Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs

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Die Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (kurz: UBSKM) ist eine Bundesbeauftragte (Beauftragte der deutschen Bundesregierung) für die Anliegen von Betroffenen und deren Angehörigen, für Expertinnen und Experten aus Praxis und Wissenschaft sowie für alle Menschen in Politik und Gesellschaft, die sich gegen sexuelle Gewalt engagieren oder Fragen zu sexuellem Missbrauch haben. Zurzeit hat Kerstin Claus das Amt inne. Der Dienstsitz ist in Berlin.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die deutsche Bundesregierung schuf 2010 das Amt der damals sogenannten Missbrauchsbeauftragten nach dem „Missbrauchsskandal in der römisch-katholischen Kirche“.[1] Es wurde ab März 2010 von der ehemaligen Familienministerin Christine Bergmann ausgeübt, die Empfehlungen für die Arbeit des Runden Tisches "Sexueller Kindesmissbrauch" der Bundesregierung und seinen Abschlussbericht zur Verbesserung von Hilfen, Aufarbeitung, Prävention, Intervention und Forschung aussprechen sollte.[2][3] Die wesentliche Grundlage hierfür waren persönliche Gespräche mit Betroffenen sowie an der damals eingerichteten telefonischen Anlaufstelle, aber auch zahlreiche Briefe. Über 20.000-mal wandten sich Betroffene an Christine Bergmann.

Von Dezember 2011 bis Februar 2022 war Johannes-Wilhelm Rörig unabhängiger Beauftragter der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, der Anfang der 1990er Jahre vorübergehend Bergmann´s Büro als Berliner Senatorin geleitet hatte.[4][5]

Seit 2015 wirkte ein ehrenamtlicher Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs an der Arbeit des Amtes mit.[6] Von Rörig wurde auch die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs berufen, die im Januar 2016 ihre Arbeit aufgenommen hat. So soll eine strukturierte und kontinuierliche Beteiligung von Betroffenen auf Bundesebene gewährleistet werden. Die Mitglieder werden für die Dauer von fünf Jahren durch die Bundesfamilienministerin berufen. Im Dezember 2019 wurde gemeinsam vom Beauftragten Rörig und der Bundesfamilienministerin Franziska Giffey der „Nationale Rat gegen sexuelle Gewalt an Kinder und Jugendlichen“ konstituiert.[7]

Seit dem 30. April 2022 folgt Kerstin Claus (Journalistin) durch einen Kabinettsbeschluss Rörig als Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM).

Gesetzliche Grundlage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stand Mai 2022 gibt es für das Amt keine gesetzliche Grundlage. Die Unabhängige Beauftragte ist nicht weisungsgebunden, unterliegt keiner Fachaufsicht und ist lediglich organisatorisch beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend angesiedelt.

Aufgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) ist Ansprechpartnerin für Betroffene, Angehörige sowie für Fachleute aus Wissenschaft und Praxis und für alle Menschen, die sich gegen sexuelle Gewalt an Kindern engagieren oder Fragen zu Schutz, Hilfe, Forschung und Aufarbeitung haben.

Eine wesentliche Aufgabe ist die Information, Sensibilisierung und Aufklärung zu Themen der sexualisierten Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Außerdem unterstützt das Amt die nachhaltige Verbesserung des Schutzes vor sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und der Hilfen für betroffene Minderjährige. Gleiches gilt für die Wahrnehmung der Belange von heute erwachsenen Menschen, die in ihrer Kindheit oder Jugend sexualisierte Gewalt erlitten haben.

Zu den Anlaufstellen für Hilfe und Unterstützung zählen das „Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch“ und das „Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch“,[8] welche Rörig ins Leben gerufen hat, sowie die Initiativen „Anrufen hilft!“[9] und „Kein Kind alleine lassen“.[10] Zudem unterstützt die Unabhängige Beauftragte Schutzkonzepte gegen sexuelle Gewalt in Einrichtungen und Institutionen mit den bundesweiten Initiativen „Kein Raum für Missbrauch“[11] und „Schule gegen sexuelle Gewalt“.[12]

Amtsinhaber[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Christine Bergmann (Mai 2010 bis Oktober 2011)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 24. März 2010 richtete die Bundesregierung den Runden Tisch Sexueller Kindesmissbrauch ein und berief zugleich die vormalige Bundesfamilienministerin Christine Bergmann als Missbrauchsbeauftragte. Sie war Mitglied des Runden Tisches, hatte aber in erster Linie eigene Aufgaben.

Laut ihrem Abschlussbericht vom April 2020 war damals geplant, die Geschäftsstelle der Unabhängigen Beauftragten mit dem Ende ihrer Amtszeit am 31. Oktober 2011 zu schließen. Andererseits war davon die Rede, dass Betroffene bzw. Betroffenenverbände ebenso wie Mitglieder des Runden Tisches und „die Öffentlichkeit“ die Fortsetzung „einer unabhängigen Stelle und Anlaufstelle“ forderten. Die „Struktur, Ausgestaltung und Ansiedlung eines solchen Angebots“ müsse neu diskutiert werden. Falls der Runde Tisch eine zeitliche Unterbrechung des Angebots für Betroffene vermeiden wolle, müsse er zeitnah darüber entscheiden. Bergmann empfahl in ihrem Abschlussbericht selbst die Einrichtung bzw. Fortführung einer „unabhängigen Stelle“ und beschrieb deren Aufgaben. Sie selbst habe sich um Aufarbeitung bemüht, jedoch „ohne sich in Einzelfälle einzuschalten“. Was nun folgen müsse, sei eine Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs und des Umgangs damit „in den jeweiligen Einrichtungen und Bereichen“. Bei den Arbeiten der Unabhängigen Beauftragten und des Runden Tisches gehe es letztlich darum, dass „Weichen für effektive Hilfen für Betroffene und dauerhafte Verbesserungen gestellt werden“.[13]

Bergmann veröffentlichte am 24. Mai 2011 ihren Abschlussbericht.[14] Zu diesem Zeitpunkt hatte sie „die zentralen Aufgaben ihres Auftrags“ abgeschlossen, wie es im Abschlussbericht heißt. Sie führte ihr Amt noch bis Ende Oktober 2011 weiter, um die Arbeit des Runden Tisches zu unterstützen und ihre Empfehlungen in der Fachwelt und gegenüber der Öffentlichkeit zu vermitteln.[15]

Am 25. Oktober 2011 gab Bergmann eine abschließende Pressekonferenz. Der Runde Tisch verabschiedete seinen Abschlussbericht am 30. November 2011.[14]

Johannes-Wilhelm Rörig (Dezember 2011 bis Februar 2022)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Johannes-Wilhelm Rörig folgte durch Kabinettbeschluss im Dezember 2011 Christine Bergmann als Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM).

Durch Beschluss des Bundeskabinetts vom 26. März 2014 wurde Rörig zum 1. April 2014 für die Dauer von fünf Jahren zum Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) berufen. Mit Kabinettbeschluss vom 27. März 2019 erfolgte eine erneute Berufung für fünf weitere Jahre.[16] Am 28. Februar 2022 gab Rörig sein Amt auf, um im Familienministerium eine andere Funktion zu übernehmen. Bis zur Berufung von Kerstin Claus als Nachfolge übernahm die langjährige Leiterin des UBSKM-Arbeitsstabes, Ministerialrätin Stötzel, das UBSKM-Amt kommissarisch.[5][17]

Kerstin Claus (seit April 2022)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit Kerstin Claus wurde das Amt ab dem 1. April 2022 neu besetzt.[18] Kerstin Claus, geboren 1969 in München, ist Journalistin und systemische Beraterin und seit 2015 in der Politik- und Strategieberatung im Themenbereich sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche tätig.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Das Amt der Unabhängigen Beauftragten. Arbeitsstab der Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, abgerufen am 30. Mai 2022.
  2. Süddeutsche Zeitung Bergmann wird Missbrauchsbeauftragte 24. März 2010
  3. tagesschau.de: Ex-Familienministerin Bergmann wird Missbrauchsbeauftragte (Memento vom 27. März 2010 im Internet Archive)
  4. Neuer Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs ernannt, 23. November 2011, Pressemitteilung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
  5. a b Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung legt Amt nieder. Zeit Online, 28. Februar 2022, abgerufen am selben Tage.
  6. Beirat des Unabhängigen Beauftragten In: Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Abgerufen am 28. Mai 2020.
  7. Giffey und Rörig richten Nationalen Rat gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen ein. Pressemitteilung. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2. Dezember 2019, abgerufen am 30. Mai 2022.
  8. Hilfeportal Sexueller Missbrauch Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2022
  9. Initiative „Anrufen hilft!“
  10. Initiative „Kein Kind alleine lassen“
  11. Initiative „Kein Raum für Missbrauch“
  12. Initiative „Schule gegen sexuelle Gewalt“
  13. Abschlussbericht der Unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs, Dr. Christine Bergmann, April 2011, S. 206 f.
  14. a b Runder Tisches Sexueller Kindesmissbrauch: Abschlussbericht, 30. November 2011, S. 7.
  15. Abschlussbericht der Unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs, Dr. Christine Bergmann, April 2011 (PDF), S. 206.
  16. Kabinett beschließt neue Amtszeit von Johannes-Wilhelm Rörig als Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Pressemitteilung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 27. März 2019.
  17. Bundeskabinett – Kerstin Claus ist neue Missbrauchsbeauftragte. In: deutschlandfunk.de. Abgerufen am 30. März 2022.
  18. BMFSFJ - Bundesregierung beruft neue Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Abgerufen am 30. März 2022.