Werke der Barmherzigkeit

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Die Werke der Barmherzigkeit, 17. Jh. (Umkreis Brueghels des Jüngeren)

Im Christentum unterscheidet man verschiedene Werke der Barmherzigkeit. Sie sind eine beispielhafte Aufzählung von Handlungen, in denen sich Nächstenliebe und Barmherzigkeit äußert. Ihre exemplarische Aufzählung geht auf die Bibel zurück.

Biblische Grundlagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die biblische Aufzählung umfasste ursprünglich die folgenden Werke der Barmherzigkeit:

  • die Hungernden speisen
  • den Dürstenden zu trinken geben
  • die Nackten bekleiden
  • die Fremden aufnehmen
  • die Kranken besuchen
  • die Gefangenen besuchen
  • Tote begraben
Pierre Montallier: Die Werke der Barmherzigkeit, 1680

Die Reihenfolge dieser Werke folgt der sogenannten Endzeitrede Jesu in Matthäus (Mt 25,34–46 EU). Das siebte Werk, die Toten zu bestatten, wurde von dem Kirchenvater Lactantius mit Bezug auf das Buch Tobit (Tob 1,17–20 EU) hinzugefügt und hat sich in der katechetischen Tradition der Kirche als Bestandteil der sieben Werke der Barmherzigkeit etabliert. Allerdings fügte Lactantius in Epitome divinarum institutionum nicht allein dieses Werk hinzu, sondern nannte insgesamt neun Werke:

  • mit Nahrungsbedürftigen teilen
  • Nackte bekleiden
  • Unterdrückte aus der Übermacht befreien
  • die Fremden und Obdachlosen aufnehmen
  • Waisen verteidigen
  • Witwen schützen
  • Gefangene vom Feind loskaufen
  • Kranke und Arme besuchen
  • Mittellose und Ankömmlinge nicht unbestattet lassen

Die Liste umfasst verschiedene alt- und neutestamentliche Gebote, ohne dass sie einer einzelnen Bibelstelle zuzuweisen wären.

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bedeutung der Werke der Barmherzigkeit liegt darin, dass das Tun der Barmherzigkeit nicht im Gedanken der Belohnung für gute Werke gründet, sondern in der Identifikation mit den Notleidenden (misericordia). Im Neuen Testament wird dies im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25-37 EU) erzählt. Obwohl die Lehre von den guten Werken biblisch begründet werden kann, war sie seit der Reformationszeit Gegenstand konfessioneller Auseinandersetzungen. Martin Luther, der einen Sermon von den guten Werken (1520) verfasste, verurteilte die römische „Werkgerechtigkeit“ scharf. Das Tridentinum hielt dagegen fest, dass ein Gläubiger durch gute Werke seine Gnade vermehren kann.

Diese theologischen Streitigkeiten gelten mittlerweile als überwunden. Beide Konfessionen betonen, dass es bei den Werken der Barmherzigkeit nicht um eigene Verdienste geht, sondern sie Früchte des Heiligen Geistes sind. In der evangelischen Kirche werden häufig nur die in der Endzeitrede vorkommenden sechs Werke genannt, während in der römisch-katholischen Kirche auch weitere Werke genannt werden. So unterscheidet der Katechismus der katholischen Kirche (KKK 2447) zwischen sieben geistlichen und sieben leiblichen Werken:

Die sieben geistlichen Werke – Fenster in der Kirche am Steinhof, Wien
  • Geistliche Werke der Barmherzigkeit:
    • die Unwissenden lehren
    • die Zweifelnden beraten
    • die Trauernden trösten
    • die Sünder zurechtweisen
    • den Beleidigern gerne verzeihen
    • die Lästigen geduldig ertragen
    • für die Lebenden und Verstorbenen beten
Die sieben leiblichen Werke – Fenster in der Kirche am Steinhof, Wien
  • Leibliche Werke der Barmherzigkeit:
    • Hungrige speisen
    • Obdachlose beherbergen
    • Nackte bekleiden
    • Kranke besuchen
    • Gefangene besuchen
    • Tote begraben
    • Almosen geben

Dabei wird insbesondere das Almosengeben in Bezug auf Tobit (Tob 4,5–11 EU), Jesus Sirach (Sir 17,22 EU) und Matthäus (Mt 6,2–4 EU) hervorgehoben.

Darstellung in der Kunst[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Frans II Francken: Die sieben Werke der Barmherzigkeit, 1605, (Deutsches Historisches Museum, Berlin)

Die sieben Werke der Barmherzigkeit sind ein beliebtes Thema der christlichen Ikonographie. In manchen Darstellungen des Mittelalters wurden den sieben Werken die sieben Todsünden (Geiz, Zorn, Neid, Trägheit, Unkeuschheit, Unmäßigkeit, Stolz) allegorisch gegenübergestellt.

Meister von Alkmaar: Die sieben Werke der Barmherzigkeit, 1504, Öl auf Holz (derzeit Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam)

Die bildliche Darstellung der Werke der Barmherzigkeit setzte im 12. Jahrhundert ein. Am Anfang der Verbildlichung des Themas stand die sogenannte vatikanische Weltgerichtstafel, die gemäß Stifterdarstellung zwischen 1061 und 1071 wohl für den Konvent der Schwestern von S. Maria in Campo Marzio geschaffen wurde und sich heute in den Vatikanischen Museen befindet.

Caravaggio: Die sieben Werke der Barmherzigkeit, 1607

Gute hundert Jahre später wurden die sechs Werke, wie sie bei Matthäus beschrieben sind, an der Galluspforte des Basler Münsters dreidimensional und an einem städtischen Monument in Szene gesetzt.[1]

1504 schuf der niederländische Meister von Alkmaar, auch „Meister der sieben Werke der Barmherzigkeit“ genannt, das Polyptychon mit sieben Tafelbildern, die jeweils eines der sieben Werke der Barmherzigkeit darstellen.[2] Das mehrteilige Gemälde wurde für die St.-Laurenzius-Kirche (Grote Kerk) in Alkmaar geschaffen.

Ein Hauptwerk der Ikonographie des Topos ist das das Altarbild (1606/07) von Caravaggio in Neapel, das im Auftrag der Confraternità del Pio Monte della Misericordia für ihre Kirche entstand. In diesem Gemälde haben die starken Hell-Dunkel-Kontraste des Künstlers auch semantische Bedeutung, wie Ralf van Bühren zeigte. Das helle Licht im Chiaroscuro Caravaggios lässt sich als Metapher der Barmherzigkeit deuten, das dem Publikum im eigenen Leben hilft, Vergebung und Barmherzigkeit als göttliche Gnade zu entdecken und zugleich als Tugend selbst zu vollziehen.[3]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ralf van Bühren: Die Werke der Barmherzigkeit in der Kunst des 12.–18. Jahrhunderts. Zum Wandel eines Bildmotivs vor dem Hintergrund neuzeitlicher Rhetorikrezeption. (Studien zur Kunstgeschichte, Bd. 115) Verlag Georg Olms, Hildesheim, Zürich, New York 1998, ISBN 3-487-10319-2 (Standardwerk).
  • Rainer Sommer: Meister von Alkmaar. Die Werke der Barmherzigkeit. In: Fritz Mybes (Hrsg.): Die Werke der Barmherzigkeit. (Dienst am Wort, Bd. 81), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, ISBN 3-525-59345-7, S. 13–19.
  • Albert Dietl: Vom Wort zum Bild der Werke der Barmherzigkeit. Eine Skizze zur Vor- und Frühgeschichte eines neuen Bildthemas. In: Hans-Rudolf Meier, Dorothea Schwinn Schürmann (Hrsg.): Schwelle zum Paradies. Die Galluspforte des Basler Münsters. Schwabe, Basel 2003, S. 74–90.
  • Oliver Freiberger, Catherine Hezser, Eckart Reinmuth (u. a.): Werke, Gute. In: Theologische Realenzyklopädie Bd. 35 (2003), S. 623–648 (Überblick).
  • Ralf van Bühren: Caravaggio’s ‘Seven Works of Mercy’ in Naples. The relevance of art history to cultural journalism. In: Church, Communication and Culture 2 (2017), S. 63–87. [2]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Werke der Barmherzigkeit – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Albert Dietl: Vom Wort zum Bild der Werke der Barmherzigkeit. In: Hans-Rudolf Meier, Dorothea Schwinn Schürmann (Hrsg.): Schwelle zum Paradies. Basel 2003, S. 74–90.
  2. Rainer Sommer: Meister von Alkmaar. Die Werke der Barmherzigkeit. In: Fritz Mybes (Hrsg.): Die Werke der Barmherzigkeit. Göttingen 1998, S. 13–19.
  3. Ralf van Bühren: Caravaggio’s ‘Seven Works of Mercy’ in Naples. In: Church, Communication and Culture 2 (2017), S. 63-87, hier S. 79-80. [1]