Vorzugsjude

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Als Vorzugsjude oder auch Austauschjude wurden in der Sprache des Nationalsozialismus Gefangene jüdischen Glaubens oder jüdischer Abstammung bezeichnet, die wegen ihrer Verbindungen zum Ausland geeignet schienen, als Gegenleistung für die Freilassung deutscher Zivilinternierter oder auch für die Lieferung rüstungswichtiger Güter von Nutzen zu sein. Manchmal wird von Historikern auch der Begriff „Austauschgeisel“ verwendet.[1]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Auswärtige Amt und das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) planten, 30.000 Juden mit Pässen oder Staatsangehörigkeitspapieren von „Feindstaaten“ oder solche mit verwandtschaftlichen, politischen und kaufmännischen Beziehungen dorthin vorerst von der Deportation und Vernichtung auszunehmen. Sie sollten in einem Lager zusammengefasst werden und zum Austausch gegen deutsche Staatsangehörige dienen, die im Ausland als Zivilinternierte festgehalten wurden.

Heinrich Himmler griff diesen Plan auf und ordnete im Frühjahr 1943 an, ein Lager für etwa 10.000 Juden zu errichten, die für einen Austausch oder als Druckmittel bei der Beschaffung von Devisen und Rohstoffen zurückgestellt werden sollten. Andere dort Internierte besaßen die Staatsangehörigkeit neutraler oder verbündeter Staaten und sollten als Faustpfand für das Wohlverhalten der Regierungen dieser Länder dienen.[2]

Zu diesem Zweck wurde im Mai 1943 als Zivilinterniertenlager für solche „Austauschjuden“ ein sogenanntes „Aufenthaltslager“ in Bergen-Belsen eingerichtet. In diesem Lager wurden ab Mitte Juli 1943 auch polnische Juden inhaftiert, die Pässe oder andere persönliche Ausweispapiere südamerikanischer Staaten besaßen. Das Aufenthaltslager durchliefen 14.700 jüdische Männer, Frauen und Kinder. Von ihnen kamen rund 2.560 durch Austausch frei.[3]

Für eine etwa gleich große Gruppe war das Aufenthaltslager nur eine Zwischenstation auf dem Weg in die Vernichtungslager, da ihre Staatsangehörigkeits-Nachweise oder Einreisezertifikate sich als nichtig erwiesen. Die meisten der im Aufenthaltslager internierten Juden, etwa 7.000 Männer, Frauen und Kinder, wurden bis in die letzten Kriegstage als immer noch wertvolle Verhandlungsmasse festgehalten.

In den letzten Kriegsmonaten konnte von einer „bevorzugten Behandlung“ keine Rede mehr sein. Beim Anrücken der alliierten Armee sollten die „Austauschjuden“ in Richtung Theresienstadt transportiert werden, doch erreichte nur einer der drei Züge den Zielort. Bei einem anderen Transport kamen zahlreiche Häftlinge ums Leben, er endete als sogenannter Verlorener Zug nach tagelanger Irrfahrt zwischen den Fronten.

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Caroline Schmidt, Stefan Aust und Thomas Ammann haben 2011 für den NDR einen 52-minütigen Film mit dem Titel „Hitlers Menschenhändler“ über das Thema 'Austauschjuden' gedreht. Er lief unter anderem am 14. September 2011 und am 20. September 2011 auf arte.[4] Am 19. August 2013 wurde die Dokumentation im 1. Fernsehprogramm der ARD gesendet.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Thomas Rahe: Bergen-Belsen Stammlager. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hg.): Der Ort des Terrors. Band 7. München 2008, S. 196. ISBN 978-3-406-52967-2.
  2. Rainer Schulze: „Rettungsbemühungen.“ Anmerkungen zu einem schwierigen Thema der Zeitgeschichte. In: KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hrsg.): Hilfe oder Handel?. Bremen 2007, ISBN 978-3-86108-874-5, S. 11 f.
  3. Rainer Schulze: „Rettungsbemühungen.“ S. 14.
  4. arte.tv: Hitlers Menschenhändler. Juden als Austauschware. Deutschland 2011.