Toskana-Fraktion

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Toskana-Fraktion ist ein Schlagwort der politischen Kultur in Deutschland und Österreich. Es wird vor allem in der Presse häufig auf eine Gruppe Politiker und Intellektueller der Linken des politischen Spektrums angewandt, die ihren Urlaub vorzugsweise in der Toskana verbringen.

Die Toskana-Fraktion stellt dabei keine Seilschaft im eigentlichen Sinne dar (wie etwa der konservative Andenpakt). Der meist pejorativ gebrauchte Begriff ist vielmehr auf eine den Toskana-Fraktionären angeblich gemeinsame hedonistische Lebensphilosophie gemünzt: Die einstmaligen Rebellen der 68er-Bewegung seien demnach, ermattet vom „Marsch durch die Institutionen“, im Alter zu durchaus bürgerlichen Genussmenschen geworden, was sich in ihrer Vorliebe für italienische Gaumenfreuden, Ferienhäuser und Wohnsitze manifestiere. Häufig schwingt in der Verwendung des Begriffs der Vorwurf der Faulheit und Selbstgefälligkeit mit. Von diesem Kontext ausgehend bedienen sich Ethologen bei der Charakterisierung von Ferienhausbesitzern in Mittelitalien ebenfalls dieses Begriffes.[1] Der Ursprung des Begriffs ist unklar. Er kam in den frühen 1990er Jahren auf[2] und wurde insbesondere zur Kritik an der sogenannten „Enkelgeneration“ der SPD genutzt;[3][4] als möglicher Erfinder wird Klaus von Dohnanyi genannt.[5]

Der Toskana-Fraktion wurden und werden von der Presse üblicherweise folgende Politiker zugeordnet:[6]

Analoge Begriffe[Bearbeiten]

Das Schweizer Pendant zur Toskana-Fraktion sind die „Cüpli-Sozialisten“, zu denen beispielsweise Bundesrat Moritz Leuenberger oder der Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät gezählt werden (Cüpli = ein Glas Champagner). Analog verwendet werden im englischsprachigen Bereich champagne socialist und in Frankreich gauche caviar. Bisweilen wird eine Person, die sich für die Theorien des Bolschewismus begeistert, sie aber in der Praxis nur dann vertritt, wenn sie dadurch nicht auf persönliche Vorteile verzichten muss, ironisch als „Salonbolschewist“ bezeichnet.[13]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Cord Pagenstecher: Buchrezension (2011) im Portal hsozkult.geschichte.hu-berlin.de zu Daniella Seidl: „Wir machen hier unser Italien …“. Multilokalität deutscher Ferienhausbesitzer. Waxmann Verlag, Münster 2009, ISBN 978-3-8309-2211-7, S. 86 f. (online)
  2. Robert Gernhardt: Über alles. Ein Lese- und Bilderbuch. S. Fischer Verlag, 2014 (online)
  3. Cora Stephan: Der Betroffenheitskult. Eine politische Sittengeschichte. Edel Books, 2013 (online)
  4. Franz Walter: Abschied von der Toskana. Die SPD in der Ära Schröder. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2004
  5. Merian.de
  6. das Porträt: die Toskana-Fraktion in: ARTE vom 14. Oktober 2007 (abgefragt am 4. April 2010)
  7. a b c d Geismar im Gespräch, Ausgabe 1/2009 (abgefragt 4. April 2010)
  8. SPON-Interview (abgefragt 25. Juli 2011)
  9. a b c Merian.de (abgefragt am 4. April 2010)
  10. Kanzler kam erst spät zur Toskana-Fraktion in: Handelsblatt vom 9. Juli 2003, (abgefragt am 4. April 2010)
  11. "Ich bin die Toskana-Fraktion!" in Der Standard vom 29. August 2003 (abgefragt am 4. April 2010)
  12. Nationalrat, XXI.GP, Stenographisches Protokoll 113. Sitzung / Seite 94 (abgefragt am 4. April 2010)
  13. Salonbolschewist auf der Webseite des Duden, abgerufen am 20. Juli 2012.