101. Sinfonie (Haydn)

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Die Sinfonie D-Dur Hoboken-Verzeichnis I:101 komponierte Joseph Haydn im Jahr 1794. Das Werk gehört zu den berühmten „Londoner Sinfonien“ und trägt den nicht von Haydn stammenden Titel „Die Uhr“.

Allgemeines[Bearbeiten]

Franz Joseph Haydn (1732–1809)

Zu allgemeinen Angaben bezüglich der Londoner Sinfonien vgl. die Sinfonie Nr. 93. – Die Sinfonie Nr. 101 komponierte Haydn im Rahmen seiner zweiten Englandreise. Sie ist in zwei Etappen entstanden: der zweite bis vierte Satz noch in Wien, der erste Satz in England. Die Uraufführung fand am 3. März 1794 statt.[1][2]

Der Morning Chronicle berichtet nach der Uraufführung: „Nichts könnte origineller sein als das Thema des ersten Satzes; und hat er einmal ein treffliches Thema gefunden, kann niemand besser als Haydn unaufhörliche Mannigfaltigkeit daraus schöpfen, ohne auch nur einmal davon abzulassen. Die Gestaltung der Begleitung im Andante, obgleich höchst schlicht, war meisterhaft, und wir hörten nie zuvor einen reizvolleren Effekt als den des Trio im Menuett. – Es war Haydn, was könnte man, was bräuchte man mehr zu sagen?“[1]

Der Beiname „Die Uhr“ stammt vom Wiener Verleger Johann Traeg, der 1798 eine Klavierfassung des Andante als „Rondo. Die Uhr“ herausbrachte.[1] Teilweise können solche Beinamen jedoch auch eine zu hohe Erwartung hervorrufen. So berichtet Jacob (1952)[3] über einen Vorfall nach der Aufführung der Sinfonie im Jahr 1928 in Wien durch den italienischen Dirigenten Arturo Toscanini: Einer der Hörer beschwerte sich im Künstlerzimmer, er habe die Uhr nicht bzw. nur im Andante ticken hören. Er habe erwartet, ein Tongemälde mit einem durchgehenden, auf eine Uhr bezogenen Thema zu hören, also etwa eine „Geschichte der Uhr“, und fühlte sich sehr enttäuscht.

Zur Musik[Bearbeiten]

Besetzung: Flöte, zwei Oboen, zwei Klarinetten[4], Fagott, zwei Hörner, zwei Trompeten, Pauke, zwei Violinen, Viola, Cello, Kontrabass. Zur Rolle des Cembalos siehe bei der Sinfonie Nr. 98.

Aufführungszeit: ca. 25–30 Minuten.

Bei den hier benutzten Begriffen der Sonatensatzform ist zu berücksichtigen, dass dieses Modell erst Anfang des 19. Jahrhunderts entworfen wurde (siehe dort). – Die hier vorgenommene Beschreibung und Gliederung der Sätze ist als Vorschlag zu verstehen. Je nach Standpunkt sind auch andere Abgrenzungen und Deutungen möglich.

Erster Satz: Adagio – Presto[Bearbeiten]

Adagio: d-Moll, 3/4-Takt, Takt Takt 1–23

Das ernste, getragene Adagio in d-Moll ist durch langsame, auf- und absteigende Viertelbewegungen mit Chromatik und Vorhalten gekennzeichnet. Es steht überwiegend im Piano/Pianissimo mit einzelnen Akzenten auf den unbetonten Taktzeiten. Nach Wechsel zur Tonikaparallele F-Dur (Takt 12) setzt unvermittelt wieder d-Moll ein, über eine kurze Rückung (Takt 18 ff.) moduliert Haydn dann zur Dominante A-Dur, auf der die Einleitung mit einer Fermate im Pianissimo endet. Die aufsteigende Viertelbewegung in Takt 1-2 erinnert an den „Aufschwung“ zu Beginn des ersten Themas im Presto (Takt 24).

Presto: D-Dur, 6/8-Takt, Takt 24–346

Beginn des Presto mit „Anlauf“, Dreiklangsfigur und Schlussfloskel, 1. Violine

Die Streicher mit stimmführender 1. Violine stellen zunächst piano das erste Thema vor, das aus drei Elementen besteht: Ein auftaktiger Achtel-Lauf über eine Oktave aufwärts, eine sich aufschraubende, gebrochene Dreiklangsfigur mit punktiertem Rhythmus und eine Schlussfloskel, die die beiden Rhythmen der ersten Elemente enthält. Vorder- und Nachsatz des Themas sind jeweils fünftaktig. Die Überleitung (Takt 34 ff.) greift das Thema im Forte-Tutti auf mit pendelartiger Ausdehnung der punktierten Dreiklangsbewegung. Kurzfristig kommt die Bewegung auf A-Dur mit einer Fermate und Paukenwirbel zur Ruhe. Erneut setzt der Themenkopf piano an, spinnt das Material dann jedoch forte weiter und etabliert nach einem Orgelpunkt auf der Doppeldominanten E-Dur die Dominante A-Dur mit einem kennzeichnenden Motiv aus drei aufwärts gehenden, betonten Vierteln (Takt 72-75). In A-Dur wird dann auch das zweite Thema (Takt 81 ff.) vorgestellt, das aus zwei ähnlichen, auftaktigen Motiven besteht. Wie im ersten Thema, spielen die Streicher piano mit stimmführender 1. Violine. Auch die Struktur bzw. der Rhythmus ist ähnlich zum ersten Thema, so dass kein starker Kontrast zwischen den Themen besteht. Der Übergang zur Schlussgruppe erfolgt nahtlos, man könnte ihn in Takt 98 oder 106 setzen. Die Schlussgruppe enthält Akkordmelodik, eine chromatische, betonte Linie abwärts, Tonrepetitionen und auch den Achtellauf vom Satzbeginn (nun abwärts statt aufwärts). Die Exposition wird wiederholt.

Die Durchführung greift die Motive vom zweiten Thema auf und führt sie kontrapunktisch durch die Instrumente, wobei sich der Klangteppich immer mehr erweitert. In Takt 150 ist C-Dur erreicht, das nun auf Material vom ersten Thema angewendet wird (Lauf abwärts statt aufwärts und die Pendelfigur). Nach weiteren Tonartenwechseln über A- und E-Dur stabilisiert sich ab Takt 174 Fis-Dur, das mit gebrochenen Akkordfiguren abwärts sowie energischer Tonwiederholung im Fortissimo betont wird. Ein Crescendo steigert die Tonwiederholung bis zum Tremolo (Takt 184 bis 192). Völlig unerwartet tritt dann ein kontrastierender, ganztaktig aufsteigender Akkord in h-Moll als Pianissimo-Streicherunisono auf und geht nahtlos nach D-Dur mit Figuren vom zweiten Thema über. Ein Crescendo steigert die Lautstärke erneut bis zum Fortissimo auf A-Dur, das dominantisch zum Eintritt der Reprise wirkt.

Die Reprise (Takt 218 ff.) ist zunächst ähnlich wie die Exposition strukturiert. In der Überleitung findet ab Takt 235 jedoch eine Trübung nach Moll statt. Anstelle des zweiten Themas erscheint lediglich dessen Kopf über einem Orgelpunkt auf a-Moll. Ab Takt 250 setzt dann analog zum Durchführungsbeginn ein kontrapunktischer Abschnitt Motiv 1 vom zweiten Thema ein, der sich über Tonwiederholungen bis zum Tremolo im Fortissimo steigert, und schließlich wird auch Motiv 2 „nachgereicht“ (Takt 281 ff.). Takt 300 ff. sind ähnlich der Schlussgruppe der Exposition aufgebaut. Eine Coda beginnt in Takt 314, als anstelle des zu erwartenden Zieltons D ein verminderter Akkord als Trugschluss erscheint. Das erste Thema bekommt einen letzten Auftritt, und der Satz endet mit Akkordmelodik im Forte.

Zweiter Satz: Andante[Bearbeiten]

G-Dur, 2/4-Takt, 150 Takte

Beginn des Andante, 1. Violine
  • Im Hauptthema spielt die 1. Violine eine marschartige Melodie. Begleitet wird sie von 2. Violine, Cello, Kontrabass und Fagott in einer durchgehenden Achtelbewegung aus Pizzicato-Terzen, die an das gleichmäßige Ticken einer Uhr erinnern. Eine ähnliche Figur findet sich im langsamen dritten Satz der Sinfonie Nr. 68. Das Thema ist periodisch aufgebaut aus viertaktigem Vorder- und Nachsatz. Es wird wiederholt (A-Abschnitt, Takt 1–10). Der folgende B-Abschnitt spinnt die Melodie fort, ab Takt 25 folgt wieder das Hauptthema in einer Variante (A’-Abschnitt). Die Abschnitte B und A’ werden nun ebenfalls wiederholt.
  • Als Episode oder Zwischenspiel folgt von Takt 34–61 eine Passage in g-Moll ohne die Pendelbewegung. Sie steht durchweg im Forte und ist durch punktierte Rhythmen, Läufe, Tremolo und einen z. T. dramatisch-pompösen Charakter gekennzeichnet.
  • Reprise des Hauptthemas (Takt 62–96): Die Struktur ist ähnlich wie zum Satzbeginn: A-Abschnitt Takt 63–72, B-Abschnitt Takt 73–86, A’-Abschnitt Takt 87–96. Die Ticktack-Bewegung wird in hoher Lage von Soloflöte und Solofagott gespielt.
  • Der folgende Überleitungsteil (Takt 97–110) beginnt mit dem Hauptthema, nun aber unerwarteterweise in Es-Dur. Eine Zweiunddreißigstel-Floskel aus dem Thema wird isoliert und steigert sich über ein Crescendo zum Forte. Über D-Dur moduliert Haydn zurück nach G-Dur.
  • Variationsteil des Hauptthemas (Takt 111–144) im Forte-Tutti mit Sextolen und Tonrepetition. Die Begleitungsfigur weitet sich von den Terzen auf Quinten und schließlich auf Septimen (ähnlich bereits in Takt 11 ff.).
  • In der Coda (Takt 145–150) läuft die Sextolenbewegung und die Ticktack-Begleitung aus.

Dritter Satz: Menuetto. Allegretto[Bearbeiten]

D-Dur, 3/4-Takt, mit Trio 160 Takte

Beginn des Menuetto, Flöte und 1. Violine

Das kräftige Menuett ist mit 160 Takten ungewöhnlich lang. Der Charakter ist ländlerartig – sinfonisch und am Ende des ersten Teils durch Synkopen aufgelockert. Zu Beginn des zweiten Teils wird die chromatische Linie abwärts von Takt 6 ff. wieder aufgegriffen und leitet eine kleine chromatische Passage (Takt 35–41) ein. In der „Reprise“ tritt das Hauptthema beim zweiten Einsatz versetzt in den Instrumenten auf. Haydn hat das Menuett bereits 1792/93 im Rahmen von 14 Stücken für die Flötenuhr komponiert (von den insgesamt 32 für die Flötenuhr komponierten Stücken handelt es sich um Nummer 29).[5]

Das Trio, an dem das ganze Orchester beteiligt ist, steht ebenfalls in D-Dur. Auf der gleichmäßigen, schwebenden Begleitung der Streicher im Pianissimo setzt eine Flötenmelodie ein, die schließlich auch in die Bewegung der Streicher übergeht und in Takt 93 in Reinform im Fortissimo erklingt. Die Flötenmelodie wird nun wiederholt, wobei der erste Teil des Trios aufgrund der etwas veränderten Schlusswendung auskomponiert ist. Der zweite Teil beginnt auf Fis mit der Begleitfigur vom Anfang. Durchführungsartig werden Motive der Flötenmelodie aufgegriffen, bis nach einer Generalpause die „Reprise“ in Takt 152 beginnt. Beim ersten Auftritt der Soloflöte ergibt sich insofern eine „falsche“ Harmonie, als die Streicher nach wie vor einen D-Dur-Akkord spielen, während in der Flöte der harmoniefremde Ton E erklingt (Takt 86-87). In der ausgeschriebenen Wiederholung erscheinen an der entsprechenden Stelle (Takt 102-103) dann jedoch in den Violinen und der Viola die „richtige“ Harmonie: der Dreiklang Cis-E-G über dem D im Bass. „Später hat man Haydns vermeintliches Versehen korrigiert und die erste Stelle der zweiten angeglichen. Doch das Autograph und eine Kopie (...) sowie die originalen Londoner Streicherstimmen erweisen eindeutig, daß Haydn diese zwei verschiedenen Versionen ganz bewußt beabsichtigte.“[6] Ein ähnlicher „harmonischer Spaß“ ergibt sich am Ende des Trios, als Haydn die Hörner zwei Takte zu früh mit einem Orgelpunkt auf D einsetzen lässt.[6] Das Trio kann je nach Standpunkt als Parodie auf eine Dorfmusik oder als melancholisches Genrestück verstanden werden.[2]

Vierter Satz: Vivace[Bearbeiten]

D-Dur, 4/4 Takt (alla breve), 280 Takte

Hauptthema des Vivace, 1. Violine

Der Satz ist in folgende Abschnitte gliederbar:

  • Takt 1–28: Vorstellung des Hauptthemas. Das Thema (die Hauptmelodie) ist periodisch aufgebaut. Die gesamte thematische Einheit erinnert mit ihrem dreiteiligen Aufbau (A-B-A) an ein typisches Rondo-Thema. Es wird piano von den Streichern vorgetragen, charakteristisch ist eine Folge von drei aufsteigenden, halben Noten (siehe die Abbildung rechts).
  • Die 1. Durchführung (Takt 28–120) beginnt mit einem raketenartig aufsteigenden Unisonolauf, wobei ein Übergang von Vierteln zu Achteln eine Tempozunahme bewirkt. Neben vielen Läufen und Akkordmelodik erscheinen variierte Bruchstücke vom Rondothema in der Dominante A-Dur (Takt 61 ff., Takt 75 ff. im Bass, Takt 94 ff.). Die Passage von Takt 94 ff. geht dabei nahtlos über in den
  • 2. Auftritt des Hauptthemas in D-Dur (Takt 120–137), nun erstmals auch im Forte-Tutti (Takt 111 ff.).
  • Die 2. Durchführung (Takt 138–188) steht in d-Moll. Sie ist durchweg im Forte gehalten und greift wieder Material vom Rondothema auf.
  • 3. Durchführung: Fugato des Rondothemas (Takt 189–233).
  • 3. Auftritt des Rondothemas: Vordersatz im Fortissimo mit Fortspinnung (Takt 234–249), vollständiges achttaktiges Thema im Piano der Streicher über einem Orgelpunkt auf D (Takt 250–257).
  • Coda (Takt 257–280) mit aufsteigenden Lauffiguren und dem Themenkopf über einem Orgelpunkt auf D im Fortissimo.

Finscher (2000)[2] meint, dass die großflächigen Kontraste und energischen Tutti-Durchführungen auf Ludwig van Beethoven hinweisen, der als Haydns Schüler bei der Komposition dieses Satzes wahrscheinlich anwesend war.

Einzelnachweise, Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. a b c Regina Back: Symphonie in D-Dur, Hob. I:101 („Die Uhr“). In: Renate Ulm (Hrsg.): Haydns Londoner Symphonien. Entstehung – Deutung – Wirkung. Im Auftrag des Bayerischen Rundfunks. Gemeinschaftsausgabe Deutscher Taschenbuch-Verlag München und Bärenreiter-Verlag Kassel, 2007, ISBN 978-3-7618-1823-7, S. 146–150.
  2. a b c Ludwig Finscher: Joseph Haydn und seine Zeit. Laaber-Verlag, Laaber 2000, ISBN 3-921518-94-6
  3. Heinrich Eduard Jacob: Joseph Haydn. Seine Kunst, seine Zeit, sein Ruhm. Christian Wegner Verlag, Hamburg 1952
  4. Der Revisionsbericht in der Taschenpartiturausgabe der Edition Eulenburg No. 439 schreibt dazu: „Bei der vorliegenden Neuausgabe sind vor allen Dingen (...) überhaupt alle Bearbeiterzutaten nach Möglichkeit wieder beseitigt. (...) Das überraschendste Ergebnis war, daß die Symphonie überhaupt keine Klarinetten hat; sie müssen allerdings schon sehr frühzeitig zugefügt worden sein, da schon die Andrésche Ausgabe gestochene Klarinettenstimmen enthält. Daß sie überflüssig sind, geht aus ihrer unselbständigen und nur tuttihaften Verwendung hervor.“ Anthony van Hoboken (Joseph Haydn. Thematisch-bibliographisches Werkverzeichnis, Band I. Schott-Verlag, Mainz 1957, S. 213) meint zu den Klarinetten: „Sie kommen aber auch schon in der authentischen Kopie von Elßler (…) vor, so daß man sie wohl als von Haydn stammend betrachten kann.“
  5. Karl Geiringer: Joseph Haydn. Der schöpferische Werdegang eines Meisters der Klassik. B. Schott’s Söhne, Mainz 1959.
  6. a b Walter Lessing: Die Sinfonien von Joseph Haydn, dazu: sämtliche Messen. Eine Sendereihe im Südwestfunk Baden-Baden 1987-89. 3. Band, Baden-Baden 1989, S. 155.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks, Noten[Bearbeiten]