Valeri Brainin

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Valeri Brainin (russisch Валерий Борисович Брайнин, wiss. Transliteration Valerij Borisovič Brajnin; auch Willi;[1] auch Brajnin-Passek;[2] * 27. Januar 1948 in Nischni Tagil) ist ein in Deutschland und Russland lebender und wirkender Musikfunktionär, Musikpädagoge, Musiktheoretiker und Literat.

Leben und öffentliches Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Valeri Brainin ist ein Sohn des Dichters und Übersetzers Boris Brainin (Pseudonym: Sepp Österreicher) und der Kinderärztin Asja Il'inična Brajnina, geb. Passek. In der Schulzeit zeichnete er sich durch sehr gute Leistungen aus und errang erste Plätze in Mathematikolympiaden.[2] Als Pädagogikstudent geriet er wegen seines Engagements für Menschenrechte in Schwierigkeiten (Pädagogisches Institut in Nischni Tagil).[2] 1974 konnte er ein Fernstudium in den Fächern Musiktheorie und Komposition mit Auszeichnung abschließen (Berufsschule für Musik in Sverdlovsk, heute Jekaterinburg). In Nischni Tagil und Sverdlovsk wirkte er als Leiter poetischer Zirkel, in Tiraspol und Moskau als Hoch- und Mittelschullehrer für Musik.[2] Nach abgelehnten Ausreiseanträgen nach Israel gab er Privatunterricht, und 1990 emigrierte er nach Deutschland.[2]

In Hannover war Brainin Initiator und künstlerischer Leiter des Dmitri Schostakowitsch gewidmeten, im Mai 1997 durchgeführten Internationalen Musikwettbewerbs „Classica Nova“, einer Veranstaltung, die von prominent besetzten Jurys und hohen Teilnahmezahlen geprägt war.[3][4] Dem Konzept der „Classica Nova“ oder „Neuen Klassik“ hat sich Brainin auch als Autor gewidmet,[5][6] ebenso der mikrotonalen Musik, für die er eine 29-stufige Temperierung vorschlug.[7][8]

2004–2014 war Brainin Präsident der RussSME (Russian Federation Society for Music Education), seit 2014 ist er deren Ehrenpräsident.[9] Die RussSME zählt seit 2004 zu den „ISME National Affiliates“, repräsentiert also die Russische Föderation in der ISME (International Society for Music Education),[10] einer Partnerin des IMC (International Music Council) und der UNESCO (United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization).[11] 2008 kandidierte Brainin auf ISME-Ebene für die Position des „President-Elect“ (des designierten Präsidenten).[12] Er ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie, Mitglied der Internationalen Akademie der Wissenschaften für pädagogische Ausbildung mit Sitz in Moskau und Leiter eines Forschungszentrums an der Staatlichen Pädagogischen Universität Moskau.[13]

Pädagogische Tätigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Valeri Brainin hat die nach ihm benannte Brainin-Methode zur Entwicklung der musikalischen Intelligenz bei Kindern entwickelt[14]. Die Methode basiert auf Erkenntnissen aus der Semiotik, der Informationstheorie, der strukturellen Linguistik und der Entwicklungspsychologie (Jean Piaget, Lev Wygotski). Außerdem fließen Ideen anderer praktischer Methoden der Entwicklung des musikalischen Hörens und Denkens ein, als da wären: „Absolutes“ Solfeggio, relative Solmisation (Sarah Ann Glover, John Curwen, Agnes Hundoegger, Zoltán Kodály, Carl Orff, Richard Münnich), Silben des estnischen Chorleiters Heino Kaljuste[15], das bulgarische Tonleitermodell „Stolbitzata“ von Boris Tritschkow[16], rhythmische Solmisation (Galin-Paris-Chevé-Methode von Pierre Galin, Emile Chevé und Aimé Paris [17], Music Learning Theory von Edwin Gordon[18]).

Das Hauptanliegen der Brainin-Methode liegt in der Entwicklung der vorausschauenden Wahrnehmung bei potentiellen Hörern ernster klassischer Musik und/oder bei professionellen Musikern.[19][20][21][22] Die meisten wissenschaftlich anerkannten Arbeiten Brainins sind auf russisch veröffentlicht und werden hier nicht angeführt.

Literarische Tätigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den 1980er bis Anfang der 1990er Jahre war Brainin Mitglied des literarischen Klubs „Poesia“ (russisch Клуб «Поэзия»; unter den Mitgliedern waren u. a. Lew Rubinstein und Dmitri Prigow) in Moskau. Die Gedichte Brainins wurden in russischsprachigen Literaturzeitschriften veröffentlicht, u. a. in Nowyj Mir (Neue Welt), Ogonjok (Feuerchen), Snamja (Banner, Flagge), Moskowski Komsomolez und Literaturnaja Gaseta. Sein Gedicht Dialog (russisch „Я ехал на трамвае в морг“) wurde ins Englische übersetzt und erschien 1994 im amerikanischen Journal Partisan Review.[23]

Gutachten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Sofia Gubaidulina. Vorwort zum „Kursus der musikalischen Sprache“ von Valeri Brainin (Faksimile; PDF; 42 kB). Teilweise veröffentlicht auf Russisch in Musykalnaja Akademia, Moskau, 1993, Nr. 1 und auf Italienisch in Be Quadro, Florenz, 1993, Nr. 49–50

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sergej Čuprinin: Schriftsteller Deutschlands auf chuprinin.livejournal.com (Stand: 20. April 2018), russisch.
  2. a b c d e Elena V. Tichomirova und Ute Scholz: Russische zeitgenössische Schriftsteller in Deutschland. Ein Nachschlagewerk. Otto Sagner, München 1998.
  3. Juroren von „Classica Nova 1997“ auf classicanova.biz (Stand: 19. April 2018).
  4. Valeri Brainin: Nach dem Wettbewerb auf classicanova.biz (Stand: 19. April 2018).
  5. Valeri Brainin: Über die Postmoderne und die neue Klassik. In: Neue Musikzeitung, Regensburg, November 2002 (Anfang).
  6. Valeri Brainin: Über die Postmoderne und die neue Klassik. In: Neue Musikzeitung, Regensburg, November 2002 (Fortsetzung).
  7. Valeri Brainin: Ein Brief über gewisse Möglichkeiten der mikrochromatischen Komposition in Zusammenhang mit denkbaren Perspektiven der Evolution der Musiksprache. Veröffentlicht auf Russisch in Musykalnaja Akademia, Moskau 1997, Nr. 3 (PDF; 461 kB).
  8. Valeri Brainin: Die Methode graphischer Darstellungen als Mittel zur Entwicklung des musikalischen Gehörs. Das mikrochromatische Gehör. Das 'farbige’ Gehör. Vorgetragen beim Internationalen Symposium „Musikalische Früherziehung“, Wien 1991. Veröffentlicht auf Italienisch in beQuadro, Fiesole 1992, Nr. 48.
  9. Who is Who in the RussSME auf rusme.brainin.org (Stand: 19. April 2018), englisch.
  10. What is RussSME? auf rusme.brainin.org (Stand: 19. April 2018), englisch.
  11. About ISME auf www.isme.org (Stand: 19. April 2018), englisch.
  12. Personal Statements of Nominees for ISME President-Elect (Memento vom 19. Juli 2008 im Internet Archive), ursprünglich auf www.isme.org (Stand: 19. April 2018), englisch.
  13. Abteilung für Pädagogik und Psychologie der Musikausbildung auf www.manpo.ru (Stand: 20. April 2018), russisch.
  14. http://brainin.org/Method
  15. Selke, T. Some trends in Estonian music education in the 21st century and public reflections on it. In M. Baroni, A.R. Addessi, R. Caterina & M. Costa (Eds.), Proceedings of the 9th International Conference on Music Perception and Cognition (pp. 615-621). Bologna: Bolonia University Press, 2006
  16. Тричков, Б. «Стълбицата». Български метод за съзнателно нотно пеене. — София: Издателство Култура, 1940
  17. Chevé, E., Paris, N. Méthode élémentaire de musique vocale. — Paris, 1846
  18. Gordon-Gesellschaft Deutschland
  19. Valeri Brainin. Development of "predictive perception" of music in children. // In: A.R.Addessi & S.Young (Eds). MERYC2009. Proceedings of the European Network of Music Educators and Researches of Young Children, Bologna (Italy), 22nd-25th July 2009, pp.135-142. Bologna: Bolonia University Press (ISBN 978-88-7395-472-9), 679 p.
  20. Valeri Brainin. Employment of Multicultural and Interdisciplinary Ideas in Ear Training (“Microchromatic” Pitch. “Coloured” Pitch). // Proceedings: International Society for Music Education 28th World Conference, Bologna, 2008 (ISBN 978-0-9804560-2-8)
  21. Paula Andrea Jaramillo Hernández. Aplicacón del Método Brainin en la enseñanza aprendizaje del piano. // El Artista, noviembre, numero 004, Pamplona, Colombia, 2007, pp. 67-82. (Abstract in English).
  22. Valeri Brainin. Dissection of a musical text as essential to understanding the language of music. // Conference Proceedings of the 23rd World Conference of the ISME, Pretoria, 1998.
  23. Dialogue auf Brainins Website. In: Partisan Review, Vol. LXI, Nr. 2 (Spring 1994), ISSN 0031-2525.
    The American Bibliography of Slavic and East European Studies 1994 by Maria Gorecki Nowak. – Publisher: M. E. Sharpe, 1997. ISBN 978-1-56324-751-4

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]