Villa Emma (Nonantola)

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Die Villa Emma im Jahr 1900

Die Villa Emma ist ein Gebäude an der Via Mavora, ca. zwei Kilometer außerhalb der italienischen Stadt Nonantola bei Modena. Sie wurde 1890 vom Modeneser Architekten Vincenzo Maestri als Sommerresidenz für die Ehefrau Emma Coen des Fabrikanten Carlo Sacerdoti gebaut.[1] In den Jahren 1942/43 war sie Zufluchtsort für 73 jüdische Kinder vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten.

Die Kinder und ihre Betreuer kamen aus Polen, Jugoslawien, Ungarn,[2] Österreich und Deutschland. Unter den Letzteren waren fünfzehn Berliner Kinder, die überwiegend aus dem Scheunenviertel stammten. Mit Hilfe von Recha Freier, der Leiterin der von ihr 1933 ins Leben gerufenen Kinder- und Jugend-Alijah, entkamen sie auf ihrem fünfjährigen Flucht- und Leidensweg zunächst nach Zagreb. Stets deutsche und örtliche Nazis im Nacken, führte die Flucht weiter über das Jagdschloss von Lesno brdo[2] in Slowenien nach Italien. Im Juli 1942 wurde die leerstehende Villa Emma von der jüdischen Hilfsorganisation DELASEM (Delegazione per l'Assistenza degli Emigranti Ebrei) angemietet.[1] Etwa ein Jahr lang fanden die Kinder in dem halbverfallenen Gebäude Zuflucht.

Während dieses Jahres erhielten sie unter der umsichtigen Leitung Josef Indigs vom sozialistisch-zionistischen Jugendverband Hashomer Hatzair Schulunterricht. Die Mädchen und Jungen lernten unter anderem Neuhebräisch und die Grundlagen der Landwirtschaft, denn nach dem Krieg sollten ihre Ziele Kibbuzim in Palästina sein. Hilfreich waren die Unterstützung italienischer jüdischer Organisationen, die Solidarität und Sympathie der Bevölkerung und die ein wenig liberalere Handhabung der Judengesetzgebung in Italien. Der auch in Italien wachsende Antisemitismus blieb vor Ort jedoch eine latente, bisweilen offene Bedrohung. Hinzu kamen materielle Not und das Leid der Kinder angesichts von Todesnachrichten über Eltern und Geschwister.[2]

Der italienische Diktator Benito Mussolini hatte im Herbst 1938, unter dem Eindruck der antijüdischen Maßnahmen in Deutschland, entsprechende italienische Rassengesetze erlassen. Die italienischen Juden wurden weitgehend entrechtet, so war es ihnen fortan beispielsweise verwehrt, öffentliche Schulen zu besuchen. Eine unmittelbare Lebensgefahr bestand für die Juden zunächst jedoch nicht.[3]

Nach der Entmachtung Mussolinis im Juli 1943 fielen am 1. August deutsche Truppen in das Königreich Italien ein. Die Villa Emma war fortan kein brauchbarer Zufluchtsort mehr, die jüdischen Kinder wurden daher mehrere Wochen lang im Priesterseminar der Abtei, bei Nonnen und in Familien versteckt.[4] Die zunächst eher gleichgültigen oder gar ablehnenden Einheimischen hatten ihre Haltung geändert. Etwa 35 Familien, darunter Bauern, Korbflechter und Ladeninhaber, waren an der Rettung der Kinder beteiligt. Jeder brauchbare Schutzraum wurde genutzt, so Heuböden, Kuhställe, Getreidespeicher, ein Lagerraum für Tabak und ein Weinkeller. Die im Ort stationierte Einheit der Wehrmacht erfuhr offenbar nichts über die plötzlich aus der Villa Emma verschwundenen Kinder.[2]

Schließlich gelang den meisten Kindern 1943 auf abenteuerlichen Wegen die Flucht in die Schweiz, von wo sie 1945 nach Palästina gelangten. Bis auf einen Jungen, der gefasst und nach Auschwitz deportiert wurde, haben alle Kinder der Villa Emma überlebt.[2]

Für ihre selbstlose und mutige Haltung wurden der damals junge Priester Don Arrigo Beccari und der Arzt Giuseppe Moreali in der „Allee der Gerechten unter den Völkern“ der Gedenkstätte Yad Vashem geehrt.[4]

2016 entstand unter der Regie von Nikolaus Leytner der ORF/ARD-Fernsehfilm Die Kinder der Villa Emma, der die Flucht einer Gruppe jüdischer Kinder von Wien nach Palästina erzählt.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Klaus Voigt: Solidarität und Hilfe für Juden während der NS-Zeit. Band 6. Villa Emma - Jüdische Kinder auf der Flucht 1940–1945. Metropol, Berlin 2002, ISBN 3-932482-87-5.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Villa Emma bei gedenkorte-europa.eu, abgerufen am 22. Juni 2016
  2. a b c d e Die Villa Emma als Schutzraum bei tagesspiegel.de, abgerufen am 22. Juni 2016
  3. Klaus Voigt: Solidarität und Hilfe für Juden während der NS-Zeit. Band 6. Villa Emma - Jüdische Kinder auf der Flucht 1940–1945. Metropol, Berlin 2002, ISBN 3-932482-87-5, S. 127 f.
  4. a b Spontane Hilfe: Villa Emma bei haGalil.com, abgerufen am 26. Juni 2016

Koordinaten: 44° 40′ 31″ N, 11° 2′ 5″ O