Virginal

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Dieser Artikel behandelt das Musikinstrument Virginal; für den gleichnamigen mittelalterlichen Text siehe Virginal (Dietrichepik).

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Virginal
engl.: virginal, it.: virginale
Gabriel Townsend, London, 1641 - virginal - IMG 3908.JPG
Virginal, Gabriel Townsend, London 1641, Musikinstrumenten-Museum Brüssel.
Klassifikation Chordophon
Tasteninstrument
Kielinstrument
Tonumfang 2 1/2 Oktaven (Spätmittelalter)
über 4 Oktaven (17. Jh.)
bis 5 Oktaven (Spätzeit)
Verwandte Instrumente Spinett, Cembalo, Clavichord
Musiker
Kategorie:Cembalist, Liste von Cembalisten
Polygonales italienisches Virginal von A. Patavinus
Polygonales italienisches Virginal von Portaluppi 1523, Paris, Musée de musique

Das Virginal (lt. virga: Docke, Zweig, Rute)[1] ist eine kleine Bauform des Cembalos, also ein Kielinstrument. Seine Saiten werden von Kielen (Plektren) über eine von der Klaviatur betätigte Mechanik gezupft. Beim Virginal verlaufen die Saiten parallel zur Klaviatur, somit quer zu den Tasten. Virginale sind typischerweise einmanualig sowie einchörig und haben eine polygonale oder rechteckige Form. Sie kommen in Tischform (fest montierte Beine) und in Box-Form (keine montierten Beine) vor.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Virginal geht, ebenso wie das Spinett, das Cembalo und das Klavichord, auf das im 13. Jahrhundert aufkommende, mit einer Tastatur versehene Polychord und Psalterium zurück. Der erste Hinweis auf ein Virginal stammt allerdings erst aus dem Jahre 1460 von Paulus Paulirinus von Prag.[2] [3] Virginale waren vom 16. bis 18. Jahrhundert besonders in Italien, England und den südlichen Niederlanden (heute Belgien) verbreitet.[4] [1] Der Höhepunkt der Beliebtheit lag jedoch im 16. und 17. Jahrhundert.

Die heutige Bezeichnung "Virginal" ist bis zu einem gewissen Grade problematisch, da die historische Nomenklatur etwas anders war: In Italien wurden polygonale Virginale meist als "arpicordo" oder als "clavicordio" bezeichnet, aber besonders im 17. Jahrhundert auch als "spinetta".[5] Auch in anderen europäischen Ländern wie Deutschland, Frankreich und den Niederlanden wurden diese Instrumente als "Spinett" oder "épinette" bezeichnet.[6] In England wurde der Terminus "virginalls" immer im Plural verwendet, manchmal auch als "a pair of virginalls", und meinte im 16. und frühen 17. Jahrhundert jede Form von Kielinstrumenten, also auch Cembali, und keineswegs nur das Instrument, das man heute als Virginal bezeichnet.[7] [8] Die Musik der heute als englische "Virginalisten" bekannten Komponisten William Byrd, John Bull, Giles Farnaby, Thomas Morley, Peter Philips u.a. ist also keineswegs völlig spezifisch für das Virginal bestimmt, obwohl sie sicherlich oft auf den damals weitverbreiteten "echten" Virginalen gespielt wurde.

Italienische und frühe Virginale hatten meistens eine polygonale Form,[9] während flämische Instrumente ab ca. 1580 und englische Instrumente des 17. Jahrhunderts die rechteckige Form bevorzugten. Die meisten historischen Virginale, vor allem in Italien und Flandern, hatten im Bass eine kurze Oktave (mit C=E). Italienische Instrumente des 16. Jahrhunderts hatten dabei nach oben hin sehr häufig einen relativ großen Umfang bis f'''.[10] In der überlieferten Musik gibt es allerdings nur wenige Werke von venezianischen Tanzmeistern wie Giovanni Picchi oder von neapolitanischen Komponisten wie Ascanio Mayone, die zumindest bis zum d''' hochsteigen.

Trotz ihrer bescheidenen Maße waren viele dieser Instrumente durch kunstvolle Intarsien aus Materialien wie Edelhölzern, Elfenbein, Perlmutt, Vergoldungen oder Malereien wertvolle Luxusgegenstände. Auf Grund der kleinen Bauform eignen sie sich vor allem für Solo- und Kammermusik im kleinen Rahmen.

Die Form des rechteckigen Virginals war Vorbild für die im 18. Jahrhundert aufkommenden Tafelklaviere.

Bauweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Virginal von Ruckers, 1583, Musée de la musique, Paris

Beim Virginal liegen die langen Basssaiten vorne, nahe der Tastatur und des Spielers. Es hat zwei „klingende Stege“, die beide auf dem Resonanzboden liegen, was einen warmen, grundtönigen Klangcharakter zur Folge hat. Dagegen liegt beim Cembalo und beim Spinett nur ein Steg auf dem Resonanzboden, der andere befindet sich auf dem Stimmstock.

Durch die Anbringung der Tastatur am Instrument ist festgelegt, an welcher Stelle die Saiten angerissen werden. Bei den meisten Instrumenten liegt die Tastatur auf der linken Seite. Die Saiten werden daher, ähnlich wie bei Cembalo und Spinett, in der Nähe ihres Endes angerissen. Diese Instrumente wurden laut Klaas Douwes (1699) auf niederländisch als "spinetten" bezeichnet.[11]

Das Muselaar-Virginal ist ein Instrument, bei dem die Tastatur auf der rechten Seite angebracht ist; es wurde ausschließlich in Flandern gebaut, besonders von den Ruckers. Da die Saiten eines Muselaars etwa in der Mitte angerissen werden, ist der Klang sehr grundtönig, das heißt, mit einem nur geringen Anteil an Harmonischen oder Obertönen. Die Schwingungsweite einer Saite ist in der Mitte stets am größten; dadurch sind Muselaare anfällig für Nebengeräusche, und schnelles Spiel ist problematisch.

Mutter-Kind-Virginal von Hans & Ioannes Ruckers, ca. 1600. Mailand, Museo degli strumenti musicali. Die "Mutter" ist das linke Manual, und das "Kind" das rechte.

Muselaare haben oft ein sogenanntes Arpichordium-Register. Durch Ziehen dieses Registers werden kleine Metallhaken in die Nähe der Basssaiten gebracht. Beim Schwingen schlagen die Saiten gegen die Haken, wodurch ein schnarrender Ton entsteht. Der Name dieses Registers kommt von der Verwendung ähnlicher Vorrichtungen bei historischen Harfen (sogenannte Schnarrhaken).

Es gab in Flandern im 16. und 17. Jahrhundert auch das „Mutter-und-Kind“ genannte Virginal (niederl.: "de moeder met het kind").[12] Es bestand aus einem in Normallage (8' = Achtfuß) klingenden rechteckigen Virginal, ca. 1,75 m breit, auf das ein kleines Virginal (4' = Vierfuß) gelegt werden konnte, das eine Oktave höher klingt. Das 4'-"Kind" war normalerweise in einer Schublade neben der Mutter, und unterhalb des Resonanzbodens untergebracht. So hatte man praktisch ein zweimanualiges Instrument mit 8′- und 4′-Register.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Andreas Beurmann: Historische Tasteninstrumente – Die Sammlung Andreas und Heikedine Beurmann im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg. Prestel, München u. a. 2000.
  • Edward L. Kottick: A History of the Harpsichord. Indiana University Press, Bloomington (Indiana) 2003. (engl.; mit einem ausführlichen Literaturverzeichnis über das Thema Cembalo und andere Kielinstrumente.)
  • Edward L. Kottick, George Lucktenberg: Early Keyboard Instruments in European Museums. Indiana University Press, Bloomington/Indianapolis 1997 (engl.).
  • Grant O'Brian: Ruckers - A harpsichord and virginal building tradition. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 1990.
  • Edwin M. Ripin, Denzil Wraight, Darryl Martin: Virginal. In: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians, Vol. 26, 2. edition. 2001, S. 780-788.
  • John Henry van der Meer: Cembalo, Klavizitherium, Spinett, Virginal. In: Ludwig Finscher (Hrsg.): Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG), Sachteil, Bd. 2. Bärenreiter-Verlag, Kassel / J.-B.-Metzler-Verlag, Stuttgart 1995, S. 487–528, hier besonders: S. 487 und S. 492-494.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Virginals – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Ulrich Michels (Hrsg.): Die Kielinstrumente. In: dtv-Atlas zur Musik. Tafeln und Texte. Systematischer Teil, Bd. 1, München 1994, S. 37.
  2. Edwin M. Ripin, Denzil Wraight, Darryl Martin: Virginal. In: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians, Vol. 26, 2. edition. 2001, S. 780.
  3. David Crombie: Piano. Evolution, Design and Performance, London 1995, ISBN 1-871547-99-7, S. 8f.
  4. Edwin M. Ripin, Denzil Wraight, Darryl Martin: Virginal. In: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians, Vol. 26, 2. edition. 2001, S. 780. John Henry van der Meer: Cembalo, Klavizitherium, Spinett, Virginal. In: Ludwig Finscher (Hrsg.): Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG), Sachteil, Bd. 2. Bärenreiter-Verlag, Kassel / J.-B.-Metzler-Verlag, Stuttgart 1995, S. 487–528; hier besonders: S. 487 und S. 492-494.
  5. Edwin M. Ripin, Denzil Wraight, Darryl Martin: "Virginal". In: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians, Vol. 26, 2. edition. 2001, S. 780.
  6. Edwin M. Ripin, Denzil Wraight, Darryl Martin: "Virginal". In: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians, Vol. 26, 2. edition. 2001, S. 780. Grant O'Brian: Ruckers - A harpsichord and virginal building tradition. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 1990, S. 35 und S. 311. (O'Brian zitiert: Klaas Douwes, Grondig Ondersoek van de Toonen der Musijk, Franeker, 1699; facs. Amsterdam, 1970. S. 104f)
  7. Edwin M. Ripin, Denzil Wraight, Darryl Martin: "Virginal". In: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians, Vol. 26, 2. edition. 2001, S. 780.
  8. Laut van der Meer wurde der englische Terminus "virginalls" erst ab ca. 1650 spezifisch für Virginale verwendet; originär englische Virginale sind auch erst ab dieser Zeit erhalten. John Henry van der Meer: Cembalo, Klavizitherium, Spinett, Virginal. In: Ludwig Finscher (Hrsg.): Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG), Sachteil, Bd. 2. Bärenreiter-Verlag, Kassel / J.-B.-Metzler-Verlag, Stuttgart 1995, S. 487.
  9. John Henry van der Meer: Cembalo, Klavizitherium, Spinett, Virginal. In: Ludwig Finscher (Hrsg.): Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG), Sachteil, Bd. 2. Bärenreiter-Verlag, Kassel / J.-B.-Metzler-Verlag, Stuttgart 1995, S. 492-494.
  10. Edward L. Kottick: A History of the Harpsichord. Indiana University Press, Bloomington (Indiana) 2003, S. 76.
  11. Hier nach: Grant O'Brian: Ruckers - A harpsichord and virginal building tradition. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 1990, S. 35 und S. 311. O'Brian zitiert aus: Klaas Douwes, Grondig Ondersoek van de Toonen der Musijk, Franeker, 1699; facs. Amsterdam, 1970, S. 104f.
  12. Grant O'Brian: Ruckers - A harpsichord and virginal building tradition. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 1990, S. 35