Cybersyn

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Das Projekt Cybersyn war während der Regierung Salvador Allendes (19701973) ein chilenischer Versuch, die Zentralverwaltungswirtschaft in Echtzeit durch Computer zu kontrollieren. Im Wesentlichen war es ein Fernschreiber-Netzwerk, das Fabriken mit einem zentralen Computer in Santiago verband. Dieser kontrollierte sie nach den Prinzipien des Konnektionismus. Der Hauptarchitekt des Systems war der britische Unternehmensforscher Stafford Beer.

Geschichte[Bearbeiten]

Im Juli 1971 wurde vom damaligen chilenischen Finanzminister Fernando Flores die Idee zu Cybersyn entwickelt. Er bat Stafford Beer um Hilfe, die chilenische Wirtschaft nach diesem neuen Konzept zu organisieren und zu steuern. Beer willigte ein – er konnte so seinen Ansatz unter realen Bedingungen testen und weiterentwickeln.

Ein Jahr lang wurde an Cybersyn gebaut, es wurde aber nie ganz fertiggestellt.

Den größten Nutzen brachte das System im Oktober 1972, als ca. 50.000 Fuhrunternehmer die Straßen Santiagos blockierten. Durch die Fernschreiber war es der Regierung möglich, den Lebensmittel-Transport in die Stadt mit ca. 200 regierungstreuen LKWs zu koordinieren. Bemerkenswert ist, dass hierbei das eigentliche Cybersyn-Kernprogramm gar nicht benutzt wurde, sondern über das Fernschreibernetzwerk sich die Logistiker untereinander Kapazitäten und Touren mitteilten. Später sahen Flores und Espejo in diesem Kommunikationsmuster einen der ersten Ansätze des heutigen Internet – was so aber nicht beabsichtigt war. Trotzdem wird es heute als sozialistisches Internet bezeichnet.[1] Das Cybersyn-System stellte über der fernschreiberbasierten Netztopologie auch eine erste Groupware in der Anwendungsschicht dar.[2]

Kurz nach dem Militärputsch am 11. September 1973 wurde das Kontrollzentrum zerstört.

Das System[Bearbeiten]

Es gab 400 unbenutzte von der Vorgängerregierung gekaufte Fernschreiber, die auf die Fabriken des Landes aufgeteilt wurden. Im Kontrollzentrum in Santiago wurden die Daten (sieben verschiedene Kennzahlen wie Materialverbrauch, Produktion und Anzahl der nicht zur Arbeit Erschienenen), die täglich von den Fabriken kamen, in einen IBM 360/50 Mainframe eingegeben, der kurzfristige Prognosen errechnete und notwendige Abstimmungen vornahm.

Es gab vier Steuerungsebenen (Firma, Zweig, Sektor, Total), basierend auf der Algedonischen Schleife. Wenn eine niedrigere Steuerungsebene das Problem nicht in einer gewissen Zeit lösen konnte, wurde die nächsthöhere Ebene benachrichtigt. Die Ergebnisse wurden im Transaktionsraum besprochen und ein Plan auf oberster Ebene erstellt. In der Software sollten so verstärkende und abschwächende Kommunikationselemente einen dritten Weg, eine gerechtere Antwort auf die existierenden Planwirtschaften von Kuba und der Sowjetunion abbilden.

Die Software für Cybersyn wurde Cyberstrider genannt und benutzte Bayesische Filterung und Bayesischen Kontrollfluss. Sie wurde von einem Team aus zwölf britischen Programmierern geschrieben. Auch nach dem Ende des Projektes ist diese Software weiterentwickelt worden und im Jahr 1985 unter dem Namen Coordinator kommerziell auf den Markt gekommen. Später ist das Programm dann an Novell verkauft worden.

Der futuristische Transaktionsraum wurde von einem Team unter der Leitung des Interface Designers Gui Bonsiepe entworfen. Er war mit sieben Drehsesseln ausgestattet (von denen man annahm, sie seien kreativitätsfördernd) mit Knöpfen, die mehrere große Bildschirme kontrollieren sollten, auf denen die Daten und andere Elemente mit Zustandsgrößen angezeigt wurden. Von dem Raum wurde allerdings lediglich ein Mock-up erstellt.

Das Projekt ist in Beers Buch Platform for Change (in dem auch andere soziale Innovationen wie das Einsetzen von Interessenvertretern diverser Gruppen im Kontrollzentrum beschrieben werden) sowie in Eden Medinas Cybernetic Revolutionaries (MIT Press, 2011) detaillierter dargestellt.

Die Gesamtkosten des Projektes wurden von Raul Espejo mit ca. 150.000 $ (Stand 1973) beziffert.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]