Hagiographie

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Die Hagiographie bzw. Hagiografie (aus griech. ἅγιον hagion „heilig“ und γράφειν grafein „schreiben“) umfasst sowohl die Darstellung des Lebens von Heiligen als auch die wissenschaftliche Erforschung solcher Darstellungen.

Wissenschaftliche Kontroverse um den Terminus „Hagiographie“[Bearbeiten]

Zur Scheidung dieser Bedeutungen geht ein neuerer Vorschlag dahin, nur ersteres als Hagiographie, letzteres hingegen als Hagiologie zu bezeichnen.[1] Als Hagiologion bzw. Hagiologium wird dementsprechend eine mehr oder weniger wissenschaftliche Ausgabe mit Lebensbeschreibungen von und Untersuchungen zu Heiligen bezeichnet.

Im übertragenen Sinne bezeichnet der Begriff Hagiographie oder die adjektivische Verwendung hagiographisch eine Biographie, die den Beschriebenen als „Heiligen“ im Sinne eines vorbildhaften Menschen ohne Makel darstellt und ihn dem Leser einerseits als sittliches Vorbild, andererseits als der kultischen Verehrung würdigen Erwählten Gottes präsentiert. Da eine solche Darstellung oft einseitig enkomiastische Züge aufweist, eine unkritische und euphemistische Tendenz zeigt, die historische Quellenkritik vernachlässigt und keinem streng rationalistischen Wahrheitsbegriff verpflichtet ist, kann der Ausdruck auch in pejorativer Bedeutung verwendet werden. Seit der Reformation und verstärkt seit dem 19. Jahrhundert, das mit dem Einsetzen der historischen Quellenkritik und der Durchsetzung eines von den Naturwissenschaften geprägten rationalistischen Wahrheitsbegriffs der Vorstellung vom Übernatürlichen zunehmend fremd gegenüberstand, stieß die Hagiographie immer mehr auf Fundamentalkritik. Gegen diese pauschale Verwerfung suchte das vom Jesuitenorden getragene Unternehmen der Bollandisten, die Acta Sanctorum, die Hagiographie durch kritische Sichtung und Sammlung der Überlieferung zu verteidigen.

Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive wird der Begriff Hagiographie von dem Mittellateiner Walter Berschin abgelehnt, der darauf hinweist, dass historische Wahrheit kein Gattungs- und schon gar kein Qualitätskriterium sein könne. Statt von Hagiographie sei daher von Biographie zu sprechen.[2] Andererseits ergibt sich aus der hagiographischen Intention ein bestimmter hagiographischer Diskurs, von Berschin als biblischer Hintergrundstil bezeichnet, der sich im Rückgriff auf bestimmte literarische Vorbilder, auf biblische Exempla und hagiographische Topoi spiegelt. Innerhalb dieses hagiographischen Diskurses zeigt sich nun ein weiterer Unterschied der Hagiographie zur antiken Biographie. Letztere hatte, wie Albrecht Dihle gezeigt hat,[3] nicht von der Geschichtsschreibung, sondern vom Interesse der philosophischen Ethik am sittlich autonomen Individuum als Vorbild ihren Ausgang genommen. Insofern liegt aber in der hagiographischen Auffassung vom Eingreifen Gottes als metaphysischer Macht in die geschichtlichen und biographischen Abläufe ein fundamentaler Unterschied. Denn dadurch wird der Heilige zum Werkzeug Gottes und jede Hagiographie zu einem Stück Heilsgeschichte, zu einem Beleg für die gnadenvolle Selbstoffenbarung Gottes in der Geschichte und für die Einlösung der zugesagten Heilsversprechen. Bedeutung erlangte durch diese neue Anschauung also gerade das bestimmte einmalige Ereignis selbst, während sich die antike Biographie in erster Linie für die verallgemeinerbare sittliche Haltung interessierte, die sich in einem Ereignis manifestierte.[4] Voraussetzung für diese Entwicklung war der Umstand, dass sich die Biographie unter den besonderen Bedingungen der römischen Kaiserzeit bereits zu einem Genus der Geschichtsschreibung entwickelt hatte.[5]

Geschichte[Bearbeiten]

Die Geschichte der christlichen Hagiographie begann im 2. Jahrhundert mit Lebensbeschreibungen von Märtyrern, Asketen und Mönchen. Im Mittelalter, der Blütezeit der Hagiographie, gab es Lebensbeschreibungen nahezu aller Heiligen der Kirche. Allein im lateinischsprachigen Bereich verzeichnet die Bibliotheca Hagiographica Latina mit ihren Supplementen weit über 10000 Nummern. Eine wichtige Sammlung von Heiligenlegenden des Mittelalters ist die von 1263 bis 1273 entstandene Legenda aurea des Jacobus de Voragine. In der frühen Neuzeit folgten außer den schon genannten Acta Sanctorum der Bollandisten Sammlungen wie das Sanctuarium (Band 1–2, Venedig 1474) des Boninus Mombritius (1424–1502?), De probatis vitis Sanctorum ab Al. Lippomano olim [1551–1560] conscriptis nunc primum emendatis et auctis (Band 1–6 Köln 1570–1576) des Laurentius Surius (1522–1578) sowie die Acta primorum martyrum sincera (Paris 1689) des Thierry Ruinart.[6]

Historischer Erkenntnisgehalt[Bearbeiten]

Das historische Erkenntnisinteresse einer hagiographischen Forschung liegt heute meist weniger in der Authentizität der Überlieferung, sondern in der Erforschung des kollektiven Gedächtnisses beziehungsweise dem Umgang mit demselben sowie in sozial- und mentalitätsgeschichtlichen Fragestellungen. Auch im Zusammenhang von Forschungen zur Geschichte des Mönchtums, der Orden und Klöster, Bistümer und anderer kirchlicher Institutionen sowie zur Herrschaftslegitimation und Herrschaftsrepräsentation des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Adels und Königtums spielen hagiographische Quellen eine nicht unbedeutende Rolle.

Quellentypen[Bearbeiten]

Hagiographische Quellen sind vita, passio, miracula, Translationsbericht, Brief, Heiligenverzeichnis, Kalendar, Martyrologium bzw. Menologion und Synaxarion sowie liturgische Quellen wie Antiphonar, Sakramentar, Stundenbuch, schließlich kultgeschichtliche Quellen wie Reliquienverzeichnisse, Reliquiare und die ihnen eingefügten Beschriftungen (Authentiken), Memorien, Altäre und Altartituli, Plastiken und Bildliche Darstellungen.

Vita: Diese Quelle hagiographischer Forschung entwickelte sich aus den Prozessakten (acta) und der Darstellung der wegen ihres Glaubens zum Tode verurteilten Menschen (passio); später wurden Lebensbeschreibungen (vitae) der Märtyrer verfasst. Als die Verfolgung von Christen abnahm, nahm die Aufmerksamkeit gegenüber den Merkmalen eines Heiligen im Leben von Bekennern (confessores), Asketen und Bischöfen zu, sodass deren vitae als Quelle hagiographischer Historiographie diente. Der Begriff vita wird auch in einer allgemeineren Form der Überlieferung eines Lebenswandels gebraucht.

Passio bezeichnet ursprünglich den Martyriumsbericht, wird aber schon früh ohne Unterschied synonym für Vita gebraucht und auch für Nicht-Märtyrer verwendet.

Miracula: Ein markantes Beispiel hagiographischer Historiographie ist die Überlieferung von Wundern in der vita eines Menschen. Ein plausibles miraculum (Bericht eines Wunders) als Kriterium der Heiligsprechung ist in hagiographischen Quellen zwar mit Vorzug überliefert, jedoch nicht vorausgesetzt worden. Wundersammlungen, oft als zweiter Teil einer vita oder passio, sind daher eine verbreitete Literaturform.

Translationsbericht beschreibt das Erheben der Gebeine (Elevation), Überführung (Translation) und Beisetzung des Heiligen (Depositio) am Ort kultischer Verehrung. Translationsberichte sind oft die frühesten Kultzeugnisse. Sie können selbständig, oft in Briefform, oder als Teil einer vita oder passio auftreten.

Aufbau einer klassischen Hagiographie[Bearbeiten]

Hagiographien waren traditionell kurze Texte, die in einem Sammelband chronologisch nach den Gedenktagen der Heiligen angeordnet waren. Sie sollten ein Vorbild für christliche Lebensweisen darstellen. Die klassische Hagiographie folgte einem fixen Schema.

  1. Einleitung durch den Autor.
  2. Kindheit und Jugend des Heiligen. Beschreibung von Tugenden und Wundern, die den Heiligen von anderen Heranwachsenden unterscheiden.
  3. Leben als Charismatiker, kirchlicher Amtsträger (Priester, Bischof, Abt), Anachoret, Asket: Häufige Motive sind Sieg über die Versuchung, Klostergründung, Kirchenbau, Kämpfe mit dem Teufel, Belehrungen und Predigten, Missionierung von Heiden oder Häretikern, Göttliche Visionen, Prophezeiungen, Heilungs- und andere Wunder.
  4. Tod und Wundererzählung, ggf. Martyrium
  5. Postmortale Wunder und Taten: Oft stellen sich die Reliquien als unzerstörbar heraus oder der Heilige erscheint den Hinterbliebenen in Visionen und bestimmt den Ort, an dem seine Reliquien beigesetzt und verehrt werden sollen. Bestrafungswunder im Falle von Verächtern des Kults.
  6. Hinweise auf Reliquienerhebungen und Translationen.
  7. Vergleich mit anderen Heiligen.
  8. Epilog, Gebet, Nachwort des Autors.

Literatur[Bearbeiten]

Handbücher und Hilfsmittel[Bearbeiten]

  • Johann Evangelist Stadler, Franz Joseph Heim (Hrsg.): Vollständiges Heiligen-Lexikon oder Lebensgeschichten aller Heiligen, Seligen etc. … in alphabetischer Ordnung, mit zwei Beilagen, die Attribute und den Kalender der Heiligen enthaltend. Bd. 1–5, Schmid, Augsburg 1858–1882 (über ökumenisches Heiligenlexikon [siehe Weblinks] auch im Web).
  • Subsidia Hagiographica. Société des Bollandistes, Brüssel 1886ff. (bisher 90 Bände, darunter unentbehrliche Hilfsmittel).
  • Bibliotheca hagiographica latina antiquae et mediae aetatis. Bd. 1–2. (= Subsidia Hagiographica. Bd. 6). Société des Bollandistes, Brüssel 1898–1901 (reprint 1992).
  • Bibliotheca hagiographica latina antiquae et mediae aetatis. Novum Supplementum. Edidit Henricus FROS. Société des Bollandistes, Brüssel 1986.
  • René Aigrain: L’ hagiographie. Ses sources, ses méthodes, son histoire. Paris 1953 (Repr. 2000).
  • Bibliotheca sanctorum. Bd. 1–12 + Indexband, Rom 1961–1970.
  • Wolfgang Braunfels u. a. (Hrsg.): Lexikon der christlichen Ikonographie. Bd. 5–8 Ikonographie der Heiligen. Herder-Verlag, Freiburg im Breisgau 1973–1976.
  • Marc Van Uytfanghe: Art. Heiligenverehrung II (Hagiographie). In: Reallexikon für Antike und Christentum. Bd. 14, Stuttgart 1988, Sp. 150–183.
  • Réginald Grégoire: Manuale di agiologia. Introduzione alla letteratura agiografica (= Bibliotheca Montisfani. Bd. 12). 2. Aufl., Fabriano 1996.
  • Claudio Leonardi u. a.: Art. Hagiographie. In: Lexikon des Mittelalters. Bd. 4, 1989, Sp. 1840–1862.
  • Guy Philippart (Hg.): Hagiographies. Histoire internationale de la littérature hagiographique de latine et vernaculaire, en Occident, des origines à 1550. Tournhout 1994ff.
  • Dieter von der Nahmer: Die lateinische Heiligenvita. Eine Einführung in die lateinische Hagiographie. Darmstadt 1994.
  • Walter Berschin: Biographie und Epochenstil. Bd. 1–5, Stuttgart 1984–2004.
  • Lexikon der Heiligen und der Heiligenverehrung (Lexikon für Theologie und Kirche kompakt). Bd. 1–3. Herder-Verlag, Freiburg im Breisgau u. a. 2003.

Einzelfragen[Bearbeiten]

  • Gereon Becht-Jördens: Biographie als Heilsgeschichte. Ein Paradigmenwechsel in der Gattungsentwicklung. Prolegomena zu einer formgeschichtlichen Interpretation von Einharts Vita Karoli. In: Andrea Jördens u. a. (Hrsg.): Quaerite faciem eius semper. Studien zu den geistesgeschichtlichen Beziehungen zwischen Antike und Christentum. Dankesgabe für Albrecht Dihle zum 85. Geburtstag aus dem Heidelberger Kirchenväterkolloquium (= Studien zur Kirchengeschichte. Bd. 8). Kovac, Hamburg 2008, S. 1–21.
  • T. J. Heffermann: Sacred Biography. Saints and their Biographers in the Middle Ages. New York/Oxford 1988.
  • D. Hoster: Die Form der frühesten lateinischen Heiligenviten von der Vita Cypriani bis zur Vita Ambrosii und ihr Heiligenideal. Diss. phil. Köln 1963.
  • Friedrich Prinz: Hagiographie und Kultpropaganda. Die Rolle der Auftraggeber und Autoren hagiographischer Texte des Frühmittelalters. In: Zeitschrift für Kirchengeschichte. Nr. 103, 1992, 174–194.
  • Friedrich Prinz: Der Heilige und seine Lebenswelt. Überlegungen zum gesellschafts- und kulturgeschichtlichen Aussagewert von Viten und Wundererzählungen. In: Ders.: Mönchtum, Kultur und Gesellschaft. München 1989, 251–268.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Guy Philippart: Hagiographes et hagiographie, hagiologes et hagiologie: des mots et des concepts. Erschienen in: Hagiographica. Band 1 1994
  2. Walter Berschin, Biographie und Epochenstil (s. unten Literatur) Bd. 1, S. 17–24.
  3. Albrecht Dihle, Zur antiken Biographie. In: La biographie antique. Huit exposés suivis de discussions. (Entretiens sur l’antiquité classique 44). Fondation Hardt, Vandoeuvres-Genève 1998, S. 119–146; Albrecht Dihle; Antike Grundlagen. In: Walter Berschin (Hrsg.): Biographie zwischen Renaissance und Barock. Mattes, Heidelberg 1993, S. 1–22; Albrecht Dihle: Studien zur griechischen Biographie. (Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Phil.-hist. Klasse 3). 2. Auflage. Göttingen 1970.
  4. Vgl. Becht-Jördens, Biographie als Heilsgeschichte (s. unten Literatur).
  5. Vgl. Albrecht Dihle: Die Entstehung der historischen Biographie. (Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Phil.- hist. Klasse 1986, 3). Winter, Heidelberg 1987.
  6. Näheres siehe im Artikel Acta Sanctorum.