Zersiedelung

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Zersiedelung bei Paris

Unter Zersiedelung versteht man entweder die Errichtung von Gebäuden außerhalb von im Zusammenhang bebauten Ortsteilen, oder das ungeregelte und unstrukturierte Wachstum von Ortschaften in den unbebauten Raum hinein. Zersiedelung ist ein Teilaspekt der Suburbanisierung. Meist wird der Begriff verwendet, um negative Auswirkungen dieses Prozesses zu beschreiben.

Forscher aus der Schweiz haben im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms NFP 54 Zersiedelung wie folgt definiert: Zersiedelung ist ein Phänomen, das in der Landschaft optisch wahrnehmbar ist. Eine Landschaft ist umso stärker zersiedelt, je mehr Fläche bebaut ist, je weiter gestreut die Siedlungsflächen sind und je geringer deren Ausnützung für Wohn- oder Arbeitszwecke ist. Damit ergänzen die messbaren Kriterien Größe, Streuung und Ausnützung der Siedlungsfläche die intuitive Beurteilung der Zersiedelung. Anhand dieser Definition lassen sich Entwicklungstrends in der Zersiedlung quantifizieren.[1]

Nach dem 2008 veröffentlichten Modell der „Anthrome“ der beiden amerikanischen Geographen Erle C. Ellis und Navin Ramankutty leben etwa die Hälfte aller Menschen auf der Erde im zersiedelten Umland (Dense Settlements, Villages) städtischer Ballungsräume.

Entwicklung[Bearbeiten]

Zersiedlung ist ein Wachstum von Siedlungsbereichen in die Landschaft hinein. Tritt sie in großem Umfang im Bereich von Agglomerationen auf, verschärfen die sich aus ihr ergebenden Probleme. Durch großflächige auftretende Zersiedelung befinden sich die Städte und Landschaften Mitteleuropas in einem grundlegenden Veränderungsprozess. Insbesondere das Umland großer Städte verändert seinen bisherigen natürlich oder kulturell gewachsenen Charakter. Dieser Trend zur vermehrten Ausbildung von Speckgürteln ist in Deutschland seit Jahrzehnten zu beobachten.

Bauplanungen städtischer Behörden wie die Förderung von Industrieparks und Großeinkaufszentren befördern die Zersiedelung, werden aber damit begründet, dass solche Maßnahmen Arbeitsplätze schaffen und den Gemeinden Einnahmen bringen.

Im ländlichen Umfeld, den Dörfern, wird die Zersiedelung durch die Umwidmung von Acker- in Bauland trotz vorhandenem freien Bauland im Kerngebiet begünstigt. Die Gestaltung der Siedlungen in der offenen Bauweise wirkt sich zusätzlich auf den Landschaftsverbrauch aus.

Ursachen[Bearbeiten]

Maßgeblich befördert wurde und wird die Zersiedelung der Landschaft durch die kommunale Bauleitplanung (am Rande der Siedlungen) und die Verfestigung von Splittersiedlungen im Außenbereich. Sie wird häufig mit der Verbreitung des PKW als technische Voraussetzung in Verbindung gebracht. Auch die staatliche Begünstigung des Auseinanderfallens von Arbeitsplatz und Wohnort durch die Entfernungspauschale, sowie eine undifferenzierte Wohnungsbauförderung werden als ursächlich und fördernd für Zersiedelung genannt.

Andere Maßnahmen, die dazu dienen, die Symptome der Zersiedelung einzubremsen, wie z. B. Park-and-ride, können diese jedoch noch attraktiver machen und beschleunigen. Umstritten ist auch das in der Verkehrspolitik verbreitete Konzept der Versorgung bestehender Nachfrage, da Straßenbau in vielen Fällen wiederum zu neuer Nachfrage führt. Laut einer Studie des VCÖ kann es ohne einen Stopp des Straßenbaus im Großraum Wien zugunsten öffentlicher Verkehrsmittel zu einem massiven Wachstum des Autoverkehrs kommen.[2]

Der suburbane Lebensraum[Bearbeiten]

Der Vormarsch des Autos macht die geographische Trennung von Arbeit und Schlafplatz attraktiver und bewirkt eine Vergrößerung von Wirtschaftzonen, da sich Unternehmen außerhalb der Stadtgrenze ansiedeln. Die klare Grenze zwischen Stadtzentrum, Vorstadt und unbebautem Land verschwimmt dadurch. Die Erschließung von neuem, dünn besiedeltem Bauland verdrängt häufig landwirtschaftliche Nutzflächen und Naturflächen. Die Suburbanisierung schwächt traditionelle Stadtzentren und -quartiere durch Kaufkraftabfluss.

Der Traum des großen Hauses im Grünen ohne Verlust des städtischen Arbeitsplatzes treibt vor allen Familien in den Speckgürtel. Durch die immer längeren Wege in diesen Lebensraum verbringen die Menschen aber auch immer mehr Zeit im Auto, in manchen Gebieten mehr als 20 Stunden pro Woche. Dadurch müssen Straßen gebaut werden, die bei einer dichten Besiedelung in Arbeitsplatznähe nicht nötig gewesen wären.

Folgen[Bearbeiten]

Verkehrsproblematik[Bearbeiten]

Zersiedelung steht auch wegen ihrer verkehrsproduzierenden Wirkung in der Kritik. Öffentliche Verkehrsmittel benötigen hohe Bevölkerungsdichte und Nutzungsdichte, um rentabel betrieben werden zu können. Bewohner von Randbezirken sind wegen zurückgehendem Angebot und der zurückgehenden Nachfrage an öffentlichen Verkehrsmitteln wegen vermehrtem Besitz von Kraftfahrzeugen überwiegend auf selbige angewiesen.

Sozialproblematik[Bearbeiten]

Eine der umstrittensten Folgen der Zersiedelung ist deren negative Auswirkung auf das soziale Gefüge und auf die Lebensqualität. Da Zonen mit niedriger Bevölkerungsdichte und Trabantenstädte oft nicht im Stande sind, ein breites Angebot an Dienstleistungen bereitzustellen, und da viele öffentliche Einrichtungen wie Bibliotheken, Schwimmbäder oder Parks oft nicht vorhanden sind, sehen sich die Einwohner gezwungen, für die meisten Tätigkeiten lange Wege zurückzulegen. Es kommt zur Ausgrenzung von Einwohnern, die dazu nicht im Stande sind. Betroffen sind vor allem Minderjährige, Behinderte, ältere oder sozial schwache Personen.

Die Lage wird oft dadurch verschärft, dass die Straße, die im urbanen Lebensraum auch als eine Art Plattform öffentlichen Zusammenlebens fungiert, im Zersiedelungsgebiet zur reinen Transportader verkommt und eher als zusätzliche Barriere wirkt. Die hohe Abhängigkeit vom PKW gefährdet die Gesundheit der Bevölkerung, da Kraftfahrer weniger Strecken zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklegen und damit häufiger Bewegungsmangel haben und die allgemeine Schadstoffkonzentration in der Atemluft durch jeden Autofahrer vielfach höher steigt als durch Nutzung öffentlicher Massentransportmittel. Kaufkraftabfluss von städtischen Hauptstraßen in Einkaufszentren kann auch zu einer Verödung des Stadtbildes und Verlust an Vielfalt führen. Städtische Gebiete, die vormals aus einer Mischung sozialer Schichten bestanden, erleben durch die Abwanderung reicherer Einwohner in den Speckgürtel eine zunehmende Segregation (vereinfacht auch Ghettoisierung), was soziale Spannungen verstärken kann. Das Gegenteil, also die Bildung von Vorstadtghettos, wie besonders in Frankreich zu beobachten, kann auch eine Folge sein.

Eine Sonderform dieser Entwicklung hin zur Ghettoisierung ist die zunehmende Anzahl von sogenannten geschlossenen Wohnanlagen (z. B. Country Clubs) insbesondere in den USA und „gated communities“ in Großbritannien und in Entwicklungsländern, in Ansätzen aber auch bereits in anderen Ländern Europas. Diese „Privatviertel“ werden in vielen Fällen in landschaftlich attraktiven Gebieten gebaut, haben durch ihre großen Grundstücke einen hohen Landschaftsverbrauch und fördern die Segregation nach sozialen Schichten. In den Städten Großbritanniens, insbesondere in London, gibt es diese umstrittenen geschlossenen Wohnanlagen in vernachlässigten Stadtteilen, die nahe der attraktiven Finanzviertel liegen, aber zugleich eine hohe Kriminalität aufweisen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ronald Kunze, Hartmut Welters (Hg.): BauGB Neuerungen 2007. Kommentar zu den Neuerungen und Gesetzestext BauGB 2007 einschließlich BauNVO. WEKAMEDIA, Kissing 2007
  • Ronald Kunze: Zersiedelung. Die Nachhaltigkeitsstrategie in der Diskussion; in: Planerin Fachzeitschrift für Stadt-, Regional- und Landesplanung H. 1/2004, S. 3/4

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Zersiedelung – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Jaeger, J.; Bertiller, R.; Schwick, C.; Kienast, F., 2010: Suitability criteria for measures of urban sprawl. Ecol. Indic. 10: 397–406. Deutsche Übersetzung der Definition in: Schwick, C.; Jaeger, J.; Kienast, F., 2011: Zersiedelung messen und vermeiden (PDF; 2,3 MB). Merkbl. Prax. 47: 12 S.
  2. http://www.vcoe.at/de/publikationen/vcoe-factsheets/details/items/Factsheet2008-07