Vincent Ward

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Vincent Ward, ONZM (* 16. Februar 1956[1] in Greytown[1][2], Wellington, Neuseeland) ist ein neuseeländischer Filmregisseur und Drehbuchautor.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vincent Ward kam als Sohn der 1933 aus Deutschland geflohenen Jüdin Judy Ward und von Pat Ward als jüngstes von vier Kindern zur Welt, der Vater neuseeländischer Landwirt in der dritten Generation, Kriegsheimkehrer und katholisch-irischer Herkunft.[3] Ward wuchs auf einem ziemlich isolierten Bauernhof im dünn besiedelten Wairarapa auf.

Ward studierte 1974 beginnend zunächst Bildende Kunst und Malerei, dann Film an der Ilam School of Fine Arts (University of Canterbury).

Zu dieser Zeit war Neuseelands Filmindustrie praktisch erst im Entstehen.

Im Jahr 2000 lebte und arbeitete er in Australien und in den Vereinigten Staaten.[4] Nach einiger Zeit in Sydney war er 2006 in einem Vorort von Auckland ansässig.[5] 2007 war er für die in Neuseeland beheimatete Produktionsgesellschaft The Sweet Shop tätig, wo er auch Werbespots für Goodman Fielder, Singapore Airlines und Saatchi and Saatchi in Szene setzte.

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ward erwarb Ende 1979 den Honours degree in Fine Arts und schuf zwei gepriesene[6] Kurzfilme, bevor er seinen ersten abendfüllenden Spielfilm verwirklichte, den lyrischen aber unterkühlten, bedrückenden[7] Vigil (im Wettbewerb bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 1984). Wards nächstes Werk Der Navigator benötigte vier Jahre der Produktion, lief in Cannes, wenn auch erfolglos, und erhielt international einige Auszeichnungen.

Flucht aus dem Eis (1993), eine surreale Romanze, die im Zweiten Weltkrieg spielt, lief an den Kassen nur mittelmäßig, fand bei der Kritik aber teilweise Akzeptanz. Jason Scott Lee und Anne Parillaud bekleideten dort die Hauptrollen.

Nach Flucht aus dem Eis schrieb Ward zusammen mit John Fasano eine der Storys für Alien 3, und war für die Regie im Gespräch, doch die finanzielle Unterstützung konnte sich nicht mit seiner Idee einer spirituellen Parabel anfreunden, die von Mönchen auf einer gewaltigen hölzernen Arche im Weltraum handelt („Bosch in Space“ – Vincent Ward[8]). Er wurde gebeten, das Projekt zu verlassen. Einige seiner Ideen haben aber tatsächlich überlebt. In einem frühen Stadium von Last Samurai war er nach langer Recherche an einem Drehbuch beteiligt.[9] Trotzdem ging er weiter in Richtung Big Budget: der hollywoodverträgliche Effektfilm Hinter dem Horizont (85 Millionen Dollar) mit Robin Williams und Annabella Sciorra erschien 1998.

River Queen (2005) spielt in den Neuseelandkriegen des 19. Jahrhunderts und ist mit Samantha Morton, Kiefer Sutherland sowie Cliff Curtis und Temuera Morrison prominent besetzt. Bemerkenswerterweise wurde Ward gegen Ende der Aufnahmen von der Regiearbeit entbunden, aber nur Wochen später für die Postproduktion wieder eingesetzt.[10] Der Film ist dem Māori-Häuptling Riwha Titokowaru (* 1823), Caroline Perrett und Ann Evans gewidmet[11][12], deren Leben als Inspiration dienten. Der namensgebende Fluss ist der Whanganui River. Der Film startete in der Bundesrepublik Deutschland am 9. Mai 2007 direkt auf DVD. Der sich anschließende teildokumentarische Rain of the Children feierte am 7. Juni 2008 um 18:30 Uhr im State Theatre, Sydney seine Weltpremiere im Rahmen des Sydney Film Festivals.

Bei A State of Siege, Vigil und River Queen stand Alun Bollinger hinter der Kamera. John Maynard produzierte die ersten Filme.

Nähere Betrachtung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

[13]

  • In Spring One Plants Alone (1981) schildert dokumentarisch den Alltag einer älteren Māori-kuia namens Puhi und deren Zusammenleben mit dem schizophrenen Sohn. Zu ihrer Geschichte wird er 2008 mit Rain of the Children zurückkehren.
  • Lexikon des internationalen Films zu Vigil (1984): „Der anspruchsvolle Film ist für ein aufmerksames Publikum sehenswert.“[14]
  • Der teils surrealistische[15] The Navigator (1987) eröffnet im Cumbria im Jahr 1348 zu Zeiten der Pest. Angeleitet von einem jungen Propheten gräbt eine Gruppe von Minenarbeitern einen Tunnel durch die Weltkugel ins Neuseeland der Gegenwart, um ihr Dorf zu erlösen. Etwa die Hälfte des Budgets wurde für (Schwarzweiß-)Spezialeffekte ausgegeben, und dieser Film entstand in Wirklichkeit größtenteils im Studio.[16] Das sicherlich vorhandene Ungleichgewicht zwischen visuellen Ansprüchen einerseits und der Narrativität andererseits[15] taten den Standing Ovations, zu denen es bei der Vorführung in Cannes kam[17], keinen Abbruch.
  • Der leidenschaftliche Map of the Human Heart (1992) begleitet einen Inuk von der kanadischen Arktis nach Montreal, der Film führt zurück in die Arktis, dann nach Europa, wo er den Feuersturm von Dresden 1945 zeigt, und endet wieder im ewigen Eis. Lynette Read sieht ihn als autobiographische „Nacherzählung der Liebesgeschichte seiner Eltern, verändert durch die Einbildungskraft, in poetischer statt naturalistischer Art“.[18] Die New York Times hielt damals fest: „Sogar für Wards Verhältnisse […] ein seltsamer Film.“ (Janet Maslin). Miramax musste den Film für die Videoauswertung an Disney verkaufen.[19] Roger Ebert zeigte den Film neben vielen anderen auf seinem Overlooked Film Festival 2005 am 23. April 2005 an der Universität von Illinois in einem Kino mit 1600 Sitzen.[20] Vincent Ward und Jason Scott Lee wohnten der Aufführung bei. Der Film ist tatsächlich um Bilder herum entworfen.[21]

Ward dreht gern mit Kindern und Jugendlichen.[22] Read beschreibt ihn am Set, immer subjektiv, als charismatisch und visuell, ja visionär, mit einem Hang zum Perfektionismus, und auch als willensfest. Besonders die Auswahl der Schauplätze erfolge mit viel Mühe und ohne Rücksicht auf zurückgelegte Kilometer, und unwirtliche Bedingungen schrecken ihn nicht ab. Sowohl Map of the Human Heart als auch River Queen litten unter schwierigen Produktionsbedingungen, sind dennoch aber nicht vollkommen gescheitert.

Stephanie Rains sieht den Filmemacher als befasst mit „Ideen über Zugehörigkeit und Vertrautheit […] durchgängig sowohl als ästhetisches als auch als kulturelles Anliegen“ und nach Michael Wilmington die Werke „weniger über Aktion als über Wahrnehmung“.[23] Gerade eine postkolonialistische Lesart bietet sich an.

Read versteht ihn als ästhetischen Autorenfilmer in Tradition des Romantizismus und Expressionismus („Innerlichkeit“), inszenatorisch mit europäischen, insbesondere deutschen, Einflüssen[24], und bescheinigt ihm ein außergewöhnliches Gefühl für Bild- und Tongestaltung[25]. A State of Siege und Vigil könne man zum – auch neuseeländischen[26] – gotischen Stil in Beziehung setzen.[27] Religiöse Bezüge und allgemeiner, Spiritualität, sind offenkundig in seinem bisherigen Werk.[28]

Nach Read sind sein Dauerthema innere und äußere Reisen und Identität.[29] Ward selbst verwehrt sich dem Schubladendenken und möchte nicht kategorisiert werden.[30]

„es gibt keinen Zweifel, dass Ward für ein unvergessliches Bild buchstäblich bis ans Ende der Welt gehen würde.“

Costa Botes: The Dominion[31]

„Was sich zwischen den Menschen zuträgt, und wie sich der Film entwickelt, ist wichtig; in welchem Land er spielt, ist beinahe irrelevant.“

Vincent Ward[32]

Trivia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In unter anderem Leaving Las Vegas und One Night Stand bei Mike Figgis und in Geoff Murphys Spooked (OT) ist Ward in Gastauftritten auf der Leinwand zu sehen.[2]

Für das BFI kürte er im Jahr 2002 Andrej Rubljow zu seinem Lieblingsfilm („best films of all time“), gefolgt von La Strada – Das Lied der Straße.[33]

Filmografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1978: A State of Siege (Kurzfilm)
  • 1981: In Spring One Plants Alone (Kurzfilm)
  • 1984: Vigil (Regie und Autor)
  • 1987: Der Navigator (The Navigator: A Medieval Odyssey, Regie und Story)
  • 1992: Alien 3 (Alien³, Story)
  • 1992: Flucht aus dem Eis (Map of the Human Heart, Regie und Story)
  • 1998: Hinter dem Horizont (What Dreams May Come, Regie)
  • 2003: Last Samurai (The Last Samurai, ausführender Produzent)
  • 2005: River Queen (Regie, Autor und Story)
  • 2008: Rain of the Children (Regie, Autor und Erzähler)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Vincent Ward: Edge of the earth : stories and images from the antipodes. Heinemann Reed, Auckland 1990, ISBN 0-7900-0146-2.
  • Lynette Read: Vincent Ward: The Emergence of an Aesthetic. PhD Thesis. University of Auckland, Auckland 2004. [34]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Dokument, abgerufen am 12. Oktober 2007.
  2. a b IMDb.
  3. Lebensdaten überwiegend von Read, Kapitel 2 ab S. 62. Read, S. 53, S. 64, S. 1, S. 19.
  4. Rob Edelman: Vincent Ward (2000) in International Dictionary of Film and Filmmakers, abgerufen am 30. März 2008.
  5. Anne Beston: New Year Honours: Film-maker a trailblazer. In: The New Zealand Herald. 30. Dezember 2006, abgerufen am 1. April 2008 (englisch).
  6. Read, S. 126 f., S. 157 f.
  7. Read, S. 212 ff., S. 175 f.
  8. Read, S. 262.
  9. Read, S. 278.
  10. Peter Calder: Ward returns to ride ‚River‘ in Variety vom 27. Dezember 2004, abgerufen am 12. Oktober 2007.
  11. Nachspann.
  12. Siehe auch: The Writing Studio: The Art of World Cinema: River Queen, abgerufen am 5. November 2007.
  13. Überwiegend nach Read, die sich auf das Frühwerk konzentriert.
  14. Lexikon des internationalen Films, S. 3445.
  15. a b Read, S. 244 ff.
  16. Read, S. 240.
  17. Read, S. 248.
  18. Read, S. 37.
  19. Read, S. 277.
  20. Dokument, abgerufen am 30. März 2008.
  21. Read, S. 264 f.
  22. Read, S. 268.
  23. „ideas of belonging and familiarity […] a consistency of both aesthetic and cultural concerns. […] less of action than of perception“ Ian Conrich, Stuart Murray: New Zealand filmmakers. Wayne State University Press, 2007, ISBN 0-8143-3017-7, S. 280 (englisch, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  24. Read, S. 2 f., S. 9, S. 31 f.
  25. Read, S. 188, in Wiedergabe eines Interviews, zu Vigil.
  26. International Film Collection - Study Guide for Vigil (1984). University of Wisconsin-River Falls, 2. Mai 2007, archiviert vom Original am 28. August 2008; abgerufen am 7. Januar 2016 (englisch, Originalwebseite nicht mehr verfügbar).
  27. Read, S. 41, S. 60 f.
  28. Read, S. 79, S. 252 ff., S. 304., S. 312.
  29. Read, S. 304 f., S. 78, S. 175.
  30. Read, S. 2, S. 304, S. 317.
  31. Read, S. 271.
  32. Read, S. 206, aus der Pressemappe zu Vigil, Übersetzung durch Wikipedia. Dazu weiter Read, S. 175, ab S. 208 und S. 314.
  33. Dokument, abgerufen am 30. März 2008.
  34. Vincent Ward: the emergence of an aesthetic. University of Auckland, 2004, archiviert vom Original am 15. Oktober 2008; abgerufen am 19. September 2014 (englisch, Originalwebseite nicht mehr verfügbar).