Uwe Wolff (Kulturwissenschaftler)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Uwe Wolff (* 27. Juli 1955 in Münster) ist ein deutscher Kulturwissenschaftler, Schriftsteller und Theologe. Er lebt in Bad Salzdetfurth und unterrichtet seit 2012 als Privatdozent am Institut für Literaturwissenschaft und Literarisches Schreiben der Universität Hildesheim.

Uwe Wolff, 2012

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Schulzeit am Johann-Conrad-Schlaun-Gymnasium in Münster studierte Wolff, ebenfalls in Münster, ab 1976 Philosophie bei Hans Blumenberg, Mediävistik bei Friedrich Ohly und Pädagogik und Evangelische Theologie.

Von 1983 bis 2008 arbeitete er als Gymnasiallehrer und in der Lehrerausbildung. Er gehörte neben Botho Strauss, Rüdiger Safranski, Michael Wolffsohn u. v. a. zu den Autoren des seinerzeit kontrovers und heftig diskutierten Sammelbandes "Die selbstbewusste Nation" (1994)[1].

Hier veröffentlichte er seinen Entwurf einer kulturgeschichtlich orientierten Religionspädagogik[2].

2007 promovierte er an der Université de Fribourg (Universität Freiburg (Schweiz)) bei Barbara Hallensleben (* 1957) im Fachbereich Katholische Theologie mit einer biographischen Arbeit über den reformierten Theologen Walter Nigg (1903–1988).

2012 habilitierte er sich mit einer ebenfalls durch Hallensleben angeregten Biographie Edzard Schapers (1908–1984) am Fachbereich Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis in Hildesheim und erhielt die Lehrbefugnis für „Kulturgeschichtliche Literaturwissenschaft“.

Wolff ist mit der Gymnasiallehrerin Daniela Wolff, geborene Klie, verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

Schaffen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Angelologie und Dämonologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Obwohl evangelischer Theologe, hat Wolff sich intensiv mit der Theologie und der Kulturgeschichte der Engel und Dämonen beschäftigt. In einer regen Veröffentlichungs- und Vortragstätigkeit über Engel widmet er sich diesem Grenzgebiet zwischen den Konfessionen. Seine ausführliche Darstellung des Exorzismusfalls der Anneliese Michel[3] hat gutachterliche Qualitäten und wurde sehr beachtet.[4] In einem Gutachten für die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen verweist Wolff auf „Die Wiederkehr der Engel“ als Zeitgeistphänomen der Jahrtausendwende.[5] Seine Studien zur Kulturgeschichte der Engel haben ihn zurück zu seiner Beschäftigung mit Rilke[6] geführt: Wolffs biographischer Ansatz, der auf einer langjährigen Beschäftigung mit dem Leben Rilkes gründet, gibt dem Topos der Engel z. B. in den Duineser Elegien ein Gewicht, das von der Literaturwissenschaft lange Zeit übersehen wurde.[7]

Wolff und Blumenberg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bekannt wurde Wolff durch seine Arbeiten zur Kulturgeschichte der Engel und Dämonen sowie seine symbolgeschichtlichen Studien über Labyrinthe und Irrgärten. Der Philosoph Hans Blumenberg nahm gegen Ende seiner Lehrtätigkeit regen Anteil insbesondere an Wolffs kulturgeschichtlichen Untersuchungen über Engel und Dämonen, wie in einem umfangreichen Briefwechsel belegt ist, der im Deutschen Literaturarchiv Marbach eingesehen werden kann.[8] Wolffs Kenntnis von Werk und Lebensumständen Blumenbergs sind ebenfalls in Sibylle Lewitscharoffs Blumenberg-Roman berücksichtigt worden. In einer von der Udo-Keller-Stiftung geförderten Forschungsarbeit untersucht Wolff im Rahmen seiner Arbeit an einer wissenschaftlichen Blumenbergbiographie die Bedeutung der Angelologie und Dämonologie in Blumenbergs Spätwerk und nachgelassenen Arbeiten.[9] Wolffs Bemühungen um eine neue Sicht auf Werk und Biographie Blumenbergs finden einen ersten Niederschlag in einer viel beachteten [10] biographischen Skizze, in der Wolff, ausgehend von Blumenbergs letztem, an ihn gerichteten Brief aus dem Jahre 1996, die katholischen Wurzeln in Blumenbergs Biographie und Werk nachweist.[11]

„Projektive“ Biographien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In jüngerer Zeit hat Wolff eine Reihe von Biographien veröffentlicht, die ebenfalls von interkonfessionellem Interesse sind. In seiner Dissertation, der Biographie des reformierten Schweizer Theologen und „Hagiographen“ Walter Nigg, und in seiner Habilitationsschrift über den ehemals sehr populären, zur katholischen Konfession konvertierten Schriftsteller Edzard Schaper, entwickelt Wolff eine Darstellungsmethode, die in der Ethnologie als „Teilnehmende Beobachtung“ beschrieben werden könnte, wobei hier die Teilnahme darin besteht, dass der Biograph sich dem Gegenstand der Biographie anverwandelt: Die eigene Biographie wird gewissermaßen auf das dargestellte Leben projiziert. Insbesondere die Schaper-Biographie hat ein positives Echo gefunden. Mit seiner Hildesheimer Antrittsvorlesung zum Thema „Rainer Maria Rilke und die Welt der Engel und mit einer kulturgeschichtlichen Deutung der ‚Duineser Elegien‘“ (16. Mai 2012) legte Wolff die Grundlage zu einer Rilke-Biographie mit theologischem Schwerpunkt.[12] Mit seiner Biographie über den katholischen Lutherforscher Erwin Iserloh (1915–1996) [13] setzte Wolff einen viel beachteten[14] ökumenischen Akzent für das Reformationsjubiläum 2017.

Über sein Selbstverständnis als Biograph hat Wolff in einem Werkstattgespräch mit Rüdiger Safranski und Heimo Schwilk Auskunft gegeben[15].

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1982: Thomas-Mann-Förderpreis der Hansestadt Lübeck[16]
  • 2008: Prix Jean-Louis Leuba für Ökumene der Universität Fribourg[17]
  • 2011: Fürst Franz Josef II. von Liechtensteinpreis für wissenschaftliche Forschung[18]
  • 2013: Udo-Keller-Stipendium für Gegenwartsforschung: Religion und Moderne[19]

Publikationen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hermann Hesse. Demian – Die Botschaft vom Selbst. Bouvier, Bonn 1979, ISBN 3-416-01457-X.
  • Papa Faust (Roman). Ullstein Verlag, Berlin 1982, ISBN 3-548-38533-8.
  • Der Ewige Deutsche (Roman). Haffmans Verlag. Zürich 1984, ISBN 3-251-00045-4.
  • Breit aus die Flügel beide. Von den Engeln des Lebens. Herder Verlag, Freiburg u. a. 1993, ISBN 3-451-22922-6.
  • Der gefallene Engel. Von den Dämonen des Lebens. Herder Verlag, Freiburg u. a. 1995, ISBN 3-451-23680-X. (4)
  • Das große Buch der Engel (Anthologie). Herder Verlag, Freiburg u. a. 1994, ISBN 3-451-23393-2. (5)
  • Der Teufel ist in mir. Heyne, München 2006, ISBN 3-453-60038-X. Erstmals erschienen unter dem Titel: Das bricht dem Bischof das Kreuz. Die letzte Teufelsaustreibung in Deutschland 1975/76. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1999, ISBN 3-499-60619-4.
  • Alles über Labyrinthe und Irrgärten. Unterwegs mit Zeppelin und Kamera. (Bilder von Jürgen Hohmuth). Gabriel Verlag, Stuttgart u. a., ISBN 978-3-522-30095-7.
  • Das Geheimnis ist mein. Walter Nigg. Eine Biographie. TVZ, Zürich, 2009, ISBN 978-3-290-17509-2.
  • Der vierte König lebt! Edzard Schaper – Dichter des 20. Jahrhunderts. Friedrich Reinhardt Verlag, Basel 2012, ISBN 978-3-7245-1777-1.
  • Der Mann aus Nazaret. Das Leben Jesu neu erzählt. Topos Verlag, Kevelaer 2013 (Neuauflage), ISBN 978-3-8367-0832-6.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Uwe Wolff. Tradition und Transzendenz. Über religiöse Erziehung im Zeitalter der Zerstreuung. In: Heimo Schwilk/ Ulrich Schacht (Hrsg.). Die selbstbewusste Nation. "Anschwellender Bocksgesang" und weitere Beiträge zu einer deutschen Debatte. Ullstein Verlag. Berlin 1994. S. 404–415. In seinem Beitrag "Tradition und Transzendenz. Über religiöse Erziehung im Zeitalter der Zerstreuung" plädiert der Hildesheimer Religionspädagoge Uwe Wolff unter Berufung auf seinen Münsteraner Lehrer Friedrich Ohly für eine religiöse Erziehung mit kulturgeschichtlichem Horizont.
  2. In seinem Beitrag "Tradition und Transzendenz. Über religiöse Erziehung im Zeitalter der Zerstreuung" plädiert Wolff unter Berufung auf seinen Münsteraner Lehrer Friedrich Ohly leidenschaftlich für eine religiöse Erziehung mit kulturgeschichtlichem Horizont.
  3. Siehe auch Anneliese Michel#Uwe Wolff
  4. Zum Beispiel auch in der kirchenkritischen Internetzeitschrift „Der Theologe“
  5. Nr. 32 der Impuls-Reihe der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen „Die Wiederkehr der Engel“ II/1991. http://ezw-berlin.de/downloads/Impulse_32.pdf
  6. Uwe Wolff. The Angels’ Comeback: A Retrospect at the Turn of the Millenium. In: Deuterocanonical and Cognate Literature Yearbook 2007: Angels. De Gruyter 2007. p. 695–714. Uwe Wolff. Der Engel Flügel wachsen hören. Kapitel einer Angelologie der Jahrtausendwende. In: NZZ vom 21./22. Dezember 1991. S. 34f.
  7. Universität Hildesheim – Antrittsvorlesung: Uwe Wolff liest auf der Domäne Marienburg über Rilkes Engel
  8. http://www.dla-marbach.de/?id=51891 HS.2003.0001 (Zugangsnummer): Hans Blumenberg an Uwe Wolff 1983–1988 und Hans Blumenberg an Uwe Wolff 1989–1996
  9. Stipendienzusage der Udo-Keller-Stiftung
  10. z. B. Jürgen Kaube in einer Besprechung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Mittwoch, 18. Juni 2014, Seite N 3 ("Meine Dämonen hatten schwarze Uniformen")
  11. Uwe Wolff: „Der Mann, den alle schlagen, diesen schlägst Du nicht“ – Hans Blumenbergs katholische Wurzeln. In: Internationale Katholische Zeitschrift Communio, Jg. 43 (2014), S. 182–198.
  12. Siehe Einzelnachweis 6
  13. Uwe Wolff. Iserloh. Der Thesenanschlag fand nicht statt. Reinhardt Verlag. Basel 2013.
  14. „Radio Vatikan“ etwa würdigte diese biographische Studie; http://de.radiovaticana.va/news/2013/10/26/buchempfehlung:_iserloh._de :„Uwe Wolff trägt die Lebensstationen des Erwin Iserloh, an dem sich die 68-er Generation in Münster so trefflich reiben konnte, mit Sensibilität für Sachverhalte des Glaubens und unübersehbarem zuordnenden Geschick vor. Die auch sprachlich hervorragende Biographie nährt sich wesentlich aus dem Nachlass sowie den Schriften Iserlohs, aber mehr noch aus dem Vermögen des Autors, seine Quellen auf Inhalte wie auf geistige Tragweite gleichermaßen zu befragen.“
  15. https://www.welt.de/print/wams/kultur/article12797889/Begreifen-was-einen-ergreift.html.
  16. Ulrich Thoemmes: Förderpreis für Uwe Wolff. In: Hefte der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft Sitz Lübeck, Heft 2/1982. S. 18–20: „Die Deutsche Thomas-Mann-Gesellschaft, Sitz Lübeck, verleiht ihren ersten Förderpreis zum Thomas-Mann-Preis der Hansestadt Lübeck 1981 Herrn Uwe Wolff, geb. 27. Juli 1955 in Münster, in Würdigung seines bereits umfangreichen, vorliegenden literaturwissenschaftlichen und erzählerischen Frühwerkes, welches in seiner Weise der Intention des Hauptpreises entspricht.“ (= Text der Urkunde) S. 20
  17. Preisträger Prix Leuba
  18. Dies Academicus 2011
  19. Udo-Keller-Stipendium für Gegenwartsforschung: Religion und Moderne

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]