Tuninter-Flug 1153

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Koordinaten: 38° 24′ 29″ N, 13° 30′ 31″ O

Tuninter-Flug 1153
TuninterATR72Englishside.png

Die TS-LBC, gleicher Typ wie das Unfallflugzeug TS-LBB

Unfall-Zusammenfassung
Unfallart Notwasserung
Ort Mittelmeer, nahe Sizilien[1]
Datum 6. August 2005
Todesopfer 16
Überlebende 23
Luftfahrzeug
Luftfahrzeugtyp ATR 72-200
Betreiber Tuninter (umbenannt in Tunisair Express)
Kennzeichen TS-LBB
Name At-Tāhir al-Haddād
Abflughafen Flughafen Bari
Zielflughafen Flughafen Djerba
Passagiere 35
Besatzung 4
Listen von Flugunfällen

Der Tuninter-Flug 1153 war ein Linienflug der Fluggesellschaft Tuninter von Bari, Italien, nach Djerba, Tunesien. Am 6. August 2005 musste das Flugzeug wegen Treibstoffmangels vor der sizilianischen Küste bei Palermo notwassern. Das Flugzeug wurde von dem 45-Jährigen Flugkapitän Chafik Al Gharbi und dem 28-Jährigen Kopiloten Ali Kebaier Al-Aswad geflogen.

Flugzeug[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Flugzeug war eine vom französischen Flugzeughersteller Avions de Transport Régional gebaute ATR 72-200. Kurz zuvor war eine neue Tankanzeige eingebaut worden, die den Stand allerdings falsch anzeigte.[2]

Verlauf von Flug 1153

Flugverlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Flugzeug startete auf dem Flughafen Bari in Italien und sollte auf der Insel Djerba in Tunesien landen. Die Cockpitbesatzung bestand aus dem Flugkapitän Shafik Al Gharbi und seinem 1. Offizier Ali Kebaier Lassoued. In der Nacht vor dem Flug war bei der Maschine im Rahmen von Wartungsarbeiten eine für die ATR 72-200 unpassende Tankanzeige eingebaut worden, welche für die wesentlich kleinere Maschine vom Typ ATR 42 konstruiert war.[3] Dieses falsche Instrument zeigte nun mehr Treibstoff an, als tatsächlich in den Tanks vorhanden war. Auf einer Höhe von 23.000 ft (7000 m) fiel zunächst das rechte Triebwerk wegen Treibstoffmangels aus. Als kurz darauf auch das linke Triebwerk wegen zu wenig Treibstoff ausfiel, verlor die Maschine immer mehr an Höhe.

Daraufhin erklärten die Piloten Luftnotlage und forderten eine Freigabe zur Notlandung auf dem Flughafen in Palermo an. Außerdem bat man einen Flugzeugtechniker um Unterstützung, der zufällig als Passagier an Bord war und der nun zusammen mit den Piloten versuchte, die Ursache für den Totalausfall der Triebwerke zu finden. Aufgrund der fehlerhaften Tankanzeige erkannte die Cockpit Besatzung jedoch nicht, dass die leeren Treibstofftanks der Grund für den Ausfall beider Triebwerke waren. Stattdessen vermutete man einen technischen Defekt und es wurde mehrfach versucht, die Triebwerke neu zu starten, während die Maschine sich im Gleitflug mit Kurs auf Sizilien befand und dabei stetig an Höhe verlor. Für die Startversuche der Triebwerke während des Fluges mussten die Propeller in Flugstellung bleiben. Dies führt jedoch zu einem hohen Luftwiderstand und verringerte die Distanz, die das Flugzeug im Gleitflug ohne Antrieb zurücklegen konnte. Da die Startversuche aufgrund der leeren Tanks erfolglos blieben, musste die Besatzung mit der antriebslosen Maschine 43 Kilometer nordöstlich des Flughafens Palermo im Meer notwassern, wobei das Flugzeug in drei Teile zerbrach.[3][4]

Untersuchungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im März 2009 wurde der Kapitän des Flugzeuges, Shafik Al Gharbi, von einem italienischen Gericht wegen Totschlags angeklagt.[2] Der Staatsanwalt behauptete, dass sich Al Gharbi nach Ausfall der Triebwerke nicht an die Sicherheitsbestimmungen gehalten und stattdessen gebetet hat, wie auf dem Stimmenrekorder zu hören war.

Zudem gab es bereits vor dem Flug Unstimmigkeiten bei der Betankung des Flugzeugs, da diese nicht vorschriftsgemäß durchgeführt und dokumentiert wurde. Die Besatzung verglich die getankte Treibstoffmenge nicht mit der angezeigten Treibstoffmenge im Cockpit. Durch diese Unstimmigkeiten und durch die fehlerhafte Anzeige fiel niemandem auf, dass die Maschine für den Flug nach Djerba nicht ausreichend betankt war. Hätte der Betankungsvorgang ordnungsgemäß stattgefunden, hätte die Besatzung anhand der Dokumentation merken müssen, dass die Menge des getankten Treibstoffes nicht mit der im Cockpit angezeigten Menge übereinstimmt.[5]

Aufgrund der fehlerhaften Tankanzeige wussten die Piloten nicht, dass ihnen der Treibstoff ausgegangen war und dass jeder Startversuch der Triebwerke sinnlos wäre. Hätte sich die Besatzung dazu entschieden, unmittelbar nach dem Ausfall beider Triebwerke in den Gleitflug überzugehen und die Propeller in Segelstellung zu bringen, hätte die Maschine durch den geringeren Luftwiderstand weiter gleiten und somit den Flughafen in Palermo noch erreichen können. Stattdessen versuchten die Piloten mehrfach, die Triebwerke mit den Propellern in Flugstellung zu starten, wobei der Luftwiderstand höher ist und die Maschine dadurch schneller sank.

Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Italien verbot den Flugverkehr der Tuninter über dem italienischen Flugraum, als sich herausstellte, dass tatsächlich die falsche Tankanzeige in das Flugzeug eingebaut worden war.[6] Bei dem Flugzeugabsturz starben 15 der 35 Passagiere und ein Flugbegleiter. Tuninter entschädigte die Familien der Opfer und der Überlebenden jeweils mit 20.000 €.[7] An Bord starb außerdem ein Flugzeugtechniker, der sich nach dem Ausfall der Triebwerke ins Cockpit begeben hatte, um dort den Piloten bei der Fehlersuche zu assistieren. Dieser wird allerdings als Passagier mitgezählt, da er zufällig an Bord und somit kein Besatzungsmitglied des Flugs war.

Mediale Aufarbeitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Absturz von Flug 1153 war Thema der sechsten Folge der siebten Staffel der kanadischen Dokumentarserie Mayday – Alarm im Cockpit, die in Deutschland unter dem Titel Notlandung auf dem Wasser (Originaltitel: Falling Fast) ausgestrahlt wurde.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. FINAL REPORT. Accident involved aircraft ATR 72, registration marks TS-LBB Ditching off the coast of Capo Gallo (Palermo – Sicily), August 6th 2005. ANSV, abgerufen am 27. Mai 2015 (PDF, englisch).
  2. a b Flugzeugabsturz Tuninter 1153 bei BBC News, veröffentlicht am 24. März 2009, abgerufen am 19. Mai 2015 (englisch)
  3. a b Falsche Treibstoffanzeige in ATR-72 eingebaut, veröffentlicht am 15. September 2005, abgerufen am 19. Mai 2015 (englisch)
  4. https://www.youtube.com/watch?v=aCrZwctnNWo
  5. https://www.youtube.com/watch?v=aCrZwctnNWo
  6. Folgen des Absturzes, veröffentlicht am 24. März 2009, abgerufen am 19. Mai 2015 (englisch)
  7. Familien der Opfer erhalten Vergütung, veröffentlicht am 16. August 2005, abgerufen am 19. Mai 2015 (englisch)