Willebrand-Jürgens-Syndrom

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel beschreibt die Krankheit des Menschen. Für die von-Willebrand-Krankheit in der Veterinärmedizin siehe dort.
Klassifikation nach ICD-10
D68.0 Willebrand-Jürgens-Syndrom
ICD-10 online (WHO-Version 2016)

Das Willebrand-Jürgens-Syndrom, nach dem finnischen Arzt Erik Adolf von Willebrand (1870–1949) und dem deutschen Arzt Rudolf Jürgens (1898–1961), (syn. von-Willebrand-Syndrom (vWS), von-Willebrand-Jürgens-Syndrom, von-Willebrand-Krankheit, Angiohämophilie) ist die häufigste angeborene Krankheit mit erhöhter Blutungsneigung. Es handelt sich dabei um eine Gruppe von hämorrhagischen Diathesen, deren gemeinsames Merkmal eine quantitative oder qualitative Abweichung des Von-Willebrand-Faktors ist, der eine wichtige Rolle bei der Blutgerinnung spielt. Viele Betroffene leben ohne die Kenntnis der Erkrankung und ohne wesentliche gesundheitliche Beeinträchtigungen.

Epidemiologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das von-Willebrand-Jürgens-Syndrom ist die häufigste vererbte Blutungskrankheit. Die Prävalenz wird auf 800/100.000 Menschen geschätzt, wobei nur 12,5/100.000 Menschen signifikante Symptome haben. Ein schweres von-Willebrand-Jürgens-Syndrom ist sehr selten und betrifft <0,3/100.000 Menschen. Erworbene Formen sind beschrieben, jedoch sehr selten. Der Erbgang ist in der Regel autosomal-dominant, die schweren Formen und einige Subtypen werden jedoch autosomal-rezessiv vererbt. Männer und Frauen sind etwa gleich häufig betroffen.

Ätiologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es handelt sich um eine Gruppe von hämorrhagischen Diathesen, deren Gemeinsamkeit ein vererbter quantitativer oder qualitativer Defekt des Von-Willebrand-Faktors (abgekürzt VWF) ist. Es werden drei verschiedene Typen der Erkrankung unterschieden, bei denen der VWF entweder weniger (Typ I und II) oder gar nicht (Typ III in 5 % der Fälle) produziert wird. Es werden sowohl die primäre Gerinnung durch die gestörte Thrombozytenadhäsion beeinträchtigt als auch die sekundäre. Letzteres liegt an der Funktion des VWF als Trägerprotein des Faktors VIII. Ein Fehlen von Faktor VIII (Antihämophilie-A-Faktor) führt zu einer fehlenden positiven Rückkopplung sowie zum Nicht-Ausbilden des Komplexes der endogenen Faktoren zur Aktivierung des Faktors X. Beide Punkte führen damit zu einer der Hämophilie A ähnlichen Symptomatik.

Seltene erworbene Formen des von-Willebrand-Jürgens-Syndroms treten meistens als Begleiterkrankung

oder als Nebenwirkung einer Therapie mit Valproat auf.

Einteilung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das vWS zählt grundsätzlich zu den Erkrankungen des plasmatischen Gerinnungssystems, gleichwohl es die zelluläre Kaskade beeinflusst und auch in der klinischen Erscheinung eher einer Mischform zwischen plasmatischer und korpuskulärer Gerinnungsstörung entspricht.

Das von-Willebrand-Jürgens-Syndrom tritt in drei Formen auf.

Typ 1[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beim Typ 1 des von-Willebrand-Jürgens-Syndroms liegt ein quantitativer Mangel des Von-Willebrand-Faktors vor. 60-80 % der Fälle entsprechen dem Typ 1. Klinisch zeigen die meisten Patienten jedoch eine milde Symptomatik. Ein nahezu normales Leben ist möglich. Auffälligkeiten entstehen durch die Neigung der Betroffenen zu langanhaltenden Blutungen und zu Nachblutungen nach operativen Eingriffen, durch die Ausbildung großflächiger Hämatome und durch gehäufte Menorrhagien bei weiblichen Betroffenen.

Typ 1 wird autosomal-dominant vererbt, die Penetranz ist variabel.

Typ 2[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Typ 2 des von-Willebrand-Jürgens-Syndroms wird autosomal-dominant vererbt und ist bei etwa 15 % der Betroffenen festzustellen. Charakteristisch ist dabei das Vorhandensein qualitativer Defekte des Von-Willebrand-Faktors. Es werden die Unterformen 2A, 2B, 2M und 2N unterschieden. Typ 2A ist darunter am häufigsten anzutreffen.

Typ 3[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die klinisch am schwersten verlaufende, jedoch auch seltenste Form des von-Willebrand-Jürgens-Syndroms ist der Typ 3. Die Betroffenen haben homozygote oder compound-heterozygote Mutationen des vWF-Gens. Daraus resultiert ein völliges Fehlen oder eine starke Verringerung (< 5 %) des vWF. Der Typ 3 wird autosomal-rezessiv vererbt.

Klinik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die klinische Symptomatik ist nicht einheitlich. Ein Verdacht sollte sich bei folgenden Symptomen ergeben:

Diagnostik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die wegweisende Diagnostik ist labormedizinisch durchzuführen. Standarduntersuchungen der Blutgerinnung wie das Blutbild und Quick-Wert (INR) sind dabei praktisch immer normal. Die PTT kann in einigen Fällen (praktisch immer beim Typ 3, häufiger auch bei schweren Formen des Typ 1) verändert sein. Eine Aktivitätsbestimmung einzelner Gerinnungsfaktoren insbesondere des Faktor VIII, des Von-Willebrand-Faktor-Antigens sowie dessen Aktivität (Ristocetin-Cofaktor) sollten durchgeführt werden. Auch die Blutungszeit ist zu bestimmen, kann jedoch in vielen Fällen (besonders beim Typ 1) normal sein.

Charakteristische Befunde sind hierbei:

Um die verschiedenen Typen und Subtypen unterscheiden zu können, müssen sowohl quantitative als auch qualitative Untersuchungen des Von-Willebrand-Faktors (wie ELISA und Elektrophorese, die sogenannte Multimeranalyse) erfolgen.

Differentialdiagnostisch sind andere hämorrhagische Diathesen auszuschließen.

Therapie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Dauertherapie ist meistens nicht notwendig. Vermieden werden sollten acetylsalicylsäurehaltige Medikamente (wie z.B. Aspirin), da diese die Thrombozytenfunktion zusätzlich hemmen. Bei Nasenbluten können gefäßwirksame Nasensprays (Wirkstoff z.B. Desmopressin) gegeben werden. Übermäßige Regelblutungen können mit einem hormonellen Kontrazeptivum mit höherem Gestagenanteil reguliert werden.

Vor operativen Eingriffen ist die Gabe von Desmopressin zu empfehlen. Nach einer Desmopressin-Kurzinfusion steigt die Konzentration des Willebrand-Faktors um das bis zu Fünffache an.

Bei Typ 2 B wirkt Desmopressin nicht. In diesen und anderen Fällen mit fehlender Wirkung kommt die Substitution des Von-Willebrand-Faktors und in akuten Fällen die Gabe von aktiviertem Faktor VII oder Faktor VIII in Frage.

Bei Typ 3 wird in den meisten Fällen bei Traumata ein Von-Willebrand-Faktor/Blutgerinnungsfaktor VIII-Präparat verabreicht. Oder es wird prophylaktisch in regelmäßigen Abständen (2-5 Tagen) substituiert.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hereditär pseudohemofili. In: Finska Läkaresällskapets Handlingar. Vol. 68, 1926, ISSN 0015-2501, S. 87–112.
Gesundheitshinweis Dieser Artikel behandelt ein Gesundheitsthema. Er dient nicht der Selbstdiagnose und ersetzt keine Arztdiagnose. Bitte hierzu diese Hinweise zu Gesundheitsthemen beachten!