Werner-Siemens-Realgymnasium

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Werner-Siemens-Realgymnasium
Werner-Siemens-Realgymnasium
Gebäudefront Hohenstaufen- Ecke Münchener Straße
Schulform Realgymnasium
Gründung 1903
Adresse

Hohenstaufenstraße 47/48

Ort Berlin-Schöneberg
Land Berlin
Staat Deutschland
Koordinaten 52° 29′ 39″ N, 13° 20′ 32″ OKoordinaten: 52° 29′ 39″ N, 13° 20′ 32″ O
Schüler 382 (Stand: 1931)
Leitung Wilhelm Wetekamp, 1906–1919
Website Offizielle Schulgeschichte

Das Werner-Siemens-Realgymnasium (kurz: WSRG) war ein staatliches Realgymnasium im Berliner Ortsteil Schöneberg. Es wurde von linksliberalen Reformpädagogen gegründet und geleitet. Über die Hälfte der Schüler entstammte der jüdischen Intelligenz des umliegenden Bayerischen Viertels. Die Schule wurde 1935 aufgelöst. Heute ist in dem Gebäude die Georg-von-Giesche-Schule untergebracht.[1]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gymnasium wurde im März 1903 unter dem Schulreformer Wilhelm Wetekamp in der Hohenstaufenstraße 47/48 gegründet. Ab 1906 war er ihr Direktor. Er strebte aufgeklärtes Denken und eine Abkehr von Drill und Untertanengeist an, führte die Schule nach dem reformpädagogischen Frankfurter Lehrplan des Schulreformers Karl Reinhardt. Dazu gehörten ein Schwerpunkt auf Hand- und Werkunterricht sowie eine lebendige, praxisnahe Unterrichtsgestaltung. 1909 führte er als erster in Preußen eine Schülervertretung an der Schule ein, förderte die Gründung von Schülervereinen. Neben den Eltern sollten die Schüler so an der Gestaltung des Schullebens beteiligt werden. Auch Schulfeste, Schulfahrten und Schülertheaterinszenierungen waren fester Bestandteil des pädagogischen Programms.

Der Schulname erinnerte an den Erfinder, Industriellen und Mitbegründer der Deutschen Fortschrittspartei (DFP), Werner von Siemens. Zum Lehrerkollegium gehörten prominente Vertreter der Reformpädagogik, unter ihnen 1911 bis 1923 Franz Hilker, der Begründer der Vergleichenden Erziehungswissenschaft und spätere Herausgeber der Zeitschrift Bildung und Erziehung. Der Bund Entschiedener Schulreformer (BESch) wurde im September 1919 im Lehrerzimmer gegründet.

Soziales und politisches Engagement galten an der Schule als selbstverständlich: Die Schüler stifteten ihr zweites Pausenbrot regelmäßig einer Friedrichshainer Volksschule, die damit täglich rund 150 belegte Brote erhielt. 1928 setzten sich angeblich Schüler und Lehrer für freie Liebe und homosexuelle Bekenntnisfreiheit für Schüler ab dem 16. Lebensjahr ein. In Wirklichkeit war dies der Schule unterstellt worden, um sie in ein schlechtes Licht zu rücken.[2]

Die liberale Reformschule war, wie das umliegende Bayerische Viertel, ein Magnet für jüdische Familien. 1931 waren von 382 Schülern 212 jüdischen Glaubens. Sie kamen nicht nur aus dem unmittelbaren Umfeld der Schule, sondern auch aus entfernteren Stadtgebieten wie beispielsweise aus dem Ortsteil Grunewald.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten bildete für das WSRG einen scharfen Einschnitt. Jüdische und NS-kritische Lehrer wurden aus dem Schuldienst entlassen, der Schuldirektor zwangsweise pensioniert. Er hatte nach dem Reichstagsbrand in einer Rede vor Schülern durchblicken lassen, dass die Nationalsozialisten das Parlament angezündet hätten. Jüdische Schüler emigrierten mit ihren Familien aus Deutschland. Andere jüdische Familien konnten ihren Kindern den Schulbesuch nicht mehr finanzieren, weil ihnen eine Schulgeldbefreiung oder -ermäßigung verwehrt war. 1934 war die Anzahl jüdischer Schüler auf 72 gesunken und die Oberstufe wurde wegen „Schülermangels“ geschlossen. Im Mai 1935 wurde das Werner-Siemens-Realgymnasium von den Nationalsozialisten aufgelöst. Das Schulgebäude wurde anschließend als Berufsschule für Mädchen genutzt. 1970 zog die Georg-von-Giesche-Schule. Oberschule Technischen Zweigs dort ein.

Im Jahr 1994 wurde über einem Seiteneingang des Gebäudes an der Hohenstaufenstraße eine Gedenktafel zur Erinnerung an das Werner-Siemens-Realgymnasium angebracht. Auf Anregung des Vereins ehemaliger Schüler und Lehrer des Werner-Siemens-Realgymnasiums nahm die seinerzeit nach der deutschen Schriftstellerin Malwida von Meysenbug benannte Malwida-von-Meysenbug-Schule in Nikolassee 1967 den Namen Werner-von-Siemens-Oberschule an und verpflichtete sich, die Tradition des WSRG fortzuführen.

Ehemalige Schüler[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gedenktafel für das WSRG

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ausgrenzung von Juden und Nicht-Juden am Werner-Siemens-Realgymnasium, 1994, Schöneberger Museum

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Werner-Siemens-Realgymnasium – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Das Werner-Siemens-Realgymnasium (1903–1935) – die „verschwundene Schule“. Webseite der Georg-von-Giesche-Schule
  2. Thorsten Eitz, Isabelle Engelhardt: Diskursgeschichte der Weimarer Republik: Mit einem Vorwort von Georg Stötzel. Band 2. Georg Olms Verlag, 2015, ISBN 978-3-487-15189-2 (google.de [abgerufen am 2. Januar 2017]).