„Scheinriese“ – Versionsunterschied

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Version vom 14. Januar 2014, 14:19 Uhr

Mathias Weber (nach dem Original von Franz J. Tripp)
Jim Knopf und der Scheinriese
(Bitte Urheberrechte beachten)

Der Scheinriese ist eine literarische Figur aus dem 1960 erschienenen Kinderbuch Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Der Autor Michael Ende (1929-1995) beschreibt ihn als einen friedlichen, empathischen, hilfsbereiten, einsamen (aber eigentlich geselligen) Herrn namens Tur Tur, der nichts dafür kann, dass sich andere wegen seiner scheinbaren Größe vor ihm fürchten.

Seit Ende der 1960er Jahre wird Scheinriese auch als Schlagwort – besonders im politischen Zusammenhang – im Journalismus verwendet, um Personen, Personengruppen, Staaten und anderes zu charakterisieren. In diesem Zusammenhang ist die Metapher meist ironisch oder abwertend konnotiert und bezeichnet ein Objekt, das fälschlich oder unberechtigt das Erscheinungsbild von Größe, Stärke oder Macht zeigt oder beanspruchen möchte. In dieser Art der Verwendung steht die Metapher im Gegensatz zum netten, bedauernswerten Scheinriesen Tur Tur im Kinderbuch.

Der Scheinriese im Kinderbuch

Im Kinderbuch Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer verirren sich Jim und Lukas in der Wüste „Ende der Welt“. Dort bemerken sie am Horizont eine riesige Gestalt.[1] Jim ist zuerst beunruhigt, aber als sie darauf zugehen und der Gestalt immer näher kommen, erweist sich der „Riese“ als ein Mann von ganz normaler Größe, der sich als „Herr Tur Tur“ vorstellt.

Herr Tur Tur ist ein Scheinriese und erläutert ihnen seine Besonderheit, indem er zuerst die Größenwahrnehmung bei nah und fern im Allgemeinen erklärt,[2] dann das ihm eigene Phänomen - ein Scheinriese zu sein - mit entwaffnender Einfachheit feststellt[3] und zu dem Schluss kommt, dass fast jeder Mensch irgendwelche besonderen Eigenschaften habe.[4] Obwohl ihn andere durch seine scheinbare Riesenhaftigkeit mit Angst wahrnähmen, sei er eigentlich „ein sehr friedlicher und geselliger Mensch“, aber durch die Furcht der anderen vor ihm sei er während seiner Kindheit sehr allein gewesen.[5] Nur auf seine Eltern habe er sich immer verlassen können, sie hätten nie Angst vor ihm gehabt.[6] Herr Tur Tur erzählt ihnen auch von seiner Einsamkeit nach dem Tod seiner Eltern[7] und von seiner Entscheidung, in die Wüste zu gehen, damit er andere Menschen durch seinen Anblick nicht unnötig in Angst versetze.[8]

Am Ende des Treffens beweist der Scheinriese Tur Tur seine Freundlichkeit, indem er Jim und Lukas hilft, den Weg aus der Wüste zu finden. Jim Knopf wiederum beendet im Folgeband Jim Knopf und die Wilde 13 die Einsamkeit des Scheinriesen, indem er und Lukas Herrn Tur Tur – im Auftrag von König Alfons dem Viertel-vor-Zwölften – als lebenden Leuchtturm nach Lummerland holen.

Der Scheinriese im Kinderbuch ist also eine freundliche, rücksichtsvolle, hilfsbereite, aber auch einsame Person, die aufgrund ihrer „natürlichen Eigenschaft“, ihrer Erscheinung als Scheinriese, von anderen Menschen zu Unrecht gefürchtet wird.

Rezeption

Die Beschreibung durch Michael Ende ist deutlich: Hinter seinem Anderssein, seiner „besonderen Eigenschaft“, die der Scheinriese Tur Tur geduldig und auch unter Einbezug von Jim als Beispiel erklärt, ist er ein normaler Mensch mit Wünschen und unerfüllten Bedürfnissen. Die Geschichte des Scheinriesen kann – je nach Alter – zu einer unterschiedlichen Wahrnehmung führen. Während Kinder ihn direkt „als armen Kerl wahr[nehmen], mit dem man Mitleid haben muss“,[9] der Mitgefühl erzeugt,[10] assoziieren Erwachsene eher realitätsnah: „Für sie steht der Scheinriese für die Neigung des Menschen, sich und andere über seine wahre Bedeutung zu täuschen“.[9]

Der Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer zieht im Schlusswort der Abhandlung Aufstieg und Fall der Zentralperspektive (2004) den Scheinriesen zur Erläuterung seiner Schlussfolgerung heran: „Der "Scheinriese" stellt also die perspektivische Verkürzung auf den Kopf. [...] Der perspektivische Schein wird in der Verkehrten Welt des Scheinriesen zum Spielball der Phantasie – ein Signal dafür, dass die Zentralperspektive, einst die stolze Errungenschaft einer durchrationalisierten, wissenschaftlich beherrschten Welt, ihre historische Rolle für immer ausgespielt hat.“[11]

In einer Zwiebelfisch-Kolumne weist Bastian Sick 2008 darauf hin, dass der Scheinriese auch als semantische Eselsbrücke dienen kann: „Mit Hilfe des freundlichen Riesen Tur Tur lernt man den Unterschied zwischen "anscheinend" und "scheinbar" kennen - denn Herr Tur Tur, dem Jim Knopf und Lukas auf ihrer Reise nach China in der Wüste begegnen, ist nur scheinbar ein Riese. Ein Scheinriese, der immer größer wird, je weiter er sich entfernt, und immer kleiner, je näher er kommt.“[12]

Der Scheinriese im Journalismus

Die Metapher Scheinriese wird im Journalismus in ganz unterschiedlichen Bereichen und meist mit einer von der im Kinderbuch beschriebenen Thematik abweichenden Bedeutung verwendet.[9] Die Metapher ist dann meist ironisch oder abwertend konnotiert und bezeichnet ein Objekt, das fälschlich oder unberechtigt das Erscheinungsbild von Größe, Stärke oder Macht zeigt oder beanspruchen möchte.

Verwendung der Metapher

Die unterschiedlichsten Personen(gruppen), Gegenstände oder Konzepte werden in den Medien mit der Metapher Scheinriese in Zusammenhang gebracht.

Eine der frühesten Erwähnungen erfolgte durch Golo Mann in der Wochenzeitschrift Die Zeit im Jahr 1969; sie bezieht sich auf Deutschland und andere Staaten: „Das Klagewort, Deutschland sei wirtschaftlich ein Riese und politisch ein Zwerg, zeugt von wenigem Verständnis für das, was die Staaten heute sind, sein können, sein sollen; nicht bloß die ehemaligen Großmächte Europas, sondern die Staaten überhaupt. Die Zwerge können keine Riesen mehr werden, auch wenn sie ihre Warenproduktion noch einmal verdreifachen. Im Gegenteil dürfte immer deutlicher sich herausstellen, daß auch die letzten Riesen nur Scheinriesen sind; eine Lektion, welche der Präsident Lyndon B. Johnson – erinnert man sich noch an den? – auf bitterem Wege lernte.“[13]

Danach und bis heute erfolgt vielfältige mediale Verwendung der Scheinriese-Metapher für Personen,[14][15][16] Parteien,[17][18][17] Staaten,[19][20] Wirtschaftsunternehmen,[21][22] Fussballvereine,[23][24] Nationalmannschaften,[25][26] Automobile,[27][28][29] eine Tageszeitung,[30] ein Finanzinstrument,[31] der Arbeitsmarkt,[32] Klimaschutzpläne,[33] und vieles andere mehr.

Scheinzwerg

Im Gegensatz zu Scheinriese erhielt das Antonym Scheinzwerg erheblich weniger Beachtung, obwohl Herr Tur Tur ihn mit entwaffnender Logik im selben Buchkapitel eingeführt: „Deshalb sage ich, ich bin ein Scheinriese. Genauso, wie man die anderen Menschen Scheinzwerge nennen könnte, weil sie ja von weitem wie Zwerge aussehen, obwohl sie es gar nicht sind.“[1]

Im Jahr 2010, zum 50-jährigen Erscheinungsjubiläum des Buches Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, erschien in der Frankfurter Rundschau ein Artikel mit dem Titel Der Scheinzwerg, der sich auf dieses Buch von Michael Ende bezieht, das zuerst kein Verlag haben wollte und das später eines der beliebtesten deutschen Kinderbücher wurde und nun in 33 Sprachen übersetzt vorliegt.[34][35]

Eine Zusammenführung beider Begriffe erfolgte 1997 in einem Artikel mit dem Titel „Vom „Scheinzwerg“ zum „Scheinriesen“ – deutsche Außenpolitik in der Analyse“.[36]

Neologismen

Ausgehend von der Geschichte des Scheinriesen Tur Tur sind auch Neologismen entstanden, die mehr oder wenig häufig verwendet werden: Turturismus,[37] Tur-Turisierung,[9] Scheinriesin,[38] scheinriesig,[39] etc.

Literatur

  • Michael Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, Omnibus Verlag, TB Ausgabe 1995, ISBN 3-507-20145-7
  • Michael Ende, Beate Dölling (mit Illustrationen von Mathias Weber und Franz Josef Tripp): Jim Knopf und der Scheinriese, Thienemann Verlag (2008), ISBN 978-3522435574

Einzelnachweise und Anmerkungen

  1. a b Alle Zitate stammen aus Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer von Michael Ende, Omnibus Verlag, TB Ausgabe 1995, ISBN 3-507-20145-7, Ende Kapitel 16 und Kapitel 17 (dort S. 131-133)
  2. Wenn einer von Ihnen jetzt aufstünde und wegginge, würde er doch immmer kleiner und kleiner werden, bis er am Horizont schließlich nur noch wie ein Punkt aussähe. Wenn er dann wieder zurückkäme, würde er langsam immer größer werden, bis er zuletzt in seiner wirklichen Größe vor uns stünde. Sie werden aber zugeben, daß der Betreffende dabei in Wirklichkeit immer gleich groß bleibt. Es scheint nur so, als ob er erst immer kleiner und dann wieder größer würde.
  3. Nun [...] bei mir ist das einfach umgekehrt. Das ist alles. [...] Ich war schon immer so [...] und ich kann nichts dafür.
  4. Eine Menge Menschen haben doch irgendwelche besonderen Eigenschaften. Herr Knopf zum Beispiel hat eine schwarze Haut. So ist es von Natur aus, und dabei ist nichts weiter Seltsames, nicht wahr?
  5. Trotzdem hatte ich niemals Spielkameraden, weil sich alle vor mir fürchteten.
  6. Meine Eltern waren die einzigen Menschen, die keine Angst vor mir empfanden.
  7. Sie beide, meine Freunde, sind seit meinen Eltern die ersten Menschen, die sich nicht vor mir fürchten. Ich habe mich unbeschreiblich danach gesehnt, einmal noch, ehe ich sterbe, mit jemandem reden zu können. [...] Nun werde ich immer, wenn ich mich einsam fühle, an Sie denken, und es wird mir ein großer Trost sein, dass ich irgendwo in der Welt Freunde habe.
  8. Ich wollte ein Land suchen, wo die Leute keine Angst vor mir hätten. Ich bin durch die ganze Welt gezogen [...]. Da bin ich zuletzt in die Wüste gegangen, damit niemand mehr durch mich erschreckt würde..
  9. a b c d Christian Mayer: Die Welt steht Knopf, Süddeutsche Zeitung von 21. Mai 2010
  10. Hans-Heino Ewers: Komik im Kinderbuch: Erscheinungsformen des Komischen in der Kinder- und Jugendliteratur. Beltz Juventa, 1992, ISBN 978-3-7799-0447-2, S. 29 (google.com).
  11. Gabriele Brandstetter und Gerhard Neumann: Romantische Wissenspoetik: die Künste und die Wissenschaften um 1800. Königshausen & Neumann, 2004, ISBN 978-3-8260-2632-4, S. 310 (google.com).
  12. Bastian Sick: Zwiebelfisch: Pföne gepfäumte Mupfel, Spiegel Online, 8. Mai 2008
  13. Golo Mann: Provisorium, Modell – oder was sonst? Zwanzig Jahre Bundesrepublik: Das unfertige Selbstverständnis der Deutschen, Die Zeit, 30. Mai 1969
  14. Hinter den Schlagzeilen - Konstantin Weckers Webmagazin, Guttenberg – der Scheinriese wankt, 21. Februar 2011
  15. Armin Laschet: Der verkappte Grüne, www.taz.de, 24. Mai 2012
  16. Hans-Joachim Selenz: Scheinriese Joschka Fischer, Die freie Welt, 15. April 2013
  17. a b Ludwig Greven: Westerwelle und der Scheinriese Tur Tur, DIE ZEIT, 5. Februar 2010]
  18. Partei der Scheinriesen, Spiegel-online, 26. November 2010
  19. Ronald Kurt: „India is great!“ – Strukturprobleme eines Scheinriesen. Oder: Die indische Familie im Globalisierungsprozess, LEVIATHAN, Zeitschrift für Sozialwissenschaft (2011), S. 293-313
  20. Ulf Engel: Westafrikanischer Hegemon oder Scheinriese? Nigeria in der internationalen Politik, ETH Zürich, 2007
  21. Fritz Vorholz: Scheinriese, DIE ZEIT, 15. Januar 2009
  22. ams/eag/geheg/heu/jos/nan/dgw: Das sind die Scheinriesen der deutschen Wirtschaft, Die Welt, 9. Dezember 2013
  23. Jürgen Marks: Der Scheinriese Tur Tur, Facebook und die fehlende Bratwurst, Augsburger Allgemeine, 5. August 2011
  24. Alfred Draxler: Schalke ist nur noch ein Scheinriese, Bild-Zeitung, 24. Oktober 2013
  25. Thomas Klemm: Eishockey-WM - Rätselraten nach dem Debakel, Frankfurter Allgemeine, 6. Mai 2005
  26. Wolfgang Scheffler: WM-Qualifikation - Acht Sekunden für die Ewigkeit, Frankfurter Allgemeine, 22. März 2013
  27. Stefan Henseke: Ein imposanter Scheinriese, Berliner Kurier, 29. Dezember 2001
  28. Mercedes-Benz A 180 CDI - Scheinriese, www.stern.de, 16. Juli 2007
  29. Franz Rother: Brilliance BS6: Der lahme Scheinriese, Handelsblatt, 2. Juli 2007
  30. Daniel Zylbersztajn: Zeitungskrise in Großbritannien - Der Scheinriese, www.taz.de, 13. Januar 2014
  31. Wolfgang Münchau: Die Spur des Geldes: Der Scheinriese in der Schuldenkrise, Spiegel Online, 30. Mai 2012
  32. Maren Lehky: Vorsicht: Scheinriese - Was will der Arbeitsmarkt?, Die Zeit, 2. April 2012
  33. Grüne: Mit Rückgriff auf Wurzeln in die Zukunft, Hamburger Morgenpost, 3. Dezember 2006
  34. Elke Vogel: Von Lummerland in die Welt - Michael Endes Kinderbuch "Jim Knopf" wird 50, Schwäbisches Tagblatt, 7. August 2010
  35. Frankfurter Rundschau, Der Scheinzwerg, 9. August 2010
  36. Ingo Peters: Vom „Scheinzwerg“ zum „Scheinriesen“ – deutsche Außenpolitik in der Analyse, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 4 (1997), S. 361-388.
  37. Gunter Dueck: Omnisophie. Springer DE, 2004, ISBN 978-3-642-18784-1, S. 431–432 (google.com).
  38. Gerhard Spörl: Merkels Stolperstart: Scheinriesin zwischen Kampfzwergen, Spiegel Online, 8. Januar 2010
  39. Rudolf Borchardt: Vereinigung durch den Feind hindurch: Roman. Klett-Cotta, S. 155, 1982, ISBN 978-3-548-39037-6 (google.com).