Wenn alle Brünnlein fließen

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Die bruenlein die do fliessen. Hans Ott, Nürnberg 1534. Diese Melodie ist heute kaum noch bekannt.
Heimliche Liebe. Liederbuch Zofinger Verein, Zürich 1868. Satz von Friedrich Silcher. Diese Melodie weicht nur geringfügig von der heute bekannten ab.
Tritt zu! Ludwig Christian Erk: Deutscher Liederhort, Berlin 1856. Diese Melodie ist heute kaum noch bekannt.

Wenn alle Brünnlein fließen ist deutsches Liebeslied, dessen Text in Teilen seit dem 16. Jahrhundert belegt und seit der Aufnahme in Friedrich Silchers Liedersammlung 1855 in seiner heutigen Textfassung bekannt ist. Eine von Silchers verwendeter Weise leicht abweichende Melodiefassung setzte sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts durch. In dieser Fassung ist das Lied bis heute eines der bekanntesten Volkslieder im deutschen Sprachraum.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Liebeslied mit dem Titel Die Brünnlein, die da fließen, dessen Text weitgehend dem der ersten und zweiten Strophe von Wenn alle Brünnlein fließen entspricht, wurde von Leonhard Kleber 1520 samt Melodie aufgezeichnet. 1534 erschien beim Nürnberger Verleger Hans Ott die Liedersammlung Hundert und ainundzwanzig newe Lieder mit vierstimmigen Chorsätzen, deren Nummer 44 besagtes Lied ist.[1] In der Folge wurde das Lied in wenig veränderten Fassungen wiederholt publiziert, so bei Hans Peterlein (Johannes Petreius) in Nürnberg 1541 und durch Ivo de Vento bei Adam Berg in München 1570.

Clemens Brentano und Achim von Arnim nahmen eine Textvariante in Des Knaben Wunderhorn auf.[2] 1855 veröffentlichte Friedrich Silcher das Lied Wenn alle Brünnlein fließen in der heute bekannte Textfassung mit vier Strophen in einem Satz für vier Singstimmen. Die Melodie entspricht weitgehend der heutigen Fassung, weicht allerdings im zweiten Teil der Strophe etwas ab. Der Text, nicht jedoch die Melodie stimmt mit dem 1534 erschienenen Lied in großen Teilen überein.[3][4] Als Herkunft wird ungenau „Schwaben“ angegeben. In Ludwig Christian Erks Deutschem Liederhort erschienen 1856 unter dem Titel Tritt zu! sowohl Wenn alle Brünnlein fließen (Nr. 89) mit einer anderen Melodie und der Herkunftsangabe „Odenwald, Gegend von Frankfurt am Main, Darmstadt, Babenhausen“ als auch Die Brünnlein die da fließen ohne Melodie (Nr. 89a).[5] In der erweiterten Ausgabe des Liederhort (1893) führt Franz Magnus Böhme weitere Text- und Melodievarianten aus Oberhessen, dem Dill- und Lahnkreis und aus Brauerschwend in Hessen-Darmstadt an.[6]

Der erste Teil der heute üblichen Melodie gehört zu den im 18. und 19. Jahrhundert häufig „wandernden“ Melodieelementen.[7] Der Beginn weist große Ähnlichkeit mit der Arie des Papageno „Ein Mädchen oder Weibchen“ aus Mozarts Zauberflöte (1791) auf. Diese Melodie wurde in abgewandelter Form bald auch dem Lied Üb’ immer Treu und Redlichkeit von Ludwig Hölty unterlegt. Auch das geistliche Volkslied Ein Weidmann bin ich eben besitzt denselben Melodieanfang.[8] 1840 druckt Anton Wilhelm von Zuccalmaglio den Text vom Brünnlein zusammen mit der Melodie in seinen Deutschen Volksliedern ab.[9] Die von Silcher verwendete Melodie fand auch Eingang ins Allgemeine Deutsche Kommersbuch der Studentenverbindungen.[10] Das Lied wurde mit dieser beziehungsweise einer sehr ähnlichen Melodie im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts zu einem der am häufigsten gesungenen und abgedruckten Lieder des deutschen Sprachraums. Die heute am häufigsten gesungenen Melodiefassungen weichen in der zweiten Hälfte der Melodie etwas ab. Dabei geht an der Stelle „Wenn – ich mein Schatz nicht rufen darf“ (fünftletzter und viertletzer Takt) der Ton entweder eine Oktave nach unten[11] oder verbleibt im Melodieverlauf oben, während sämtliche übrigen Takte einschließlich der letzten vier Takte in beiden Versionen gleich sind.[12][13][14]

Eigenständige Vertonungen des Textes schufen u. a. die Komponisten Simon Breu, Carl Heffner, Carl Isenmann, Hugo Richard Jüngst[15] und Karl Schauss.[16]

Inhalt des Liedtextes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Wasser des Brunnens – einer Quelle oder eines Baches – ist ein Symbol für Gefühle, wie es auch in anderen Liebesliedern wie etwa Am Brunnen vor dem Tore oder Und in dem Schneegebirge auftaucht. Wie der im 19. Jahrhundert verwendete Titel „heimliche Liebe“ besagt, besingt der Autor eine junge Frau, in die er sich verliebt hat, dies jedoch nicht offen zeigen darf. Neben dem Augenzwinkern („Winken mit den Augen/Äugelein“) wird in der zweiten Strophe auch das „Treten mit dem Fuß“ benannt. Hierbei handelt es sich um eine mögliche Kontaktaufnahme mit den Füßen, die sich unterhalb des Tisches befinden, an dem die Beteiligten sitzen. Nach Angaben von John Meier (1936), dem Begründer des Deutschen Volksliederarchivs, bedeutete im Mittelalter, wenn eine Frau dieses „Treten auf den Fuß“ erwiderte, dass sie dem Mann ein Eheversprechen gab. In den beiden folgenden, im Lied des 16. Jahrhunderts noch nicht enthaltenen Strophen wird schließlich die Schönheit der Angebeteten und die Hoffnung, sie als Frau zu gewinnen, besungen.[11]

Text und Melodie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine heute bekannte Version des Liedes lautet:[12]

1.
Wenn alle Brünnlein fließen,
so muss man trinken;
wenn ich mein' Schatz nicht rufen darf,
tu ich ihm winken.
2.
Ja, winken mit den Äugelein
und treten auf den Fuß,
s' ist eine in der Stube drin,
die meine werden muss.
3.
Warum sollt' sie's nicht werden,
ich hab' sie ja so gern.
Sie hat zwei blaue Äugelein,
die leuchten wie zwei Stern'.
4.
Sie hat zwei rote Wängelein,
sind röter als der Wein.
Ein solches Mädchen find'st du nicht
wohl unterm Sonnenschein.

Die heute bekannteste Melodie lautet:[11]


{ \key e \major \time 4/4 \partial 4 \small
\override Score.BarNumber #'transparent = ##t
\repeat volta 2 { b4 e'4 e'4 fis'4 fis'4 gis'4. (fis'8) e'4 gis'4 a'4 gis'4 fis'4 (e'4) fis'2 r4 }
b'4 b4. cis'8 b4 dis'4 e'4. fis'8 e'2 fis'2 b'2 b'4. cis''8 b'4 a'4 gis'4 e'4 gis'4 (fis'4) e'2 r4 \bar "|." }
\addlyrics { \small \set stanza = #"1. " << { Wenn al -- le Brünn -- lein flie -- ßen, so muss man trin -- ken; } \new Lyrics { \small wenn ich mein Schatz nicht rufen darf, tu ich ihm win -- ken. } >> Wenn ich mein Schatz nicht ru -- fen darf, ju, ja, ru -- fen darf, tu ich ihm win -- ken. }

In geringfügiger Abweichung davon haben beispielsweise Zupfgeigenhansel und Bube Dame König gesungen:


{ \key e \major \time 4/4 \partial 4 \small
\override Score.BarNumber #'transparent = ##t
\repeat volta 2 { b4 e'4 e'4 fis'4 fis'4 gis'4. (fis'8) e'4 gis'4 a'4 gis'4 fis'4 (e'4) fis'2 r4 }
b'4 b'4. cis''8 b'4 a'4 gis'4. fis'8 e'2 fis'2 b'2 b'4. cis''8 b'4 a'4 gis'4 e'4 gis'4 (fis'4) e'2 r4 \bar "|." }
\addlyrics { \small \set stanza = #"1. " << { Wenn al -- le Brünn -- lein flie -- ßen, so muss man trin -- ken; } \new Lyrics { \small wenn ich mein Schatz nicht rufen darf, tu ich ihm win -- ken. } >> Wenn ich mein Schatz nicht ru -- fen darf, ju, ja, ru -- fen darf, tu ich ihm win -- ken. }

Die Brünnlein, die da fließen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Text des Liedes Die Brünnlein, die da fließen aus dem 16. Jahrhundert lautet:[5]

1.
Die Brünnlein, die da fließen,
die soll man trinken,
und wer ein steten Buhlen hat,
der soll ihm winken;
2.
ja winken mit den Augen
und treten auf den Fuß:
es ist ein herter Orden,
der sein Buhln meiden muss.

Kontrafaktur im 16. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits im 16. Jahrhundert war das Lied Gegenstand von Kontrafaktur. 1586 erschien in Leipzig folgendes geistliches Lied, 1588 für vier Gesangstimmen gesetzt:[17]

1.
Der Gnadenbrunn thut fließen,
den soll man trinken.
O Sünder, du sollst büßen,
Gott thut dir winken
2.
mit seinen gütigen Augen
und richtet deinen Fuß
wohl durch das Wort des Glaubens,
Christus allein dir helfen muss.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Die bruenlein. In: Hundert und ainundzwanzig newe Lieder. Hans Ott, Nürnberg 1534. Nr. 44.
  2. Achim von Arnim, Clemens Brentano: Des Knaben Wunderhorn. Band 2. Winter, Heidelberg 1808, S. 193 f. (Digitalisat im Deutschen Textarchiv).
  3. Friedrich Silcher: Zwölf Volkslieder, für vier Männerstimmen gesetzt. 11. Heft. Laupp und Siebeck, Tübingen 1855. (Anmerkung: insgesamt 12 Hefte.)
  4. Friedrich Silcher (Chorsatz): Wenn alle Brünnlein fließen (Heimliche Liebe). CPDL, 2011.
  5. a b Ludwig Christian Erk: Deutscher Liederhort. Auswahl der vorzüglichern deutschen Volkslieder aus der Vorzeit und der Gegenwart mit ihren eigenthümlichen Melodien. Herausgegeben von Ludwig Erk. Th. Chr. Fr. Enslin, Berlin 1856, S. 234 f. (Digitalisat auf Wikisource).
  6. Ludwig Erk, Franz Magnus Böhme (Hrsg.): Deutscher Liederhort. 2. Band. Breitkopf und Härtel, Leipzig 1893, S. 247–250 (Digitalisat).
  7. Vgl. Wilhelm Tappert: Wandernde Melodien. Eine musikalische Studie. 2. Auflage. Brachvogel & Ranft, Berlin 1889 (archive.org).
  8. Franz Wilhelm Freiherr von Ditfurth (Hrsg.): Deutsche Volks- und Gesellschaftslieder des 17. und 18. Jahrhunderts. C.H. Beck, Nördlingen 1872, S. 213 f. (Digitalisat in der Google-Buchsuche).
  9. Deutsche Volkslieder mit ihren Original-Weisen. Unter Mitwirkung des Herrn Professor E. Baumstark und mehrerer anderer Freunde der Volks-Dichtung, als Fortsetzung des A. Kretzschmer’schen Werkes gesammelt und mit Anmerkungen versehen von Anton Wilhelm von Zuccalmaglio. Zweiter Theil. Vereins-Buchhandlung, Berlin 1840. S. 361 f. (Digitalisat in der Google-Buchsuche).
  10. Allgemeines Deutsches Kommersbuch. Verlag Moritz Schauenburg, Lahr/Schwarzwald 1896 bis 1906. Nr. 541. Heimliche Liebe.
  11. a b c Georg Nagel (2016) Wenn alle Brünnlein fließen, Volkslied (16. Jh.), Volksweise (18. Jh.). Lieder-Archiv.de.
  12. a b Wenn alle Brünnlein fließen, Text: Friedrich Silcher, CD Traumländlein. Neue Folkmusik von der Saale bis zur Irischen See. Band Bube Dame König, abgerufen am 8. April 2019.
  13. Wenn alle Brünnlein fließen, gesungen von Bube Dame König, auf Youtube, abgerufen am 10. April 2019.
  14. Wenn alle Brünnlein fließen, gesungen Zupfgeigenhansel, auf Youtube, abgerufen am 10. April 2019.
  15. Wenn alle Brünnlein fließen bei TheLiederNet Archive, abgerufen am 11. April 2019
  16. Das schönste Schätzelein (Wenn alle Bächlein fliessen) bei TheLiederNet Archive, abgerufen am 11. April 2019
  17. Carl von Winterfeld: Der evangelische Kirchengesang und sein Verhältniss zur Kunst des Tonsatzes, Band 1. Breitkopf und Härtel, Leipzig 1843. S. 88.