Cybersyn

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Wechseln zu: Navigation, Suche

Das Cybersyn Projekt war während der Regierung Salvador Allendes (19701973) ein chilenischer Versuch, die Planwirtschaft in Echtzeit durch Computer zu kontrollieren. Im wesentlichen war es ein Fernschreiber-Netzwerk, welches Fabriken mit einem zentralen Computer in Santiago verband. Dieser kontrollierte sie nach den Prinzipien des Konnektionismus. Der Hauptarchitekt des Systems war der britische Unternehmensforscher Stafford Beer.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Geschichte

Im Juli 1971 wurde vom damaligen chilenischen Finanzminister Fernando Flores die Idee zu Cybersyn entwickelt. Er bat Stafford Beer um Hilfe die chilenische Wirtschaft nach diesem neuen Konzept zu organisieren und zu steuern. Beer willigte ein – er konnte so seinen Ansatz unter realen Bedingungen testen und weiterentwickeln.

Cybersyn brauchte ein Jahr um gebaut zu werden – wenngleich es nie komplett fertiggestellt wurde.

Den größten Nutzen brachte das System im Oktober 1972 als ca. 50.000 streikende LKW-Fahrer die Straßen Santiagos blockierten. Durch die Fernschreiber war es der Regierung möglich den Lebensmittel-Transport in die Stadt mit ca. 200 regierungstreuen LKWs zu koordinieren. Bemerkenswert ist, daß hierbei das eigentliche Cybersyn-Kernprogramm gar nicht benutzt wurde, sondern über das Fernschreibernetzwerk die Logistiker sich untereinander Kapazitäten und Touren mitteilten. Später sahen Flores und Espejo in diesem Kommunikationsmuster eines der ersten Ansätze des heutigen Internet – was so aber nicht beabsichtigt war.

Kurz nach dem Militärputsch am 11. September 1973 wurde das Kontrollzentrum zerstört.

[Bearbeiten] Das System

Es gab 400 unbenutzte von der Vorgängerregierung gekaufte Fernschreiber, welche auf die Fabriken des Landes aufgeteilt wurden. Im Kontrollzentrum in Santiago wurden die Daten (sieben verschiedene Kennzahlen wie Materialverbrauch, Produktion und Anzahl der nicht zur Arbeit Erschienenen), welche täglich von den Fabriken kamen, in einen IBM 360/50 Mainframe eingegeben, welcher kurzfristige Prognosen errechnete und notwendige Abstimmungen vornahm.

Es gab vier Steuerungsebenen (Firma, Zweig, Sektor, Total), basierend auf der Algedonischen Schleife. Wenn eine niedrigere Steuerungsebene das Problem nicht in einer gewissen Zeit lösen konnte, wurde die nächst höhere Ebene benachrichtigt. Die Ergebnisse wurden im Transaktionsraum besprochen und ein Plan auf oberster Ebene erstellt. In der Software sollten so verstärkende und abschwächende Kommunikationselemente einen dritten Weg, eine gerechtere Antwort auf die existierenden Planwirtschaften von Cuba und der Sowjetunion abbilden (Fernando Flores).

Die Software für Cybersyn wurde Cyberstrider genannt und benutzte Bayesische Filterung und Bayesischen Kontrollfluss. Sie wurde von einem Team aus zwölf britischen Programmierern geschrieben. Auch nach dem Ende des Projektes ist diese Software weiterentwickelt worden und im Jahr 1985 unter dem Namen Coordinator kommerziell auf den Markt gekommen. Später ist das Programm dann an Novell verkauft worden.

Der futuristische Transaktionsraum wurde von einem Team unter der Leitung des Interface Designer Gui Bonsiepe entwickelt. Er war ausgestattet mit 7 Drehsesseln (von denen man annahm sie seien kreativitätsfördernd) mit Knöpfen, welche mehrere große Bildschirme kontrollierten, auf denen die Daten angezeigt werden konnten und andere Elemente mit Zustandsgrößen.

Das Projekt ist in Beers Buch Platform for Change (in welchem auch andere soziale Innovationen wie das Einsetzen von Interessenvertretern diverser Gruppen im Kontrollzentrum beschrieben werden) detaillierter dargestellt.

Die Gesamtkosten des Projektes wurden von Raul Espejo mit ca. 150.000 $ (Stand 1973) beziffert.

[Bearbeiten] Siehe auch

[Bearbeiten] Weblinks

Persönliche Werkzeuge