Traufgasse

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mehrgeschossiges Fachwerkhaus mit verschieferter Fassade in Herborn, Hessen, mit Traufgässchen (links) und städtischer Gasse (rechts)
Traufgasse in Hollfeld
Gasse in Konstanz

Traufgässchen, Traufgasse, Schmutzgässchen, regional auch Reule, Ahlen, Häusing, Winkel, Wuostgraben, plattdeutsch Soe, bezeichnet ein schmales Gässchen bzw. einen Gang zwischen zwei giebelständigen Häusern. Die Breite lag oft nur bei 50 bis 80 cm.

Traufgässchen wurden in mittelalterlichern und frühneuzeitlichen Städten als offener oberirdischer Abfluss für Schmutz- und Regenwasser zur Straße hin angelegt, weil die Traufen keine Regenrinnen hatten.

Funktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durchgang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die breiteren Traufgassen (ab ca. 1 m) dienten in der Regel als öffentlicher Durchgang zu rückwärtig gelegenen Wegen, Häusern etc.; sie waren häufig gepflastert.

Abwasser-, Abfall- und Fäkalbeseitigung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mittelalterliche und frühneuzeitliche Häuser verfügten weder über Dachrinnen noch über Abwasserrohre; ebenso wenig gab es eine städtische Kanalisation. In die meist zur Straße hin leicht abfallenden Traufgässchen wurde das Regenwasser von den oft unterschiedlich hohen Dächern benachbarter Häuser abgeleitet. Seit dem Aufkommen von Abtritten im Innern der Häuser dienten sie auch als oberirdische Fäkalrinnen für menschliche Exkremente, die auf diese Weise ebenfalls auf die ohnehin schon von tierischem Kot und Urin verschmutzten Straßen gespült wurden. Die städtischen Abfälle wurden von Straßenreinigern in regelmäßigen Zeitabständen (ca. zwei oder drei Mal pro Woche) zusammengefegt und auf Karren abtransportiert; meist endeten sie als Dünger auf den ortsnahen Feldern.

Viehfütterung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf dem Lande kamen Traufgässchen erst sehr viel später auf und dienten auch als Zugang zur Fütterung und Versorgung des Viehs in den kleinen Stallungen, die zumeist an den rückwärtigen Teil des Wohngebäudes angebaut waren. Zum Sammeln und Verwerten der menschlichen und tierischen Fäkalien und Abfälle bedienten sich Bauernhöfe meist anderer Methoden (Misthaufen, Güllegruben etc.)

Brandbekämpfung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch den geringen Abstand zwischen den Häusern bestand ein hohes Brandrisiko; das Überspringen eines Brandes auf die Nachbargebäude konnte nur kurzzeitig verzögert werden. Bei einem Vollbrand erreichten die Flammen schnell den Dachstuhl der oft noch mit Strohdocken unterlegten Ziegel der benachbarten Häuser. Bei einer rechtzeitigen Meldung des Brandes konnte jedoch die Feuerwehr den schmalen Freiraum zwischen den Gebäuden, die sogenannten „Feuergassen“, zur Brandbekämpfung und zum Schutz des Nachbargebäudes nutzen.

Architektur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die in der Regel dunklen und häufig fensterlosen Traufgässchen zogen sich entlang der gesamten Hauslänge und waren in der Regel nicht breiter als 0,8 bis 1 m. Anfänglich bestand ihr Boden lediglich aus gestampfter Erde, später wurden sie zuweilen gepflastert oder als Rinne ausbetoniert. Aufgrund städtischer Erlasse wurden sie in späteren Zeiten zur Straße hin durch Brettertüren geschlossen. Mit dem Aufkommen von Dachrinnen und der städtischen Kanalisation wurden sie in der zweiten Hälfte des 19. und im beginnenden 20. Jahrhundert straßenseitig oft vermauert. Das Ende des Fachwerkbaus und die Genehmigung von Grenzbebauungen beschleunigte ebenfalls ihr allmähliches Verschwinden aus dem Ortsbild; dieser Prozess ist nur durch eine konsequente Denkmalpflege aufzuhalten.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]