Alter Ego

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Alter Ego (Begriffsklärung) aufgeführt.

Alter Ego (lateinisch für anderes Ich) ist ein „geflügeltes Wort“ und wird als psychologisch orientierter Fachbegriff in verschiedenen Bereichen von Wissenschaft und Kultur verwendet.

Herkunft[Bearbeiten]

Die Bezeichnung geht auf den römischen Politiker und Philosophen Cicero zurück, der um 44 v. Chr. in Laelius de amicitia 21, 80 schrieb: verus amicus […] est […] tamquam alter idem (‚Ein wahrer Freund ist gleichsam ein zweites Selbst‘). Cicero griff dabei auf einen Ausspruch Zenos zurück.[1] Dessen ursprüngliche Formulierung wurde von Seneca d. J. aufgegriffen und wandelte sich dort zu der heute gebräuchlichen Form „alter ego“. Die Bezeichnung ist mittlerweile in vielen Sprachen zum geflügelten Wort geworden.

Fachbegriffe[Bearbeiten]

Psychologie[Bearbeiten]

Der Begriff kann ein intensives Verhältnis zwischen zwei Personen bezeichnen, wenn eine Person für die andere eine besonders starke Identifikationsfigur und gewissermaßen zu einem Teil der eigenen Identität geworden ist.

In der Psychologie kann er auch ein „zweites Ich“, eine „zweite Identität“ innerhalb ein und derselben Psyche bezeichnen (Schatten). Ego und Alter Ego sind demnach zwei miteinander in Widerspruch stehende Seiten einer gespaltenen Persönlichkeit.

In der Kommunikationspsychologie gibt es eine Alter-Ego-Technik, auch Doppeln genannt; eine Therapie- oder Beratungsform, bei der ein Moderator (z. B. Kommunikationspsychologe) für einen der Teilnehmer dessen mögliche „verborgene Gedanken“ ausspricht, sich dabei eventuell hinter ihn stellt.

Alter Ego (identisch mit „Doppel“) ist im Verfahren Psychodrama eine Bezeichnung für den Stellvertreter des Protagonisten. Das „Doppel“ steht, wenn es erforderlich ist, stellvertretend für den Protagonisten in der Szene und spiegelt ihn wider. Dieser kann die von ihm dargestellte Situation nun von außen betrachten und seine eigenen Reaktionen besser einschätzen oder sich sogar Alternativen zeigen lassen.

Ethnologie[Bearbeiten]

In animistischen Glaubensvorstellungen ethnischer Religionen steht Alter Ego (auch Außenseele)[2] für die weltweit verbreitete Vorstellung geistiger Doppelgänger, die als „persönlicher Schutzgeist“ in Gestalt eines Tieres (seltener einer Pflanze, einer Naturerscheinung oder auch körperlos) räumlich getrennt von einer Person existieren und dennoch ein Leben lang untrennbar und auf Gedeih und Verderb mit dem Menschen verbunden sind. Wird solch ein Geisttier gefangen, ist auch der zugehörige Mensch in Gefahr.

Je nach Religion besitzen alle Menschen oder nur Ausgewählte ein Alter Ego. Das kann zum Beispiel ein Schamane sein, der von seinem „Doppel“ bei Jenseitsreisen beschützt wird.[3] Im Alten Ägypten spiegelten die tiergestaltigen Außenseelen Ka und Ba die politische und soziale Hierarchie des Staates wieder.[2]

Erstmals genauer untersucht wurde die Idee des Alter Ego in Gestalt eines Tieres oder einer Pflanze bei den Maya und Azteken Mittelamerikas, den sogenannten „Nagual[4]. Ähnlich konzipiert sind die „Nonish“ der Waika Venezuelas[5] und anderer Stämme der südamerikanischen Regenwaldbewohner. Bei den nordamerikanischen Indianern sind zwar häufig tiergestaltige Schutzgeister vorhanden, jedoch nicht als Teil der eigenen Seele.[2]

Bei den Semang-Negritos der malaiischen Halbinsel erscheinen die Außenseelen als Baum oder Vogel, bei vielen australischen Aborigines wie den Kurnai als Beuteltier, Vogel, Reptil oder Fisch. Pflanzengeister sind außer bei den Negrito-Völkern Südostasiens auch in Westafrika bei den Kpelle und in Polynesien vorhanden.[2]

Der Bezug zum Totemismus ist bei vielen Autoren strittig. In der Regel werden Alter Ego-Vorstellungen nur dann zu den totemistischen Konzepten gerechnet, wenn gleichzeitig eine direkte Abstammung von einem gemeinsamen Ahnen angenommen wird und entsprechende Tabus für sexuelle Kontakte mit Menschen desselben Totems bestehen. Bei den Kpelle beispielsweise straft das Alter Ego seinen Besitzer, sobald dieser eines der Totemverbote übertritt.[2]

In der Religionsethnologie wird das Alter Ego-Konzept auch für die Idee der Freiseele verwendet, die den Körper des Menschen während des Schlafes oder in Ekstase verlässt und als eigenständiger, körperloser Doppelgänger existieren kann.[3]

Kultur[Bearbeiten]

Alter Ego bezeichnet hier eine Person, die zwei verschiedene Leben lebt. Die bekanntesten Beispiele aus Literatur und Populärkultur hierfür sind Mr. Hyde, Batman, Hulk, Spider-Man oder Superman.

Der Begriff „Alter Ego“ wird im übertragenen Sinne auch von Künstlern, Komikern und Kabarettisten genutzt, insbesondere wenn diese über längere Zeiträume immer wieder dieselbe fiktive Rolle verkörpern. Derartige Rollen haben zum Teil einen eigenen (fiktiven) Lebenslauf, ein anderes Aussehen und einen anderen Charakter. Beispiele dafür sind der Komiker Hape Kerkeling, der unter anderem Horst Schlämmer als Alter Ego verkörpert, und Dr. Kurt Ostbahn, der von Willi Resetarits personifiziert wurde. Auch die Musiker der Gruppe Kiss bedienten sich bis 1983 für ihre gesamte Öffentlichkeitsarbeit Alter Egos, als sie immer nur in Kostümen und Make Up auftraten und ihre wahren Identitäten vor der Öffentlichkeit zu verbergen versuchten.

Der Begriff Alter Ego ist teilweise verwandt mit dem Begriff des Avatars. Ein Avatar ist eine künstlich bzw. künstlerisch geschaffene Person, oder ein grafischer Stellvertreter einer echten Person in der virtuellen Welt, beispielsweise in einem Computerspiel oder einem Chat im Cyberspace.

In einigen Staaten wurden mit großer Macht ausgestattete Bevollmächtigte so bezeichnet. Dies war beispielsweise bei Beamten üblich, die Entscheidungsrecht über Leben und Tod hatten.[6]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Alter Ego – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ludwig Julius Billerbeck: M. Tullii Ciceronis Laelius sive de amicitia dialogus ad T. Pomponium Atticum. Hannover 1829. S. 90.
  2. a b c d e Horst Südkamp: Totemismus: Institution oder Illusion?. In: Yumpu.com, Online pdf-Dokument, abgerufen am 23. Januar 2015. S. 11–12, 22, 38, 86, 151, 162, 168
  3. a b Walter Hirschberg (Begründer), Wolfgang Müller (Redaktion): Wörterbuch der Völkerkunde. Neuausgabe, 2. Auflage, Reimer, Berlin 2005. S. 20.
  4. Tuxtla Gutiérrez: ICACH. Instituto de Ciencias y Artes de Chiapas, 1970. S. 53.
  5. Hannes Stubbe: Indigene Psychologien am Beispiel Brasiliens. In: Psychologie und Gesellschaftskritik 34. 2010, 2. S. 83-111.
  6. Pierer’s Universal-Lexikon, Band 1. Altenburg 1857, S. 364.