Vorstadt Hannover

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Plan der Stadt Hannover (Ausschnitt) um 1873, auf dem die Ausdehnung der Vorstadt rund um die Altstadt deutlich zu erkennen ist
Die Ausdehnung Hannovers, aus der Vogelschau von der späteren Oststadt aus gesehen;
Holzstich von Carl Grote, Illustrirte Zeitung, 1872

Die Vorstadt Hannover war eine im 19. Jahrhundert gebildete Gemeinde rund um die spätere Landeshauptstadt Hannover,[1] die sich aus der Besiedelung des Umlandes rund um die alte Stadt seit dem 16. Jahrhundert entwickelt hatte.[2]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die im Mittelalter an die ehemalige Stadtbefestigung Hannovers angrenzenden Acker- und Weideflächen rund um die alte Stadt Hannover waren seinerzeit in der Regel Eigentum von wohlhabenden Bürgern und Adelsfamilien, aber auch von städtischen Stiftungen und Kirchengemeinden.[1] Zudem gab es die sogenannten „Gartenkosaken“, die ab dem 16. Jahrhundert das dorffreie Gebiet um Hannover besiedelten.[2] Ab dem späten 17. und dem frühen 18. Jahrhundert wurden die größeren Ländereien zunehmend auch von kleineren Garten-Pächtern besiedelt. Insbesondere für die Menschen vor dem Aegidientor wurde noch zur Zeit des Kurfürstentums Hannover im Jahr 1741 ein eigener Friedhof angelegt, der Gartenfriedhof. Wenige Jahre später entstand dort von 1746 bis 1749 auch eine erste Kapelle als Vorgängerin der späteren Gartenkirche.[1]

1793 wurden die sogenannten „Gartengemeinden“, die zuvor zu den Ämtern Langenhagen oder Koldingen gehörten, zum Gerichtsschulzenamt Hannover zusammengelegt.[1]

Nach der Schleifung der Befestigungsanlagen zogen weitere Bürger der Altstadt in die Gebiete vor dem Aegidientor und dem Steintor, um sich dort Sommer-, teilweise aber auch schon dauernde Wohnsitze zu errichten. Zu solchen Zwecken errichtete Gebäude zählten um das Jahr 1800 rund 500, im Jahr 1833 bereits 783 Gebäude mit rund 5900 Bewohnern, und 1858 – vor der Eingemeindung der umliegenden Siedlungen – 1843 Gebäude mit rund 19600 Bewohnern.[1] Zu den bedeutenderen Gebäuden aus jener Epoche zählten beispielsweise die Villa Bella Vista[3] oder die Villa Rosa.[4]

Nach der Vereinigung der Städte Hannover und der Calenberger Neustadt im Jahr 1824[5] wurden die im Gebiet des Gerichtsschulzenamtes Hannover gelegenen Siedlungen 1829 zunächst in 14 Ortschaften gegliedert.[1]

Während sich die „Aegidientor-Gartengemeinde“ unmittelbar im Anschluss an die Altstadt entwickelte, war das Gartenland vor dem Steintor,[1] im Steintorfeld,[6] durch Wiesen und Weideflächen,[1] aber auch Friedhöfe wie den Alten St.-Nikolai-Friedhof[7] oder den Neustädter Friedhof[8] deutlich von der alten Stadt getrennt.[1]

Die Situation bald flächendeckender „Baulücken“ im Steintorfeld änderte sich erst im Zuge der Industrialisierung zur Zeit des Königreichs Hannover. In Verbindung mit dem Bau des ersten Bahnhofs Hannovers im Jahr 1844 stand auch die nordöstliche Stadterweiterung,[1] die von dem königlichen Hofbaumeister Laves entworfene Ernst-August-Stadt.[9]

Kurz zuvor waren 1843 die vierzehn im Gerichtsschulzenamt Hannover liegenden Ortschaften – mit Ausnahme der Ortschaft Westwende, die dann der Ernst-August-Stadt angegliedert wurde – zur Vorstadt Hannover zusammengefasst worden. Diese Vorstadt verwalteten nun ein Bürgermeister, zwei Ratsherren sowie ein aus siebzehn Mitgliedern bestehender Gemeinderat.[1]

Das vergrößerte Stadtgebiet spiegelte sich in den entsprechend vermehrten Daten in den Adressbüchern der Königlichen Haupt- und Residenzstadt.[10]

Die Vorstadt Hannover wurde schließlich 1859 nach Hannover eingemeindet, wodurch sich die Fläche der Residenzstadt auf einen Schlag auf das 15-fache vergrößerte.[1]

Literatur (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Heinrich Ahrens: Geschichte der Garten-Gemeinde in der Königl. Residenzstadt Hannover. Zum Besten der St. Pauluskirche zu Hannover, Hannover: Schlüter, 1883
  • Heinrich Knibbe: Die Grosssiedlung Hannover. Die wirtschaftliche Verflechtung der politischen Stadt mit dem Vorraum, zugleich Dissertation 1934 an der Universität Göttingen, Hannover: Jänecke, 1934, passim
  • Georg Hoeltje: Pläne zur Erweiterung der Stadt Hannover in der Zeit von den Befreiungskriegen bis zur Einführung der Eisenbahn, in: Hannoversche Geschichtsblätter, Hannover: Culemann, [1932], S. 187–243
  • W. Strate: Die westliche Stadterweiterung Hannovers von 1820–1870, in: Hannoversche Geschichtsblätter, Neue Folge 5 (1939), S. 105–144
  • Karl Friedrich Leonhardt: Die historisch-geographische Entwicklung der Vorstädte Hannovers, in: Hannoversche Geschichtsblätter, Neue Folge 5, S. 9–19
  • Ludwig Hoerner: Vorstadt“-Häuser am Volgersweg, in: Hannover – heute und vor hundert Jahren. Stadtgeschichte photographiert. Schirmer-Mosel, München 1982, ISBN 3-88814-105-2, S. 144f.
  • Edfried Bühler, H. Droste et al.: Heimatchronik des Landkreises Hannover (= Heimatchroniken der Städte und Kreise des Bundesgebietes, Bd. 49), 1. Auflage, Köln: Archiv für Dt. Heimatpflege, 1980, S. 222f.
  • Helmut Zimmermann: Zwischen Maschsee und Eilenriede. Streifzüge durch Hannovers Geschichte, Hannover: Harenberg, 1985, ISBN 3-89042-015-X, S. 15ff.
  • Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland:
  • Harold Hammer-Schenk, Günther Kokkelink (Hrsg.): Vom Schloss zum Bahnhof. Bauen in Hannover. Zum 200. Geburtstag des Hofarchitekten G. L. F. Laves, 1788–1864. Eine Ausstellung des Landes Niedersachsen, Institut für Bau- und Kunstgeschichte der Universität Hannover und der Landeshauptstadt Hannover, Historisches Museum. Ausstellung im Forum des Landesmuseums Hannover vom 13. Oktober 1988 bis 8. Januar 1989, Institut für Bau- und Kunstgeschichte der Universität Hannover, Historisches Museum Hannover, 1988, ISBN 3-88746-223-8, S. 261f.
  • Klaus Mlynek, Waldemar R. Röhrbein (Hrsg.): Entwicklung des Stadtgebietes Hannover bis 1993, Übersichtskarte mit Skizzierung und Legende, in dies.: Geschichte der Stadt Hannover, Bd. 2: Vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart, Hannover: Schlütersche Verlagsgesellschaft, 1994, ISBN 3-87706-364-0, S. 806f.
  • Andreas Fahl: Die Gartengemeinden, in Ulrike Weiß (Red.) et al.: Goethes Lotte. Ein Frauenleben um 1800. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung, Historisches Museum Hannover, Hannover 2003, S. 70–83
  • Horst Kruse: Die Entwicklung der Vorstadt Hannover seit 1315 am Beispiel der Bebauung der Ufergrundstücke des Schiffgrabens vom Moor bis in die Masch und der Hausbesitzer bis 1979, in: Materialien zur Ortsgeschichte hannoverscher Stadtteile, Bd. 19, Gehrden-Everloh: Selbstverlag, 2003, S. 7–9 u.ö.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f g h i j k l Klaus Mlynek: Vorstadt H., in: Stadtlexikon Hannover, S. 649f.
  2. a b Klaus Mlynek: Gartenkosaken, in: Stadtlexikon Hannover, S. 203
  3. Waldemar R. Röhrbein, Ludwig Hoerner: Bella Vista, in: Stadtlexikon Hannover, S. 56
  4. Ilse Rüttgerodt Riechmann: Die nordwestliche Vorstadt Glocksee, in: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Baudenkmale in Niedersachsen, Stadt Hannover, Teil 1, [Bd.] 10.1, hrsg. von Hans-Herbert Möller, ISBN 3-528-06203-7, S. 94; sowie Calenberger Neustadt, im Addendum Verzeichnis der Baudenkmale gem. § 4 (NDSchG) (ausgenommen Baudenkmale der archäologischen Denkmalpflege), Stand: 1. Juli 1985, Stadt Hannover, Niedersächsisches Landesverwaltungsamt – Institut für Denkmalpflege, S. 5f.
  5. Klaus Mlynek: Calenberger Neustadt, in: Stadtlexikon Hannover, S. 105f.
  6. Eva Benz-Rababah: Steintorfeld, in: Stadtlexikon Hannover, S. 602
  7. Waldemar R. Röhrbein: Nikolaifriedhof (I) Alter St. Nikolai Friedhof, in: Stadtlexikon Hannover, S. 476
  8. Waldemar R. Röhrbein: Neustädter Friedhof, St. Andreas-Friedhof, in: Stadtlexikon Hannover, S. 467f.
  9. Klaus Mlynek: Ernst-August-Stadt, in: Stadtlexikon Hannover, S. 165
  10. Vergleiche etwa das Adressbuch der Königlichen Haupt- und Residenzstadt Hannover und ihrer Vorstädte für 1849, Verlag der Lamminger’schen Buchdruckerei / (Friedr. Klindworth) in Hannover, Hannover 1849