Aufschieben

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Dieser Artikel erläutert den Begriff der Psychologie, zu dem der Geologie siehe Aufschiebung und Überschiebung.

Aufschieben, auch Prokrastination (lateinisch procrastinatio ‚Vertagung‘, Zusammensetzung aus pro ‚für‘ und cras ‚morgen‘), Erledigungsblockade, Aufschiebeverhalten, Erregungsaufschiebung, Handlungsaufschub oder Bummelei, ist das Verhalten, als notwendig aber unangenehm empfundene Arbeiten immer wieder zu verschieben, anstatt sie zu erledigen. Aufschieben gilt als schlechte Arbeitsgewohnheit. Drei Kriterien müssen erfüllt sein, damit ein Verhalten als Prokrastination eingestuft werden kann: Kontraproduktivität, mangelnde Notwendigkeit und Verzögerung.[1]

Ausprägungen[Bearbeiten]

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Manche Menschen neigen persönlichkeitsbedingt dazu, Handlungen später aufzunehmen. Sie schaffen es nur mit großer Überwindung, Tätigkeiten in Angriff zu nehmen, die als langweilig empfunden werden und deren (emotionaler oder materieller) Gewinn erst sekundär oder langfristig entsteht. Dabei sind sich die Betroffenen der ihnen durch das Verschieben entstehenden persönlichen Nachteile durchaus bewusst, was Unlust oder sogar Angst auslöst, die aber als Negativgefühle ihrerseits das In-Aktion-Treten erschweren oder gar unmöglich machen. Ein Circulus vitiosus kann entstehen, indem man immer wieder den Vorsatz fasst, die unangenehmen Aufgaben zu einem bestimmten Zeitpunkt zu erledigen – diesen jedoch durch Ignorieren des Druckgefühls, der Angst und schließlich der Scham wieder und wieder verstreichen lässt.

Allein durch den immer neuen Vorsatz, das Verhalten – durch mehr Selbstdisziplin – zu bessern, lässt sich das Problem des Aufschiebens oft nicht lösen. Wirkungsvoller ist das Zerlegen von Aufgaben in kleine Einzelschritte, um Prokrastination zu verhindern. In seltenen Fällen kann Prokrastination im Zusammenhang mit psychischen Störungen auftreten (z. B. Depression) und eine psychologische Beratung oder Behandlung zur Anhebung des Selbstregulationsniveaus angezeigt sein. Bei einer Umfrage in den USA (1999) gaben 40 % der Befragten an, dass ihnen wegen ihres Aufschiebens bereits Nachteile entstanden sind, 25 % litten sogar unter chronischem Handlungsaufschub. Eliyahu M. Goldratt prägte in seinem Buch Die kritische Kette für das Phänomen des Aufschiebeverhaltens und der schlechten Arbeitsplanung den Begriff Studentensyndrom. Er übertrug damit seine Theory of Constraints auch auf das Projektmanagement.

Ursachen[Bearbeiten]

Die unangenehmen Gefühle, die den Betroffenen von einer Aufgabe abhalten, entstehen u. a. durch unklare Prioritätensetzung, schlechte Organisation, Impulsivität, mangelnde Sorgfalt, Abneigung gegen Aufgaben durch Langeweile, Ängste und Perfektionismus. Kognitiv gesehen findet häufig eine dysfunktionale Verzerrung beim Betroffenen statt: schlechte Einschätzung von Zeiten, Überschätzen der Wirkung zukünftiger motivationaler Zustände, Unterschätzen des Zusammenhanges zwischen einer Aufgabe und den Gefühlen, die zu dieser in Verbindung stehen. Zusätzlich kann die Haltung zugrunde liegen, dass Arbeit nur dann etwas bringe, wenn man in der „richtigen Stimmung“ sei.

Weitere Erklärungen werden in mangelnder Aufmerksamkeit und erhöhter Impulsivität gesehen. Diese können dazu führen, dass der Betroffene auf der Suche nach Reizen bzw. Erregung ist, sich nicht durch Hinweisreize beeinflussen lässt oder unfähig ist, Belohnungen aufzuschieben.

Ebenso können Versagensängste und Neurotizismus eine Rolle spielen, die sich u. a. in Discomfort anxiety – Angst davor, dass das eigene Wohlbehagen gefährdet ist –, Mangel an Selbstwirksamkeitserwartung und Selbstachtung sowie Vermeiden von Feedback und Selbsterkenntnis äußern.

Für Prokrastination existiert auch ein psychodynamisches Erklärungsmodell. Dieses sieht das Aufschieben als Symptom von Persönlichkeitsstörungen und neurotischen Konflikten in den Bereichen Angst (vor Versagen, Erfolg, Alleinsein, Nähe, Ablehnung), Ärger/Wut, Perfektionismus, Abhängigkeit/Ohnmacht, Scham und Selbstwert. Weitere Erklärungsmöglichkeiten liefern die PSI-Theorie (Kuhl) oder das Vorhandensein von ADS/ADHS oder Asperger.

Von einer Gruppe kanadischer Psychologen wird Prokrastination als maladaptive (d. h. letztlich nicht zum Ziel führende, weil die Unlust nicht nachhaltig beseitigende) emotionale Coping-Strategie durch Versuch der Vermeidung negativer Emotionen interpretiert. Menschen, die zur Prokrastination neigen, haben weniger Mitleid mit sich selbst, empfinden mehr Scham und Schuldgefühle und geraten dadurch in einen Circulus vitiosus. Das hängt auch mit mangelnder Selbstregulationsfähigkeit der Betroffenen zusammen, die oft auf kindlichem Niveau stehen geblieben ist. Mitleid mit sich selbst, die Fähigkeit, sich selbst für die Versäumnisse zu vergeben, ist ein wichtiger Schritt, um eine fast schon gewohnheitsmäßige Prokrastination überwinden zu können.[2]

Behandlungsansätze[Bearbeiten]

Prokrastination gilt nicht als psychische Erkrankung nach DSM-5 oder ICD 10. Dementsprechend gibt es bisher kaum systematische Behandlungsansätze, die auf die Behandlung einer isolierten Aufschiebe-Symptomatik abzielen. Ein aktueller, manualisierter Ansatz besteht aus verschiedenen Modulen (Pünktliches Beginnen, Realistisches Planen, Zeitrestriktion und Bedingungsmanagement), die sich einzeln oder in Kombination an eine Selbstbeobachtung mithilfe eines Arbeitstagebuchs anschließen können.[3][4]

Bummelei in der Rechtssprache[Bearbeiten]

Das deutsche Synonym „Bummelei“ wird in der Rechtssprache verwendet, um übertrieben langsames Arbeiten eines Arbeitsplatznehmers zu bezeichnen. Bummelei im rechtssprachlichen Sinn kann ein Grund für eine sogenannte Abmahnung durch den Arbeitgeber sein.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Neil Fiore (englisch): The Now-Habit – A strategic program for overcoming procrastination and enjoying guilt-free play. Tarcher 1993, ISBN 0-87477-504-3.
  • Neil Fiore (deutsch): Wenn nicht jetzt, wann dann? – So überlisten Sie Ihre Aufschieberitis. mvg Verlag, Heidelberg 1996, ISBN 3-478-08542-X.
  • Georg Popp: Die Macht der kleinen Schritte. Quell Oasen, Gütersloh 2001, ISBN 3-579-03332-8.
  • Eliyahu M. Goldratt: Die Kritische Kette. Das neue Konzept im Projektmanagement. Campus Sachbuch, 2002, ISBN 3-593-37091-3.
  • Marco von Münchhausen: So zähmen Sie Ihren inneren Schweinehund! Piper, München 2006, ISBN 3-492-23961-7.
  • Marc Stollreiter: Aufschieberitis dauerhaft kurieren. mvg Verlag, Heidelberg 2003, ISBN 3-636-07152-1.
  • Joseph Vogl: Über das Zaudern. Diaphanes Verlag, Zürich 2007. ISBN 3-03734-020-7.
  • Kathrin Passig, Sascha Lobo: Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin. Rowohlt, Berlin 2008, ISBN 3-87134-619-5.
  • Anja Kauß, Der diskrete Charme der Prokrastination. Aufschub als literarisches Motiv und narrative Strategie (insbesondere im Werk von Jean-Philippe Toussaint). Martin Meidenbauer Verlag, München 2008, ISBN 978-3-89975-672-2.
  • Talane Miedaner: Coach dich selbst, sonst coacht dich keiner! mvg Verlag, Heidelberg 2009, ISBN 3-478-73060-0.
  • Malte Leyhausen: Jetzt tu ich erstmal nichts – und dann warte ich ab. Wie es sich mit Aufschieberitis gut leben lässt. Verlag Kreuz, Freiburg i. Br. 2010, ISBN 978-3-7831-3439-1.
  • Hans-Werner Rückert: Schluss mit dem ewigen Aufschieben. Campus Verlag, Frankfurt/Main, New York 2011, ISBN 3-593-38144-3.
  • Sigrid Engelbrecht: Ich müsste, wollte, sollte… – Erste Hilfe für chronische Aufschieber. Orell Füssli Verlag, Zürich 2011, ISBN 978-3-280-05397-3.
  • Anna Höcker, Margarita Engberding, Fred Rist: Prokrastination: Ein Manual zur Behandlung des pathologischen Aufschiebens. Hogrefe, Göttingen u.a. 2013, ISBN 978-3801721794.
  • Ulla Meinecke: Willkommen in Teufels Küche. Blanvalet, 2007, ISBN 978-3-4423-6979-9.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. G. Schraw, T. Wadkins, L. Olafson: Doing the things we do: A grounded theory of academic procrastination [Electronic version]. In: Journal of Educational Psychology, Vol. 99, 2007, 1, S. 12–25.doi: 10.1037/0022-0663.99.1.12
  2. Michael J.A. Wohl, Timothy A. Pychyl, Shannon H. Bennett: I forgive myself, now I can study: How self-forgiveness for procrastinating can reduce future procrastination. In: Personality and Individual Differences, 48. Jg. (2010), S. 803-808, online: [1]
  3. A. Höcker, M. Engberding, J. Beißner, F. Rist: Evaluation einer kognitiv-verhaltenstherapeutischen Intervention zur Reduktion von Prokrastination. In: Verhaltenstherapie, Vol. 18, 2008, S. 223–229. doi:10.1159/000167857 Link
  4. A. Höcker, M. Engberding, F. Rist: Prokrastination: Ein Manual zur Behandlung des pathologischen Aufschiebens. Hogrefe, Göttingen u.a. 2013.
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