Zichorienfabrik

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Eine Zichorienfabrik (im 19. Jahrhundert überwiegend in der Schreibweise Cichorienfabrik[1]) war eine Produktionsanlage zur Herstellung eines kaffeeähnlichen Getränkes aus der Wurzel der Gemeinen Wegwarte (Cichorium intybus, auch Zichorie genannt; bekannter auch als Chicorée).

Werbung der Zichorienfabrik Ludwig Otto Bleibtreu im Jahr 1906

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Etablierung von Zichorienfabriken erfolgte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Im Jahr 1766 verbot Friedrich II. von Preußen die private Einfuhr und den privaten Handel mit teurem Übersee-Kaffee, um die Außenhandelsbilanz des merkantilistischen Preußens zu verbessern.[2] Das Verbot zog nicht nur einen umfassenden Schmuggel mit Kaffeebohnen nach sich, sondern förderte die Suche nach Alternativen für den beliebten Überseekaffee.

Als Erfinder des Zichorienkaffees gelten der kurhannoversche Offizier Christian von Heine aus Holzminden und der Braunschweiger Gastwirt Christian Gottlieb Förster († um 1801), die im Jahr 1769/70 eine Konzession für die Produktion von Zichorienkaffee in Braunschweig und Berlin erhielten.[3][4]

Die Stadt Braunschweig entwickelte sich schnell zu einem frühen Zentrum der Zichorienkaffeeherstellung. Bereits um 1795 bestanden dort 22 bis 24 Betriebe dieser Art.[5] Der Schwerpunkt der deutschen Zichorienkaffeeproduktion verlagerte sich am Ende des 18. Jahrhunderts in die Region Magdeburg. Im Jahr 1797 produzierten 14 Zichorienfabriken mit 1228 Beschäftigten 3100 t Zichorienkaffee.[6] Die napoleonische Kontinentalsperre begünstigte in den Jahren 1806 bis 1814 den Absatz von Zichorienkaffee und die Gründung von Fabriken.

Die erste Zichorienfabrik in Böhmen wurde 1804 durch Wilhelm Günter in Mochtín gegründet.[7] Fast die gesamte Herstellung von Zichorienkaffee in Süddeutschland konzentrierte sich um 1805 mit ca. 40 Herstellern auf Fürth. Davon blieben bis um 1930 zwei Betriebe erhalten: die Zichorienfabrik Georg Joseph Scheuer und die Zichorienfabrik Julius Cohn, die sich beide ab den 1860er Jahren zu Industriebetrieben entwickelten.[8]

Cicorienfabrik von Wilhelm Bader in Goldbach (um 1856)

In Württemberg wurde im Jahr 1828 die Zichorienfabrik Heinrich Franck Söhne, Vaihingen gegründet. Dort wurden erstmals Dampfmahlmühlen, mechanische Fördereinrichtungen und Großröstapparate eingesetzt. Heinrich Franck Söhne erwarb zahlreiche Fabriken und Marktanteile konkurrierender deutscher Kaffeemittelhersteller, so auch 1928 die Zichorienfabrik Georg Joseph Scheuer in Fürth.[9] Das Unternehmen stieg mit 27 Werken in elf Staaten zum weltgrößten Hersteller von Zichorienkaffee auf.[6]

Etwa ab den 1880er Jahren verdrängten Feigen- und Malzkaffee nach und nach den Zichorienkaffee. Um 1890 bestanden auf dem Gebiet des damaligen Deutschen Reiches noch 123 Zichorienfabriken. Die Produktion an gedarrter Zichorie betrug 1.173.400 Zentner (etwa 60.000 t) und die Ausfuhr an Zichorienfabrikat aus Deutschland betrug 178.382 Zentner (etwa 9200 t) im Jahr 1880.[10]

Zwar werden Zichorien noch Ersatzkaffeeprodukten zugesetzt, darunter „Caro-Kaffee“ und „Linde’s“, reiner Zichorienkaffee ist nicht mehr im Handel erhältlich.

Herstellungsprozess[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einer Zichorienfabrik werden die gereinigten Wurzeln der Zichorie zunächst zerkleinert. Auf einer Darre oder in einem Trockenofen wird der Wassergehalt der Wurzeln reduziert. Danach werden sie bei einer Temperatur von 100 bis 120 °C geröstet.[11] Während dieses Prozesses karamellisiert das in der Wurzel enthaltene Inulin, ein Polysaccharid. Dadurch entsteht ein an Kaffee erinnernder Geschmack. Die abgekühlten Wurzeln werden abschließend zu feinem Pulver gemahlen. Bisweilen werden Zuckerrüben, Speisefette und -öle, Kochsalz und Alkalicarbonate zugefügt.[12] Zichorienkaffee hat eine intensive karamellbraune Farbe.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Zichorienfabrik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Cichorienfabrik, Zichorienfabrik in der deutschen Literatur (1850–2000; NGRAM-Viewer)
  2. Bier statt Kaffee - Deutschlandfunk Kalenderblatt, abgerufen am 2. Dezember 2014
  3. Christian Gottlieb Förster: Geschichte von der Erfindung des Cichorien-Caffee. Georg Ludewig Förster, Bremen 1773.
  4. Teuteberg, S. 109.
  5. Carl Philipp Ribbentrop: Vollständige Geschichte und Beschreibung der Stadt Braunschweig. Band 2, Braunschweig 1796, S. 146–148.
  6. a b Teuteberg, S. 110–112.
  7. Die erste tschechische Zichorienfabrik auf www.mochin.cz (tschechisch)
  8. Erhard Schraudolph: Kaffeesurrogathersteller. In: Vom Handwerkerort zur Industriemetropole. Industrialisierung in Fürth vor 1870. Historischer Verein für Mittelfranken, Ansbach 1993, S. 146–155.
  9. Firmenchronik Heinrich Franck Söhne. Landesarchiv Baden-Württemberg. Abgerufen am 27. Februar 2016.
  10. Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Band 4, Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1892, S. 125.
  11. Joseph König: Chemie der menschlichen Nahrungs- und Genussmittel. Band 2, J. Springer, Berlin 1920, S. 547.
  12. Hans-Dieter Belitz, Werner Grosch, Peter Schieberle: Lehrbuch der Lebensmittelchemie. 5. Auflage, Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg, New York 2001, S. 938, ISBN 3-540-41096-1.