Antiimperialistische Zellen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Antiimperialistische Zellen (AIZ) war eine in den 1990er Jahren aktive militante Kleinstgruppe, die sich zunächst als links verstand, dann jedoch am Islam orientierte. Sie war durch ihre ideologische Umorientierung auch in der linken Szene umstritten und isoliert.[1]

Die AIZ sah sich selbst als Nachfolgerin der Rote Armee Fraktion, die kurz vor dem ersten schriftlichen Auftreten der AIZ einen Verzicht auf bewaffnete Anschläge verkündet hatte. In einer Erklärung formulierten sie ihre Ziele 1994 so: „Unsere Politik wird dahingehend orientiert sein, dort militant/bewaffnet anzugreifen, wo die BRD-Eliten ihre Arbeitsplätze bzw. ihre Wohnsitze haben.“[2]

In den Jahren 1992–1996 verübte die AIZ eine Reihe von Brand- und Sprengstoffanschlägen. Am 25. Februar 1996 wurden die beiden wahrscheinlich einzigen Mitglieder Bernhard Falk und Michael Steinau festgenommen und später zu hohen Haftstrafen verurteilt.

Während der Ermittlungen war die Polizei von einer weit größeren Zahl von Tatbeteiligten ausgegangen.[3] Auf das Konto der Antiimperialistischen Zelle gingen unter anderem Sprengstoffanschläge auf die Wohnhäuser der CDU-Bundestagsabgeordneten Joseph-Theodor Blank (23. April 1995) und Paul Breuer (17. September 1995).

Aktionen[Bearbeiten]

Die „Antiimperialistische Zelle“ meldete sich erstmals mit einem Positionspapier vom 22. Mai 1992 zu Wort.[1]

Von 1992 bis 1995 verübte die AIZ neun Anschläge in Deutschland:[3][1]

  • 21. November 1992 – Brandanschlag auf die juristische Fakultät der Universität Hamburg
  • 18. August 1993 – Brandanschlag auf die Wohnung eines GSG9-Mitgliedes in Solingen
  • 17. November 1993 – Schußwaffenanschlag auf den Sitz des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall in Köln
  • 5. Juli 1994 – Sprengstoffanschlag auf die Geschäftsstelle der CDU in Düsseldorf
  • 24./26. September 1994 – Versuchter Sprengstoffanschlag auf das Gebäude der Landesgeschäftsstelle der FDP in Bremen
  • 22. Januar 1995 – Sprengstoffanschlag gegen das Wohnhaus des ehemaligen parlamentarischen Staatssekretärs Volkmar Köhler in Wolfsburg
  • 23. April 1995 – Sprengstoffanschlag auf das Wohnhaus eines CDU-MdB in Erkrath bei Düsseldorf
  • 17. September 1995 – Sprengstoffanschlag auf das Wohnhaus eines CDU-MdB in Siegen-Geisweid
  • 23. Dezember 1995 – Bombenanschlag auf den Sitz des Honorarkonsuls Perus in Düsseldorf

Vom 19. April 1996 bis zum 7. Mai 1996 erklärte die AIZ einen Hungerstreik gegen die U-Haftbedingungen, dieser blieb in der linken Szene ohne Widerhall.[3]

Gerichtsverfahren und Gefängnisaufenthalt[Bearbeiten]

Am 25. Februar 1996 wurden Falk und Steinau festgenommen und beim OLG Düsseldorf unter Vorsitz von Richter Ottmar Breidling vor Gericht gestellt.[4] Die beiden Angeklagten wurden im Jahr 1999 wegen Mordversuchs und Sprengstoffverbrechen zu 13 bzw. 9 Jahren Gefängnis verurteilt. Eine Verurteilung wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung erfolgte nicht, da dies erst ab mindestens drei Personen möglich gewesen wäre. Im Januar 2001 wurde die Verurteilung vom Bundesgerichtshof bestätigt.[5][6]

Falk (oder auch: Bernhard Uzun) wandte sich wegen der GPS-Überwachung bei den Ermittlungen an höhere Gerichte. In Grundsatzurteilen bestätigten 2005 das Bundesverfassungsgericht[7][8] und 2010 der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Rechtmäßigkeit der GPS-Überwachung.[9][10][11]

Jungle World berichtete 1997, dass Michael Steinau in der Justizvollzugsanstalt Lübeck im ebenfalls dort einsitzenden Neonazi Kay Diesner einen neuen "Freund" gefunden habe.[12][13] Bernhard Falk wurde im Juli 2008 vorzeitig entlassen, er ist inzwischen Anhänger des Salafismus und nennt sich „Muntasir bi-llah“.[14][15]

Weblinks[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  1. a b c Die Antiimperialistische Zelle NRW Innenministerium über die AIZ
  2. radikal (Zeitschrift) Nr. 151, Dezember 1994, S. 28f
  3. a b c AIZ: Bombige Kumpane von Jürgen Marks, Focus, 17. November 1997
  4. Khomeinis Kinder vor dem Kadi Bericht über AIZ von Uli Dillmann, Jungle World 47/1999
  5. Urteil vom 24. Januar 2001 (BGH 3 StR 324/00), Bundesgerichtshof
  6. Observationen durch das Navigationssystem “Global Positioning System“ zulässig (PDF; 70 kB) Bundesgerichtshof Pressestelle zum BGH Urteil vom 24. Januar 2001 - 3 StR 324/00
  7. Urteil vom 12. April 2005 (2 BvR 581/01), Bundesverfassungsgericht
  8. Bundesverfassungsgericht: GPS-Überwachung Krimineller ist rechtens Stern, 12. April 2005
  9. Rechtssache U. gegen DEUTSCHLAND (Individualbeschwerde Nr. 35623/05) Urteil vom 2. September 2010, Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte
  10. Urteil aus Straßburg: Straftäter-Überwachung aus dem All Süddeutsche Zeitung, 2. September 2010
  11. Antiimperialistische Zellen: Überwachung mittels GPS ist erlaubt taz, 2. September 2010
  12. Was hat Kay Diesner von der Linken gelernt? Über Militanz und Habitus, Nationalrevolutionäre und Naturmystik Jungle World Nr. 36, 28. August 1997
  13. Eine Zwei-Mann-Zelle Jungle World Nr. 47, 13. November 1997: In Düsseldorf beginnt der Prozeß gegen die beiden mutmaßlichen AIZ-Mitglieder von Uli Dillmann
  14. Islamist aus Dortmund droht mit Glaubenskrieg WAZ, 9. Juni 2012
  15. Der Salafist, der das Kanzleramt fotografierte, Die Welt, 27. September 2013