Bratsche

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Bratsche
englisch/italienischviola
Viola.JPG
Klassifikation Chordophon
Streichinstrument
Tonumfang Range viola.png
Klangbeispiel Gesprochener Inhalt anhören
Verwandte Instrumente Violine, Violoncello
Musiker
Liste von Bratschisten
Kategorie:Bratschist

Die Bratsche (italienisch alto viola, französisch alto) ist der heute im Deutschen (umgangssprachlich) gebräuchliche Name für ein Streichinstrument, dessen Alternativbezeichnung Viola ein Relikt der historischen Violenfamilie des 16. und 17. Jahrhunderts ist. Auf den ersten Blick ähnelt sie einer größeren Violine. Jedoch ist sie leicht anders proportioniert und klingt tiefer. Bratsche ist eine Umformung der italienischen Bezeichnung Viola da braccio (Armgeige, bei Daniel Speer Braz) und bezieht sich auf die Handhabung durch den Bratschisten, im Gegensatz zur Viola da gamba (Bein-Viola oder Knie-Geige, deren Spieler Gambist genannt wird).

Charakteristika[Bearbeiten]

„Scheinbar ist die Viola nur eine größere Violine, einfach eine Quint tiefer gestimmt. Tatsächlich liegen aber Welten zwischen den beiden Instrumenten. Drei Saiten haben sie gemeinsam, die A-, D-, und G-Saite. Durch die hohe E-Saite erhält der Klang der Violine eine Leuchtkraft und metallische Durchdringlichkeit, die der Viola fehlen. Die Violine führt, die Viola bleibt im Schatten. Dafür besitzt die Viola durch die tiefe C-Saite eine eigenartige Herbheit, kompakt, etwas heiser, mit dem Rauchgeschmack von Holz, Erde und Gerbsäure,“

schrieb der ungarische Komponist György Ligeti im Vorwort zu seiner Sonate für Viola solo (1991–1994).

Insgesamt wird der Klang der Bratsche als voll, weich, dunkel bis in die höchsten Lagen, immer etwas melancholisch, leicht rauchig und etwas näselnd beschrieben. Die Physik der Bratsche ist der der Violine sehr ähnlich; Details über den Aufbau des Instruments und die Funktion der einzelnen Bestandteile können im dortigen Artikel nachgelesen werden. Auch der Bogen gleicht dem der Violine, er ist allerdings länger, 10–15 g schwerer und hat meist eine abgerundete Kante.

Die Bratsche besitzt vier Saiten im Abstand einer Quinte, gestimmt auf c – g – d’ – a’. Die drei höheren Saiten entsprechen den drei tieferen der Violine. Der tiefsten Saite (C) ist, zumal im „forte“, etwas Wildes und Raues zu eigen. Diese klangliche Eigenschaft kommt lautmalerisch in den Opern, Sinfonien und in der Filmmusik zur Geltung. Das hohe Register des Instruments, die A-Saite, ist eher dunkel, gleichzeitig von einer charakteristischen Schärfe, die an die Oboe erinnert.

Zur Bauweise[Bearbeiten]

Die Eigentümlichkeit des Bratschenklangs und das, was ihren Charakter ausmacht, beruht auf der Tatsache, dass der Korpus der Viola für ihre Stimmung eigentlich zu klein ist: Da ihr höchster Ton eine Quinte tiefer liegt als bei der Geige (Frequenzverhältnis 2:3), könnte der Korpus auch im gleichen Verhältnis länger sein, als der etwa 36 cm lange Geigenkorpus, also ungefähr 54 cm lang.

Größenunterschied Violine – Bratsche

Dass die Bratsche einen kleineren Korpus hat, als es die Physik nahezulegen scheint, ist das Ergebnis einer Entwicklung über Jahrhunderte. Dabei spielte das Verhältnis der menschlichen Körpergröße zum Instrument eine wichtige Rolle, auf die Rücksicht genommen werden musste: Je größer das Instrument, desto stärker die Streckung des linken Arms, desto kleiner der physiologisch mögliche Radius der Einwärtsdrehung (Supination) des Arms zum Greifen der Saiten.

Zur Spielweise[Bearbeiten]

Ein größerer Instrumentenkorpus bedeutet eine längere Mensur (schwingende Saitenlänge) mit demzufolge größeren Tonabständen. Die Finger der Griffhand sind beim Spielen permanent gespreizt und müssen gleichzeitig entspannt werden, um die Fingerfertigkeit zu gewährleisten. Schon auf der kleineren Geige wird der linke Arm stark einwärts gedreht. Durch die Bratsche wird der Halteapparat aus Arm, Rücken und Schulter ungleich stärker beansprucht. Durch die starke Supination des Armes entsteht eine Grenzposition, die leicht zu Muskelverhärtung und Schleimbeutelentzündung des Ellenbogengelenks führen kann, wenn die Spieltechnik nicht sachgemäß ist. Bis in die Barockzeit hinein wurde die zweittiefste Stimme eines mehrstimmigen Streichersatzes auf Viola tenore genannten Instrumenten mit Korpuslängen von ca. 48 cm gespielt, die mittlere Stimme auf der mit 40 bis 42 cm Korpuslänge vielen heutigen Bratschen entsprechenden Viola alta (daher die französische Bezeichnung „alto“). Im Ensemblespiel des 16. und 17. Jahrhunderts hielten sich die Spielanforderungen in Grenzen, sodass die Viole tenore trotz ihrer Größe gut spielbar war. Im 18. Jahrhundert jedoch wurden viele dieser Instrumente der gesteigerten technischen Anforderungen wegen verkleinert, beispielsweise wurde für den Streichersatz der Frühklassik gerne die ursprünglich dreiseitige Violetta adaptiert.

Ansicht von vorne nach hinten: Quinte de Violon, Bratsche 42 cm, Violine

Heute werden die klanggebenden Mittelstimmen, für welche die ehemals speziellen Viola–Bauweisen entstanden, von Bratsche (und Cello) ausgeführt. Allerdings führt die Wiederentdeckung des historischen Klanges mittels Nachbau alter Violainstrumente und historischer Spielweise zurück zur ursprünglichen Vielfalt der Instrumente.

Wendepunkt der Entwicklung im 19. Jahrhundert[Bearbeiten]

Die Verwendung einer solistischen Bratsche in Carl Maria von Webers Freischütz markiert einen Wendepunkt in der Geschichte dieses Instruments. Das seither und bis in die Gegenwart wachsende Interesse an der Bratsche erforderte wieder klangvollere und damit erneut größere Instrumente. Dafür nahm man die Erschwerung der Spielbarkeit in Kauf. Jeder Bratschist sucht daher nach der für ihn besten Lösung im Spannungsfeld von Klang, technischer Beherrschung und bequemer Spielart. Im Gebrauch sind heute Instrumente zwischen 38 und 47 cm Korpuslänge, die meisten liegen zwischen 40,5 und 43 cm.

Stimmenbezeichnung in Partituren und auf Titeln[Bearbeiten]

In Partituren und auf Einzelstimmen alter und neuer Notendrucke und Handschriften ist für die Bratsche die Alternativbenennung „Viola“ gebräuchlich, ebenso auf Konzertprogrammzetteln für Konzertbesucher.

Notation[Bearbeiten]

Die Bratsche wird als einziges Streichinstrument generell im Altschlüssel notiert. Dies ist ein C-Schlüssel auf der dritten Linie von unten (gezählt im 5–Liniensystem). In dieser Position werden unnötig viele Hilfslinien im häufig benutzten tiefen Register vermieden. Für hohe Lagen ab etwa dem F’’ hingegen wird aus demselben Grund auf den Violinschlüssel ausgewichen.

Geschichte[Bearbeiten]

Im Unterschied zum Namen „Bratsche“ weist die Alternativbezeichnung „Viola" auf die lange historische Entwicklung der Bratsche aus der Instrumentenfamilie der Violen zurück, die sich in die Viola-da-braccio-Instrumente (Armgeigen) und Viola-da-gamba-Instrumente (Beingeigen) unterteilte. Ein gewichtiger Unterschied zwischen diesen Instrumentengruppen bildete sich heraus: Da-braccio-Instrumente haben keine Bünde (Saitenunterteilungen für die Tonhöhen), wie es die Da-gamba-Instrumente aufweisen. Die Blütezeit der „Violen“ lag im 16. und 17. Jahrhundert in der vielstimmigen Musik des Streicherconsorts, aus dem sich später bei gesteigerter Spielweise die Violinfamilie mit Violine, Viola und Violoncello entwickelte.[1] Diese Umformung begann mit der Praxis des solistischen Geigenspiels zu Beginn des 17. Jahrhunderts.

Verwendung in der Musik[Bearbeiten]

Sololiteratur[Bearbeiten]

Zu den wichtigsten Konzerten für Bratschen gehören:

Zu den bedeutendsten Solostücken für Viola gehören:

Kammermusik[Bearbeiten]

Die eigentliche Heimstatt der Bratsche ist die Kammermusik. An erster Stelle stehen hierbei Sonaten u. ä. für Viola allein und für Viola und Klavier sowie das Streichquartett (mit erster und zweiter Violine, Viola und Violoncello) als Hauptgattung der Kammermusik überhaupt. Weitere Streicherformationen sind:

  • das Streichduo mit Violine und Viola oder Violoncello oder Kontrabass oder einer zweiten Viola,
  • das Streichtrio mit Violine, Viola und Violoncello oder zwei Violen und Violoncello oder Viola, Violoncello und Kontrabass,
  • das Streichquintett mit entweder einer das Streichquartett vergrößernden zweiten Bratsche oder einem zweiten Violoncello,
  • das Streichsextett, meist mit je zwei Violinen, Violen und Violoncelli.

Eine ganze Reihe Werke gibt es auch in ungewöhnlicheren Besetzungen wie den folgenden:

  • Flöte, Viola und Harfe (über 80 Originalkompositionen; Hauptwerk: Claude Debussy Sonate, in g, 1915)
  • Klarinette, Viola und Klavier (über 80 Originalkompositionen: Hauptwerke: Wolfgang Amadeus Mozart Kegelstatt-Trio KV 498, in Es, 1786; Robert Schumann Märchenerzählungen, op. 132, 1854; Max Bruch Acht Stücke op. 83)
  • Gesang (meist Alt), Viola und Klavier (über 150 Originalkompositionen; Hauptwerk: Johannes Brahms Zwei Gesänge op. 91, für Alt, „Gestillte Sehnsucht“ und „Geistliches Wiegenlied“)
  • Flöte, Violine und Viola (über 130 Originalkompositionen; Hauptwerk: Ludwig van Beethoven Serenade, in D, op. 25, ca. 1795)
  • das Klavierquartett und -quintett mit einer bzw. zwei Violinen, Viola, Violoncello und Klavier.

Darüber hinaus gibt es Kammermusikwerke in fast jeder denkbaren Kombination von Instrumenten.

Orchester[Bearbeiten]

„Von allen Instrumenten im Orchester ist die Viola dasjenige, dessen ausgezeichnete Eigenschaften man am längsten verkannt hat“, notierte Hector Berlioz in seiner berühmten Instrumentationslehre. Noch vor der Emanzipation des Instruments im solistischen Spiel fand dieser Zustand jedoch im Lauf des 19. Jahrhunderts sein Ende. Die bedeutendsten Partien für die Bratsche in Orchesterwerken finden sich unter anderem in Anton Bruckners 4. Sinfonie (der „Romantischen“), im Adagio der 10. Sinfonie von Gustav Mahler und, für eine Solo-Bratsche, in der Sinfonischen Dichtung Don Quixote von Richard Strauss. In der frühen Barockzeit (zum Beispiel in frühen Bach-Kantaten) schrieben viele Komponisten noch zwei geteilte Bratschenstimmen, sehr bald jedoch war eine einzige, ungeteilte Stimme die Regel. Die Bratsche bildet im Orchester die klangliche Brücke von den beiden Violinstimmen zur Bassgruppe mit dem Violoncello und dem Kontrabass. Im heutigen Sinfonieorchester wirken im Normalfall zwölf Bratschisten mit, also zwei Spieler weniger als in der Gruppe der Zweiten Violinen und zwei mehr als in der Cellogruppe. Der erste Bratschist heißt Solo-Bratschist; er führt die Stimmgruppe an und spielt die Solopassagen für eine einzelne Bratsche, wenn die Partitur dies vorsieht. Die Bratschen sitzen im Orchester meist in der Mitte rechts vor dem Dirigenten zwischen den Zweiten Geigen und den Violoncelli, in manchen Orchestern, wie bei den Berliner Philharmonikern, auch ganz rechts am Podiumsrand, gegenüber den Ersten Geigen und vor den Kontrabässen.

Pädagogik[Bearbeiten]

Fast alle Bratschisten lernen als Kind zunächst Geige und wechseln dann zur „großen Schwester“. Das kann einerseits aus eigenem Interesse geschehen, wenn dem jungen Geiger beispielsweise der Klang oder die tiefere Lage besser gefällt, andererseits gibt es durchaus auch Geigenlehrer, die Schülern mit großen Händen und langen Armen den Wechsel auf das größere Instrument empfehlen. Leider war es auch lange Zeit üblich, weniger talentierte Geiger Bratsche lernen zu lassen, was die Vorurteile gegen Bratschisten verstärkte.

Aspekte der Entwicklung[Bearbeiten]

Eine Bratsche mit 43 cm Korpuslänge

Die Bratsche stand lange Zeit im Schatten der Violine und des in der Romantik geschätzten Violoncellos, so dass es bis ins 20. Jahrhundert vergleichsweise wenig Sololiteratur gab. Vor allem die aus der Größe des Instruments resultierenden Besonderheiten und der sich gegen ein begleitendes Orchester ungleich schwerer durchsetzende dunkle Klang in der Mittellage verhinderten lange Zeit eine virtuose Zurschaustellung. Das größere Violoncello ist aufgrund seiner anderen Spielhaltung und Griffweise (chromatischer Fingersatz und Gebrauch des Daumens) bei schwierigen Passagen und Stricharten leichter zu spielen.

Obwohl gerade die speziellen Anforderungen der Bratsche Instrumentalisten mit einer elaborierten Technik voraussetzen, hält sich in Dilettantenkreisen das Vorurteil, als würden „schlechte“ Geiger zur Bratsche weitergeleitet.

Bekannte Spieler[Bearbeiten]

Zu den bekannten Bratschisten zählen unter anderem Juri Baschmet, Rudolf Barschai, Wolfram Christ, Viacheslav Dinerchtein, Marius Nichiteanu, Veronika Hagen, Daniel Hofer, Paul Hindemith, Nobuko Imai, Kim Kashkashian, Ulrich Koch, Jürgen Kussmaul, Tatjana Masurenko, Nils Mönkemeyer, Lawrence Power, William Primrose, Hartmut Rohde, Vincent Royer, Lionel Tertis und Tabea Zimmermann.

Siehe auch: Liste von Bratschisten

Kurioses[Bearbeiten]

Als exzellenter Viola-Spieler und Instrumentenbauer rekonstruierte der deutsche Verhaltensforscher Erich von Holst Bratschen, die wie altitalienische Modelle klangen – um zu beweisen, dass er die Gesetzmäßigkeiten der Klangbildung richtig erfasst hatte. Darüber hinaus entwickelte er einen Vorschlag zur Lösung des sogenannten „Bratschenproblems“ (Armlänge und -drehung, siehe oben) durch eine asymmetrische Bauweise (eine schlichte geometrische Scherung), die nach seinen Berechnungen keine klanglichen Nachteile hervorbringt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Yehudi Menuhin, William Primrose: Violine und Viola. (Menuhins Musikführer), 1993, Ed. Sven Bergh. ISBN 3-7163-0175-2.
  • Hugo Pinksterboer: Pocket-Info, Violine und Viola 2003, Music Distribution Services GmbH. ISBN 3-7957-5535-2.
  • Heinrich Dessauer: Die Verbesserungs-Versuche beim Bau der Bratsche (Viola) – Berlin: Warschauer, 1912
  • Franz Zeyringer: Literatur für Viola 1985, Verlag Julius Schönwetter Jun., Hartberg (Austria)
  • Jappe, Michael/Jappe, Dorothea: Das Repertoire für die Historische Bratsche von 1649 bis nach 1800: Kommentiertes thematisches Verzeichnis. Winterthur: Amadeus 1999
  • Daniel Speer: Grundrichtiger kurtz leicht und nöthiger Unterricht Der musicalischen Kunst. Ulm 1687, Leipzig 1974.
  • Artikel „Bratsche“, „Viola“, „Violetta“ und „Violine“ in: Riemann Musik Lexikon, 13. aktualisierte Neuauflage, hg. von Hugo Ruf. Schott Mainz 2012, Bd. 1 und Bd. 5, ISBN 978-3-7957-0006-5.
  • David Dalton: Die Kunst des Violaspiels: Gespräche mit William Primrose, 1. Auflage 2012, Bibliothek der Provinz

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Riemann Musik Lexikon 2012, Bd. 5, Artikel Viola und Violine.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Viola – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Viola (music) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien