Uwe Wolff (Kulturwissenschaftler)

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Uwe Wolff, 2012

Uwe Wolff (* 27. Juli 1955 in Münster) ist ein deutscher Kulturwissenschaftler, Schriftsteller und Theologe. Er lebt in Bad Salzdetfurth und unterrichtet seit 2012 als Privatdozent am Institut für Literaturwissenschaft und Literarisches Schreiben der Universität Hildesheim.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wolff hatte eine katholische Großmutter, seine Eltern waren beide evangelisch und nicht praktizierend. Er selbst besuchte als Jugendlicher den Gottesdienst, leitete später Kindergottesdienste und leistete den Zivildienst im evangelischen Jugendpfarramt.[1] Nach der Schulzeit am Johann-Conrad-Schlaun-Gymnasium in Münster studierte Wolff, ebenfalls in Münster, ab 1976 Philosophie bei Hans Blumenberg, Mediävistik bei Friedrich Ohly sowie Pädagogik und Evangelische Theologie.

Von 1989 bis 2009 arbeitete er als Lehrer am Gymnasium Andreanum[2] in Hildesheim und war ab 1989 parallel in der Religionslehrerausbildung am Staatlichen Studienseminar Hildesheim aktiv.[1][3]

Wolff gehört neben Botho Strauß, Rüdiger Safranski, Michael Wolffsohn und vielen anderen zu den Autoren des seinerzeit kontrovers und heftig diskutierten Sammelbandes Die selbstbewusste Nation (1994). Hier veröffentlichte er seinen Entwurf einer kulturgeschichtlich orientierten Religionspädagogik.[4]

2007 promovierte er an der Université de Fribourg bei Barbara Hallensleben im Fachbereich Katholische Theologie mit einer biographischen Arbeit über den reformierten Theologen Walter Nigg.

2012 habilitierte er sich am Fachbereich Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis in Hildesheim mit einer ebenfalls durch Hallensleben angeregten Biographie des Schriftstellers und Konvertiten Edzard Schapers und erhielt die Lehrbefugnis für „Kulturgeschichtliche Literaturwissenschaft“.

Schließlich entschloss sich Wolff unter dem Eindruck der COVID-19-Pandemie selbst zur Konversion und wurde 2020 an seinem 65. Geburtstag in der St.-Gallus-Kirche in Detfurth durch Pfarrer Thomas Blumenberg, einen entfernten Verwandten seines Lehrers Hans Blumenberg (dessen Biographie er im selben Jahr kurz vor seiner Konversion veröffentlicht hatte), in die römisch-katholische Kirche aufgenommen.[1][5]

Wolff ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

Schaffen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Angelologie und Dämonologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Obwohl seinerzeit noch evangelischer Theologe, beschäftigte sich Wolff jahrzehntelang intensiv mit dem Exorzismusfall der Anneliese Michel und erhob die kulturgeschichtliche Bedeutung von Engeln und Dämonen zu seinem kulturwissenschaftlichen Fachgebiet.[5] Seine Darstellung des Michel-Falls wurde in einschlägigen Medien beachtet. In Veröffentlichungen und Vorträgen zur Angelologie widmet er sich einem konfessionell kontrovers betrachteten religionswissenschaftlichen Nischenthema im Grenzgebiet der Parawissenschaften und verwies in einem Gutachten für die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen auf „Die Wiederkehr der Engel“ als Zeitgeistphänomen der Jahrtausendwende.[6]

Seine Studien zur Kulturgeschichte der Engel brachten ihn zurück zu seiner Beschäftigung mit Rilke.[7]

Wolff und Blumenberg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bekannt wurde Wolff durch seine Arbeiten zur Kulturgeschichte der Engel und Dämonen sowie seine symbolgeschichtlichen Studien über Labyrinthe und Irrgärten. Der Philosoph Hans Blumenberg nahm gegen Ende seiner Lehrtätigkeit regen Anteil insbesondere an Wolffs kulturgeschichtlichen Untersuchungen über Engel und Dämonen, wie in einem umfangreichen Briefwechsel belegt ist, der im Deutschen Literaturarchiv Marbach eingesehen werden kann.[8] Wolffs Kenntnis von Werk und Lebensumständen Blumenbergs ist in Sibylle Lewitscharoffs Blumenberg-Roman berücksichtigt worden. In einer von der Udo-Keller-Stiftung geförderten Forschungsarbeit untersucht Wolff im Rahmen seiner Arbeit an einer wissenschaftlichen Blumenbergbiographie die Bedeutung der Angelologie und Dämonologie in Blumenbergs Spätwerk und nachgelassenen Arbeiten.[9] In seiner Biografie „Der Schreibtisch des Philosophen. Erinnerungen an Hans Blumenberg“ berichtet Wolff von den aus seiner Sicht legendären Münsteraner Vorlesungen des Philosophen und seinen persönlichen Begegnungen mit dem Lehrer.[10]

„Projektive“ Biographien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In jüngerer Zeit hat Wolff eine Reihe von Biographien veröffentlicht, die ebenfalls von interkonfessionellem Interesse sind. In seiner Dissertation, der Biographie des reformierten Schweizer Theologen und „Hagiographen“ Walter Nigg, und in seiner Habilitationsschrift über den ehemals sehr populären, zur katholischen Konfession konvertierten Schriftsteller Edzard Schaper, entwickelt Wolff eine Darstellungsmethode, die in der Ethnologie als „Teilnehmende Beobachtung“ beschrieben werden könnte, wobei hier die Teilnahme darin besteht, dass der Biograph sich dem Gegenstand der Biographie anverwandelt: Die eigene Biographie wird gewissermaßen auf das dargestellte Leben projiziert. Insbesondere die Schaper-Biographie hat ein positives Echo gefunden. Mit seiner Hildesheimer Antrittsvorlesung zum Thema „Rainer Maria Rilke und die Welt der Engel und mit einer kulturgeschichtlichen Deutung der ‚Duineser Elegien‘“ (16. Mai 2012) legte Wolff die Grundlage zu einer Rilke-Biographie mit theologischem Schwerpunkt.[11] Mit seiner Biographie über den katholischen Lutherforscher Erwin Iserloh (1915–1996)[12] setzte Wolff einen viel beachteten ökumenischen Akzent für das Reformationsjubiläum 2017. Leben und Werk von Agnes Miegel (1879–1964) spiegelt Wolff mit Erfahrungen in der Corona-Krise 2020.[13][14]

Über sein Selbstverständnis als Biograph hat Wolff in einem Werkstattgespräch mit Rüdiger Safranski und Heimo Schwilk Auskunft gegeben.[15]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1982: Thomas-Mann-Förderpreis der Hansestadt Lübeck[16]
  • 2008: Prix Jean-Louis Leuba für Ökumene der Universität Fribourg[17]
  • 2011: Fürst Franz Josef II. von Liechtensteinpreis für wissenschaftliche Forschung[18]
  • 2013: Udo-Keller-Stipendium für Gegenwartsforschung: Religion und Moderne[19]

Publikationen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hermann Hesse. Demian – Die Botschaft vom Selbst. Bouvier, Bonn 1979, ISBN 3-416-01457-X.
  • Papa Faust. Ullstein Verlag, Berlin 1982, ISBN 3-548-38533-8.
  • Der Ewige Deutsche. Haffmans Verlag. Zürich 1984, ISBN 3-251-00045-4.
  • Breit aus die Flügel beide. Von den Engeln des Lebens. Herder Verlag, Freiburg u. a. 1993, ISBN 3-451-22922-6.
  • Der gefallene Engel. Von den Dämonen des Lebens. Herder Verlag, Freiburg u. a. 1995, ISBN 3-451-23680-X.
  • Das große Buch der Engel. Herder Verlag, Freiburg u. a. 1994, ISBN 3-451-23393-2. (5)
  • Der Teufel ist in mir. Heyne, München 2006, ISBN 3-453-60038-X. Erstmals erschienen unter dem Titel: Das bricht dem Bischof das Kreuz. Die letzte Teufelsaustreibung in Deutschland 1975/76. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1999, ISBN 3-499-60619-4.
  • Alles über Labyrinthe und Irrgärten. Unterwegs mit Zeppelin und Kamera. Gabriel Verlag, Stuttgart u. a., ISBN 978-3-522-30095-7.
  • Das Geheimnis ist mein. Walter Nigg. Eine Biographie. TVZ, Zürich, 2009, ISBN 978-3-290-17509-2.
  • Der vierte König lebt! Edzard Schaper – Dichter des 20. Jahrhunderts. Friedrich Reinhardt Verlag, Basel 2012, ISBN 978-3-7245-1777-1.
  • Der Mann aus Nazaret. Das Leben Jesu neu erzählt. Topos Verlag, Kevelaer 2013 (Neuauflage), ISBN 978-3-8367-0832-6.
  • Walter Nigg. Das Jahrhundert der Heiligen. Aschendorff, Münster 2017, ISBN 978-3-402-12032-3.
  • Als ich ein Junge war. Liebeserklärung an Kindheit und Jugend in den Sechziger Jahren. Kösel Verlag. München 2017. ISBN 978-3-466-37190-7.
  • Geschenke des Meeres. Von Muscheln, Möwen, Meerjungfrauen. Kleiner Verlag am Eschbach. Eschbach 2018. ISBN 978-3-86917-604-8.
  • Das verleugnete Kreuz. Anstösse zu einer überfälligen Debatte. Claudius Verlag. München 2019. ISBN 978-3-532-62846-1.
  • Der Schreibtisch des Philosophen. Erinnerungen am Hans Blumenberg. Claudius Verlag 2020. ISBN 978-3-532-62850-8.
  • Agnes Miegel und das Leben in Quarantäne. Mit einem Beitrag von Archimandrit Irenäus Totzke. Arnshaugk Verlag 2020. ISBN 978-3-95930-223-4.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Uwe Wolff: Kirche und Konversion. Blogbeitrag über seinen Weg zur römisch-katholischen Kirche, ab 6. Januar 2020 (fortgeschrieben).
  2. Gäste - Detail - Katholisches Forum Niedersachsen. Abgerufen am 5. Januar 2022.
  3. Gastreferent: Privatdozent Dr. Wolff. Katholisches Forum Niedersachsen, abgerufen am 6. Oktober 2018.
  4. Uwe Wolff: Tradition und Transzendenz. Über religiöse Erziehung im Zeitalter der Zerstreuung. In: Heimo Schwilk/Ulrich Schacht (Hrsg.). Die selbstbewusste Nation. „Anschwellender Bocksgesang“ und weitere Beiträge zu einer deutschen Debatte. Ullstein Verlag. Berlin 1994. S. 404–415.
  5. a b Beim Namen genannt. In: Die Tagespost, 13. August 2020, S. 31 (online).
  6. Nr. 32 der Impuls-Reihe der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen „Die Wiederkehr der Engel“ II/1991. http://ezw-berlin.de/downloads/Impulse_32.pdf
  7. Uwe Wolff: Der Engel Flügel wachsen hören. Kapitel einer Angelologie der Jahrtausendwende. In: NZZ, 21./22. Dezember 1991. S. 34f.
  8. HS.2003.0001 (Zugangsnummer): Hans Blumenberg an Uwe Wolff 1983–1988 und Hans Blumenberg an Uwe Wolff 1989–1996
  9. Stipendienzusage der Udo-Keller-Stiftung
  10. Nico Schulte-Ebbert: Erinnerungsarbeit am Mythos. In: denkkerker.com. 29. Februar 2020, abgerufen am 29. Februar 2020 (Rezension).
  11. Siehe Einzelnachweis 6
  12. Uwe Wolff. Iserloh. Der Thesenanschlag fand nicht statt. Reinhardt Verlag. Basel 2013.
  13. Uwe Wolff. Agnes Miegel und das Leben in Quarantäne. Mit einem Beitrag von Archimandrit Irenäus Totzke. Arnshaugk Verlag 2020. ISBN 978-3-95930-223-4.
  14. https://www.anbruch-magazin.de/wo-sich-die-mitte-verdunkelt-uwe-wolff-ueber-agnes-miegel/
  15. Heimo Schwilk: Begreifen, was einen ergreift. In: welt.de. 13. März 2011, abgerufen am 7. Oktober 2018.
  16. Ulrich Thoemmes: Förderpreis für Uwe Wolff. In: Hefte der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft Sitz Lübeck, Heft 2/1982. S. 18–20: „Die Deutsche Thomas-Mann-Gesellschaft, Sitz Lübeck, verleiht ihren ersten Förderpreis zum Thomas-Mann-Preis der Hansestadt Lübeck 1981 Herrn Uwe Wolff, geb. 27. Juli 1955 in Münster, in Würdigung seines bereits umfangreichen, vorliegenden literaturwissenschaftlichen und erzählerischen Frühwerkes, welches in seiner Weise der Intention des Hauptpreises entspricht.“ (= Text der Urkunde) S. 20
  17. Preisträger Prix Leuba
  18. Dies Academicus 2011
  19. Udo-Keller-Stipendium für Gegenwartsforschung: Religion und Moderne (Memento vom 21. Mai 2013 im Internet Archive)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]