Venezolanische Literatur

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Die venezolanische Literatur ist die Literatur Venezuelas in spanischer Sprache und als solche ein Bestandteil der hispanoamerikanischen Literatur. Sie wurde in Europa allerdings nicht in dem Umfang rezipiert wie etwa die mexikanische oder kolumbianische Literatur, die auch weitaus umfangreicher sind. Das liegt an der relativ schmalen Schicht des gebildeten bürgerlichen Lesepublikums in Venezuela, an der sozialen Abscheidung der Eliten, aber auch an langen Phasen der Diktatur im 20. Jahrhundert, die die intellektuelle Produktion behinderten und viele Autoren in die Emigration zwangen.

Mündliche Überlieferung der indigenen Völker[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

El Orinoco ilustrado y defendido von Joseph Gumilla (2. Auflage 1741)

Die erste Quelle über die Bräuche der indigenen Völker am mittleren Orinoco bildet das Werk El Orinoco ilustrado des Jesuiten Joseph Gumilla. Später sammelte der aus Italien stammende Missionar Felipe Salvador Gilii (1721–1789) Informationen über Sprachen und Mythen dieser heute meist nicht mehr existierenden Völker und über die frühe Kolonialgeschichte und publizierte sie 1780–1784 in vier Bänden in Rom.[1] Die mündlichen Überlieferungen und religiösen Traditionen vieler schriftloser indigener Völker, deren Sprachen vielleicht noch von einem Prozent der Bevölkerung Venezuelas gesprochen werden, sind jedoch zum großen Teil noch zu entdecken und zu dokumentieren, wenn es dafür nicht schon zu spät ist. Beispiele werden in verschiedenen Blogs und Veranstaltungen präsentiert, die von Isaías Medina López (* 1958) koordiniert werden.[2]

Kolonialzeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 16. und 17. Jahrhundert entstanden die frühesten Chroniken Venezuelas, das damals zum Vizekönigreich Neugranada und seit der Unabhängigkeit von 1819 bis 1830 zu Großkolumbien gehörte. Die erste Chronik eines kreolischen Historikers in barockem Stil war die Historia de la conquista y población de la provincia de Venezuela von José de Oviedo y Baños (1671–1738). In der Folge formte sich unter dem Einfluss der Aufklärung eine publizistische Kritik an der Kolonialherrschaft. Jedoch traten nur wenige bedeutende Autoren hervor. Die literarisch herausragende Gestalt der Zeit der Freiheitskämpfe ist der in Venezuela geborene, vom Klassizismus geprägte Andrés Bello (1781–1865). Bello, ein Humanist und Verfasser von Lehrgedichten („La agricultura de la zona torrida“, 1826), Publizist, Philosoph, Pädagoge, Philologe und Übersetzer von Plautus, Lord Byron und Victor Hugo, Völkerrechtler und Freund Alexander von Humboldts, hielt sich seit 1810 als Exilant, Diplomat und Hochschullehrer ständig im Ausland auf und eignete sich mehrere Sprachen autodidaktisch an. Er hinterließ ein fast unüberschaubares Gesamtwerk und verfasste erster eine Grammatik über den Gebrauch der spanischen Sprache in Lateinamerika. Seine Texte vermittelten erstmals ein fundiertes Wissen über die von den Kolonialherren nicht genutzten Ressourcen der neuen Welt, beschrieben freilich mit dem „ästhetischen Gestus der Alten Welt“. Seine Gedichte waren als Bestandteile eines nie zustande gekommenen Epos América konzipiert. In seiner Wahlheimat Chile polemisierte er gegen die heraufziehende Romantik.[3]

Romantik und Modernismo[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Französische Revolution befreite das Denken Lateinamerikas aus den engen klerikalen Fesseln. Simón Bolívar, der Neugranada von der spanischen Herrschaft befreite, stand unter dem Einfluss der französischen Aufklärung. Seine Schriften und seine Gedichte erfuhren auch Anregungen von den Gedanken und Werken Alexander von Humboldts, dessen Beschreibungen der herrlichen Natur Südamerikas das kreolische Selbstbewusstsein enorm steigerte. Unter dem Einfluss Frankreichs wandten sich kreolische Autoren dem Klassizismus zu, der das Werk mehrerer Lyriker der Zeit prägte, so die Gedichte von Rafael María Baralt (1810–1860), der als erster Lateinamerikaner Mitglied der Real Academia Española wurde, von Fermín Toro (1807–1865), der als Diplomat Europa bereiste,[4] und von José Antonio Maitín (1804–1874), einem von der kubanischen Unabhängigkeitsbewegung beeinflussten venezolanischen Lyriker, der durch seine Naturschilderungen bereits den Übergang zur Romantik markierte.[5]

Juan Vicente González (1811–1866), zunächst Theologiestudent, dann Schriftsteller, Biograph und Historiker, rezipierte die französische Romantik und wird oft als erster Romantiker in Venezuela charakterisiert. Als Vorläufer des Modernismo kann Juan Antonio Pérez Bonalde (1846–1892), ein bedeutender spätromantischer, sowohl von französischen Vorbildern als auch von brasilianischen Zeitgenossen beeinflusster Dichter, Schriftsteller und Übersetzer gelten, der u. a. Heinrich Heines Buch der Lieder erstmals ins Spanische übertrug und 1885 im New Yorker Exil veröffentlichte.[6] Zu den spätromantisch-costumbristischen Prosaautoren zählte Gonzalo Picón Febres (1860–1918). Eduardo Blanco (1838–1912), Romancier, epischer Dichter und kurzzeitig Außenminister, verfasste das bekannte Heldenepos des Unabhängigkeitskrieges („Venezuela heroica“, 1881), das in fünf Bildern die großen Schlachten des Krieges zeichnet. In seinem historischen Roman „Zárate“ (1882) beschreibt er die politische und soziale Bewegung der Kreolen, die nach der Revolution den Rückhalt aus dem Mutterland verloren, zum Teil verarmten und sich gegen Zuwanderer und Mulatten behaupten mussten.

Manuel Vicente Romero García (Karikatur, 1890er Jahre)

Manuel Vicente Romero García (1865–1917) verfasste mit Peonía (1890) den ersten „kreolischen“ Roman, der die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung Venezuelas spiegelte. #Der Autor spielte eine militärische Rolle in der Revolution von 1899, blieb aber der Nachwelt meist als Politiker in Erinnerung – wie die meisten venezolanischen Autoren, die sich als Diplomaten, Juristen, Militärs, Unternehmer oder Beamte einen Namen machten und ihre schriftstellerischen Tätigkeit davon trennten.

Andrés Mata (1870–1931), Dichter, Schriftsteller und Journalist, steht mit seiner tragischen Liebesaffäre „Idilio Trágico“ zwischen Romantik und Modernismo. Zeitweise lebte er im Exil in Curacao und der Dominikanischen Republik bis 1895. Später wurde er Parlamentarier und war als Diplomat in Europa tätig, wo er in Paris starb. Der Erzähler Pedro Emilio Coll (1872–1947) gilt neben Mata als wichtigster Begründer und Förderer des Modernismo in Venezuela, der sich in der Gruppe der sogenannten Generación del 98 sammelte. Als Diplomat und Politiker lernte er die europäischen Kulturen kennen. Zu dieser Gruppe, einer Parallelentwicklung zur spanischen Generation von 1898, zählten auch Luis Manuel Urbaneja Achelpohl (1873–1937) und Manuel Díaz Rodríguez (1871–1927). Realismus und Naturalismus konnten sich in Venezuela zu Ende des 19. Jahrhunderts hingegen nur zögerlich durchsetzen.[4] Der Criollismo spielte hier eine geringere Rolle als etwa in Argentinien oder Chile.

Das frühe 20. Jahrhundert: Unterdrückung und Exil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Diktatur des Juan Vicente Gómez (1908–1935) verschärfte einerseits die geistige und politische Unterdrückung; andererseits stieg Venezuela zum erdölexportierenden Staat auf. So kam es zu einer gewissen wirtschaftlichen Blüte, von der freilich die Masse der in der Landwirtschaft Beschäftigten nicht profitierte, Ineben harter Unterdrückung. 1928 kam es zu massiven Studentenunruhen. Einige Autoren wie Manuel Díaz Rodríguez kooperierten mit dem Regime, andere wie José Antonio Ramos Sucre (1890–1930), Diplomat, Erziehungstheoretiker und Lyriker, flüchteten sich in die Hermetik der Lyrik. Ramos Sucre geißelte das intellektuelle Leben Venezuelas in seinen Schriften als mittelmäßig und konformistisch und legte an seine introvertierten Gedichte strenge Formmaßstäbe an.

Generación del 18[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Nachkriegs-Generación del 1918 wandte sich vom Modernismo ab; sie verband Einflüsse der spanischen Klassik und aus Frankreich mit aktuellen nationalen Themen. Ihre Arbeiten sind durch einen nüchternen Ton und die Vermeidung von Sentimentalität und Metaphern gekennzeichnet. In der Lyrik hielten sie am Metrum fest und verwendeten eine bildreiche sensualistische Sprache. Philosophisch waren einige ihrer Vertreter von Theorien Henri Bergsons geprägt.

Als von den argentinischen Hochschulreformen beeinflusste Erneuerungsbewegung konnte sie sich im diktatorisch regierten Venezuela jedoch kaum durchsetzen. Zu ihren Vertretern zählt Rómulo Gallegos (1884–1969), der mit seiner lyrisch-realistischen Prosa der Begründer des sogenannten Selva- oder Urwaldromans, einer spezifischen Form des Regionalismo bzw. Criollismo. Kurzzeitig wurde Gallegos 1948 Präsident des Landes.[7] Nach ihm wurde der 1964 gestiftete bedeutendste internationale Literaturpreis Venezuelas benannt, der alle zwei Jahre verliehene Premio Internacional de Novela Rómulo Gallego. Gallegos international bekannt gewordener Roman „Doña Bárbara“ (1929) behandelte den Konflikt zwischen Natur und Zivilisation, sein im spanischen Exil geschriebener, in Venezuela verbotener modernistischer Roman „Canaima“ (1935) die Entwicklung indianischer Identität.[7] Auch andere Autoren der Generación del 18 gingen ins Exil, so z. B. der Sohn deutscher Einwanderer Carlos Brandt (1875–1964), ein Schriftsteller und Philosoph, dessen Bücher in Europa und den USA erscheinen mussten; der weltweit in Kriegen und Revolutionen aktiver Abenteurer Rafael de Nogales (1879–1937) und der in den 1920er und 1930er Jahren durch seine Lebenserinnerungen bekannt wurde; der sozialistische Dichter, Essayist und Vertreter eines poetischen Regionalismo oder Nativismo Humberto Tejera (1890–1971), der später politische Wissenschaften in Mexiko lehrte.

Zur Generation von 1918 gehören auch José Rafael Pocaterra (1889–1955) mit seinen gesellschaftskritischen Satiren und Enrique Bernardo Núñez (1895–1964), Romanautor, Chronist der Stadt Caracas und Diplomat. Dazu zählt nicht zuletzt die in Paris geborene, am klassischen französischen Roman geschulte sowie von Juana Inés de la Cruz und Marcel Proust beeinflusste Teresa de la Parra (1889–1936), die auf sublime Art die bigotten und korrupten, vom Abstieg bedrohten Oberschichten des Landes darstellte. Ihr erst 2008 ins Deutsche übersetztes Buch „Ifigenia. Diario de una señorita que escribió porque se fastidiaba“ („Tagebuch einer jungen Dame, die sich langweilt“) handelt vom Freiheitsdrang einer jungen in Europa aufgewachsenen Frau, für den in der feinen Gesellschaft von Caracas kein Platz ist und die nach einer Umerziehung den sozialen Konventionen geopfert wird. Das Buch, ein „Urtext“ der venezolanischen Literatur[8] löste bei seinem Erscheinen 1924 einen Skandal aus.[9]

Ebenfalls zur Generation von 1918 wird der der Lyriker und spätere erfolgreiche Diplomat und Nationalpreisträger von 1967 Fernando Paz Castillo (1893–1991) gezählt, ein Mitbegründer des Círculo de Bellas Artes und der Zeitschrift Cultura. Als späteste Vertreterin dieser Strömung gilt die sensualistische Lyrikerin und Diplomatin Ana Enriqueta Terán (1918–2017).

Die junge Dichterin Ana Enriqueta Terán

Generación del 28[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Protest gegen Gomez bündelte sich in der vom europäischen Avantgardismus beeinflussten Intellektuellengruppe Generación del 1928, zu der neben Sotillo, dem Lyriker Andrés Eloy Blanco (1897–1955) und dem Romancier und Lyriker Pedro Sotillo (1902–1977) auch Julio Garmendia (1898–1977), Miguel Otero Silva (1908–1985), Antonia Palacios (1904–2001) und Juan Oropeza gehörten. Aus dieser Gruppe ging 1931 auch die Bewegung der revolutionären Linken Venezuelas hervor.

Auch viele Aktivisten der kritischen Generación del 28 verließen Venezuela, so der Lyriker Antonio Arraíz (1903–1962), der – bekannt geworden durch seinen experimentellen Gedichtband „Aspero“ (1924) – im Exil das Tagebuch „Los lunares de la Virreina“ (1931) über seine Haft publizierte und 1948 endgültig in die USA auswanderte und der Historiker, Essayist, Literaturkritiker und Schriftsteller Mariano Picón Salas (1901–1965), der nach Chile emigrierte und nach seiner Rückkehr 1936 die venezolanische Schriftstellervereinigung und 1946 die Philosophische Fakultät der Universität Caracas gründete. Dort erschloss er das Erbe des lateinamerikanischen „Barroco de Indias“, der weder aus eurozentrischer Perspektive noch als vergröberte Form des Barock in einer Gesellschaft von Sklaven und Sklavenhaltern verstanden werden kann.

Nach dem Tod Gomez’ im Jahr 1935 kehrten viele Intellektuelle aus dem Exil zurück; danach setzten sich rasch avantgardistische (Ultraismo) und surrealistische Tendenzen um die Zeitung Viernes durch. Viele Schriftsteller konnten sich – ähnlich wie in Mexiko – ihren Lebensunterhalt durch Tätigkeiten an Universitäten oder im diplomatischen Dienst sichern, so auch die Lyriker Alberto Arvelo Torrealba (1905–1971) und Vicente Gerbasi (1913–1992).

Die Nachkriegszeit: Von der Gewalt zur Innerlichkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch nach 1945 suchten viele jungen Autoren den Anschluss an den europäischen Avantgardismus und Surrealismus. Lange Zeit dominierte die Lyrik. Der auch als Maler bekannte Juan Calzadillo (* 1931) legte 1954 seinen ersten Gedichtband „Primeros Poemas“ vor. Maler bekannt. Ida Gramcko (1924–1994) gewann schon mit 13 Jahren ihren ersten Lyrikpreis.

Die Entwicklung verlief zunächst ähnlich wie in Kolumbien. Der Romanautor, Essayist, Diplomat, Minister und Hochschullehrer Arturo Uslar Pietri (1906–2001), Nachkomme des deutschstämmigen venezolanischen Freiheitskämpfers Johann von Uslar prägte 1948 den Begriff des magischen Realismus.[10] Ùslar Pietri war der einzige Schriftsteller, der zweimal den seit 1948 verliehenen Premio Nacional de Literatura erhielt. Ramón Díaz Sánchez (1903–1968), Preisträger von 1952, verband soziale, biographische und psychologische Analysen des Wandels der venezolanischen Gesellschaft mit hoher Darstellungskunst.

Aqulies Nazoa, gemalt von dem Straßenkünstler Fe

Allerdings verließen nach dem Sturz Gallegos 1948 und insbesondere unter der brutalen Diktatur von Marcos Pérez Jiménez 1952–1958 erneut viele Intellektuelle Venezuela. Arraíz wanderte in die USA aus und auch der populäre marxistische Publizist und Humorist Aquiles Nazoa (1920–1976), Träger des nationalen Zeitungspreises, musste emigrieren. Der sozial engagierte Carlos Augusto León (1914–1997) wurde inhaftiert und publizierte dann im Ausland, ebenso der Erzähler und Essayist José Vicente Abreu (1927–1987) der nach Inhaftierung und Folterung nach Mexiko ging, 1958 zurückkehrte und 1962 erneute nach Kuba emigrieren musste. Der kommunistische, von Hölderlin und Rilke beeinflusste Lyriker und Essayist Rafael Cardenas (* 1930) ging 1957 nach Trinidad und gründete nach seiner Rückkehr in den 1960er Jahren zusammen mit anderen Künstlern die Vereinigung Tabla redonda. Der Lyriker Juan Sánchez Peláez (1922–2003), ein Meister der mystischen und erotischen Lyrik („Elena y los elementos“, 1951), lebte lange Zeit im Ausland.

Urbanisierung und contracultura[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit den frühen 1960er Jahren wandte sich die Literatur stärker städtischen Themen – d. h. vor allem dem Leben in Caracas – und den individuellen Erfahrungshorizonten zu. Mit der zunehmenden Urbanisierung rückten die städtischen Randgruppen und ihre contracultura (Populärkultur) in das Zentrum der Literatur. Charakteristisch für diese Phase wurde die Verwendung von Alltagssprache und eine Tendenz zur Verinnerlichung. Adriano González León (1931–2008), ein aktiver Gegner der Jiménez-Diktatur, veröffentlichte 1963 seinen Erzählband „Asfalto-Infierno y otros relatos demoniacos“ über den Asphaltdschungel von Caracas. Im Milieu des unteren Kleinbürgertums angesiedelt sind die Erzählungen von Salvador Garmendia (1928–2001). Zum Kreis um Garmendia gehörte auch der Lyriker Ramón Palomares (* 1935).[11]

Die in dieser Zeit wieder aufblühende venezolanische Literatur geriet auch unter den Einfluss der Kubanischen Revolution. Das Thema der Gewalt unter der Diktatur und der Guerilla war noch lange beherrschend; es wurde von Abreu in seinem Buch „Se llamaba SN“ (1964) paradigmatisch behandelt. Mehrere Romane Otero Silvas, die den Kampf gegen die Diktatur oder die Dekadenz der Oberklassen behandelten, wurden ins Deutsche übersetzt und erschienen in den 1960er bis 1990er Jahren im Aufbau-Verlag der DDR.[12] Der Psychiater Francisco Herrera Luque (1927–1991) verband historische Stoffe mit genauer psychologischer Analyse.

Der Literaturboom der 1970er und 1980er Jahre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viele Autoren waren wegen der Enge des Buchmarktes bis weit in die 1980er Jahre darauf angewiesen, von einer Tätigkeit als Hochschullehrer oder Kulturfunktionär zu leben, so auch José Balza (* 1939), der seit den 1960er Jahren als Erzähler und Essayist hervortrat, ferner der für seinen schwarzen Humor bekannte Francisco Perez Perdomo (1930–2013) oder die Erzählerin Laura Antillano (* 1950), deren Werk eng verbunden ist mit ihrer Heimatstadt Maracaibo, wo sie seit ihrer Kindheit lebt. Eine solche Doppelexistenz führte auch Eduardo Casanova Sucre (* 1939), der u. a. als Botschafter in Dänemark und China arbeitete. Ihm gelang es jedoch, mit „Los caballos de la cólera“ 1972 den lange Zeit kaum beachteten venezolanischen Roman im gesamten hispanischen Sprachraum bekannt zu machen. Auch sein zweiter Roman „La agonía del Macho Luna“ (1974) wurde zumindest in der spanischsprachigen Welt verbreitet. Bekannt sind auch einige Theaterstücke wie „El solo de saxofón“ (1975). Denzil Romero (1938–1999), der von William Faulkner, Alejo Carpentier, Jorge Luis Borges und Carlos Fuentes beeinflusst wurde, schrieb zahlreiche Romane und Erzählungen mit historischen, erotischen und esoterischen Themen. Er wurde 1983 mit dem kubanischen Premio Casa de las Américas ausgezeichnet.

Seit den 1980er Jahren vervielfachte sich die literarische Produktion. Das hatte mit dem Anwachsen gebildeter und wohlhabender Mittelschichten zu tun, aber auch mit einer nationalistisch-reformerischen Politik und mit der aktiveren Rolle von Autorinnen im literarischen Leben. Als Erzählerin mit Themen aus dem Großstadtleben und dem universitären Milieu profilierte sich die Diplomatin Antonieta Madrid (* 1939), deren Werke in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Die in Deutschland geborene Solveig Hoogesteijn (* 1946), die mit ihrer Familie 1947 nach Venezuela auswanderte, verfasste seit den 1970er Jahren Drehbücher für die von ihr gedrehten Spielfilme. Isabel Allende lebte von 1975 bis 1988 in Venezuela und verfasste dort ihre ersten größeren Romane.

Die Lyrik wurde jedoch keinesfalls von der erzählenden Literatur verdrängt. Einige Gedichte von Eugenio Montejo (1938–2008) wurden auch ins Deutsche übersetzt.[13] Hanni Ossott (1946–2002) zeigte sich in ihrer Lyrik von der Nacht fasziniert. Armando Rojas Guardia (* 1949) ist eine der wichtigsten Stimmen der venezolanischen Lyrik. Er lebte lange im Ausland und zeigt sich u. a. von T. S. Eliot und Rilke beeinflusst.

Das Theater verlor hingegen durch den Aufschwung der Filmproduktion an Bedeutung. Luis Britto García (* 1940) ist immer noch ein enorm produktiver Schriftsteller, Theaterdichter und Sozialwissenschaftler. Rudolfo Izaguirre (* 1931) ist ein wichtiger Filmkritiker und Essayist. Sein Sohn Boris Izaguirre (* 1965) schrieb die Skripten für viele venezolanische Telenovelas. Der Schriftsteller Enrique Hernández D'Jesus (* 1947) wurde vor allem als Fotograf durch internationale Ausstellungen bekannt.

Die 1990er Jahre und der Chavismo[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ángela Zago, Ex-Guerillera, Gefährtin von Hugo Chávez, Professorin und Schriftstellerin ist eine wichtige Kommunikatorin der Bolivarischen Revolution. Der Lyriker Luis Alberto Crespo (* 1941) ist venezolanischer Botschafter bei der UNESCO. Durch Romane und Erzählungen trat seit den 1990er Jahren die Psychoanalytikerin Ana Teresa Torres (* 1945) hervor. 2001 erhielt sie den Anna-Seghers-Preis.[14] Der Schriftsteller und Essayist Enrique Moya (* 1958) lebt heute als Übersetzer in Österreich. Juan Carlos Méndez Guédez (* 1967) legte seit Mitte der 1990er Jahre ein umfangreiches erzählerisches Werk vor, das in Teilen bereits ins Französische übersetzt wurde. Heute lebt er in Spanien. Der Politologe Francisco Suniaga (* 1954), bekannt durch Schilderungen blutiger Hahnenkämpfe auf der Isla Margarita in seinem Erfolgsroman La otra Isla (2005, dt.: „Die andere Insel“, 2011), lehrte zeitweise in Frankfurt. Auch Autorinnen und Autoren aus Einwandererfamilien meldeten sich zu Wort wie z. B. Cristina Policastro (* 1955 oder 1956).

Nachdem Hugo Chávez 1998 die Wahlen gewonnen hatte, solidarisierten sich viele Intellektuelle auch aus der bürgerlichen Mitte mit seiner Bewegung. Große Romane, die sich mit den Umbrüchen in der Entwicklung des Landes unter der Regierung Chávez befassen, stehen jedoch aus. Nur der 2016 auch in deutscher Sprache erschienene Roman Die letzten Tage des Commandante des auch für das Fernsehen in Venezuela und Mexiko arbeitenden Erzählers, Romanautors und Regisseurs von Telenovelas, Alberto Barrera Tyszka (* 1960) behandelt die tumultuösen Umstände des Todes von Chávez aus der Perspektive einer politisch gespaltenen Mittelschichtsfamilie und fand ein positives Echo.

In den Jahren von etwa 2004 bis 2014 wuchs die Zahl der ins Deutsche übersetzten venezolanischen Titel deutlich an. Auf der 10. Internationalen Buchmesse im März 2014 in Caracas beteiligten sich keine westeuropäischen Länder, hingegen neben lateinamerikanischen und afrikanischen Staaten auch Russland, China, Indien, Nordkorea, der Iran und Palästina. Diese Messe stand weitgehend im Zeichen der Politliteratur anlässlich des Todes Chávez' 2013. Die Buchproduktion, die sich im unteren Mittelfeld der lateinamerikanischen Staaten bewegt, befindet sich heute zum großen Teil in der Hand staatlicher Stiftungen. Im Vergleich zum Buchmarkt stieg die Bedeutung von Telenovelas noch wesentlich stärker an. Leonardo Padrón (* 1959) verfasste das Drehbuch für die in der gesamten spanischsprachigen Welt verbreitete Serie La mujer perfecta (2010).

Staatskrise und Exil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2014 befindet sich das Land in einer schweren wirtschaftlichen und zunehmend auch politischen Krise, die von Zensurmaßnahmen gegen Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen begleitet wird. Eine Buch- und Filmproduktion ist schon aus ökonomischen Gründen kaum noch möglich. Viele Intellektuelle kündigten der bolivarischen Revolution die Gefolgschaft auf und emigrierten, da ihnen der Chavismo keine Beschäftigungsmöglichkeiten bot; auch kehrten einige Autoren, die aus dem bis vor wenigen Jahren krisen- und bürgerkriegsgeschüttelten Kolumbien nach Venezuela emigriert waren, wieder in ihre Heimat zurück. Der Theaterautor, Erzähler und Kolumnist Ibsen Martínez (* 1951) lebt in Kolumbien, Leonardo Padrón ging mach Mexiko.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Neuauflage: Filippo S. Gilij: Sagio di storia americana; o sia, storia naturale, civile e sacra de regni, e delle provincie spagnuole di Terra-Ferma nell' America Meridionale descritto dall' abate F. S. Gilij. Band 1–4. Rome: Perigio 1964.
  2. Beispiele unter [1] sowie auf twitter: [2]
  3. Michael Rössner: Lateinamerikanische Literaturgeschichte. Stuttgart, Weimar, 2. Auflage 2002, S. 160 ff.
  4. a b Venezolanische Literatur, in: Der Literatur-Brockhaus. Mannheim 1988, Bd. 3, S. 600.
  5. José Antonio Maitín. Abgerufen am 15. September 2016.
  6. Michael Rössner: Lateinamerikanische Literaturgeschichte. 2. Auflage. 2002, S. 162 f.
  7. a b Michael Rössner: Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies. Frankfurt 1988, S. 49
  8. Maike Albath: Nachwort zur dt. Ausgabe 2008
  9. Cristina Martín Puente: La mitología clásica en la novela Ifigenia. Diario de una Señorita que escribió porque se fastidiaba, de Teresa de la Parra. Universidad Complutense de Madrid 2007 (pdf) (spanisch)
  10. Claudia Gatzemeier: El realismo mágico, lo real maravilloso y la literatura fantástica. Schmetterling-Verlag 2009. ISBN 3896577867, S. 33.
  11. Michael Rössner: Lateinamerikanische Literaturgeschichte. Stuttgart, Weimar, 2. Auflage 2002, S. 444.
  12. Z. B. „Fieber“ 1960, „Ich weine nicht“ (1975)‚ „Lope de Aguirre, Fürst der Freiheit“ (1981), „Der Tod des Honorio“ (1993).
  13. In: Curt Meyer-Clason: Lyrik aus Lateinamerika. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1988, ISBN 3-423-10931-9, S. 251–255.
  14. Blog von A.T.Torres

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]