rasende, der Dahinstürmende, der Wütende) - Hagel/Verderben“

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Claus von Carnap-Bornheim, Eva NymanThorsberg (Namenkundlich, Archäologisch). In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 35, Walter de Gruyter, Berlin/New York 2007, ISBN 978-3-11-018784-7, S. 123–127. (kostenpflichtig Germanische Alterumskunde Online bei de Gruyter)
  • Klaus DüwelThorsberg (Runologisch). In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 30, Walter de Gruyter, Berlin/New York 2005, ISBN 3-11-018385-4, S. 485–487. (kostenpflichtig Germanische Alterumskunde Online bei de Gruyter)
  • Helvig Conrad Engelhardt: Thorsberg Mosefund. ZAC, Kopenhagen 1969 (unveränderter Nachdr. d. Ausg. Kopenhagen 1863).
  • Michael Gebühr, Claus von Carnap-Bornheim: Nydam und Thorsberg. Opferplätze der Eisenzeit; Begleitheft zur Ausstellung. Archäologisches Landesmuseum, Verein zur Förderung des Archäologischen Landesmuseums e. V., Schloss Gottorf, Schleswig 2000.
  • Herbert Jankuhn: Nydam und Thorsberg. Moorfunde der Eisenzeit (Wegweiser durch die Sammlung des Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum für Vor- und Frühgeschichte in Schleswig; Bd. 3). Neuaufl. Wachholtz Verlag, Neumünster 1987, ISBN 3-529-01603-9.
  • Wolfgang Laur: Germanische Heiligtümer und Religion im Spiegel der Ortsnamen Schleswig-Holstein, nördliches Niedersachsen und Dänemark. (= Kieler Beiträge zur deutschen Sprachgeschichte Band 21).Wachholtz, Neumünster 2001, ISBN 978-3-529-04371-0.
  • Klaus Raddatz: Der Thorsberger Moorfund-Katalog. Teile von Waffen und Pferdegeschirr, sonstige Fundstücke aus Metall und Glas, Ton- und Holzgefäße, Steingeräte (Offa-Bücher; Bd. 65). Wachholtz Verlag, Neumünster 1987, ISBN 3-529-01165-7.
  • Klaus Raddatz: Der Thorsberger Moorfund. Gürtelteile u. Körperschmuck (Vor- und Frühgeschichtliche Untersuchungen aus dem Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum für Vor- und Frühgeschichte in Schleswig/N.S.; Bd. 13). Wachholtz Verlag, Neumünster 1957.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wolfgang Krause, Herbert Jankuhn: Die Runeninschriften im älteren Futhark. V&R, Göttingen 1966, Nr. 20 Anmerkungen, S. 55.
  2. Klaus Düwel: Runeninschriften auf Waffen. In: Ruth Schmidt-Wiegand (Hrsg.): Wörter und Sachen im Lichte der Bezeichnungsforschung. (= Arbeiten zur Frühmittelalterforschung Band 1). Walter de Gruyter, Berlin/New York 1981, ISBN 978-3-11-086161-7, S. 128–167; hier 137.
  3. Klaus Düwel: Runenkunde. 4. Auflage, Metzler, Stuttgart 2008, S. 10.

Koordinaten: 54° 38′ 32″ N, 9° 46′ 19″ O